Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.

3.6.2014 | Von:
Anne-Sophie Friedel

Editorial

Das historische Jahr 1989 beginnt in Polen: Trotz Kriegsrechts und des Verbots der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność muss sich die kommunistische Staatspartei dem Druck der Streikbewegung beugen. Am 6. Februar nimmt sie am "Runden Tisch" Gespräche mit der Opposition auf, nach zwei Monaten ist der Weg frei für die erste nichtkommunistische Regierung Polens nach dem Zweiten Weltkrieg. In Ungarn, wo bereits seit 1987 unabhängige Parteien zugelassen sind, tritt im April das Politbüro geschlossen zurück. In der DDR decken Bürgerrechtler nach der Kommunalwahl am 7. Mai massive Fälschungen des offiziellen Wahlergebnisses auf. Wenig später beginnt die Öffnung des Eisernen Vorhangs an der ungarisch-österreichischen Grenze. Die heute als "singende", "friedliche" und "samtene" Revolutionen bekannten Umbrüche nehmen ihren Lauf.

So löst sich vor 25 Jahren die nach Kriegsende entstandene bipolare Weltordnung weitgehend friedlich auf. Dem Ende der kommunistischen Parteidiktaturen im östlichen Teil Europas folgt ein euphorischer Aufbruch der ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten zu Demokratie, Marktwirtschaft und europäischer Integration. Von 1989 als dem "Jahr der Wunder" (Timothy Garton Ash) ist damals die Rede, ja gar vom "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama).

Deutschland steht mit der Friedlichen Revolution in der DDR, dem Fall der Berliner Mauer und seiner Wiedervereinigung ein knappes Jahr später an zentraler Stelle dieser Erzählung des Epochenjahres 1989. Doch gibt es auch Entwicklungen und Ereignisse, die dem gängigen Narrativ vom "Aufbruch ’89" widersprechen – man blicke nur auf den Balkan, wo der langwierige und blutige Zerfallsprozess Jugoslawiens begann; nach China, wo die politische Führung mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking die demokratische Reformbewegung im Land brutal niederschlug; oder nach Afghanistan, wo nach dem Abzug der sowjetischen Besatzer ein Bürgerkrieg begann, der in die Schreckensherrschaft der Taliban mündete.


Publikationen zum Thema

Coverbild APuZ-Edition: Umbruchzeiten.

APuZ-Edition: Umbruchzeiten

Die APuZ-Edition versammelt zwölf Texte, die zwischen 1987 und 1990 in der Zeitschrift "Aus Politik...

Herbst ´89 in der DDR

Herbst ´89 in der DDR

Kaum ein Ereignis in der deutschen Nachkriegs-geschichte hat so viele Emotionen ausgelöst wie der "...

Teaserbild_TB_Nr83_Deutsche Einheit

Meilensteine der Deutschen Einheit

Der Weg vom Fall der Mauer 1989 bis zur Deutschen Einheit 1990 erscheint im Nachhinein wie eine zwan...

Coverbild Momentaufnahmen 1989/1990. Amateurfilme aus der Sammlung „Wir waren so frei...“

Moment-aufnahmen 1989/1990. Amateurfilme aus der Sammlung "Wir waren so frei..."

Im kollektiven Gedächtnis vieler Deutscher sind die Fotos und Fernsehbilder von der Friedlichen Rev...

Zum Shop

Dossier

Deutsche Teilung - Deutsche Einheit

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Dossier

Lange Wege der Deutschen Einheit

Schockartige Umwälzungen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und persönlichen Lebensumständen: Welche Folgen brachte der Systemumbruch mit sich? Und wie verläuft seitdem der Einigungsprozess in Ost und West?

Mehr lesen

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2014

Der APuZ-Jahresband 2014: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" aus dem Jahr 2014.Weiter...

Zum Shop