APuZ 22-23/2014: Politik, Medien, Öffentlichkeit

20.5.2014 | Von:
Christian Pentzold
Christian Katzenbach
Claudia Fraas

Digitale Plattformen und Öffentlichkeiten mediatisierter politischer Kommunikation

Einfache und komplexe Öffentlichkeiten: Blogs und Twitter

Dieses Zusammenspiel aus technologischer Strukturierung durch die Angebote und Aneignung in den Nutzungspraktiken sowie mögliche Implikationen für politische Kommunikation und Öffentlichkeiten lässt sich instruktiv an Blogs und Twitter studieren.

Blogs haben sich nach 2000 als eine online-basierte Kommunikationsform entwickelt, in der Inhalte publiziert und in umgekehrt chronologischer Reihenfolge dargestellt werden. Dabei wurden einige Funktionen etabliert, die heute auch die Kommunikation auf sozialen Netzwerkplattformen und in anderen Kommunikationsformen strukturieren und die für den Wandel politischer Öffentlichkeiten relevant sind. Entsprechend ihrer Merkmale als Kommunikationsform lassen sich Blogs als technologische Infrastruktur beschreiben, die erstens die Veröffentlichung von multimodalen Inhalten, insbesondere von Texten, Weblinks, Bildern, Audio- und Videodateien, einfach und kostengünstig ermöglicht.

Blogs verfügen zweitens in der Regel über eine Kommentarfunktion, Links und sogenannte Trackbacks, die alle die Struktur der Kommunikation nachhaltig beeinflussen. Denn während der kommunikative Kreislauf von Produktion, Zirkulation und Rezeption bei traditionellen Massenmedien zwischen Redaktionssystem, medialer Darstellung in gedruckter oder gesendeter Form und interpersonaler Anschlusskommunikation getrennte Stationen durchläuft, fallen in Blogs diese Stufen weitgehend zusammen. Blogautoren und -leser werden durch die Kommentarfunktion und andere Feedbackoptionen enger kommunikativ verbunden, und während Hyperlinks im Web häufig nur einseitig von einer Website zur anderen operieren, haben Blogs mit Trackbacks eine Vernetzungsweise etabliert, mit der Verlinkungen auch in der Gegenrichtung nachzuverfolgen sind. Verweist also ein Beitrag auf einen anderen, so sendet jener eine kurze Benachrichtigung (Ping). So ermöglichen Blogs in höherem Maße als herkömmliche Webseiten Anschlusskommunikation. Wechselseitige Bezugnahme, die für die Herstellung von Öffentlichkeit zentral ist, wird außerdem durch Trackbacks unterstützt, indem sie Verknüpfungen beidseitig nachvollziehbar machen.

Drittens strukturieren Blogs in zeitlicher Hinsicht Kommunikation, da sie immer den neuesten Beitrag prominent oben anzeigen. Die einzelnen Artikel sind aber direkt über eine feste URL adressierbar (Permalink) und bleiben so als Bezugspunkte für Anschlusskommunikationen verfügbar. Zudem haben Blogs RSS-Feeds (really simple syndication) populär gemacht. Dies ist eine softwareseitig implementierte Option, welche die Inhalte unabhängig von der Darstellung zur Verfügung stellt und es Nutzern ermöglicht, ein Blog sozusagen zu abonnieren und sich automatisch über neue Einträge informieren zu lassen. Isolierte Nutzungsepisoden auf verstreuten Webseiten werden damit in Alltagsroutinen der Rezeption bekannter Angebote überführt.

Blogs unterstützen mit diesen Ausprägungen als Kommunikationsform das Konstituieren neuer Formen von Öffentlichkeit. Dabei haben bereits frühe Studien zur Aneignung von Blogs gezeigt, dass sie weniger zur Kommentierung der aktuellen politischen Großwetterlage oder gesamtgesellschaftlicher Diskurse gebraucht werden, sondern eher zur medialen Artikulation von Alltag: Berichte aus dem Privatleben, Fotos, Kommentierung von Webseiten, Büchern, Spielen oder Filmen sowie berufsbezogene Inhalte dominieren die Blognutzung.[14] Blogs sind folglich zwar (in der Regel) öffentlich zugänglich, den wenigsten Autoren geht es aber darum, eine große, den Massenmedien entsprechende Öffentlichkeit zu erreichen oder Informationen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz zu veröffentlichen. Für die Öffentlichkeiten, die sich mittels Blogs herausbilden, wurde deshalb der Begriff der "persönlichen Öffentlichkeiten" vorgeschlagen, in denen sich Nutzer mit dem von ihnen adressierten und intendierten Publikum austauschen, um ihre Lebenswelt, ihre Erfahrungen und ihre Interessen zu teilen.[15] Aus öffentlichkeitstheoretischer Sicht scheinen sie somit zunächst vergleichbar mit einfachen Interaktionen bei Gesprächen in Cafés oder am Arbeitsplatz.

Die Mediatisierung von bloßen Alltagsgesprächen hat insbesondere in der Frühphase von Blogs wiederholt dazu geführt, dass sie als irrelevant für politische Kommunikation abgetan wurden, weil die vermeintliche Banalität der kommunizierten Themen und der kleine Kreis des Publikums wenig zu den ausgerufenen revolutionären Effekten neuer Medien für öffentliche Deliberation und kritischen Diskurs zu passen schienen. Aus zwei Gründen hat sich diese Ernüchterung aber als verfrüht erwiesen. Erstens weisen auch die kleinen blogbasierten Encounter-Öffentlichkeiten veritable demokratietheoretische Funktionen auf, gerade wenn sich das Interesse auf die "jeweilige alltagsweltliche Relevanz und damit letztlich die gesellschaftliche Wirkung von Wirklichkeitskonstruktionen, gesellschaftlichen Normen und kulturellen Zielen"[16] richtet. Zweitens können durch die Mediatisierung dieser kleinen Öffentlichkeiten und den damit ermöglichten wechselseitigen Bezugnahmen durchaus Dynamiken entstehen, welche die vormals isoliert voneinander geführten Gespräche zu größeren und gesellschaftlich einflussreicheren Öffentlichkeiten verbinden. Dabei finden zunächst verstreut in einzelnen Blogs geäußerte Ideen und Meinungen hinreichend kommunikative Resonanz in den mit ihnen verknüpften Blogs und anderen Kommunikationsformen, die durch ihre anschließenden Kommentare und Verlinkungen eine breitere und organisiertere Form an Öffentlichkeit in der Blogosphäre und dann auch für traditionelle Massenmedien etablieren können. Sie schaffen damit die Möglichkeit, dass Themen, kommunikative Rollen und Funktionen nicht mehr eindeutig bestimmten Öffentlichkeitsebenen zuzuordnen sind. Vielmehr wandern diese gewissermaßen – zumindest gelegentlich – zwischen den Ebenen.[17] In Einzelfällen, wie etwa dem Rücktritt des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler oder der (ersten) Debatte um die Einführung der Vorratsdatenspeicherung ("Stasi 2.0"), haben Blogs offenbar wesentlich dazu beigetragen, dass aus kleinen Gesprächen große öffentliche Debatten wurden.[18]

In den vergangenen Jahren gehen diese unter Umständen von Weblogs angestoßenen Dynamiken wesentlich stärker von Plattformen wie Facebook oder Twitter aus, während Blogs an Popularität verlieren.[19] Gleichwohl bleiben die anhand von Blogs gewonnenen Erkenntnisse über die Mediatisierung von Öffentlichkeiten lehrreich, da diese Plattformen auf technischer wie sozialer Ebene eine ganze Reihe der identifizierten Mechanismen reflektieren: Sie stellen als Kommunikationsform erstens eine Form der zeichenmäßig begrenzten Publikation von Texten, Bildern und Videos dar. Zweitens registrieren sie die wechselseitigen Bezugnahmen und Interaktionen der Nutzer und machen sie öffentlich. Auf der Mikroebene der persönlichen Gespräche können so bei Twitter einzelne Nutzer durch Voranstellung des @-Zeichens an den Benutzernamen direkt und für andere öffentlich adressiert werden. Die verschiedenen Twitter-Apps stellen diese Tweets in der Regel für den Nutzer besonders prominent und in einer eigenen conversation view dar. Auf Twitter spielen zudem Hashtags (ein einfaches Schlagwort mit vorangestelltem "Hash"-Zeichen #) eine entscheidende Rolle in der Strukturierung von Öffentlichkeiten, da sie Tweets über alle Nutzer hinweg verknüpfen.[20] Und auch, drittens, in zeitlicher Hinsicht sorgt die Plattform Twitter durch das "Folgen" von anderen Nutzern ähnlich wie Blogs für kommunikative Kommunität.

Ein Beispiel für die dadurch ermöglichten "ad-hoc publics"[21] und der hierbei erfolgten wechselseitigen Durchdringung von kleinen und komplexen Öffentlichkeiten ist die #aufschrei-Debatte. Ausgelöst durch einen Artikel über Sexismus-Erfahrungen einer jungen Journalistin im Politikbetrieb sowie einen Blogbeitrag zu Alltagssexismus begannen Nutzerinnen und Nutzer in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 2013 ihre persönlichen Erfahrungen von sexueller Belästigung im Alltag unter dem Hashtag Aufschrei zu teilen.[22] Die Markierung der einzelnen Beiträge sorgte nicht nur für eine gute Schlagzeile am nächsten Tag, sondern auch innerhalb der Plattform für die Zusammenführung und den Zusammenhalt der Einzelbeiträge. Aus individuellen Erlebnissen wurde ein verteiltes Gespräch, das in den folgenden Tagen auf große Resonanz in der publizistischen Berichterstattung stieß, wiederum in anderen Kommunikationsformen aufgegriffen wurde und eine breite gesellschaftliche Debatte um Sexismus zumindest deutlich befördert hat.[23]

Plattformen intensivieren auf diese Weise die Mediatisierung persönlicher Öffentlichkeiten und die Dynamisierung politischer Kommunikationsarenen. Botschaften wandern zwischen Öffentlichkeiten hin und her, von indivuellen Äußerungen zu persönlichen Gesprächen und thematischen oder ereignisbezogenen Ad-hoc-Öffentlichkeiten – und in wenigen Ausnahmefällen zu gesellschaftlichen Debatten. Dazu ist es notwendig, dass diese neu entstehenden komplexen Öffentlichkeiten kohärente Kommunikationsräume bilden, als Vermittlungssysteme der Selektion, Verarbeitung und Verbreitung von Kommunikation fungieren und so Massenmedien funktional ergänzen. Für Weblogs finden sich dahingehende Entwicklungen in der Aggregation von Rang- und Themenlisten sowie der Herausbildung einer Gruppe sehr populärer Blogs, die häufig kollektiv betrieben werden. Twitter wiederum sorgt durch das öffentliche Ranking von Popularität ebenfalls für die Organisation von Aufmerksamkeit und kommunikativem Einfluss.

Ausblick: Plattformpolitik

Die Verschiebung von einfachen Öffentlichkeiten in die von Plattformen dominierte digital vernetzte Kommunikationssphäre steigert die Chance öffentlicher Anschlusskommunikation. Weblog-Netwerke und Twitter vermitteln und verknüpfen Gespräche zu größeren Kommunikationszusammenhängen. Sie ermöglichen so das Teilen und Diskutieren von zunächst individuellen Erlebnissen und Erfahrungen als kollektive Überzeugungen und damit das Herausbilden von gesellschaftlichen Themen und Problemen. In der Konsequenz wurde zum einen die Förderung widerständiger Diskurse, zum anderen die Gefährdung des journalistischen Deutungsmonopols proklamiert.

In der Tat können die von einfachen mediatisierten Öffentlichkeiten ausgehenden Debatten als alternative Angebote der Berichterstattung und Wirklichkeitsbeschreibung gesellschaftlich wirkungsvoll werden und neben professionelle Nachrichten treten. Zugleich aber wird deutlich, dass diese Dynamiken wesentlich von der technischen und rechtlichen Ausgestaltung der Plattformen abhängen. Diese "politics of platforms"[24] bestimmen sehr grundlegend, welche Beiträge technologisch machbar und institutionell erlaubt sind. Sie verfügen über algorithmisch informierte Mechanismen, um Beiträgen und Themen Relevanz zu- beziehungsweise abzuschreiben, zwischen angemessenen und unangemessenen Aktionen zu unterscheiden sowie Nutzerverhalten und Nutzerbeziehungen zu kalkulieren und zu prognostizieren. Auf diese Weise gestalten sie den Zugang zu Informationen und Öffentlichkeiten und formieren die Chancen, an politischer Kommunikation zu partizipieren und dort Aufmerksamkeit zu erhalten. Dabei dienen die jeweiligen Plattformpolitiken nicht nur den Interessen individueller Nutzer, fördern zivilgesellschaftliche Ziele oder gehorchen politischen Instanzen. Vielmehr werden sie auch und vor allem für die Belange der kommerziellen Betreiber und ihrer Partner und Kunden eingesetzt. Die Art und Weise, wie diese Plattformen die unübersichtliche Gesprächigkeit strukturieren und damit Relevanz und Irrelevanz zuweisen, gehört damit zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung mit aktuellen Öffentlichkeiten hinzu.

Fußnoten

14.
Vgl. Bonnie Nardi et al., Why We Blog?, in: Communications of the ACM, 47 (2004), S. 41–46; Jan Schmidt, Weblogs, Konstanz 2006.
15.
Ders., Das neue Netz, Konstanz 2011, S. 105ff.
16.
Elisabeth Klaus, Das Öffentliche in Privaten – Das Private im Öffentlichen, in: Friederike Hermann/Margret Lünenborg (Hrsg.), Tabubruch als Programm, Opladen 2001, S. 24.
17.
Vgl. zur Integration der Öffentlichkeitsebenen Christoph Neuberger, Internet, Journalismus und Öffentlichkeit, in: ders./Christian Nuernbergk/Melanie Rischke (Hrsg.), Journalismus im Internet, Wiesbaden 2009, S. 19–105.
18.
Vgl. Marcel Rosenbach/Hilmar Schmundt, Aufstand der Netzbürger, in: Der Spiegel, Nr. 32 vom 3.8.2009, S. 26ff.
19.
Vgl. Birgit van Eimeren/Beate Frees, Rasanter Anstieg des Internetkonsums, in: Media Perspektiven, (2013) 7–8, S. 358–372.
20.
Tatsächlich gründen die im Folgenden beschriebenen Eigenschaften der Plattform in Nutzungsroutinen, die nachträglich als Funktionen in die Plattform-Infrastruktur integriert wurden. Vgl. Alexander Halavais, Structure of Twitter: Social and Technical, in: Katrin Weller et al. (Hrsg.), Twitter and Society, New York 2014, S. 29–42.
21.
Axel Bruns/Jean Burgess, Researching News Discussion on Twitter, in: Journalism Studies, 13 (2012), S. 801–814.
22.
Siehe hierzu auch die APuZ-Ausgabe "Sexismus", 64 (2014) 8 (Anm. d. Red.).
23.
Vgl. Axel Maireder/Stefan Schlögl, 24 Hours of an #outcry: The Networked Publics of a Socio-Political Debate, in: European Journal of Communication (i.E.).
24.
Tarleton Gillespie, The Politics of "Platforms", in: New Media & Society, 12 (2010), S. 347–364.
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