APuZ 22-23/2014: Politik, Medien, Öffentlichkeit
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Topografie der Öffentlichkeit


20.5.2014
Gesellschaftlicher Wandel wird oft anhand der für die betreffende historische Phase als typisch angesehenen Formationen von Publika charakterisiert. Die "Massengesellschaft" sah man geprägt durch die den Großteil der Bevölkerung einschließenden Publika massenmedialer Angebote; die "Zielgruppen- beziehungsweise Erlebnisgesellschaft" durch die Publika von fein auf bestimmte Lebensstile ausgerichteten Zielgruppenangeboten; die "Netzwerkgesellschaft" durch die vernetzte Individualität der Nutzerinnen und Nutzer von Onlinediensten. Dies verweist darauf, dass an Prozessen öffentlicher Kommunikation, durch die sich Öffentlichkeiten konstituieren, neben institutionalisierten Kommunikatoren, den von ihnen hergestellten Kommunikationsangeboten und den verschiedenen Akteuren des intermediären Systems maßgeblich auch die Mediennutzerinnen und -nutzer beteiligt sind: Erst im kommunikativen Handeln derjenigen, die, primär in einer Publikumsrolle und in der Regel vermittelt über mediale Angebote, mit den Aussagen institutionalisierter Kommunikatoren in Kontakt kommen und sich darüber auf die eine oder andere Weise mit Anderen austauschen und verständigen, konstituieren sich Öffentlichkeiten.

Die folgenden Überlegungen gehen der Frage nach, wie sich die Grundstruktur der Öffentlichkeit, ihre "Topografie", im Zuge der massiven Veränderungen der Medienumgebung transformiert. Die mit der Digitalisierung einhergehende technische Konvergenz der Übertragungswege und Endgeräte sowie die gleichzeitige Ausdifferenzierung der Medien- und Kommunikationsdienste werden intensiv im Hinblick auf ihre Konsequenzen für die kommunikativen Grundlagen der Gesellschaft und einen erneuten "Strukturwandel von Öffentlichkeit" diskutiert.[1] Das soll hier aufgegriffen und mit Hilfe aktueller Befunde und Konzepte zur öffentlichen Kommunikation diskutiert werden.

Zum Stellenwert verschiedener Mediengattungen



Diskussionen um die Veränderungen der Grundstrukturen von Öffentlichkeit setzen oft an dem relativen Stellenwert an, den die verschiedenen Mediengattungen an der Meinungsbildung einnehmen. So gehört es zu den grundlegenden Prämissen der Medienregulierung in Deutschland, dass das Fernsehen – so die Begründung des Bundesverfassungsgerichts[2] – aufgrund seiner Breitenwirkung, Suggestivkraft und Aktualität als Leitmedium für die öffentliche Meinungsbildung anzusehen ist; entsprechend setzen Regulierungsinstrumente zur Verhinderung vorherrschender Meinungsmacht bisher vor allem an diesem Medium an. Die rasche Ausbreitung des Internets – 2013 nutzten es bereits gut 77 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren[3] – hat in den vergangenen Jahren immer wieder Anlass gegeben, den Status des Fernsehens als Leitmedium der Öffentlichkeit in Frage zu stellen.

Als ein erster Indikator für den Stellenwert der verschiedenen Medien für die öffentliche Kommunikation kann die tägliche Reichweite dienen; vergleicht man die wichtigsten Medien anhand dieses Indikators, befand sich 2013 weder das Fernsehen noch das Internet vorn, sondern das Radio (78 Prozent der Personen ab 14 Jahren), es folgten das Fernsehen (72 Prozent), die Tageszeitung (65 Prozent) und an vierter Stelle das Internet (48 Prozent).[4]

Für die hier vorliegende Fragestellung nach der Rolle der Medien für die Information und Meinungsbildung der Bevölkerung erscheint die nicht nach Angebotskategorien und Funktionen differenzierende pauschale Reichweite allerdings nicht angemessen. Diejenigen empirischen Studien, die darauf abzielen, den relativen Stellenwert der verschiedenen Mediengattungen speziell für die öffentliche Information und Meinungsbildung zu bestimmen, kommen bislang übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass dem Fernsehen in dieser Hinsicht vorerst weiterhin der Spitzenplatz zukommt.[5] Als Beispiel für entsprechende Untersuchungen sei hier zunächst der MedienVielfaltsMonitor der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) genannt, mit dem ein medienübergreifender Indikator für Meinungseinfluss bestimmt wird.[6] Dieses sogenannte Meinungsbildungsgewicht setzt sich aus zwei Ausgangswerten zusammen: der informationsbezogenen Reichweite der Mediengattung und der Wichtigkeit der Gattung für Informationen aus der Sicht der Nutzerinnen und Nutzer. Das daraus berechnete Meinungsbildungsgewicht jeder Mediengattung gibt an, wie viel Prozent des angenommenen Gesamtbeitrags zur öffentlichen Meinungsbildung auf das jeweilige Medium entfallen. Danach erzielt das Fernsehen mit knapp 37 Prozent das mit Abstand höchste Gewicht, es folgen Tageszeitungen, Radio, Internet und Zeitschriften (vgl. Tabelle 1 in der PDF-Version).

Über die Zeit betrachtet zeigt sich, dass das Gewicht des Internets gegenüber 2009 von knapp 13 auf knapp 18 Prozent zugenommen hat, während der Trend für Fernsehen (von 40 auf 37 Prozent) und Tageszeitungen (von 26 auf 23 Prozent) rückläufig ist.[7] Andere Studien, die Veränderungen über die Zeit erfassen, dokumentieren markantere Verschiebungen. In der Langzeitstudie Massenkommunikation nannten 2000 noch 73 Prozent der Bevölkerung das Fernsehen als wichtigstes oder zweitwichtigstes Informationsmedium, zehn Jahre später waren es noch 63 Prozent. Im gleichen Zeitraum stiegen die Nennungen für das Internet von 13 auf 45 Prozent;[8] es spricht viel dafür, dass dieser Wert bei der nächsten Erhebung 2015 abermals deutlich höher liegen wird.

In einer Studie des Hans-Bredow-Instituts von 2011, in der der Stellenwert der verschiedenen Medien für Information und Meinungsbildung durch offene Fragen nach den wichtigsten Informationsquellen erfasst wurde, bestätigte sich die Rolle des Fernsehens als wichtigste Informationsquelle. Zugleich wurde dort aber deutlich, dass Öffentlichkeiten auf verschiedenen Ebenen und zu verschiedenen Themen konstituiert werden, zu denen die verschiedenen Medien in unterschiedlichem Ausmaß beitragen: Die Spitzenposition des Fernsehens gilt für allgemeine Informationen über Deutschland und die Welt sowie für Informationen zur politischen Meinungsbildung. Fragt man hingegen nach den wichtigsten Informationsquellen über die eigene Region, liegen die regionalen und lokalen Tageszeitungen klar vor allen anderen Medien; und bei bestimmten Themeninteressen spielen Zeitschriften eine besondere Rolle.[9]

Zum Stellenwert einzelner Anbieter und Angebote



In Zeiten technischer Konvergenz und zunehmend crossmedial ausgerichteter Unternehmensstrategien bedarf die Vermessung der Grundstrukturen von Öffentlichkeit auch der Betrachtung des potenziellen Einflusses einzelner Medienanbieter und Angebote. Im Hinblick auf die Bestimmung des Anteils einzelner Unternehmen an der Meinungsbildung kann wiederum auf den MedienVielfaltsMonitor der BLM zurückgegriffen werden: Das oben skizzierte Meinungsbildungsgewicht wird dazu verwendet, für einzelne Unternehmen anhand der Marktanteile, die sie jeweils auf den Märkten Fernsehen, Radio, Tageszeitungen, Zeitschriften und Internet erzielen, einen medienübergreifend bestimmten Anteil am Meinungsmarkt zu berechnen. Tabelle 2 (siehe PDF-Version) gibt einen Überblick über die 15 Medienunternehmen, denen 2013 die größten Anteile am gesamten Meinungsbildungspotenzial zugeschrieben wurden.

In der bereits genannten Studie des Hans-Bredow-Instituts wurden die Befragten unter anderem gebeten, die drei für sie persönlich wichtigsten Informationsquellen zur politischen Meinungsbildung zu benennen. Mit deutlichem Abstand vorn liegt die "Tagesschau" (vgl. Tabelle 3 in der PDF-Version).[10] Der große Vorsprung vor allen anderen Angeboten lässt darauf schließen, dass diese Art der Abfrage vor allem das Image als Informationsmedium erfasst – und dass in dieser Hinsicht die "Tagesschau" als der Inbegriff eines Informationsangebots gilt. Daneben enthält die Liste vor allem eine Reihe weiterer Fernsehangebote des ZDF sowie von RTL, NTV und N24. Mit "Anne Will" – zum Zeitpunkt der Erhebung noch auf dem Sendeplatz am Sonntagabend – gehörte auch eine politische Talkshow zu den als am wichtigsten eingeschätzten Angeboten für die politische Meinungsbildung. Aufgrund der regional stark ausdifferenzierten Zeitungslandschaft finden sich in dieser Liste nur die bundesweit verbreitete "Bild" und die Sammelkategorie Regionalzeitung; auf den hier nicht mehr aufgeführten Plätzen folgen unter anderem die Printmedien "Spiegel" und "Süddeutsche Zeitung". Bemerkenswert ist, dass der "Spiegel" seltener genannt wird als das Online-Angebot spiegelonline.de. Besonders auffällig ist, dass mit google.de eine Suchmaschine das am zweithäufigsten genannte Angebot darstellt, obwohl hier keine eigenen Angebote zur politischen Meinungsbildung gemacht werden. Die herausragende Stellung von google.de bei allen Internetrecherchen hat demnach zur Folge, dass viele Menschen diese Zugangshilfe zu politischer Information als maßgeblichen Orientierungspunkt betrachten, nicht jedoch die Anbieter politischer Information selbst. Ebenfalls auffällig ist, dass auf den hier nicht mehr aufgelisteten Folgerängen zwei Internet-Service-Provider, t-online.de und web.de, genannt werden und damit – neben google.de – zwei weitere Angebote, deren Primärfunktion nicht in der politischen Meinungsbildung liegt. Auch die Tatsache, dass in der Liste der wichtigsten Informationsquellen "Freunde" auftreten, unterstreicht die Bedeutung eines solchen offenen Erhebungsverfahrens, das es den Nutzerinnen und Nutzern überlässt, für sich persönlich zu definieren, was für sie ein relevantes Angebot für die politische Meinungsbildung ist.

In derselben Studie wurde auch danach gefragt, welche Angebote die Befragten unabhängig von ihrer eigenen Mediennutzung als für die politische Meinungsbildung in Deutschland besonders wichtig ansehen. Das meistgenannte Angebot ist "Bild", gefolgt von der "Tagesschau" (vgl. Tabelle 4 in der PDF-Version). Hier schlägt sich nieder, dass mit dieser Art der Fragestellung eher Images von Medien erfasst werden – wie im Fall von "Bild" das eines besonders einflussreichen Mediums ("Bild’ Dir Deine Meinung" heißt der seit einigen Jahren verwendete Werbeslogan). Im Vergleich zu den Angaben zu den persönlich wichtigsten Medien für die Meinungsbildung ist hier also eine deutliche Überschätzung zu beobachten – der klassische Fall eines Third-person-Effekts, demzufolge Menschen die Wirkung eines Mediums auf Andere stärker einschätzen als auf sich selbst. An dieser Auflistung der als besonders einflussreich eingeschätzten Medien ist überdies bemerkenswert, dass nach "Bild" und "Tagesschau" die Netzwerkplattform facebook.com das am dritthäufigsten genannte Einzelangebot ist. Hier schlägt sich vermutlich die seit einigen Jahren sehr intensive öffentliche Diskussion über die Rolle von Facebook nieder. Überraschend dabei ist, dass sich die Prominenz dieses Angebots auch bei einer Frage niederschlägt, bei der es speziell um die Einschätzung des Einflusses auf die Meinungsbildung geht. Wie schon bei den selbst genutzten Quellen für die politische Meinungsbildung wird auch hier wieder häufig google.de genannt.


Fußnoten

1.
Vgl. Richard Münch/Jan Schmidt, Medien und sozialer Wandel, in: Michael Jäckel (Hrsg.), Lehrbuch der Mediensoziologie, Opladen 2005, S. 201–218.
2.
Siehe BVerfGE 90, 60 (87).
3.
Vgl. Birgit van Eimeren/Beate Frees, Rasanter Anstieg des Internetkonsums – Onliner fast drei Stunden täglich im Netz. Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2013, in: Media Perspektiven, (2013) 7–8, S. 358–372.
4.
Vgl. Christian Breunig/Karl-Heinz Hofsümmer/Christian Schröter, Funktionen und Stellenwert der Medien – das Internet im Kontext von TV, Radio und Zeitung. Entwicklungen anhand von vier Grundlagenstudien zur Mediennutzung in Deutschland, in: Media Perspektiven, (2014) 3, S. 122–144, hier: S. 135.
5.
Siehe als Überblick über entsprechende Studien ebd.
6.
BLM, MedienVielfaltsMonitor der BLM. Anteil der Medienkonzerne und Medienangebote am Meinungsmarkt, 1. Halbjahr 2013, München 2013, online: http://www.blm.de/apps/documentbase/
data/pdf1/BLM_MedienVielfaltsMonitor_1_Halbjahr_2013.pdf
(4.5.2014).
7.
TNS Infratest/BLM, Relevanz der Medien für die Meinungsbildung. Empirische Grundlagen zum MedienVielfaltsMonitor der BLM, München 2013, S. 28.
8.
Vgl. Ch. Breunig/K.-H. Hofsümmer/C. Schröter (Anm. 4), S. 125.
9.
Vgl. Uwe Hasebrink/Jan-Hinrik Schmidt, Medienübergreifende Informationsrepertoires. Zur Rolle der Mediengattungen und einzelner Angebote für Information und Meinungsbildung, in: Media Perspektiven, (2013) 1, S. 2–12. Basis der Befragung waren Telefoninterviews mit n=1007 deutschsprechenden Personen ab 14 Jahren.
10.
Vgl. ebd. Der Logik der Studie entsprechend führt die Tabelle Kategorien auf, die sich so eng wie möglich an den Äußerungen der Befragten orientieren; daher werden etwa "Tagesschau" und ARD Nachrichten getrennt aufgeführt.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Uwe Hasebrink, Sascha Hölig für bpb.de
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