Ein Luxus-Neubau steht in der Pappelallee Ecke Buchholzer Strasse im Stadtteil Berlin-Prenzlauer Berg neben einem Altbau.
1 | 2 Pfeil rechts

Mehr als Wohnen. Vom Zusammenleben in integrierten Nachbarschaften


5.5.2014
Neue Dörfer braucht das Land! Dörfer in der Stadt und Dörfer auf dem Land (…). Die Planung und Gestaltung nachhaltiger Raumsysteme, die durch ein neues Verständnis des gemeinschaftlichen Besitzes (und dessen Nutzung) ressourcenfressende Individualisierungstendenzen unserer Gesellschaft überwinden, aber zugleich größtmöglichen Freiraum für eine individuelle Persönlichkeitsentfaltung zur Verfügung stellen."[1] Dieses Zitat der Hamburger Initiative "Wir sind Dorf" beschreibt eine aktuelle Diskussion in unserer Gesellschaft, die sowohl in der Forschung und forschungsgeleiteten Initiativen, in Politik und Planung als auch in der Bürger-schaft stattfindet. Sie wird nicht nur auf wissenschaftlichen Veranstaltungen geführt,[2] sondern auch in konkreten Projekten für integrative Lebenswelten, die Fragestellungen von Ernährung und Energieversorgung, von Arbeit und Ökonomie, aber auch eines neuen räumlichen und sozialen Miteinanders einbeziehen.

Anders als bei den weit verbreiteten Baugruppen geht es nicht ausschließlich um die Schaffung von Wohnraum. Die Nachbarschaftsidee verbindet das Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Wohnen und Wirtschaften mit einer neuen Werteorientierung, die auf persönlicher Verantwortungsübernahme beruht.

Mechanismen der Raumproduktion



Unsere heutigen Siedlungsräume sind das Resultat komplexer Verstrickungen von kulturellen und sozioökonomischen Umwälzungen, aber auch die Folge eines sich verändernden Mobilitäts- und Migrationsverhaltens. Die Gestalt von Dörfern folgte ursprünglich landwirtschaftlichen und landschaftlichen Gegebenheiten ebenso wie kulturellen Organisationsmustern und ökonomischen Rahmenbedingungen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts riefen die Industrialisierung und das rasante Wachstum der Städte und Gemeinden eine Reihe von sozialreformerischen Industriellen dazu auf, Visionen für eigenständige, kleinindustrielle Gebietskörperschaften zu entwerfen, in denen sich die Arbeiter losgelöst von Lärm und Schmutz der Produktionsstätten in gesunden Lebensräumen selbst versorgen und organisieren können. Ebenezer Howards Gartenstadt[3] wurde in diesem Kontext zum Wegbereiter der modernen, funktionsgetrennten Stadtplanung des 20. Jahrhunderts. Seine Überlegungen zur genossenschaftlichen Verwaltung von Grund und Boden, aber auch zu kollektiven Gütern und Räumen sowie einer autarken landwirtschaftlichen Versorgung wurden unter anderem im Rahmen der jüdischen Besiedlung Israels durch die Herausbildung von Kibbuzim und Moschawim[4] weiterentwickelt. Frank Lloyd Wright hingegen formulierte mit seiner Broadacre City[5] von 1932 die Utopie einer dezentralisierten hochmobilen Stadt, die sich aus Selbstversorgereinheiten von einem Acre[6] pro Haushalt zusammensetzt und durch das Verweben von Siedlungs-, Agrar- und Naturraum eine neuartige Kulturlandschaft entwirft.

Spätestens seit den 1960er Jahren wurden ebensolche Visionen, aber auch die gängige Praxis der modernen Top-down-Stadtplanung kritisch hinterfragt. Neue Schlagworte wie Partizipation, prozessuale Planung und Selbstbau, Flexibilität und Aneignung, Bottom-up und informeller Urbanismus treten ebenso auf den Plan wie kurze Zeit später Fragen zu Ökologie, Energie und urbaner Landwirtschaft. Exemplarisch hierfür steht die Rückbesinnung auf die "Stadt der kurzen Wege"[7] mit ihrer durchmischten Nutzungsstruktur.

Was ist also das Neue an den aktuellen Debatten um relokalisierte Nachbarschaften und gemeinwohlorientierte Raumstrategien, das nicht bereits in unterschiedlicher Ausprägung gedacht wurde? Müssen wir das Rad der Zeit nur einfach wieder zurückdrehen, um Antworten auf die drängenden Fragen zu erhalten?

Im Gegensatz zu den vorherigen Jahrzehnten sind Themen zu einer nachhaltigen Transformation unserer Siedlungsstrukturen und Lebensweisen abseits eines kontinuierlichen Wachstums inzwischen in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Die Finanz- und Energiekrise, wirtschaftliche Unsicherheit und der demografische Wandel wie auch der schleichende "Abschied" vom Wohlfahrtsstaat sind nicht nur temporärer Natur, sondern fordern vielmehr eine radikale Neuinterpretation unseres Lebens-, Arbeits- und Fürsorgesystems ein. Neue und vielfältige Akteure werden zunehmend wichtige Spieler in der Raumentwicklung und bei der Übernahme sozialer und kultureller Aufgaben. Ebenso formt sich der Anspruch, materielle (Wasser, Energie, Abfall, Nahrung) und immaterielle (lokales Wissen, soziale Ökonomie, lokale Kultur, Selbstbau) Güter in ein integriertes System mit geschlossenen und lokalen Wertschöpfungszyklen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen zu überführen.[8]

Zurück zum Dorf?



Die eingangs zitierte Initiative "Wir sind Dorf" verwendet den Begriff des Dorfs als Metapher, um ihre Vision für eine neue Form des Zusammenlebens zu beschreiben. Ziel der zukünftigen Nachbarschaft ist eine in weiten Teilen autarke Lebensweise, die sich am Gemeinwohl orientiert und eine kollektive Übernahme von Verantwortung einfordert, gleichwohl aber auch dem Wunsch nach individueller Selbstverwirklichung entspricht. Als optimale Größe für eine funktionierende Gemeinschaft betrachten die Initiatoren eine Bewohnerschaft von 40 bis 100 Erwachsenen mit insgesamt bis zu 400 Personen, die den persönlichen Kontakt untereinander wie auch eine basisdemokratische Organisationsstruktur erlaubt. Um eine weitestgehend autarke Versorgung zu gewährleisten, geht die Initiative von einem Bedarf von 80 bis 100 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche aus.

Organisiert werden soll das Dorf durch eine Kombination unterschiedlicher Rechts- und Kapitalformen. Während eine gemeinnützige Stiftung die Liegenschaften hält, um Spekulationen zu verhindern, soll eine Genossenschaft die Nutzungsrechte für den Betrieb durch Erbpacht erlangen. Dazu gehören die solidarische Bewirtschaftung der Agrarflächen, der Betrieb einer wertschöpfenden Ertragsveredelung sowie der Unterhalt sozialer und kultureller Gemeinschaftseinrichtungen. Alle Überschüsse sowie ein Prozentsatz des individuellen Einkommens werden reinvestiert. Ein Förderverein wiederum begleitet die Dorfentwicklung und den Aufbau der Sozialgemeinschaft und unterstützt gemeinnützige und soziale Projekte.

Gebäudetypologisch sollen neue Formen des Zusammenlebens nachhaltige Raumsysteme ermöglichen. Gemeinschaftliche Nutzungen wie beispielsweise ein Wasch-, Back- oder Badehaus sollen einzelne Funktionen aus der privaten Wohnung auslagern und die individuelle Nutzfläche pro Dorfbewohner von durchschnittlich 45 Quadratmeter pro Person in Deutschland[9] auf 40 Quadratmeter senken.[10]

In ihrem Konzeptpapier beschreibt die Initiative den idealtypischen Entwurf einer Lebensgemeinschaft mit möglichst geringem ökologischem Fußabdruck in einer postkapitalistischen und postfossilen Zukunft. Wie aber lassen sich solche Projekte in unsere bestehenden Raumordnungsmodelle einbinden und welche Rolle spielen diese (teil-)autarken Nachbarschaften für die zukünftige Transformation unserer ländlichen und städtischen Räume? Welchen Ausdruck finden diese Überlegungen auf der stadt- und gebäudetypologischen Ebene?

Von Mustern und Maßstäben



1977 erschien das Buch "A Pattern Language: Towns, Buildings, Construction" des Architekturtheoretikers und Philosophen Christopher Alexander mit Überlegungen zu Programm, Größe und Organisationsstruktur unterschiedlicher Zellen zwischen Gesamtstadt und Kleinsteinheiten. Alexander sieht in der dort formulierten Muster-Sprache eine Planungshilfe und ein Regelwerk zur Gestaltung von Räumen mit Hilfe von allgemeingültigen Problemlösungsstrategien in unterschiedlichen Maßstäben (Städte, Gebäude und Konstruktion).

Auf städtischer Ebene setzt er sich intensiv mit Fragen zur Größenordnung unterschiedlicher Gebietskörperschaften, ihrer sozialen Durchmischung und den ihnen zugewiesenen Entscheidungskompetenzen auseinander. Die Übernahme von Verantwortung für das jeweilige Muster sowie die Verwaltung des gemeinschaftlichen Grund und Bodens durch jede Gruppe beziehungsweise eine zusammenhängende politische Einheit stellen die Grundvoraussetzungen zur Verwirklichung der Muster-Sprache dar.

Ein "Mosaik aus Subkulturen" soll ein vielfältiges Nebeneinander und synergetisches Miteinander differenzierter Lebensstile, die sich in weitestgehend homogenen, individuellen Milieus formieren, innerhalb der Gesamtstadt ermöglichen. "Identifizierbare Nachbarschaften" hingegen sollen räumlich klar ablesbar sein und höchstens 400 bis 500 Einwohner umfassen, um die Identifikation der Bewohner mit dieser zu ermöglichen. Die "Gemeinde von 7.000" wiederum soll als autonome, selbstverwaltete Gemeinde innerhalb der Gesamtstadt über ein eigenes Budget Einfluss auf die Verwaltung nehmen und in lokalen Angelegenheiten (Flächenwidmungen, lokale Steuern, Wohnbau, öffentliche und soziale Einrichtungen) politische Kompetenz ausüben können.[11]

Interessant an den beschriebenen Mustern erscheinen insbesondere die Rückkopplungen der (nutzergetragenen) Einheiten zur Gesamtstadt und die damit verbundenen Fragestellungen über die Beziehung zwischen der strategischen Planung des Top-down und auf Eigeninitiative basierten Projekten des Bottom-up. Weiterhin sind Überlegungen zum Verhältnis zwischen der Größe ebensolcher Zellen und der Ausbildung von Identität wichtig, wie auch die Initiative von "Wir sind Dorf" anregt.

Die beschriebenen Konzeptionen bleiben jedoch keineswegs nur graue Theorie. Sie finden sich vielmehr in konkreten Projekten wieder, die traditionelle und festgefahrene Mechanismen aushebeln und neue Räume für den gesellschaftlichen Wandel formulieren.

Das Dorf als Arche Noah



Experimentelle Lebensgemeinschaften, die sich bewusst als Gegenmodell zu gängigen Verhaltens- und Konsumgewohnheiten im ländlichen Kontext verorten, haben sich längst im Rahmen eines stetig wachsenden Netzwerkes sogenannter ecovillages etabliert. Diese Ökodörfer bilden laut dem Global Ecovillage Network Europe "eine intentionale oder traditionelle Gemeinschaft, die bewusst durch partizipative Prozesse gestaltet und durch lokale Besitzstrukturen geprägt ist, um ihre soziale und natürliche Umwelt wiederherzustellen. Die vier Dimensionen der Nachhaltigkeit (Ökologie, Ökonomie, das Soziale und das Kulturelle) sind in einem ganzheitlichen Ansatz integriert."[12]

Das Ökodorf Sieben Linden beispielsweise, das seit 1997 in Sachsen-Anhalt entsteht, strebt eine maximale Größe von etwa 280 Personen an, die auf etwa 80 Hektar Land wohnen und wirtschaften. Gut 15 Jahre nach dem Spatenstich leben heute 140 Personen in einer Reihe von selbstgebauten Wohngruppen, die sich nicht nur durch ihre Lebenskonzepte hinsichtlich Ökonomie und Ernährung, sondern auch in der räumlichen und baulichen Ausprägung voneinander unterscheiden. Gemeinschaftsgebäude und zentrale Freiräume fungieren als Schnittstelle und bilden das Rückgrat des Dorfes. Weitestgehend geschlossene Energie- und Materialkreisläufe reduzieren den ökologischen Fußabdruck pro Bewohner gegenüber dem bundesdeutschen Durchschnitt auf ein Drittel.

Mit wachsender Bewohneranzahl hat sich das ursprüngliche Konsensmodell in ein Modell mit differenzierten Gremien gewandelt. Jeder ist verpflichtet, sich in mindestens einem Fachbereich zu engagieren und für diesen Verantwortung zu übernehmen. Räte zu den Themen Genossenschaft, Soziales, Bauen, Bildung und Lebensmittelversorgung arbeiten jeweils mit mehreren Kleingruppen zusammen und treffen in bestimmten Bereichen autonome Entscheidungen im Konsens, während monatliche Vollversammlungen zentrale, alle Bewohner betreffende Beschlüsse mit einer Zweidrittelmehrheit fassen.[13]

Ein intensiver Aushandlungsprozess von den Regeln des Zusammenlebens begleitet die Bildung dieser Gemeinschaften und erzeugt eine weitestgehend "homogene" Bewohnerschaft mit ähnlichen ökologisch geprägten Lebensanschauungen. Zwar sind Schnittstellen nach Außen eindeutig gewünscht, in vielen Fällen stehen die Dörfer aber weniger mit der direkten Nachbarschaft als vielmehr mit Gleichgesinnten im Kontakt. In einigen Fällen bestehen zudem weitere Zugangshürden, wie beispielsweise ein hohes anfängliches Investitionsvolumen. Dennoch spricht die Anzahl der Neugründungen und die rege Diskussion über Ökodörfer vom Erfolg solcher lebenszyklisch angelegter Modelle.


Fußnoten

1.
Wir sind Dorf e.V., Konzept für eine neue Sozial-Gemeinschaft, Hamburg 2013, http://www.wir-sind-dorf.com« (17.4.2014).
2.
Vgl. etwa Symposium Nospolis. Räume gemeinsamer Zukünfte, http://www.nospolis.org« (17.4.2014).
3.
Vgl. Ebenezer Howard, Garden Cities of To-morrow, London 1902.
4.
Kibbuzim sind ländliche Kollektivsiedlungen mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen. Moschawim hingegen sind genossenschaftlich organisierte Siedlungen sowohl mit Kollektiv- wie auch Privateigentum.
5.
Vgl. Frank Lloyd Wright, The Disappearing City, New York 1932.
6.
Ein Acre ist eine angloamerikanische Maßeinheit und entspricht etwa 4046 Quadratmeter.
7.
Die Stadt der kurzen Wege entspricht einem seit den 1980er Jahren verfolgten Leitbild der Stadtplanung, das eine heterogene Mischung von Nutzungsstrukturen und durch deren räumliche Nähe zueinander die Verringerung des Individualverkehrs anstrebt.
8.
Vgl. Doina Petrescu/Constantin Petcou, R-Urban: Zukunftsfähigkeit, in: Elke Krasny/Architekturzentrum Wien (Hrsg.), Hands-on Urbanism 1850–2012. Vom Recht auf Grün, Wien 2012, S. 334-346.
9.
Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Pro-Kopf-Wohnfläche erreicht mit 45m² neuen Höchstwert, Pressemitteilung Nr. 9/2013 vom 24.7.2013.
10.
Vgl. Wir sind Dorf e.V. (Anm. 1).
11.
Vgl. Christopher Alexander/Sara Ishikawa/Murray Silverstein et al., A Pattern Language: Towns, Buildings, Construction, New York 1977; dies., Eine Muster-Sprache. Städte, Gebäude, Konstruktion, Wien 20112.
12.
Global Ecovillage Network Europe, Was ist ein Ökodorf?, http://gen-europe.org/de/oekodoerfer/ueber-oekodoerfer/index.htm« (17.4.2014).
13.
Vgl. Ökodorf Sieben Linden, http://www.siebenlinden.de« (17.4.2014).
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Isabel Finkenberger, Christoph Schlaich für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.