Fisch in einem Fluss in China schwimmt gegen den Strom.
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Der lange Weg des ANC: Aus dem Widerstand zur Staatspartei


20.6.2014
Im Januar 2012 feierte der Afrikanische Nationalkongress (ANC), die Regierungspartei der Republik Südafrika, mit großem Pomp sein hundertjähriges Bestehen. Der ANC ist die älteste Organisation des afrikanischen Nationalismus nicht nur in Südafrika, sondern auf dem Kontinent – und war lange Zeit die erfolgloseste. Während politische Parteien in Westafrika wie Kwame Nkrumahs Convention Peoples Party (Ghana) bereits zwei Jahre nach ihrer Gründung die Regierungsgeschäfte übernahmen und in anderen Beherrschungskolonien die Entkolonialisierung ähnlich schnell verlief, konnte der ANC erst 82 Jahre nach seiner Gründung die Regierung stellen.

Die Ursachen für diesen lang währenden Prozess liegen in der Machtkonstellation Südafrikas. Südafrika wurde 1910 aus den beiden älteren Kolonien Kapkolonie (seit 1652) und Natal (seit 1843) sowie den im Burenkrieg (1899–1902) von Großbritannien unterworfenen ehemaligen Burenrepubliken Oranje-Freistaat und Transvaal vereinigt und erhielt damit seine noch heute gültige territoriale Gestalt. Es hatte einige Gemeinsamkeiten mit anderen Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent, insbesondere mit Siedlerkolonien. Dies waren Kolonialgebiete, in denen sich eine so große Zahl europäischer Siedler niedergelassen hatte, dass sie formell oder informell Einfluss auf die politischen Zustände nehmen konnten. Neben den südafrikanischen Kolonien waren dies in erster Linie Algerien, Kenia, Rhodesien (heute Simbabwe), Angola, Mosambik und Südwestafrika (heute Namibia). Die Siedler eigneten sich das fruchtbarste Land an und sorgten dafür, dass Afrikaner als billige Arbeitskräfte auf ihren Farmen und im Bergbau arbeiten mussten. Durch ihren politischen Einfluss verhinderte die weiße Minderheit eine Beteiligung der afrikanischen Bevölkerung am politischen Leben, am Zugang zu Bildung und Wohlstand. Deshalb verlief die Entkolonialisierung in allen Siedlerkolonien auf afrikanischem Boden blutig, oft in Form langer Kriege.[1] Der achtjährige Algerienkrieg (1954–1962) ist ein besonders eindrückliches Beispiel dafür, doch unterscheidet sich Südafrika von dieser größten anderen Siedlerkolonie dadurch, dass es das einzige Land auf dem Kontinent ist, das bereits seit dem späten 19. Jahrhundert eine wirkliche Industrialisierung durchlaufen hat.

Was in afrikanischen Kolonien der Mehrheit widerfuhr, erlebten in Siedlerkolonien außerhalb Afrikas Minderheiten, die nicht europäischer Abstammung waren und damit nicht zum Staatsvolk gehörten, wie etwa die Afroamerikaner in den USA.[2] Diese organisierten sich seit dem frühen 20. Jahrhundert gemeinsam mit den Nachkommen afrikanischer Sklaven aus der Karibik und Vertretern der afrikanischen Bildungseliten in der panafrikanischen Bewegung, an deren Konferenzen (1900) und Kongressen (1919, 1921, 1923, 1927 und 1945) der ANC eher zufällig nicht beteiligt war. Nicht zuletzt, weil einzelne Südafrikaner in den USA oder in Europa studierten, blieben das Interesse und der Austausch gerade mit Schwarzen aus den USA intensiv. So orientierte sich der erste Präsident des ANC, John Dube, an den pädagogischen Konzepten des ehemaligen amerikanischen Sklaven Booker T. Washington, als er an seinem Ohlange-Institut berufspraktische Ausbildung mit westlicher Bildung kombinierte.[3] Aber auch die radikaleren Vertreter des Panafrikanismus, wie der US-Amerikaner W.E.B. Du Bois oder der Jamaikaner Marcus Garvey, erzeugten in Südafrika einige Resonanz.

Der 1912 aus mehreren regionalen Vorläuferorganisationen hervorgegangene ANC durchlief in seiner Geschichte mehrere tief greifende Strukturwandel, woraus sich eine Periodisierung seiner Geschichte ableiten lässt.[4] Während der ANC zunächst lange ein Honoratiorenverein der afrikanischen Bildungselite war, wandelte er sich seit den 1940er Jahren unter dem Einfluss der 1944 gegründeten Jugendliga zu einer Massenbewegung während der großen Widerstandskampagnen gegen die Apartheid in den 1950er Jahren. Nach seinem Verbot wandelte er sich in eine Exilorganisation einerseits und eine im Untergrund wirkende Zellenstruktur andererseits. Nach 1990 erfolgte schließlich ein erneuter Strukturwandel von einer sozialrevolutionären Befreiungsbewegung in eine politische Partei.

Erste Jahrzehnte: Protest gegen Diskriminierung



Der ANC bestand in den ersten drei Jahrzehnten seiner Existenz im Wesentlichen aus Angehörigen der Bildungselite, die christliche Missionsschulen besucht hatten und häufig selbst als Lehrer, Pfarrer, Missionare oder als Rechtsanwälte und Ärzte tätig waren. In seinen Anfangsjahren umwarb er auch die traditionellen Chiefs, für die sogar ursprünglich ein eigenes "Oberhaus" innerhalb des ANC vorgesehen war. Die Bildungselite hatte die Maßstäbe der europäischen Missionare für Zivilisiertheit verinnerlicht und sich zu eigen gemacht; das betraf unter anderem westliche Kleidung, monogame Ehe und klassische Bildung. Darum hofften ihre Vertreter, von den Weißen Südafrikas als ebenbürtig anerkannt und am politischen Leben beteiligt zu werden. Trotz einiger durchaus ernst gemeinter, aber kurzlebiger Versuche, den Kontakt zur schwarzen Bevölkerungsmehrheit herzustellen und dem ANC damit eine größere politische Schlagkraft zu verschaffen, blieb er eine elitäre Organisation. Dies war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass viele der Gebildeten sich selbst nicht sicher waren, ob die ländlich-bäuerliche und städtisch-proletarisierte Mehrheit der schwarzen Bevölkerung die Voraussetzungen für die Ausübung politischer Rechte erfüllen könnte. Wegen ihrer Lebensweise und Religion galten sie nach westlich-christlichen Maßstäben noch nicht als zivilisiert.

Die Aktivitäten des ANC beschränkten sich lange auf "zivilisierte" Formen der britischen Protestkultur, nämlich Petitionen und Delegationen. Da die ANC-Vertreter in das bestehende System aufgenommen werden wollten, sahen sie keine Veranlassung, es grundsätzlich infrage zu stellen. Angesichts dieser konservativen Zurückhaltung war es wenig erstaunlich, dass in den 1920er Jahren eine Gewerkschaft wie die Industrial and Commercial Workers Union (ICU) dem ANC den Rang ablief. Gegründet von dem charismatischen Clements Kadalie entwickelte sich die ICU innerhalb kurzer Zeit zu einer Massenbewegung mit schätzungsweise 100.000 Mitgliedern, die allerdings nach internen, gegen Kommunisten gerichtete Säuberungen bald wieder zerfiel.[5] Eine Wende des ANC nach links, die der vom Sozialismus begeisterte ANC-Präsident Josia Gumede anstrebte, blieb Episode, da er alsbald von der alten Garde entmachtet wurde. Diese führte den ANC in den 1930er Jahren in die fast völlige Bedeutungslosigkeit. Darum wurde die Organisation auch nicht aktiv, als die weiße Regierung 1936 den schwarzen Wählern in der Kapprovinz das allgemeine Wahlrecht entzog. Die Proteste dagegen übernahm stattdessen eine ad hoc gegründete All-African Convention (AAC), die ebenfalls unter Führung von Intellektuellen stand und bald in sich zusammenbrach.


Fußnoten

1.
Vgl. Christoph Marx, Geschichte Afrikas. Von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn 2004, S. 173ff.
2.
Vgl. die Darstellung internationaler Verflechtungen des Rassismus bei Marilyn Lake/Henry Reynolds, Drawing the Global Colour Line. White Men’s Countries and the International Challenge of Racial Equality, Cambridge 2008.
3.
Vgl. Heather Hughes, First President. A Life of John L. Dube, Founding President of the ANC, Johannesburg 2011.
4.
Zur ANC-Geschichte vgl. Saul Dubow, The African National Congress, Johannesburg 2000; Thomas Karis et al. (Hrsg.), From Protest to Challenge. A Documentary History of African Politics in South Africa, 6 Bde., Stanford u.a. 1987ff.; Peter Walshe, The Rise of African Nationalism in South Africa. The African National Congress 1912–1952, Berkeley–Los Angeles 1971; Tom Lodge, Black Politics in South Africa since 1945, London–New York 1983; ders., Resistance and Reform. 1973–1994, in: Robert Ross/Anne Kelk Mager/Bill Nasson (Hrsg.), Cambridge History of South Africa, Bd. 2: 1885–1994, Cambridge 2011, S. 409–491; South African Democracy Education Trust (Hrsg.), The Road to Democracy in South Africa, 4 Bde., Pretoria 2008ff.; Christoph Marx, Südafrika. Geschichte und Gegenwart, Stuttgart 2012, Kap. 8ff.
5.
Vgl. Helen Bradford, A Taste of Freedom. The ICU in Rural South Africa, 1924–1930, New Haven–London 1987.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Christoph Marx für bpb.de