Fisch in einem Fluss in China schwimmt gegen den Strom.
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Widerstand im Nationalsozialismus – eine aktuelle Botschaft aus einem vergangenen Jahrhundert - Essay


20.6.2014
Stellen wir uns ein modernes Theater vor, karg ausgestattet wie alle modernen Theater, mit nur einer Öllampe und einem Mann, der am Schreibtisch sitzt. Er arbeitet an einem Schriftstück. Es ereignet sich nichts, der Mann liest, ist vertieft in das Dokument, das vor ihm liegt, blickt nicht auf. Weil es modernes Theater ist, sehen wir ihm sehr lange zu. Es ereignet sich nichts. Der erste Akt. Im zweiten Akt sitzt der Mann wieder an einem Tisch. Diesmal ist es ein runder Tisch. Die Öllampe gibt noch weniger Licht. Um den Mann sind andere Männer gruppiert, gleichen Alters, gleicher Verschlossenheit. Sie beugen sich zueinander und sprechen. Wir verstehen nicht, was sie sagen. Weil es modernes Theater ist, sehen wir ihnen sehr lange zu. Es ereignet sich nichts. Der zweite Akt. Im dritten Akt ist der Mann wieder alleine. Er sitzt wieder an einem Tisch, diesmal an einem kleinen wackeligen Holztisch. Die Öllampe ist nahezu erloschen. Der Mann starrt vor sich hin. Er wartet auf seine Hinrichtung. Weil es modernes Theater ist, sehen wir ihm sehr lange zu. Es ereignet sich nichts. Der dritte Akt. Ein guter Regisseur würde die Hinrichtung nicht in Szene setzen. Vielleicht ließe er sie einen Sprecher verkünden. Oder man würde uns, dem Publikum, beim Verlassen des Theaters einen Zettel in die Hand drücken. Damit wir Gewissheit haben. Der Mann ist hingerichtet worden.

Dies könnte das Grundmodell für ein Stück mit Variationen sein. Der Variationen gäbe es viele. Im ersten Akt könnte jemand Türen öffnen und auf Treppen verweisen, während Schatten vorbeihuschen. Im zweiten Akt könnte jemand verzweifelt Essensmarken zählen. Oder: Im ersten Akt könnte jemand im Dunklen Bomben bauen und Munition zurechtlegen und im zweiten Akt hinter einer Mauer hervorspringen und mit einer Pistole zu zielen versuchen. Der dritte Akt wäre immer identisch: das Warten auf die Hinrichtung.

Wir können den Personen auch Namen geben, um sie einzuordnen, fiktive Namen für das Theater, aber auch wahre Namen. Sagen wir: Es war der Pater Alfred Delp, der versuchte, die katholische Bischofskonferenz aufzurütteln und zu einer deutlichen Position gegen das NS-Regime zu bewegen und der schließlich beim Kreisauer Kreis mitarbeitete. Er wurde im Januar 1945 zu Tode verurteilt. Sagen wir: Es war Frank Kaufmann, jüdischer Abstammung, gläubiges Mitglied der Bekennenden Kirche, der Juden Unterkunft verschaffte, sie mit Geld, Lebensmitteln und gefälschten Ausweisen versorgte. Er wurde im KZ Sachsenhausen ermordet. Sagen wir: Es war Admiral Wilhelm Canaris, der enge Kontakte zum Kreisauer Kreis hatte und das Amt Ausland/Abwehr als Ort des Widerstands etablierte. Canaris wurde ins KZ Flossenbürg deportiert und im April 1945 hingerichtet.

Wir stehen auf dem Theatervorplatz. Was bedeuten diese Theaterstücke? Sind die Hinrichtungen das Ende? Sind sie der Anfang? Ich behaupte, sie sind der Anfang. Dieser Anfang liegt nunmehr fast 70 Jahre zurück. Der Anfang beginnt 1945. Wir können das, was danach geschieht, nicht mehr auf die Bühne bringen, es gibt nichts mehr zu sehen, nichts, was bildlich darzustellen wäre. Aber wir können gemeinsam darüber nachdenken. Was bedeutet das Schicksal derjenigen, die wir heute unter den weiten Begriff "Widerstandskämpfer" fassen, im Jahr 2014? Ist der "deutsche Widerstand im Nationalsozialismus" für uns mehr als ein Lexikoneintrag, den wir kopieren und archivieren, um ihn dann zu vergessen?

Ich werde eine Annäherung an die Widerstandskämpfer in drei Schritten versuchen: Im ersten Schritt will ich unter der Überschrift "Vom Vaterlandsverräter zum Helden" über die Zeitgebundenheit und Instrumentalisierung der Schicksale von Menschen, die in einem bestimmten geschichtlichen Kontext aus der Menge herausgetreten sind, nachdenken. Der zweite Schritt figuriert unter dem Titel "Vom Helden zum Beschwerdeführer". Mich interessiert, ob die für unsere Gegenwart typische Verrechtlichung "Helden" ihrer Größe und Einmaligkeit beraubt und sie, ausgestattet mit durchsetzbaren Rechtsansprüchen, vielleicht erfolgreich, aber jedenfalls glanzlos vor die gerichtlichen Instanzen ziehen lässt. Der dritte und letzte Schritt führt "Vom Beschwerdeführer zum Mitmenschen". Nehmen wir an, jene Männer und Frauen aus einer anderen Zeit stünden einfach neben uns – hätten sie uns dann etwas zu sagen?

Vom Vaterlandsverräter zum Helden



Wertungen ändern sich. Sehr eindrücklich für den zunächst langsamen und zögerlichen Beginn des Umbruchs der moralischen und später auch rechtlichen Wertungen am Ende des Zweiten Weltkriegs ist eine Stelle in den Memoiren von Joachim Fest. Er schildert die Reaktionen, als die in französische Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten am 11. Mai 1945 von der Kapitulation der Wehrmacht erfahren: "Schon von weitem war eine erregte Auseinandersetzung zu erkennen; als ich hinzukam, sagte einer der Gefangenen gerade zu einer Gruppe Herumstehender: ‚Na, endlich Schluss! Es wurde höchste Zeit!‘ Die Mehrzahl der Versammelten sah ihn wortlos an. Wenige Meter entfernt stand ein Feldwebel, der verschiedentlich so herrisch aufgetreten war, dass man annehmen konnte, er halte die Zeit des Herumkommandierens noch immer nicht für vorbei. Nicht ohne Schärfe fuhr er den Soldaten an: ‚Was heißt denn ‚endlich‘? Dass wir den Krieg verloren haben? Wolltest du das?’ Dabei sah er sich beifallsuchend um. Der Angesprochene, der schon im Abgehen war, machte kehrt, rückte nah an das Gesicht des Feldwebels heran und erwiderte in gedämpftem, aber uneingeschüchtertem Ton: ‚Nein! Sondern dass der verdammte Krieg zu Ende ist!‘ Ein Gefreiter mischte sich ein und brüllte über die Köpfe hin: ‚War sowieso ein Idiotenkrieg! Von Anfang an! Wer hat denn an den Sieg geglaubt?‘ Ein anderer rief in das zunehmende Durcheinander hinein: ‚Das Genie des Führers! Du lieber Himmel!‘ Und bald schrie einer gegen den anderen an, vereinzelt kam es zu Handgreiflichkeiten, und immer wieder fiel das Wort vom ‚Idiotenkrieg‘ und von der ‚Größe des Führers‘."[1] Der große Krieg, dessen siegreiches Ende man bis zuletzt beschworen hatte, war zum "Idiotenkrieg" geworden.

Noch im Januar desselben Jahres war ein Großteil derer, die Widerstand geleistet hatten und in den KZs inhaftiert waren, wegen Hochverrats verurteilt und hingerichtet worden, weil sie nicht an die Überlegenheit und den Sieg des nationalsozialistischen Regimes glaubten, weil sie sich menschenverachtenden, aber für selbstverständlich gehaltenen Forderungen entgegenstellten, weil sie für eine Zeit "danach" planten. Die Ziele und Werte, die zu diesem Zeitpunkt noch als Hochverrat angesehen worden waren, dienten wenig später als neue Orientierungspunkte und wurden in der politischen Arbeit derjenigen, die überlebt hatten und die neu anfangen durften, beschworen. Seither wurden für die Widerstandskämpfer Gedenksteine errichtet, Straßen und Schulen nach ihnen benannt. Während an ihren offenen Gräbern 1945, so es überhaupt offene Gräber gab, nur ein sehr kleiner Kreis von Freunden und Bekannten stand, ist das Gedenken mittlerweile institutionalisiert worden.

Derartige Umwertungen, immer verbunden mit Umbrüchen und Epochenwechseln, sind uns auch aus der jüngeren Geschichte bekannt. Als am 9. April 2003 das überlebensgroße Standbild des Diktators Saddam Hussein gestürzt wurde, begann eine neue Zeit im Irak. Das Bild des sich langsam zur Erde neigenden Diktators war ein wirkmächtiges Symbol dafür. Auch in den Ländern Mittel- und Osteuropas wurden in der Umbruchszeit 1989/1990 Denkmale kommunistischer Führer verhüllt und abgerissen, Straßen und sogar Städte (etwa Karl-Marx-Stadt und Leningrad) umbenannt, um diejenigen, die einstmals als Helden galten, zu vergessen und dem Neuen den Weg zu bereiten. Umgekehrt kamen diejenigen, die zuvor persona non grata oder in Haft gewesen waren, zu überraschenden Ehren, Macht und Einfluss (etwa Václav Havel in der Tschechischen Republik). Nicht immer waren die Neuwertungen unumstritten. Als zum Beispiel 2007 ein sowjetisches Kriegerdenkmal in Tallinn, das der "Befreiung" des Baltikums durch die sowjetische Armee gewidmet war, vom Hauptplatz auf den Friedhof verbracht werden sollte, führte dies zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der russischen Minderheit. In der Ukraine wissen wir noch nicht, wer in Kürze und wer mit längerem zeitlichen Abstand als Held gelten wird.

Nicht nur Denkmäler werden versetzt oder zerstört. Ebenso ändert sich die rechtliche und moralische Bewertung; was als Recht angesehen war, wird plötzlich als schweres Unrecht verstanden. So wurden viele "Mauerschützen", die in der DDR prämiert und befördert worden waren und Anspruch auf Sonderurlaub hatten, wenn sie einen Flüchtling an der Grenze niedergestreckt hatten, nach der deutschen Vereinigung für ihr Tun verurteilt; die dafür verantwortlichen, im Politbüro hoch geehrten kommunistischen Führer des Landes wurden gleichermaßen ins Gefängnis gesperrt. Mit historischen Umbrüchen sind also in aller Regel auch Neubewertungen der Leistungen derer verbunden, die eine Epoche geprägt haben: Aus Verrätern werden Helden, Helden werden als Mörder verurteilt.

Die deutschen Widerstandskämpfer sind von Vaterlandsverrätern zu Helden geworden. Für manche aber war dies ein weiter Weg. Für viele Hinterbliebene war er verbunden mit einer bitteren Zeit der Armut und oft der Demütigung. Aber halten wir an diesen Neuwertungen noch fest? Oder sind auch sie bereits wieder dem geschichtlichen Wandel unterworfen? Ist die Verehrung der Widerstandskämpfer, sei es derer, die im Vordergrund gestanden haben wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg, sei es derer, die gesprochen und geplant, aber nicht unmittelbar zur Tat geschritten sind wie die Mitglieder des Kreisauer Kreises, sei es derer, die im Hintergrund "Rettungswiderstand" geleistet haben und oftmals namentlich nicht bekannt sind, nach vielen Jahrzehnten ein bequemes, leer gewordenes Ritual geworden, über das man sich nicht mehr viele Gedanken macht? Hat man sie gar entthront, durch andere "Helden" ersetzt? Oder aber ist das Gedenken an sie noch immer ein bewusster und identitätsstiftender Akt des kollektiven Erinnerns?

Die Tatsache, dass für die NS-Zeit die historischen Wertungen mit Blick auf Rassenideologie, Genozid und Angriffskrieg eindeutig sind, macht es gewissermaßen einfach, die Gegner des Regimes, gleich aus welchen Gründen sie sich ihm entgegengestellt haben, als die "Guten" zu identifizieren; insofern sind es grundsätzlich unstrittige Helden. Wer diejenigen verehrt, die gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime gekämpft haben, steht auf der Seite von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Es sind also "bequeme" Helden, bei denen man keine großen Kontroversen zu befürchten hat. Bei einem zweiten, genaueren Blick ergibt sich allerdings, dass dies nicht so eindeutig ist, wie es scheint. Denn diejenigen, die den Widerstand gegen das "Dritte Reich" organisiert haben, waren ja nicht nur gegen etwas, sondern hatten auch eigene Ideen entwickelt, die sie der herrschenden nationalsozialistischen Ideologie entgegensetzen wollten. Und da mag man bei manchem dann doch etwas zurückhaltend sein. Dem konservativen Gedankengut mancher Widerstandskämpfer, etwa des Goerdeler-Kreises, muss man ebenso wenig wie den von Stalins Moskau inspirierten kommunistischen Widerstandskämpfern, etwa Wilhelm Knöchel, in allen Facetten zustimmen wollen.

Auch mag die Perspektive von außen nachdenklich stimmen. So hat die Bundesregierung 2012 den ehemaligen polnischen Botschafter Janusz Reiter als Festredner zum 20. Juli eingeladen. "Es ist der schwierigste Redeauftrag, den ich je angenommen habe", begann er und erläuterte, dass er sich mit dem Thema schwer getan habe, "weil sich auch viele, vielleicht die meisten Angehörigen der deutschen Widerstandsgruppen mit Polen schwer getan haben". Das bekannte Zitat Stauffenbergs von 1939, die Bevölkerung in Polen sei "ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun", lastet schwer auf dem Versuch eines gemeinsamen deutsch-polnischen Gedenkens. Janusz Reiter würdigte die Widerstandskämpfer daher nicht, "weil sie immer recht hatten", sondern "weil sie sich entschlossen, gegen den übermächtigen Strom ihrer Zeit zu gehen und ihr Leben aufs Spiel zu setzen".[2]

Wie Reiter haben auch wir daher heute keine unkritische Sicht auf die damaligen Widerstandskämpfer, sondern sind bereit, zu differenzieren und Nuancen wahrzunehmen. Es sind also keine "bequemen" Helden, sondern Menschen, die in der noch nicht fernen Vergangenheit gelebt haben und in ihrem Tun widersprüchlich, suchend und unvollkommen waren – wie andere auch. Damit ist es kein leeres Ritual, der Widerstandskämpfer zu gedenken, sondern eine mit dem Wort "trotzdem" überschriebene Entscheidung: Auch wenn die Verschwörer des 20. Juli, auch wenn die anderen Widerstandsgruppen in manchem geirrt haben mögen und man ihr politisches Programm nicht als eine Vision für unsere Zeit akzeptieren will, so erkennen wir doch – trotzdem – ihren Mut und ihr "Nein" zum Nationalsozialismus als wegweisend auch für unsere Gegenwart an.


Fußnoten

1.
Joachim Fest, Ich nicht, Reinbek 2006, S. 268–269.
2.
Janusz Reiter, "Deutsche Widerstandskämpfer verachteten Polen", 20.7.2012, http://www.sueddeutsche.de/politik/-1.1418073« (4.6.2014).