Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.

3.6.2014 | Von:
Bernd Lindner

Begriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche

Wende

Im Jahr 1988 hatte Volker Braun das Gedicht "Die Wende" verfasst:

Dieser überraschende Landwind
In den Korridoren. Zerschmetterte
Schreibtische. Das Blut, das die Zeitungen
UND DER RUHM? UND DER HUNGER
Erbrechen. Auf den Hacken
Dreht sich die Geschichte um;
Für einen Moment
Entschlossen."

Ein Jahr später eröffnete am 11. Oktober 1989 der Dichter die 40. Spielzeit des Berliner Ensembles mit dem eigens dafür verfassten Prolog "Gegen die symmetrische Welt". Der vierteilige Text endet mit der Aufforderung: "Eröffnen wir/Auch das Gespräch/Über die Wende im Land."[34] Volker Braun bezieht sich dabei auf Gorbatschow, zu dessen Vokabular der Wende-Begriff gehört habe,[35] auch wenn der sowjetische Reformer ihn hauptsächlich im Zusammenhang mit globalen und Abrüstungsfragen verwendete.[36] Sein Wende-Gedicht trug Braun im Herbst 1989 wiederholt öffentlich vor, so unter anderem am 28. Oktober in der Ostberliner Erlöserkirche[37] oder in der Leipziger "Neuen Szene" am 9. November. Sein Prolog-Text wurde in jenen Wochen vom Ostberliner Brecht-Zentrum als Flugblatt verteilt. Ebenfalls als Flugschrift im Umlauf war seit dem 4. September der Gründungsappell der VL, in dem es einleitend hieß: "Ein linkes alternatives Konzept für eine Wende wird immer dringlicher!"[38]

Der Wende-Begriff war – in Bezug auf die angestrebte Gesellschaftsreform – in der DDR also bereits länger im Gebrauch, noch bevor "Der Spiegel" ihn am 16. Oktober 1989 auf seinen Titel druckte. Der eigentliche Aufmacher des Heftes war ein anderer, doch angesichts der machtvollen Demonstration der 70.000 am Montag zuvor in Leipzig überspannte das Cover zusätzlich eine gelbe Banderole. Sie verkündete kurz und knapp: "DDR – Die Wende". Erst weitere zwei Tage später – am Ende der Begriffsschöpfungshistorie – trat Egon Krenz damit in Erscheinung. Der frisch gekürte SED-Generalsekretär verkündete am Abend des 18. Oktober 1989 via Fernsehen und Rundfunk: "Mit der heutigen Tagung des Zentralkomitees werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen."[39] Allein, dass er den Wende-Begriff von nun an wieder und wieder gebrauchte, um sich und die SED zu den eigentlichen Erneuerern der DDR zu stilisieren, macht Krenz – auch im Nachhinein – nicht zu dessen Schöpfer, zu dem er bis heute aber allenthalben erklärt wird. Er hat den Begriff lediglich korrumpiert, was wachen Zeitgenossen übrigens bereits damals auffiel. Christa Wolf stellte in ihrer Rede am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz fest: "Mit dem Wort Wende habe ich meine Schwierigkeiten. Ich sehe da ein Segelboot, der Kapitän ruft: ‚Klar zur Wende!‘, weil der Wind sich gedreht hat und die Mannschaft duckt sich, wenn der Segelbaum über das Boot fegt."[40] Und lakonisch kommentierten Transparente auf der gleichen Demonstration: "Wenden nicht winden", "Zugeständnisse sind keine Wende" oder "Prima Egon, wende gehst".[41] Die Sprechergruppe der VL mahnte einen Tag später an: "Wir hören jetzt häufig, die ‚Wende‘ sei da, und manchmal schon, sie sei unumkehrbar. Wir hören dies auch von Politikern, die noch vor wenigen Wochen zentrale Interessen der Bevölkerung ignorierten und die Notwendigkeit einer Reform entschieden bestritten haben."[42] Weitere Belege ließen sich anfügen. Statt also fortgesetzt auf Krenz als vermeintlichen Schöpfer des Wende-Begriffes zu zeigen und ihn damit nachträglich auf das Podest zu heben, das er damals gern erklommen hätte, sollte analytisch hinterfragt werden, warum "bis heute ‚Wende‘ derjenige Begriff (ist), der für die meisten Ostdeutschen den fundamentalen Wandel des Herbstes 1989 am besten einfängt".[43]

"Wir sind das Volk!"

Auch die zentrale Losung der Friedlichen Revolution, die wie keine andere deren basisdemokratischen Anspruch auf den Punkt brachte, hat künstlerische Vorläufer. Dabei muss man nicht einmal bis auf Friedrich Schiller[44] oder Ferdinand Freiligrath und dessen Revolutionshymnus von 1848 "Trotz alledem!" zurückgehen: "Wir sind das Volk, die Menschheit wir,/Sind ewig drum, trotz alledem! (…)/Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht/Unser ist die Welt, trotz alledem!"[45] Es reicht auch der Rückgriff auf aktuellere Quellen wie den Song "Prügelknaben" der ostdeutschen Punkband Schleimkeim, die schon Mitte der 1980er Jahre sang: "Wir wollen nicht mehr, wie ihr wollt/Wir wollen unsere Freiheit/Wir sind das Volk, wir sind die Macht (…)/Es ist zu spät, wenn es erstmal kracht."[46] Die Band stammte zwar aus Gotha und gerufen wurde die Losung "Wir sind das Volk!" zuerst auf der Leipziger Montagsdemonstration am 2. Oktober 1989,[47] aber "die Punkszene in Leipzig war durch Konzertauftritte und die umlaufenden Kassetten mit der SK-Musik vertraut, auch mit den Texten."[48] Wer kann schon ausschließen, dass damals ein Punk "als erster die Parole gerufen" hat; "unter den 25.000 Demonstranten werden gewiss einige dabei gewesen sein."[49] Eine andere Spur führt gar in die USA. In Martin Scorseses Film "Taxi Driver" (1975), verliebt sich dessen Held – der New Yorker Taxifahrer Travis (dargestellt von Robert De Niro) – in die Wahlkampfhelferin eines konservativen Politikers. Dessen Kampagne steht unter dem Slogan "We are the people!" In der Synchronfassung des Films, der in den 1980er Jahren mehrfach von bundesdeutschen Fernsehsendern und damit auch auf das Territorium der DDR ausgestrahlt wurde, ist die Losung mit "Wir sind das Volk!" übersetzt worden.

Die Situation, in der die Losung erstmals auf dem Innenstadtring von Leipzig gerufen wurde, war äußerst angespannt. Der Demonstrationszug wurde von einer Polizei-Sperrkette mit Hunden am Weiterziehen gehindert. "Als die Polizisten den Lautsprecher einschalteten und sagten: 'Hier spricht die Volkspolizei', antwortete die Menge: 'Wir sind das Volk'".[50] Eine Situation, die der auf dem Tiananmen-Platz in Peking vier Monate zuvor erstaunlich ähnelte. Ein chinesischer Zeitzeuge berichtete darüber im Juni-Heft der "Umweltblätter": "Wir blieben sitzen und sangen Hand in Hand die 'Internationale'. Außerdem riefen wir: 'Volksbefreiungsarmee, schlag nicht das Volk!'"[51] Dieser und andere Berichte über den blutigen Terror in Peking machten unter den Bürgerrechtlern in der DDR die Runde und hingen auch in Kirchen aus. Dadurch könnte ebenfalls der "Wort-Funke" auf die Leipziger Demonstranten übergesprungen sein. Denkbar ist aber auch, "dass der Ruf aus verschiedenen Anlässen nahezu gleichzeitig entstanden ist. Er lag bei der Fülle der Gelegenheiten in der Luft und verbreitete sich in Windeseile."[52] So zeigt ein am 7. Oktober 1989 in Plauen aufgenommenes Foto zwei Jugendliche mit einem schmalen Transparent, auf dem die Losung "Wir sind das Volk!" zu lesen ist.[53]

Ein weiterer Beleg dafür, dass diese Losung zuerst am 2. Oktober 1989 in Leipzig und nicht am 8. Oktober in Dresden gerufen wurde,[54] ist ihre frühe Adaption in die nicht weniger bekannte Losung "Wir sind ein Volk!". Sie wurde erstmals am 9. Oktober 1989 auf einem Flugblatt dreier Leipziger Bürgerrechtsgruppen mehr als 30.000 Mal im Stadtzentrum verteilt. Auf diesem Appell für Gewaltlosigkeit ist der Satz "Wir sind ein Volk!" im Drucksatz deutlich hervorgehoben. Er sollte nicht übersehen werden, wandte er sich doch an die hochgerüsteten Sicherheitskräfte ebenso wie an die 70.000 entschlossenen Demonstranten, die sich auf dem Ring um die Leipziger Innenstadt versammelt hatten. Sie alle waren an diesem Schicksalstag "ein Volk", und nur wenn sich beide Seiten jeder Gewalt enthielten, war ein Blutvergießen zu verhindern. Gedruckt wurden die Flugblätter bereits am 8. Oktober 1989. Und auch überregional wurde der Text bekannt, da ihn die taz in ihrer Ausgabe vom 9. Oktober vollständig abdruckte.[55]

Als die Losung am 11. November 1989 das nächste Mal in der Öffentlichkeit erschien, hatte sie eine gänzlich andere Konnotation: An diesem Tag titelte die "Bild" in unübersehbar großen Lettern: "‚Wir sind das Volk‘ rufen sie heute – ‚Wir sind ein Volk‘ rufen sie morgen!" Ihre Karriere als CDU-Wahlkampflosung zur deutschen Einheit stand ihr da aber noch bevor.[56]

Vorläufiges Fazit

In dieser Begriffsgeschichte wurde mit Bürgerbewegung, Friedliche Revolution, Wende und "Wir sind das Volk" auf einige zentrale Begriffe und Losungen des Herbstes 1989 in der DDR und ihre (möglichen) Quellen eingegangen. Auf die für die damalige Bürgerbewegung nicht minder zentralen Begriffe Dialog und Reform konnte hier aus Platzgründen nicht gesondert eingegangen werden. Die Recherchen, die dem Beitrag zugrunde liegen, sind jedoch weitaus umfangreicher. Zugleich harren weitere Quellen noch der Sichtung.[57] Direkte kausale Zusammenhänge zwischen den benannten Begriffsquellen und ihrem Wirksamwerden im Umbruchsprozess 1989/90 können allerdings nur bedingt aufgezeigt werden. Zu sehr war ihre (Nach-)Nutzung in jenen Tagen von einer Vielzahl situativer und lokaler Bedingungen abhängig, als dass hier direkte Zusammenhänge belegt und behauptet werden können. Sie sind aber auch nicht auszuschließen. Deutlich wird jedoch, dass es sich sowohl bei der Ausprägung als auch bei der Durchsetzung dieser Begriffe und Losungen im Herbst 1989 um ein sich gegenseitig beeinflussendes, ost-westdeutsches Beziehungsgeflecht sehr unterschiedlicher Akteure und Medien handelte, die man auf den ersten Blick nicht immer zusammenbringen würde.

Fußnoten

34.
Beide Texte veröffentlicht in: Volker Braun, Die Zickzackbrücke. Ein Abrißkalender, Halle 1992, S. 13 bzw. S. 37–39.
35.
E-Mail an den Verfasser vom 14.1.2014.
36.
Vgl. M. Gorbatschow (Anm. 20), S. 62f., 239f.
37.
Vgl. Initiativgruppe Neues Forum (Anm. 28), S. 63 und Oktober 1989 Texte (Anm. 7), S. 154.
38.
Böhlener Plattform (Anm. 9), S. 12.
39.
Vgl. ND vom 19.10.1989, S. 4.
40.
Vgl. Initiativgruppe 4.11.89 (Anm. 15), S. 38.
41.
Ebd., S. 20ff.
42.
Aufruf der Initiative für eine vereinigte Linke an alle Werktätigen der DDR, 5.11.1989, in: Die Aktion. Zeitschrift für Politik, Literatur, Kunst, (1990) 60/63, S. 12.
43.
Eckhard Jesse, Eine Revolution stürzt das SED-Regime, in: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.), Dreißig Thesen zur deutschen Einheit, Freiburg 2009, S. 29.
44.
Vgl. Hartmut Zwahr, Revolutionen in Sachsen. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte, Weimar 1996, S. 425.
45.
Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009, S. 403.
46.
http://www.golyr.de/schleimkeim/songtext-pruegelknaben-588920.html« (20.1.2014).
47.
Vgl. B. Lindner (Anm. 1), S. 87f.
48.
Anne Hahn/Frank Willmann, Satan, kannst du mir noch mal verzeihen: Otze Ehrlich, Schleimkeim und der ganze Rest, Mainz 2008, S. 143. SK steht für Schleimkeim.
49.
Ebd.
50.
Zit. nach: Martin Jankowski, Der Tag, der Deutschland veränderte. 9. Oktober 1989, Leipzig 2007, S. 63.
51.
Das Massaker auf dem Tiananmen-Platz, Bericht eines anonymen Teilnehmers, in: Wen-Hui, Zeitung der chinesischen KP in Honkong vom 5.6.1989, in: Umweltblätter, (1989) 7, S. 14–18. Die Umweltblätter, hergestellt in der Ostberliner Umweltbibliothek, erschienen 1989 in einer Auflage von bis zu 4000 Exemplaren.
52.
Wolfgang Schuller, Die deutsche Revolution 1989, Berlin 2009, S. 306.
53.
Vgl. Abbildung in Bernd Lindner, Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90, Bonn 19981, S. 75.
54.
Vgl. u.a. Michael Richter, Die Friedliche Revolution. Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90, Göttingen 2009, S. 350.
55.
Vgl. Thomas Mayer, Der nicht aufgibt. Christoph Wonneberger – eine Biographie, Leipzig 2014, S. 104f.
56.
Vgl. B. Lindner (Anm. 1), S. 143f.
57.
Für entsprechende Hinweise ist der Autor dankbar.
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Autor: Bernd Lindner für bpb.de
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Am 9. Oktober 1989 demonstrierten in Leipzig mehr als 70.000 Menschen für Reformen in der DDR. Erstmals griffen SED und Stasi nicht ein - die Friedliche Revolution in der DDR nahm ihren Lauf. Landesweit dokumentierte die Geheimpolizei Stasi ab diesem Zeitpunkt rund 1.200 unterschiedliche Rufe und Transparente, darunter auch immer lauter werdende Rufe nach Wiedervereinigung. Anfangs wurden sie noch indirekt formuliert. Eine komplette Stasi-Akte zum Nachlesen als PDF - ein zeithistorisches Dokument.

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