"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.

7.7.2014 | Von:
Gideon Botsch

Von der Judenfeindschaft zum Antisemitismus. Ein historischer Überblick

Frühe Neuzeit

Schweine, marranos, war das im Spanien des 15. Jahrhunderts aufkommende Schimpfwort für getaufte Juden, denen man vorwarf, insgeheim weiter an ihrer Religion festzuhalten. Ein Klima der Verdächtigung breitete sich aus und verband sich mit den ersten Äußerungsformen eines neuzeitlichen Rassismus. Die spanischen Blutsgesetze, die limpieza di sangre, diskriminierten Menschen jüdischer und muslimischer Herkunft. 1492, nach der Verdrängung der Muslime von der iberischen Halbinsel, verkündeten die "katholischen Könige" Ferdinand II. (1452–1516) und Isabella I. (1451–1504), nun seien auch die Juden nicht länger zu dulden. Am Epochenbeginn der Frühen Neuzeit stehen Zwangstaufen, brutale Übergriffe mit zahlreichen Opfern und die Vertreibung der nicht Bekehrten aus Spanien. Verdächtigt, angefeindet und verfolgt wurden nun zunehmend nicht mehr nur Angehörige der religiösen und kulturellen Minderheit des Judentums, sondern auch ihre Nachkommen und darüber hinaus diejenigen, denen eine jüdische Herkunft oder zu große Nähe zu Juden unterstellt wurde.

Uneinheitlich ist das Bild der Reformatoren. Martin Luther (1483–1546) hoffte zunächst, dass eine erneuerte Kirche die Juden für Christus gewinnen werde. Aus seinen späteren Schriften spricht dann glühender Judenhass. Luther forderte ihren radikalen Ausschluss, ein gewaltsames Vorgehen und betonte, dass die getauften Juden eine besonders große Gefahr darstellten.

Die jüdische Existenz hing fast überall von der Duldung der Obrigkeit ab, die sich an den Juden bereicherte. Für sozialrevolutionäre Bewegungen "von unten" wurden sie wegen dieser vermeintlichen Nähe gleichzeitig zur Zielscheibe. Den Finanzakteuren, die den Aufstieg der neuzeitlichen Territorialstaaten mitfinanzierten, den sogenannten Hofjuden, wurde ihre Treue selten gedankt. Traten Krisen auf, wurde ihnen die alleinige Verantwortung aufgebürdet, und nicht selten erreichte ein Thronfolger einen "Schuldenschnitt", wenn er sich des Hofjudens seines Vorgängers entledigte, indem er ihn gemeinsam mit den anderen Juden seines Landes verwies oder gar physisch verfolgen ließ. In Osteuropa standen jüdische Verwalter zwischen Gutsbesitzern und Landbevölkerung. Während des Kosakenaufstands seit 1648 kam es in der heutigen Ukraine zu grausamen Massakern an den Juden.

1700 kompilierte Johann Eisenmenger (1654–1704) eine antijüdische Schrift unter dem Titel "Entdecktes Judenthum". Der deutsche Hebraist griff ein Motiv des mittelalterlichen Antijudaismus auf, die Agitation gegen den Talmud unter Zugrundelegung willkürlich ausgelegter und aus dem Zusammenhang gerissener, wenn nicht gefälschter Zitate. Sprengkraft entfaltete bereits der Titel des Werks, der suggerierte, dass die Juden heimlich und im Verborgenen agieren – gefährlich, gerade weil sie so schwer zu erkennen und zu durchschauen seien. An dieses Motiv konnten die seit dem 18. Jahrhundert entstehenden Verschwörungsfantasien anknüpfen.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wird der Status der Juden wieder Gegenstand intensiver Auseinandersetzungen. Die Forderungen nach Emanzipation oder "bürgerlicher Verbesserung", wie sie beispielsweise in Preußen 1781 durch den Juristen Christian Dohm (1751–1820) erhoben wurden, wiesen christlich und gleichzeitig national argumentierende Judenfeinde wie der Historiker Friedrich Rühs (1781–1820) scharf zurück.

Moderner Antisemitismus

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verändert sich der Charakter der Judenfeindschaft. Sie richtet sich nun gegen die rechtliche und soziale Gleichstellung der Juden, will deren Emanzipation verhindern oder rückgängig machen. Zugleich werden "die Juden" immer stärker zu einer Chiffre für alle gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, die im Zuge der Modernisierung bemängelt werden. Miteinander verwobene "fundamentale gesellschaftliche Umwälzungen"[8] prägen die Entstehungszeit des Antisemitismus. Hierzu zählen unter anderem Industrialisierung und Urbanisierung, Säkularisierung und Nationalisierung. Die dichotomische Unterscheidung zwischen Fremdem und Eigenem, die dem nationalistischen Deutungsschema zu Grunde liegt, wird durch die Existenz einer uneindeutigen Sondergruppe im Inneren in Frage gestellt. Klaus Holz spricht von der "Figur des Dritten": Die Juden gelten als Element, das sich nicht in die "nationale Ordnung der Welt"[9] einpassen lasse.

Ausschreitungen gegen Juden im Russischen Reich erregten große Aufmerksamkeit in Europa. Das russische Wort Pogrom wurde seit dem 19. Jahrhundert in vielen Sprachen zum Ausdruck für derartige spontane kollektive Gewaltakte gegen Minderheiten. Doch auch die mitteleuropäischen Juden wurden im Abstand von etwa 30 Jahren von gewalttätigen Verfolgungen heimgesucht, beginnend mit den "Hep-Hep-Unruhen" von 1819, über Krawalle im Nachgang der 1848er Revolution bis zum sogenannten Radauantisemitismus um 1881.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wird der Begriff Antisemitismus von politischen Judengegnern als Eigenbezeichnung aufgegriffen. Der Journalist Wilhelm Marr (1819–1904) gründete 1879 eine "Antisemiten-Liga" und publizierte seine Schrift "Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nichtconfessionellen Standpunkt aus betrachtet". Noch im selben Jahr kam es auch zu einer Kontroverse um die Rolle der Juden in der deutschen Gesellschaft, die durch den Historiker Heinrich von Treitschke (1834–1896) ausgelöst wurde und heute als Berliner Antisemitismusstreit bekannt ist. Deutschland gilt seither als der Standardfall für derartigen "intellektuellen" Antisemitismus. Aber ebenso wenig, wie sich gewalttätige Pogrome nur in Russland ereigneten, blieb der Antisemitismus des Worts auf Deutschland beschränkt. Frankreich erschütterte und spaltete in den 1890er Jahren die Dreyfus-Affäre, die "nachhaltigste Gesellschaftskrise der Dritten Republik".[10]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts strebten zahlreiche Antisemiten eine Fundierung ihrer Judenfeindschaft durch die modernen Rassentheorien an. Als Abstammungsgemeinschaft oder Rasse verstanden, wurden den Juden alle denkbaren negativen Eigenschaften zugeschrieben. Nationalismus und Rassismus verbanden sich wiederum mit sozialen Statusängsten, kulturell-religiösen Ungewissheiten und politischen Herausforderungen. Während Teile der sozialen Bewegungen Juden und das Judentum für Ungerechtigkeit und Elend, ja allgemein für den Kapitalismus verantwortlich machten, tauchte auf der anderen Seite das Stereotyp des jüdischen Revolutionärs und Unruhestifters auf. Nach dem Ersten Weltkrieg kursierten in ganz Europa die "Protokolle der Weisen von Zion", ein von der zaristischen Geheimpolizei fabriziertes, angebliches Konzept der Juden für die Erringung der Weltherrschaft. Obgleich bald fest stand, dass das Dokument gefälscht war, ging es in den Kernbestand antisemitischen Denkens ein. Die Vorstellung, dass eine besonders perfide Verschwörung der Juden für die Fehlentwicklungen der Moderne verantwortlich ist, dass es sich um ein planvolles Vorgehen zur Zersetzung der Völker handelt, und dass oberflächlich einander bekämpfende politische Strömungen in Wirklichkeit gleichermaßen dem Weltjudentum dienen, übt in unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten immer wieder und bis heute eine verblüffende Faszination aus.[11]

In Deutschland schlossen sich die antisemitischen Kräfte in schlagkräftigen Kampforganisationen zusammen, die insgesamt in der nationalsozialistischen Bewegung aufgingen. Die Nationalsozialisten verstanden es, breite Teile der Bevölkerung anzusprechen und gleichzeitig den brutalen Radauantisemitismus der eigenen Basisklientel zu bedienen. Mit Hitlers Machtantritt 1933 wurde der Antisemitismus zu einem Kernelement staatlicher Politik. Ein diskriminierendes rassistisches Regelwerk von Gesetzen, Verordnungen und Maßnahmen grenzte die Juden wirksam aus der deutschen Gesellschaft aus. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs radikalisierten sich die Maßnahmen der nationalsozialistischen Judenpolitik von der Entrechtung über die Ghettoisierung und Konzentration bis zu groß angelegten Massenmorden. Spätestens um die Jahreswende 1941/1942 zielte die NS-Politik auf die Ermordung sämtlicher Juden in Europa.

Diese Vernichtungspolitik, an der sich antisemitische Gesinnungsgenossen der verbündeten oder besetzten Länder beteiligten, wirkte sich für das europäische Judentum verheerend aus. Etwa sechs Millionen Menschenleben fielen ihr zum Opfer. Viele Überlebende verließen den Kontinent und siedelten sich in Palästina/Israel oder Übersee an. Die europäischen Gesellschaften scheinen seither vom Antisemitismus geläutert, offene Judenfeindschaft zu einem Randphänomen geworden zu sein. Doch der Schein trügt.[12]

Fußnoten

8.
Werner Bergmann/Ulrich Wyrwa, Antisemitismus in Zentraleuropa, Darmstadt 2011, S. 5.
9.
Vgl. Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001.
10.
Elke-Vera Kotowski, Der Fall Dreyfus und die Folgen, in: APuZ, (2007) 50, S. 25–32, hier: S. 25.
11.
Vgl. Esther Webman (Hrsg.), The Global Impact of The Protocols of the Elders of Zion. A Century-old Myth, London–New York 2011; Eva Horn/Michael Hagemeister (Hrsg.), Die Fiktion von der jüdischen Weltverschwörung. Zu Text und Kontext der "Protokolle der Weisen von Zion", Göttingen 2012.
12.
Vgl. Lars Rensmann/Julius H. Schoeps (Hrsg.), Politics and Resentment. Antisemitism and Counter-Cosmopolitism in the European Union, Leiden–Boston 2011.
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Autor: Gideon Botsch für bpb.de
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