Eine Figur mit Hut und einem Fernglas steht am 13.07.2013 in Berlin zwischen Sträuchern und Bäumen in einem Garten einer Kleingartenanlage und schaut versteckt aus den Büschen heraus.
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Ursprung und Gehalt von Mythen über Geheimdienste

25.4.2014

Muster und Stereotype



Ein Großteil dieser Bücher, Filme und Serien besitzt eine bestechende Gemeinsamkeit: die gebrochen-heroische männliche Hauptrolle. Neben dem häufig betonten Antagonismus von Gut und Böse stellt dieses Muster eine Konstante der Spy Fiction dar. Männlichkeit wird häufig in einer archaisch anmutenden Weise interpretiert beziehungsweise in hierarchischen Geschlechterrollen präsentiert. Selbst wenn der Protagonist kein so ausgesuchter Gentleman wie James Bond, sondern grober oder weniger selbstsicher gestrickt ist, weist er doch meist folgende Züge auf: hohe Intelligenz und Risikobereitschaft, körperliche Fitness und technisches Verständnis, gepaart mit sozial-emotionalen Defiziten, Bindungsangst und einem Mangel an Empathie (letztere Eigenschaften werden meist mit dem Schutz der unbeteiligten Zivilisten erklärt). Loyalitäten bestehen, wenn überhaupt und wenn nicht gerade der einsame Rächer oder Ritter unterwegs ist, nur gegenüber dem Arbeitgeber ("für Vaterland und Krone") oder einigen wenigen Mitmenschen. Eben diese exzeptionelle, aus dem gewöhnlichen Leben gehobene Rolle unterstreicht und formt die Wahrnehmung von Agenten.

Zudem sind die fiktiven Spione meist mit umfassenden Ressourcen und Befugnissen ausgestattet – auch hier wird die Diskrepanz zu einer realen staatlichen Behörde offensichtlich. Tauchen in seltenen Fällen Protagonistinnen auf, verkörpern sie zumeist eine Verbindung aus Mut, Intelligenz, extremem Sexappeal und (körperlichem) Durchsetzungsvermögen, treten aber selten durch charakterliche Tiefe in Erscheinung. Mata Hari, deren Erfolg als Agentin jahrzehntelang gnadenlos überschätzt wurde und deren Leben und Wirken unter anderem mit Greta Garbo verfilmt wurde, kann als klassischer Fall eines Mythos bezeichnet werden.[14]

Als weiteres Muster zieht sich der Antagonismus von Gut und Böse durch einen Großteil der Geschichten. Wenngleich sich die Stereotype von der Blockkonfrontation hin zum Kampf gegen Terrorismus und verbrecherische Organisationen beziehungsweise Individuen gewandelt haben, stehen die Nachrichtendienste immer noch meistens auf der "guten", heldenhaften Seite.

Doch mit der zunehmenden Kritik an aufgedeckten Praktiken vieler Dienste – etwa Projekte wie Prism und Tempora der NSA (National Security Agency) und GCHQ (Government Communications Headquarters) – sind nur die jüngsten Beispiele, ändert sich auch die Stoßrichtung der fiktionalen Rezeption: Der Bürger auf der Suche nach "befreiender Wahrheit" oder Aufklärung sieht sich (wie im Film "Der Staatsfeind Nr. 1") beinahe allmächtigen, außer Kontrolle geratenen Apparaten gegenüber, die rechtsstaatliche Prinzipien über Bord geworfen zu haben scheinen und reinen Selbstzwecken dienen. Nicht mehr die große Weltpolitik, sondern die einzelne Privatperson steht nun im Fokus.

Zwar ist nicht jede alarmierend klingende Schlagzeile auch wirklich inhaltlich skandalös – etwa, dass ein Geheimdienst die meisten Informationen aus frei zugänglichen Quellen sammelt. Dennoch wachsen Misstrauen und Wut über die eigene Machtlosigkeit. Im Idealfall erleben Datenschutz und Privatsphäre als Bürgerrechte eine neue Wertschätzung; zumindest werden sie wieder diskutiert – und sei es nur, weil der Mythos von George Orwells Dystopie "1984" immer mehr an Aktualität und Realität zu gewinnen scheint.


Fußnoten

14.
Vgl. Gerhard Hirschfeld, Mata Hari, in: W. Krieger (Anm. 11), S. 151-169.
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Autor: Eva Jobs für bpb.de
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