Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.

3.6.2014 | Von:
Bernd Lindner

Begriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche

Friedliche Revolution

Der Revolutions-Begriff spielte im Herbst 1989 zunächst kaum eine Rolle. Das gilt auch für die Massendemonstrationen auf den Straßen von Leipzig, Plauen und Berlin.[14] Während dort in Losungen und auf Transparenten über vierzig Mal der Wunsch nach Reformen thematisiert wurde, war in ihnen nur sechs Mal von einer Revolution die Rede. Und dies zudem erst spät: "Es lebe die Oktoberrevolution 1989" wurde am 4. November auf einem Berliner Transparent verkündet.[15] Die gleiche Losung ist vom 18. November auch aus Plauen überliefert.[16] In Leipzig tauchte der Begriff gar erst am 11. Dezember auf – dann aber gleich auf zwei Transparenten: "Es lebe die sächsische Revolution!" und "Wir brauchen jetzt eine psychologische Revolution – im Kopf muss es beginnen!"[17]

Die Bürgerrechtler selbst benutzten den Revolutions-Begriff lange nur in historischen Kontexten. So formulierte DJ in seinem Gründungsaufruf: "Wir wollen, dass die sozialistische Revolution, die in der Verstaatlichung stehengeblieben ist, weitergeführt und dadurch zukunftsfähig gemacht wird."[18] Ähnlich der Schriftsteller Stefan Heym in seiner Rede am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz. Freudig begrüßte er das Erlernen des "aufrechten Gangs", und "das in Deutschland, wo bisher sämtliche Revolutionen danebengegangen waren".[19] Aber auch in westlichen Medien fand sich der Begriff selten. So berichtete "Die Tageszeitung" (taz) vom 18. Oktober 1989 unter der Schlagzeile "Schlüsselläuten der Revolution" von einer Dialogveranstaltung auf dem Dresdner Rathausplatz, ohne aber weiter auf den Begriff einzugehen.

All das verwundert, zog sich doch – dank Michail Gorbatschow und seiner "Revolution von oben"[20] – der Begriff durch die gesamte zweite Hälfte der 1980er Jahre. Daran, dass die Perestroika eine "neue Revolution" in Nachfolge der Oktoberrevolution von 1917 sei, ließ Gorbatschow nie einen Zweifel. Der Sozialismus benötige "mehrere revolutionäre Anläufe (…), um alle seine Potenzen zur Geltung zu bringen".[21]

Das Adjektiv friedlich war im Herbst 1989 in der DDR dagegen ständig präsent. Denn anders als gewaltfrei konnten sich Bürgerbewegungen wie DJ keine Veränderungen vorstellen: "Unser Land bedarf der friedlichen demokratischen Erneuerung."[22] Mit der landesweiten Eskalation der Gewalt durch die SED-Führung am Rande der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 gewann der Aspekt der Friedlichkeit noch mehr an Bedeutung – und zwar auf beiden Seiten: "Ein Volk, das zur Sprachlosigkeit gezwungen wurde, fängt an, gewalttätig zu werden", mahnten Dresdner Schauspieler in einem öffentlich verlesenen Appell.[23] Und am 9. Oktober beschwor die VL in Leipzig in einem Flugblatt Demonstrierende wie Sicherheitskräfte: "Die demokratische Bewegung kann nur friedlich und gewaltfrei ihren Weg gehen."[24]

In Verbindung zueinander wurden beide Begriffe aber erst Wochen später gebracht. Am Abend des 4. November 1989 bilanzierten die Aktivistinnen und Aktivisten der Berliner Umweltbibliothek erleichtert die Ereignisse im Land mit dem Satz: "Eine neue DDR-Identität ist entstanden, die Identität einer gewaltlosen Revolution."[25] Und am 6. November umschrieb Klaus Hartung in einem taz-Kommentar unter dem vorahnungsvollen Titel "Der Fall der Mauer" das Geschehen in der DDR wie folgt: "Es ist die erstaunlichste, die unvorstellbarste Revolution, die man sich denken kann. Die Läden sind geöffnet, die Eisenbahnen fahren, die Büros sind besetzt, und zur gleichen Zeit (…) wird die realsozialistische Herrschaft zersetzt (…)."

Den Begriff der Friedlichen Revolution aber, der die Vorgänge in der DDR im Herbst 1989 in gültiger Weise beschreibt, formulierte erstmals ein Westdeutscher: Walter Momper, damals Regierender Bürgermeister von West-Berlin. Am Abend nach dem Mauerfall, dem 10. November 1989, beglückwünschte er in einer Rede vor dem Schöneberger Rathaus "die Bürgerinnen und Bürger der DDR zu ihrer friedlichen und demokratischen Revolution." Weiter führte er aus: "Nach der Revolution von 1918, die auch am 9. November stattfand, ist dies die erste demokratische Revolution in Deutschland, die erste Revolution, die mit völlig friedlichen Mitteln (…) durchgesetzt wird. Wir bewundern den Mut und die Disziplin der demokratischen Bewegung in der DDR." Davon, so war er überzeugt, könnten sich die Westdeutschen "noch manche Scheibe abschneiden".[26] Mompers Glückwunsch an die friedlichen Revolutionäre in der DDR wurde in vielen Medien ausgestrahlt und tags darauf von zahlreichen westdeutschen Zeitungen gedruckt. Aber auch die Nachrichtenagentur der DDR ADN verbreitete Mompers Gratulation. Sie widmete seiner Rede sogar mehr als die Hälfte ihrer 30-Zeilen-Meldung – in der ihr eigenen Diktion: "Starken Beifall fand die Feststellung Mompers, es könne sein, dass der Westen, was die demokratische Kultur angehe, in der Zukunft von der DDR noch einiges lernen könne." Die Meldung erschien wortgleich in allen Tageszeitungen der DDR.[27]

Zwei Tage später findet sich Mompers Begriffspaar in einer Erklärung des NF: "Bürgerinnen und Bürger der DDR! Eure spontanen und furchtlosen Willensbekundungen im ganzen Land haben eine friedliche Revolution in Gang gesetzt, haben das Politbüro gestürzt und die Mauer durchbrochen."[28] Aber auch Ludwig Mehlhorn von DJ nannte die Ereignisse des Herbstes 1989 nun plötzlich "unsere friedlich-gewaltfreie Revolution".[29] Ein Sprachduktus, der sich in den Reihen der Herbstrevolutionäre vorerst aber nicht durchsetzen sollte. So bekundete Konrad Weiß schon bald darauf: "Ich selbst gebrauche eigentlich das Wort ‚Revolution‘ in diesem Zusammenhang nicht, sondern ich sage ‚Umbruch‘."[30] Distanziert äußerte sich auch Bärbel Bohley, die von westlichen Medien gern als "Mutter der Revolution" gefeiert wurde. Sie gab im Frühjahr 1990 zu Protokoll: "Ich habe schon immer daran gezweifelt, dass es eine Revolution ist. Ich habe das mehr als ein Aufbegehren empfunden, das aus einer großen Hilflosigkeit entstanden ist."[31]

Westdeutschen Politikerinnen und Politikern ging die Wortmarke dagegen bald leicht über die Lippen. Bundeskanzler Helmut Kohl fand in seiner Ansprache vor der Dresdner Frauenkirche am 19. Dezember 1989 nun ebenfalls Worte "der Anerkennung und Bewunderung für diese friedliche Revolution".[32] Wenige Wochen später präsentierte sich der DA, der zusammen mit der Ost-CDU und der DSU die Wahlvereinigung "Allianz für Deutschland" eingegangen war, auf Handzetteln als "Partei der gewaltfreien demokratischen Revolution".[33]

Fußnoten

14.
Von diesen drei Demonstrationszentren liegen umfangreiche Übersichten über die dort gerufenen Losungen und Transparente vor.
15.
Vgl. Initiativgruppe 4.11.89 (Hrsg.), 40 Jahre DDR – TschüSSED 4.11.89, Berlin–Bonn 1990, S. 21.
16.
Vgl. Annaliese Saupe, Das Volk steht auf!, Plauen 1990 (unveröffentlichte Chronik vom 28.10.1989 bis 17.3.1990, 19 Seiten). Aus dem nah gelegenen Markneukirchen ist die Variante "Es lebe die ’89er Oktoberrevolution" überliefert; vgl. B. Lindner (Anm. 1), S. 83.
17.
Wolfgang Schneider (Hrsg.), Leipziger Demontagebuch, Demo – Montag – Tagebuch, Leipzig 1990, S. 154f.
18.
Bürgerbewegung Demokratie Jetzt (Anm. 7).
19.
Initiativgruppe 4.11.89 (Anm. 15), S. 36.
20.
Michail Gorbatschow, Umgestaltung und neues Denken für unser Land und für die ganze Welt, Berlin 1988, S. 65.
21.
Ebd., S. 58f.
22.
Bürgerbewegung Demokratie Jetzt (Anm. 7).
23.
Hans Kromer, Dresden: Die friedliche Revolution, Bremen 1990, o.S.; am 4. und 5.10.1989 hatten Ausreisewillige gewaltsam versucht den Dresdner Hauptbahnhof zu stürmen, um die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen aus Prag zu erreichen.
24.
B. Lindner (Anm. 1), S. 108.
25.
R.L., Eine Kundgebung als Plebiszit, in: Telegraph, (1989) 7, S. 1.
26.
Für den vollen Wortlaut der Rede vgl. http://www.ruhr-nachrichten.de/staedte/selm/Walter-Mompers-Rede-vom-10-November-1989;art931,722470« (29.4.2014).
27.
Unter anderem in: Neues Deutschland (ND) und Berliner Zeitung vom 11.11.1989, S. 13 bzw. S. 8.
28.
Initiativgruppe Neues Forum, Die Mauer ist gefallen, in: taz DDR-Journal zur Novemberrevolution, Berlin 1990, S. 132.
29.
Ludwig Mehlhorn, "Die Mauer muss weg" – Und nun?, in: Demokratie Jetzt, Zeitung der Bürgerbewegung, (1989) 8, S. 3.
30.
Konrad Weiß, Die missglückte Revolution, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 35 (1990) 5, S. 555.
31.
Hagen Findeis et al. (Hrsg.), Die Entzauberung des Politischen, Was ist aus den politisch alternativen Gruppen der DDR geworden? Interviews mit ehemals führenden Vertretern, Leipzig 1994, S. 57.
32.
Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Rede des Bundeskanzlers vor der Frauenkirche in Dresden, Kundgebung am 19. Dezember 1989, Bulletin 150–89 vom 22.12.1989, S. 1261.
33.
Demokratischer Aufbruch, Der Wahlkampf hat begonnen!, 1990 (o.D.), http://www.deutscheeinheitleipzig.de/ausstellung/hausderdemokratie/dokumente/
da/1_Allianz.pdf
(30.3.2014).
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Autor: Bernd Lindner für bpb.de
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Am 9. Oktober 1989 demonstrierten in Leipzig mehr als 70.000 Menschen für Reformen in der DDR. Erstmals griffen SED und Stasi nicht ein - die Friedliche Revolution in der DDR nahm ihren Lauf. Landesweit dokumentierte die Geheimpolizei Stasi ab diesem Zeitpunkt rund 1.200 unterschiedliche Rufe und Transparente, darunter auch immer lauter werdende Rufe nach Wiedervereinigung. Anfangs wurden sie noch indirekt formuliert. Eine komplette Stasi-Akte zum Nachlesen als PDF - ein zeithistorisches Dokument.

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