Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.

3.6.2014 | Von:
Axel Schildt

Politischer Aufbruch auch im Westen Deutschlands?

Inszenierungsversuche eines Aufbruchs

Unter Einbeziehung eines weiteren semantischen Feldes lassen sich einige Versuche dokumentieren, den Vereinigungsprozess mit publizistischen Vorstößen zu flankieren, die einen politischen Aufbruch postulierten. Die eigentliche Kernzeit der Kreation von Aufbruchsbegriffen waren nicht die Jahre 1989/1990, sondern die mittleren 1990er Jahre, als die "Berliner Republik" zum zentralen Streitpunkt wurde.[9] Die Prominenz dieses Begriffs speiste sich aus den vielfältigen Möglichkeiten seiner Besetzung. Er stand zunächst für die Empfindung und den Wunsch nach der Betonung einer tiefen Zäsur 1990, ob als simple Möglichkeit der Unterscheidung von Epochen in der Trias der Weimarer, Bonner und Berliner Republik oder als Sehnsucht nach einer Metropole als Hauptstadt in Verbindung mit dem Narrativ von Deutschlands Mitte und dem Postulat einer auch Ostdeutschland integrierenden politischen Formel für die erweiterte Bundesrepublik. Rückblickend wird häufig der Publizist Johannes Gross, ein Bewunderer des Staats- und Völkerrechtlers Carl Schmitt, als Begriffsschöpfer genannt. 1995 legte er eine schmale Schrift zur "Begründung der Berliner Republik" vor, die von ihm als Ende der "Binnenisolation der deutschen Politik" begrüßt wurde. Die Bundesrepublik sei "durch die Wiedervereinigung nicht nur größer, sondern dank der sie begleitenden Veränderungen der internationalen Politik von Grund auf anders geworden." Deutschland solle wieder die Rolle einer "Führungsmacht mit gleichberechtigter Mitentscheidung in Weltfragen" beanspruchen.[10]

Eingeführt wurde der Begriff "Berliner Republik" allerdings einige Jahre zuvor in pejorativem Sinne. Auf einer lokalen "Donnerstagsdemonstration" gegen die Verlegung des Regierungssitzes nach Berlin 1991 rief der CSU-Bundestagsabgeordnete Günther Müller auf dem Bonner Marktplatz unter dem Beifall der Menge: "Der Bürger soll wissen, was ihn dieses Vergnügen, aus der Bonner Republik eine Berliner Republik zu machen, kostet."[11] Geradezu instinktiv wehrten sich an erster Stelle Regierungspolitikerinnen und -politiker gegen den Begriff der "Berliner Republik". Hier wirkte die Negativformel von der "anderen Republik" aus den 1980er Jahren nach, die es zu verhindern galt. Bundeskanzler Helmut Kohl bezeichnete den Begriff als "ausgemachten Unsinn".[12] Die föderalistisch grundierte Kritik wurde von jenen linken Intellektuellen geteilt, die für die Verwestlichung der "alten" Bundesrepublik standen. Habermas erklärte, dass ihm der europäisch denkende "Kohl auch sympathisch geworden" sei, demonstriere er doch in seiner Zivilität das "beinahe schon körperliche Dementi jener Art von Staatsästhetik, die von unseren elitären Geistern, vor allem seit 1989, eingefordert wird".[13]

Parallel zur "Berliner Republik" verbreitete sich der Begriff "Generation 89". Ursprünglich eine zugleich ironische und selbstbewusste Eigenbezeichnung von Akteuren der großen Streikbewegung an den Universitäten der "alten" Bundesrepublik 1988/1989, wurde er von dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie als Label für den erhofften erneuten Aufbruch des akademischen Nachwuchses benutzt.[14] Die dem Generationenkonzept inhärente Suggestion der Überwindung des Älteren durch das Jüngere verlockte allerdings auch junge Rechtsintellektuelle, diesen Begriff für sich zu reklamieren.[15] Die Vorstellung der Überwindung der alten 68er, die sich mit der Zweistaatlichkeit abgefunden hätten und mit der nationalen Einheit nichts anzufangen wüssten, durch eine jüngere Generation, die genau hier ihren Ausgangspunkt nehmen würde, beherrschte die Pressespalten wohl deshalb nur kurzzeitig, weil sie mit der empirischen Realität wenig zu tun hatte. Anhaltende Begeisterung für die deutsche Einheit war im jüngeren Teil der westdeutschen Bevölkerung seltener als in anderen Alterssegmenten anzutreffen.[16]

Zum Generationenprojekt wurde stattdessen bald der Regierungswechsel 1998 stilisiert, der ansonsten als Sieg einer "Linksunion"[17] erschien. Die rot-grüne Aufbruchsrhetorik ließ eher den krönenden Abschluss des "Marsches durch die Institutionen" assoziieren, den Rudi Dutschke 1968 propagiert hatte, als einen Erfolg der "Mauerfallkinder".[18] Für den dringend herbeigesehnten neuen "Stil" einer ernsthaften Politik jenseits der Bonner "ironischen Nation" wurde eine intellektuelle "Generation Berlin" präsentiert,[19] die allerdings kaum auffindbar war und nur eine kurze Halbwertzeit hatte. Habermas kommentierte den Stilisierungsversuch sarkastisch: "Mein Freund Herbert Marcuse, der ja den Berliner Tonfall nicht einmal im Englischen verleugnete, hätte zu den kursierenden Schnittmustern für eine ‚Generation Berlin‘ nur ‚Kacke mit Lakritze‘ gesagt. Eine neue Generation oder eine neue Kultur, die der Hauptstadt ja zu wünschen wäre, kann man schlecht ankündigen. Man ist eine neue Generation, indem man etwas Neues hervorbringt – mit einem neuen Design ist es nicht getan."[20]

Es ist nicht zu bestreiten, dass sich die Bundesrepublik ein Jahrzehnt nach der Herstellung der deutschen Einheit nicht nur innen- (Stichwort: Agenda 2010), sondern auch außenpolitisch stark verändert hatte. Die Gründung der "Berliner Republik" wird denn auch häufig erst in der Beteiligung an der NATO-Intervention gegen Serbien 1999 oder, als "der wahre Geburtsakt der Berliner Republik",[21] in der deutschen Verweigerung einer Teilnahme am Irakkrieg drei Jahre später gesehen, also in einer selbstbewussteren deutschen Außenpolitik. Aber selbst wenn die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer die "Berliner Republik" realisiert haben sollte, so drückte sich dies nicht in einem "Aufbruch"[22] aus. Die "Windmaschine" der Presse in der "Berliner Medienrepublik" bildet zwar einen deutlichen Kontrast zum "Bundesdorf" Bonn der 1980er Jahre, aber die eingetretene kommunikative Beschleunigung hatte wohl mehr mit revolutionären technischen Neuerungen und weniger mit der deutschen Einheit und dem Wechsel des Regierungssitzes zu tun.[23]

Gründe für den ausgebliebenen Aufbruch

Zu resümieren ist, dass es einen politischen Aufbruch in Westdeutschland nur als Inszenierungsversuche im Kampf um publizistische Deutungshoheit gab. Die darum kreisenden elitären Diskurse entfalteten keine größere gesellschaftliche Mobilisierung. Die Gründe dafür sind politische, wirtschaftliche und ideologische.

An erster Stelle ist die Form der Vereinigung als Beitritt zu nennen, bei dem von der Fahne bis zur Hymne – abgesehen vom immer wieder zitierten "Ampelmännchen" – kaum etwas aus der DDR stammte oder gemeinsam neu geschaffen wurde. Der Historiker Andreas Rödder konstatierte zu Recht: "Die Bundesregierung gestaltete die Wiedervereinigung ganz aus den Denkmustern der ‚alten Bundesrepublik‘."[24] Der Verzicht auf eine entsprechende Symbolik spiegelte den Wunsch nach Kontinuität wider. Warum sollte es im Westen Deutschlands einen Aufbruch geben, wenn man den Systemwettbewerb gewonnen hatte und alles so weiter gehen sollte wie gewohnt? Die beruhigende Nachricht, die Einheit könne aus der Portokasse bezahlt werden, bildete das Pendant zum Versprechen an die neuen Bundesbürger, man werde den erfolgreichen Wiederaufbau wiederholen und "blühende Landschaften" schaffen. Konterkariert wurde jeglicher Aufbruchswille zudem durch die Fortsetzung der Bonner Koalition, die nur durch den "Mauerfall für Kohl (als) ein Geschenk der Geschichte"[25] überdauerte.

Hinzu kam, dass sich in der Öffentlichkeit bald herumsprach, dass die Kosten der Einheit weit höher lagen als zunächst dargestellt.[26] Zwar konnte grassierenden Befürchtungen, ohne den Systemwettbewerb werde sich ein Kapitalismus sans phrase durchsetzen, mit der Formel vom "rheinischen Kapitalismus" (ein in den 1990er Jahren eingeführter Begriff) – also der "sozialen Marktwirtschaft" – glaubhaft entgegengetreten werden. Aber in den Medien wurde zugleich die Gefahr eines sich vergrößernden internationalen Rückstandes der Bundesrepublik ausgemalt.

Schließlich ist auf die international herrschende ideologische Grundstimmung eines selbstgewissen Quietismus der Siegerseite hinzuweisen, die sich im Titel des noch vor dem Mauerfall 1989 verfassten Textes des US-Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama "The End of History?" ausdrückte.[27] Gemeint war damit der endgültige Sieg des Liberalismus, der sich unweigerlich vollziehen würde und keines kollektiven Aufbruchs, sondern individueller karrieristischer Aufbrüche bedurfte.

In diesem Sinne verschwand die – politisch gelöste – nationale Dimension der deutschen Einheit hinter der europäischen Integration und einem enormen Globalisierungsschub,[28] der sich lebensweltlich vor allem in revolutionären kommunikativen und medialen Beschleunigungen ausdrückte. Der Journalist Frank Schirrmacher erklärte vor diesem Hintergrund die "deutsche Revolution, die ganz Osteuropa ergriff" zu "Deutschlands Beitrag zur Globalisierung".[29]

So wurden die sozialpolitischen Einschnitte der 2000er Jahre nicht von nationalem Pathos begleitet, sondern nüchtern mit dem Argument des globalen ökonomischen Wettbewerbs durchgesetzt. Am Ende steht eine – angenehme – Enttäuschung. Die politische Aufbruchsrhetorik verpuffte in der Normalität einer Gesellschaft, die ihrer offenbar nicht bedurfte.[30]

Fußnoten

9.
Vgl. Axel Schildt, "Berliner Republik". Harmlose Bezeichnung oder ideologischer Kampfbegriff?, in: Michaela Bachem-Rehm et al. (Hrsg.), Teilungen überwinden. Europäische und internationale Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Wilfried Loth, München 2014, S. 21–32.
10.
Johannes Gross, Begründung der Berliner Republik. Deutschland am Ende des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1995, S. 7, 92, 124; vgl. Patrick Bahners, Begründerzeit. Johannes Gross als Glossator des Verfassungswandels im Übergang von Bonn nach Berlin, in: M.C. Bienert et al. (Anm. 4), S. 181–200.
11.
Zit. nach: "Das Elend ist unbeschreiblich". Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über Bonner Hoffnungen und Selbstmitleid im Sommerloch, in: Der Spiegel, Nr. 34 vom 19.8.1991, S. 43.
12.
Zit. nach: Michael Sontheimer, Berlin, Berlin. Der Umzug in die Hauptstadt, Hamburg 1999, S. 222; zahlreiche ablehnende Stimmen in: Rheinische Post (Hrsg.), Streitfall Berliner Republik. Aufsätze, Polemiken, Interviews, Düsseldorf 1999.
13.
Jürgen Habermas, Zeit der Übergänge. Kleine politische Schriften IX. Frankfurt/M. 2001, S. 11; Habermas spielte offenbar auf den Herausgeber der Zeitschrift "Merkur" Karl-Heinz Bohrer an, der bereits in den 1980er Jahren aus umgekehrtem Grund seine ästhetisch-politische Abneigung gegen den Bundeskanzler kultiviert hatte.
14.
Vgl. Claus Leggewie, Die 89er. Porträt einer Generation, Hamburg 1995.
15.
Vgl. Roland Bubik (Hrsg.), Wir 89er. Wer wir sind und was wir wollen, Frankfurt/M. 1995; Heimo Schwilk/Ulrich Schacht, Die selbstbewusste Nation, Frankfurt/M.–Berlin 1995.
16.
Vgl. U. Herbert (Anm. 1), S. 1106, 1115.
17.
Arnulf Baring, Die Berliner Republik, in: APuZ, (1999) 32–33, S. 9–15, hier: S. 11.
18.
Vgl. Edgar Wolfrum, Rot-Grün an der Macht. Deutschland 1998–2005, München 2013, S. 626ff.
19.
Heinz Bude schreibt, er habe den Begriff 1998 eingeführt. Vgl. Heinz Bude, Generation Berlin, Berlin 2001, S. 7; vgl. E. Wolfrum (Anm. 18), S. 629, 777.
20.
J. Habermas (Anm. 13), S. 21f.
21.
Mary M. McKenzie, The Origins of the Berlin Republic, in: James Sperling (Hrsg.), Germany at Fifty-Five. Berlin ist nicht Bonn?, Manchester–New York 2004, S. 58–79, hier: S. 75.
22.
So explizit E. Wolfrum (Anm. 18), S. 633.
23.
Vgl. Lutz Hachmeister, Nervöse Zone. Politik und Journalismus in der Berliner Republik, Stuttgart 2007, S. 16, S. 82.
24.
Andreas Rödder, Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung, München 2009, S. 371.
25.
Gregor Schöllgen, Deutsche Außenpolitik von 1945 bis zur Gegenwart, München 2013, S. 234; vgl. Andreas Wirsching, Eine "Ära Kohl"? Die widersprüchliche Signatur deutscher Regierungspolitik 1982–1998, in: Meik Woyke (Hrsg.), Wandel des Politischen. Die Bundesrepublik Deutschland während der 1980er Jahre, Bonn 2013, S. 671–688.
26.
Vgl. Gerhard A. Ritter, Der Preis der deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaats, München 2007, S. 351ff.
27.
Deutsche Fassung des zum Buch erweiterten Aufsatzes: Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992; zur Rezeption vgl. zuletzt U. Herbert (Anm. 1), S. 1133ff.
28.
Vgl. Akira Iriye, Die Entstehung einer transnationalen Welt, in: ders. (Hrsg.), 1945 bis heute. Die globalisierte Welt, München 2013, S. 671–825.
29.
Frank Schirrmacher, Der Westen ist frei, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 30.9.2000, Beilage Bilder und Zeiten; vgl. Axel Schildt/Detlef Siegfried, Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik. Von 1945 bis zur Gegenwart, München 2009, S. 517ff.
30.
Vgl. Axel Schildt, Zeitgeschichte der "Berliner Republik", in: APuZ, (2012) 1–3, S. 3–8.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Axel Schildt für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Was Kathrin erlebt, erzählt sie im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich".

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Coverbild APuZ-Edition: Umbruchzeiten.

APuZ-Edition: Umbruchzeiten

Die APuZ-Edition versammelt zwölf Texte, die zwischen 1987 und 1990 in der Zeitschrift "Aus Politik...

Herbst ´89 in der DDR

Herbst ´89 in der DDR

Kaum ein Ereignis in der deutschen Nachkriegs-geschichte hat so viele Emotionen ausgelöst wie der "...

Teaserbild_TB_Nr83_Deutsche Einheit

Meilensteine der Deutschen Einheit

Der Weg vom Fall der Mauer 1989 bis zur Deutschen Einheit 1990 erscheint im Nachhinein wie eine zwan...

Zum Shop

Dossier

Deutsche Teilung - Deutsche Einheit

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Dossier

Lange Wege der Deutschen Einheit

Schockartige Umwälzungen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und persönlichen Lebensumständen: Welche Folgen brachte der Systemumbruch mit sich? Und wie verläuft seitdem der Einigungsprozess in Ost und West?

Mehr lesen

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2014

Der APuZ-Jahresband 2014: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" aus dem Jahr 2014.Weiter...

Zum Shop