Fisch in einem Fluss in China schwimmt gegen den Strom.
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Widerstand und Selbstbehauptung von Juden im Nationalsozialismus


20.6.2014
Die Hauptsache, daß mein Traum verwirklicht ist. Ich habe es erlebt, eine Widerstandsaktion im Warschauer Getto. In ihrer ganzen Pracht und Größe."[1] Dies schrieb Mordechai Anielewicz, Kommandeur der Jüdischen Kampforganisation, während des Aufstands im Warschauer Getto kurz vor seinem Tod an einen Freund.

Dieser Aufstand ist der bekannteste Akt jüdischen Widerstands in Europa. Daneben verblassten andere Formen der Auflehnung und Selbstbehauptung von Jüdinnen und Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Ihm gleichsam entgegengestellt wurde lange das Narrativ der jüdischen Massen, die passiv geblieben und "wie die Schafe zur Schlachtbank" gegangen seien.

Abgesehen davon, dass diese Wertung immer nur im Hinblick auf die jüdischen Verfolgten des NS-Regimes gemacht wurde: Die Frage, warum sich nicht mehr Juden zur Wehr gesetzt hätten, ignoriert die spezifischen Bedingungen, unter denen die ausgegrenzten, isolierten und geschwächten Juden handelten. Ihr liegt außerdem ein sehr enger Widerstandsbegriff zugrunde, der all diejenigen diskreditiert, die nicht mit Waffen gekämpft haben.

In den vergangenen Jahren hat sich die Wahrnehmung jüdischer Reaktionen auf Verfolgung und Vernichtung deutlich ausdifferenziert. Die Vielfalt von Handlungsweisen, die Forscherinnen und Forscher inzwischen auf Seiten der verfolgten Juden beschreiben, zeigt, dass von allgemeiner Passivität keine Rede sein kann.

Die Formen, die widerständiges Verhalten annehmen konnte, hatte viel mit den Bedingungen im jeweiligen Land zu tun. Jüdische Traditionen oder der Grad der Assimilation spielten hier eine Rolle, vor allem aber die Einstellungen der lokalen Bevölkerung und die Art und Geschwindigkeit, in der die Nationalsozialisten die antijüdische beziehungsweise die Vernichtungspolitik umsetzten. Ein zentraler Faktor ist außerdem der Zeitpunkt, der bestimmte, gegen was Juden sich auflehnten: Ausgrenzung, Verfolgung oder Massenmord.

Juden schlossen sich in Ländern, in denen sie in hohem Maße in die Mehrheitsgesellschaft integriert waren, eher den jeweiligen nationalen, meist kommunistischen oder sozialdemokratischen Gruppen an, denen sie auch schon in der Vorkriegszeit politisch nahestanden. Dem gegenüber existierten in Ostmittel- und Osteuropa eigene jüdische Parteien und Organisationen aller politischen Richtungen, aus denen sich dann der Widerstand formierte, die aber auch Selbsthilfe und verschiedene Arten geistiger Behauptung organisierten.

Europaweit gab es verschiedenste widerständige Handlungen von Juden. Zu nennen ist hier neben bewaffneten Aktionen in Gettos und sogar in Vernichtungslagern das Wirken von Partisanen in verschiedenen Ländern, Fluchten in die Wälder und das Untertauchen auf der "arischen" Seite. Untergrundorganisationen verteilten Flugblätter und Zeitschriften, manch einer versuchte, die Arbeit in den Fabriken und Werkstätten in den Gettos zu sabotieren.

In Westeuropa inklusive Deutschland lag der Fokus auf der Rettung von Menschenleben, vor allem durch organisierte Hilfe bei der Flucht in sichere Staaten oder das Untertauchen im eigenen Land. Ungefähr 1700 Juden überlebten etwa in Berlin im Versteck oder unter Annahme einer falschen Identität. Speziell die Rettung von Kindern stand im Mittelpunkt vieler Bemühungen. So war eine der Aufgaben des Jüdischen Verteidigungskomitees in Belgien die organisierte Rettung von Kindern vor der Deportation. Im Laufe der Zeit häuften sich Fluchten aus den Deportationszügen Richtung Auschwitz. In Frankreich waren Juden darüber hinaus am bewaffneten Widerstand beteiligt, auch in einer eigenen bewaffneten Einheit, der 1943 aus verschiedenen Gruppierungen gegründeten Armée Juive. Auch kämpften zuvor emigrierte oder geflohene Juden in den alliierten Armeen gegen Nazi-Deutschland.[2]

Doch nicht nur nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs widersetzten sich Juden. Unter anderen Vorzeichen – das Regime verfolgte zwar die jüdische Minderheit, war aber noch nicht zum Massenmord übergegangen – protestierten Juden im Deutschen Reich, weigerten sich, Anordnungen zu befolgen oder waren besonders in linken Widerstandsorganisationen aktiv. Die wohl bekannteste und größte jüdische Widerstandsgruppe im Deutschen Reich war die Berliner Gruppe um Herbert Baum, die schon früher aktiv war, besonders aber seit Ende 1941 in größerem Umfang durch Kampfschriften und Aufrufe in Erscheinung trat und im Mai 1942 einen Brandanschlag auf die Berliner Ausstellung "Das Sowjetparadies" verübte. Die zionistische Chaluz-Bewegung bereitete Jugendliche auf ihre Emigration nach Palästina vor und verhalf vielen zur Flucht.

Konrad Kwiet und Helmut Eschwege, die bereits früh die verschiedenen Arten "nonkonformen Verhaltens" der Juden im nationalsozialistischen Deutschland untersucht haben, unterscheiden in diesem Zusammenhang zwischen Verweigerung (Flucht, Untergrund, Fluchthilfe und Selbstmorde) und Abwehr (offener Protest, illegale Schriften, Attentate, Sabotage, später das Handeln einzelner Deportierter im Getto, in den Lagern und bei den Partisanen).[3]

Die Situation der jüdischen Aktivisten war komplizierter als die der nichtjüdischen nationalen Gruppen, und zumindest in Osteuropa organisierten die über viele Gettos verstreut und damit voneinander isoliert lebenden Juden ihr Handeln im Angesicht einer umfassenden gegen sie gerichteten Vernichtungspolitik. Sie waren auf Hilfe von außen angewiesen, doch standen ihnen erhebliche Teile der jeweiligen lokalen Bevölkerung gleichgültig oder gar feindselig gegenüber. Und für viele, die sich tatsächlich für den bewaffneten Widerstand entschieden, war damit ein dramatisches moralisches Dilemma verbunden, wie in der Folge am Beispiel der Gettos in den vormals polnischen Gebieten aufgezeigt werden soll.

Ein erheblicher Teil der von den Nationalsozialisten verfolgten und in den meisten Fällen ermordeten Juden machte die Erfahrung, in einem Getto leben zu müssen. Zur Waffe griffen nur die wenigsten von ihnen. Aber diese Menschen reagierten auf vielfältige Art und Weise auf Verfolgung und Erniedrigung. Sie organisierten ihr Leben neu, viele von ihnen kämpften ohne Waffen ebenfalls einen heroischen Kampf – sie kämpften gegen Hunger und Krankheiten, für die Bildung ihrer Kinder, für ihr kulturelles Leben und um ihre körperliche und geistige Selbstbehauptung. In einem noch direkteren Sinne widersetzten sie sich unbewaffnet den Nationalsozialisten. Ungeheuer erfolgreich kämpften sie gegen deren Ziel, nicht nur die Menschen, sondern auch die Erinnerung an sie und die an ihnen begangenen Verbrechen auszulöschen: Sie schrieben Tagebücher und Chroniken, sammelten Dokumente und schmuggelten diese gar aus den besetzten Gebieten heraus, manche fotografierten oder malten Bilder.


Fußnoten

1.
Zit. nach: Jüdisches Historisches Institut Warschau (Hrsg.), Faschismus – Getto – Massenmord. Dokumentation über Ausrottung und Widerstand der Juden in Polen während des Zweiten Weltkriegs, Berlin 1960, S. 519.
2.
Vgl. Arno Lustiger, Zum Kampf auf Leben und Tod! Vom Widerstand der Juden 1933–1945, Köln 1994; Hans Erler/Arnold Paucker/Ernst Ludwig Ehrlich (Hrsg.), "Gegen alle Vergeblichkeit". Jüdischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Frankfurt/M.–New York 2003; Georg Heuberger (Hrsg.), Im Kampf gegen Besatzung und "Endlösung". Widerstand der Juden in Europa 1939–1945, Frankfurt/M. 1995; Yehuda Bauer, Jüdische Reaktionen auf den Holocaust, Berlin 2012.
3.
Vgl. Konrad Kwiet/Helmut Eschwege, Selbstbehauptung und Widerstand. Deutsche Juden im Kampf um Existenz und Menschenwürde 1933–1945, Hamburg 1984; Arnold Paucker, Deutsche Juden im Kampf um Recht und Freiheit. Studien zu Abwehr, Selbstbehauptung und Widerstand seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, Berlin 2003.
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Autor: Andrea Löw für bpb.de
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