APuZ 22-23/2014: Politik, Medien, Öffentlichkeit

20.5.2014 | Von:
Petra Sorge

Echtzeitjournalismus in der Kritik

Veränderungen, die nicht mehr aufzuhalten sind

Der kanadische Medienjournalist Mathew Ingram ist überzeugt, Fehler im Echtzeitjournalismus seien unvermeidbar: "Das ist nun einmal die Art, wie Nachrichten heute funktionieren."[16] Noch verkehrter sei es, die sozialen Netzwerke für derartige Falschmeldungen verantwortlich zu machen. Ingrams These wurde in den US-Medien heftig diskutiert. Einige Journalisten waren der Meinung, Fehler während solcher Breaking-news-Situationen zu akzeptieren, sei der allergrößte Fehler.[17]

Tatsächlich sind mit dieser Art der Berichterstattung Risiken verbunden. Insbesondere drohen die Persönlichkeitsrechte von Betroffenen verletzt zu werden. Nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Grundschule in Newtown, Connecticut, zeigten diverse US-Medien für eine Stunde das Facebook-Foto des mutmaßlichen Täters. Tatsächlich handelte es sich bei dem Gezeigten um seinen Bruder.[18]

Besonders verheerend ist diese Entwicklung für Personen der Zeitgeschichte, die in Skandale verwickelt werden. Zahlreiche Onlineportale richteten voyeuristische Live-Ticker ein, als die "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich auf Rainer Brüderle traf, den sie des Sexismus bezichtigt hatte, oder als die ersten Kinderporno-Vorwürfe gegen Sebastian Edathy durch Berlin kreisten. Angetrieben von Häme bei Facebook, Twitter und diversen Foren bauen sich so brutale Erregungswellen auf, bei denen die Betroffenen "gnadenlos durch den Wolf gedreht" werden, wie es die frühere Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke im "Cicero" formulierte.[19] Onlinemedien freut es: Die Erregung lässt sich in lukrative Klicks verwandeln.

Der Echtzeitjournalismus setzt öffentliche Repräsentanten aber auch in Normalsituationen unter Druck. Das Tempo, mit dem von Politikern Statements zu aktuellen Ereignissen abverlangt wird, lässt keinerlei Spielraum für innerparteiliche Abstimmungsprozesse. Wer da nicht mithält, wird vom Mediensystem mit Nichtbeachtung gestraft. Das System setzt auch Anreize, gezielte Rezipientengruppen zu bedienen. Digital affine Stakeholder, die über Blogs und soziale Netzwerke eng vernetzt sind, können binnen kürzester Zeit in ihrer Community für eine enorme Verbreitung sie betreffender Inhalte sorgen. Beispiele für solche Gruppen sind die Piratenpartei kurz nach ihrem Einzug in den Berliner Landtag oder aktuell die Partei Alternative für Deutschland. Demokratietheoretisch ist es durchaus bedenklich, wenn aufgrund dieser Logik deren Lobbyinteressen eine größere Gewichtung erhalten als Themen wie Pflege oder Altern.

Andererseits birgt der Echtzeitjournalismus auch enorme Chancen. Er versorgte das Publikum etwa während der Reaktorkatastrophe in Fukushima mit sekundengenauer Information und diente sogar Politikentscheidern: Bundeskanzlerin Angela Merkel soll den schwarz-gelben Atomausstieg noch am selben Tag beschlossen haben, als sie die Bilder des zerstörten Kraftwerks sah.[20]

Der Umbruch in der Medienwelt ermöglicht zudem völlig neue Formen der demokratischen Partizipation und Nischenbildung. Als herausragendes Beispiel ist der NSU-Watchblog zu nennen, ein Bündnis antifaschistischer und antirassistischer Gruppen und Einzelpersonen.[21] Mit ihren Protokollen, Echtzeit-Tweets und deutsch-türkischen Berichten vom NSU-Prozess in München hat die Initiative mehr Atem gezeigt als die meisten klassischen Medien, die sich zu Beginn eher auf Nebensächliches wie die Platzfrage im Gerichtssaal oder das Aussehen Beate Zschäpes konzentrierten. Die Otto-Brenner-Stiftung zeichnete den Watchblog 2013 mit dem Medienprojektpreis aus, das "Medium Magazin" mit einem Sonderpreis.

Tatsächlich gibt es Hoffnung, dass auch die Onlineleser selbst anspruchsvoller geworden sind. Das zeigt einerseits der Erfolg opulenter Multimediaformate wie "NSA Files: Decoded" über die Snowden-Enthüllungen beim "Guardian" oder geheimerkrieg.de, ein Rechercheprojekt von "Süddeutscher Zeitung" und NDR über nachrichtendienstliche Aktivitäten in Deutschland. Andererseits spricht auch die gestiegene Bereitschaft, für wertvollen Qualitätsjournalismus Geld auszugeben, für sich: Derzeit setzen laut Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) bereits 76 Titel im Internet auf Bezahlschranken, sogenannte paywalls.[22] Ganz neue Erlösmöglichkeiten eröffnet den Verlagen auch der Tabletjournalismus. "Der Spiegel" hat für seine digitale Ausgabe bereits 50.000 Abonnenten, jährlich kommen 10.000 neue hinzu.[23]

Schließlich sind die Trends, die den Journalismus unter Druck setzen, nicht alle auf die Digitalisierung zurückzuführen. Bereits Mitte der 1990er Jahre waren Auflagenzahlen und Anzeigenumsätze bei Tageszeitungen rückläufig. Die Forschung beschäftigte sich schon seit Jahrzehnten mit dem Niedergang des Qualitätsjournalismus, dem Relevanzverlust des Politischen und der Verflachung der Berichterstattung hin zum "Infotainment".[24]

Wie sollten Medien und Politik reagieren?

Die Echtzeitberichterstattung zu verdammen oder ihr die Berechtigung abzusprechen, Teil des Journalismus zu sein,[25] bringt die Debatte daher nicht voran. Tagesaktueller Nachrichtenjournalismus war auch vor der Digitalisierung schon immer ein hektisches, fehleranfälliges Geschäft, an dessen Ende ein in sich abgeschlossenes Produkt – ein Artikel oder Beitrag – stand.[26] Nur agierten die Medienhäuser damals weitgehend im Verborgenen, undurchsichtig für Außenstehende. Das Netz hat diese Blackbox in ein gläsernes Gehäuse verwandelt: Der Echtzeitjournalismus macht das redaktionelle Chaos für alle sichtbar.

Medienmacher müssen sich daher darauf einstellen, das Publikum an ihren Rechercheschritten teilhaben zu lassen. Die veränderten Arbeitsprozesse erfordern noch mehr Sorgfalt; der Pressekodex muss unter Echtzeitbedingungen genauso gelten. Persönlichkeitsrechte dürfen nicht mit Füßen getreten werden: Wo die Staatsanwaltschaft ermittelt, gilt bis zum Richterspruch die Unschuldsvermutung; wer die Politikerwohnung – wie im Fall Edathy geschehen – von innen zeigt, verletzt die Intimsphäre und trägt nichts zur Aufklärung eines Sachverhalts bei.

Moralappelle wie jene von Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle an einzelne Journalisten, "gegen die Anreize eines systemkonformen Verhaltens" zu handeln, nützen dennoch nur begrenzt. Einerseits sorgt die Prekarisierung[27] des Journalismus bei gleichbleibend hoher Attraktivität des Berufsbilds dafür, dass ein Überangebot an günstigen Medienarbeitern im Markt derartige Ausfälle kompensieren kann. Andererseits vermögen die Handlungen Einzelner auch nicht mehr den Trend zur Beschleunigung des gesamten Systems aufzuhalten.

Sinnvoller wäre es deshalb, den Arbeitsprozess im Echtzeitjournalismus insgesamt transparenter zu gestalten. Fehler in Online-Artikeln müssen nicht nur korrigiert werden, diese Änderungen sollten auch protokolliert werden. Das erfordert allerdings eine offenere Kritikkultur in Redaktionen, an der es in Deutschland vielfach mangelt.[28]

US-Journalismusforscher Craig Silverman ist überzeugt, Zurückhaltung könne in Breaking-news-Situationen ein Wettbewerbsvorteil sein.[29] Auf Gerüchte in den sozialen Netzwerken sollten Redaktionen allenfalls vorsichtig eingehen, ohne sie selbst zu übernehmen. Beispielhaft macht das Andy Carvin, Nahostreporter des US-Senders National Public Radio: Wenn er Tweets weiterverbreitet, deren Wahrheitsgehalt er nicht auf die Schnelle überprüfen kann, kennzeichnet er diese etwa mit dem Hinweis "Not confirmed".[30] Redaktionen sollten laut Silverman auch erklären, warum sie über etwas nicht berichten. Zwar riskierten sie in diesem Moment Reichweite. Doch in Erinnerung blieben nur jene Medien, die Falschmeldungen verbreiten, nicht jene, die richtig lagen.

An Amts- und Mandatsträger stellt die beschleunigte Medienrealität ganz andere Anforderungen. So entsteht laut dem Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli ein neuer Typus des politischen Repräsentanten: der Politikvermittler. Dieser muss "kommunikative – vor allem auch medienspezifische – Fähigkeiten" besitzen.[31] Das Personal muss aber auch stärker für Krisensituationen gewappnet sein, die sich im Echtzeitjournalismus rasant zu Proteststürmen aufschrauben können. Hinzu kommen Fähigkeiten im Umgang mit sozialen Netzwerken. Nur wer auf diesen Kanälen schon langfristig Unterstützer gesammelt hat und die richtige, humorvoll-selbstironische Ansprache dort beherrscht, ist für drohende Shitstorms gewappnet. Oder er weiß sie – wie CDU-Twitter-Pionier Peter Altmaier es bei Anwürfen gegen sein Privatleben gelang – sogar gleich im Keim zu ersticken.

Ausblick

2007 prophezeiten Steffen Range und Roland Schweins dem Onlinejournalismus ein baldiges Ende. "(N)och drei, fünf oder acht Jahre", schrieben sie, und spätestens dann "werden sich etliche Leser ermattet abwenden von den aufgeregten, hyperventilierenden, sensationsgeilen Sites".[32] 2014 ist davon nichts eingetreten. Die Nutzerzahlen sind sogar noch gewachsen. Das muss nicht unbedingt für den Onlinejournalismus sprechen. Aber gegen die Leser spricht es ganz gewiss nicht.

Fußnoten

16.
Mathew Ingram, It’s not Twitter – This is Just the Way the News Works Now, 15.12.2012, http://gigaom.com/2012/12/15/its-not-twitter-this-is-just-the-way-the-news-works-now« (23.4.2014).
17.
Vgl. Eric Deggans, Understanding Newtown Shooting Coverage: Accepting Errors in Breaking News Seems the Biggest Mistake, http://www.tampabay.com/blogs/media/content/understanding-newtown-shooting-coverage-accepting-errors-breaking-news-seems-biggest-mistake« (23.4.2014).
18.
Für eine Übersicht der Fehler in der Berichterstattung über Sandy Hook siehe David Folkenflik, Coverage Rapid, And Often Wrong, In Tragedy’s Early Hours, 18.12.2012, http://www.npr.org/2012/12/18/167466320/coverage-rapid-and-often-wrong-in-tragedys-early-hours« (23.4.2014).
19.
"Gnadenlos durch den Wolf gedreht". Interview mit Susanne Gaschke, in: Cicero, (2013) 12, S. 33.
20.
Vgl. Lisa Caspari, Nach Fukushima – Schwarz-Gelb hat sich mit dem Atomausstieg arrangiert, 9.3.2012, http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-03/koalition-atomausstieg-fukushima« (23.4.2014).
21.
Vgl. http://www.nsu-watch.info/kontakt-impressum« (23.4.2014).
22.
BDZV, Paid Content Angebote deutscher Zeitungen, http://www.bdzv.de/zeitungen-online/paidcontent« (23.4.2014).
23.
Vgl. Ove Saffe, Spiegel-Geschäftsführer im Interview, in: Süddeutsche Zeitung vom 14.4.2014.
24.
Vgl. etwa Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung in Zeiten der Unterhaltungsindustrie, Frankfurt/M. 1985.
25.
"Echtzeit und Journalismus bilden ein Gegensatzpaar, einen Widerspruch in sich", behauptete etwa "Cicero Online"-Redakteur Timo Stein, in: Klick.Klick.Klick. Es gibt keinen #Echtzeitjournalismus, 21.6.2013, http://www.cicero.de/salon/klickklickklick-es-gibt-keinen-echtzeitjournalismus/54840«)
26.
Vgl. M. Ingram (Anm. 16).
27.
Siehe dazu Volker Lilienthal/Thomas Schnedler, Gezwungen, sich zu verkaufen? Zur sozialen Lage von Journalistinnen und Journalisten, in: APuZ, 62 (2012) 29–31, S. 15–21.
28.
Vgl. Mediaact, Kritik – Fremdwort für deutsche Journalisten, Pressemitteilung vom 18.4.2013, http://www.brost.org/uploads/media/PM_Ergebnisse_MediaAct.pdf« (23.4.2014).
29.
Vgl. Craig Silverman, In Real-time Journalism, Declaring What You Won’t Report Can Be Just as Important as What You Will, 17.12.2012, http://www.poynter.org/latest-news/regret-the-error/198487/in-real-time-journalism-declaring-what-you-wont-report-can-be-just-as-important-as-what-you-will« (23.4.2014).
30.
Vgl. ders., Is This the World’s Best Twitter Account?, 8.4.2011, http://www.cjr.org/behind_the_news/is_this_the_worlds_best_twitter_account.php?page=all« (23.4.2014).
31.
Ulrich Sarcinelli, Politische Kommunikation in Deutschland. Medien und Politikvermittlung im demokratischen System, Wiesbaden 20113, S. 180.
32.
S. Range/R. Schweins (Anm. 7), S. 81.
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