"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.

7.7.2014 | Von:
Uffa Jensen
Stefanie Schüler-Springorum

Antisemitismus und Emotionen

Emotionen in der sozialpsychologischen und sozialwissenschaftlichen Vorurteilsforschung

Die Forschungsdebatten, die in den Sozialwissenschaften, insbesondere in der Sozialpsychologie, der Soziologie, der Politikwissenschaft und in der Geschichtswissenschaft über Vorurteile und Stereotypen geführt wurden, standen in den vergangenen Jahrzehnten unter kognitivistischen Vorzeichen. Kognitive und emotionale Prozesse schienen in getrennten Systemen abzulaufen. In gewisser Hinsicht befanden sie sich in einem beständigen Kampf um die psychische Vorherrschaft: rationale Kalkulation gegen irrationale Überwältigung.[14]

Vor allem die empirische Sozialpsychologie hatte sich unter dem Einfluss kognitivistischer Modelle von einer Berücksichtigung der Emotionen abgewandt.[15] Hierbei wurde der Begriff der "Einstellung" zentral, durch den sich die Grundunterscheidungen zwischen Stereotypen (als Vorstellungen von anderen Gruppen), Vorurteilen (als oft negative Einstellungen gegenüber anderen Gruppen) und Diskriminierung (als einstellungsbasiertes Handeln gegen Gruppen) besonders gut ordnen und analysieren ließen.[16]

In der sozialpsychologisch orientierten Forschung lassen sich Stereotype als Wissensstrukturen besonders gut empirisch untersuchen, indem man Probanden nach ihren Vorstellungen über andere Gruppen befragt. Aus diesen Vorstellungen können dann Vorurteile werden, wenn sich die stereotypen Wahrnehmungen zu einer Grundhaltung verdichten. Eine solche Einstellung – so die Annahme – legt dann in der Regel dem Einzelnen eine Handlungstendenz nahe. Die klassische Einstellungsforschung, die auf individuelle Wahrnehmungsprozesse reduziert blieb, konnte mit Ansätzen der "Social Identity Theory" kombiniert werden, um zu untersuchen, wie die Mitgliedschaft in sozialen Gruppen die Entstehung von Vorurteilen beeinflusst und steuert.[17]

All diesen Ansätzen sind wesentliche Annahmen gemein; vor allem verbleiben sie vornehmlich – und bewusst – auf der kognitiven Ebene. Erst seit den 1990er Jahren gibt es in der Sozialpsychologie verstärkt Bemühungen, die Bedeutung emotionaler Prozesse für Vorurteilsstrukturen hervorzuheben, wobei vor allem die "Intergroup Emotion Theory" (IET) von Belang war:[18] Wenn die soziale Identität eines Gruppenmitglieds angesprochen sei, werde es wahrscheinlicher, dass diese Person ähnliche emotionale Reaktionen zeige wie andere Gruppenmitglieder. Anders ausgedrückt: Wenn sich eine einzelne Person einer bestimmten Gruppe zuordnet, verstärkt dies die emotionale wie kognitive Ausrichtung auf die Gruppe und zugleich die entsprechende Abgrenzung zu anderen Gruppen. Die IET kritisiert an den älteren Ansätzen zur Vorurteilsforschung vor allem die Nichtberücksichtigung von Emotionen, die dazu führe, dass die stereotype Wahrnehmung und die Vorurteilsbildung ungenau beschrieben werden. Insbesondere würden die kognitivistischen Ansätze davon ausgehen, dass eine andere Gruppe nur auf zwei unterschiedliche Weisen wahrgenommen werden könne: als positiv oder negativ.

Hingegen ließen sich, wenn man die emotionalen Anteile in solchen sozialen Bewertungsprozessen anschaue, sehr viel genauere Unterscheidungen vornehmen: Eine Gruppe könne als bedrohlich, als schmutzig oder als anmaßend bewertet werden, weshalb jeweils unterschiedliche emotionale Reaktionen wie Angst, Ekel oder Wut zu vermuten seien – und damit letztlich auch unterschiedliche Handlungstendenzen wie Flucht, Distanzwahrung oder Entrüstung. Der Vorteil dieser Konzeption liegt in den Augen der IET-Anhänger darin, Verhalten durch die Kenntnis der beteiligten Emotionen viel genauer vorhersagen zu können, denn Emotionen laufen auch in diesen neueren Forschungen, obwohl sie zumeist eine Bewertungsebene (appraisals) vorsehen, auf relativ eindeutige Handlungsoptionen hinaus.

Bis in die unmittelbare Gegenwart beeinflussen sozialpsychologische Theorien die wichtigsten Ansätze der sozialwissenschaftlichen Einstellungsforschung. Die Untersuchungen zu "Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" greifen auf das entsprechende Instrumentarium zurück.[19] Das wichtigste Ergebnis dieser Langzeituntersuchungen scheint bisher zu sein, dass sich empirische Wechselwirkungen zwischen Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und Ähnlichem nachweisen lassen, sodass von einem gemeinsamen Syndrom der "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" gesprochen werden kann.

Auch im Rahmen dieser Langzeitstudien ist jedoch vor Kurzem festgestellt worden, dass die empirische Vorurteilsforschung die Frage vernachlässigt hat, welche Emotionen mit entsprechenden Vorurteilsstrukturen einhergehen.[20] Grundsätzlich steht hierbei ebenfalls die prognostische Bedeutung von gruppenbasierten Emotionen im Fokus, da man voraussetzt, dass diese Emotionen nach bestimmten Mustern diskriminierende Handlungen induzieren: auf Bedrohung folgt Angst folgt Flucht/Aggression.[21] Es ist letztlich der Wunsch, soziales Verhalten vorhersagen und kontrollieren zu können, der den Blick auf die Wirkung von Emotionen prägt und ihnen ein gewisses Maß an Automatismus unterstellt.

Fußnoten

14.
Vgl. David L. Hamilton/Diane M. Mackie, Cognitive and Affective Processes in Intergroup Perception: The Developing Interface, in: dies. (Hrsg.), Affect, Cognition and Stereotyping. Interactive Processes in Group Perception, San Diego 1993, S. 1–11.
15.
Vgl. als eine Zusammenfassung der Ergebnisse David L. Hamilton (Hrsg.), Cognitive Processes in Stereotyping and Intergroup Behavior, Hillsdale, NJ 1981.
16.
Vgl. Eliot R. Smith/Diane M. Mackie, Aggression, Hatred and Other Emotions, in: John F. Dovidio et al. (Hrsg.), On the Nature of Prejudice: Fifty Years After Allport, Malden, MA 2005, S. 361–376.
17.
Vgl. Henri Tajfel (Hrsg.), Social Identity and Intergroup Relations, Cambridge 1982; ders., Social Psychology of Intergroup Relations, in: Annual Review of Psychology, 33 (1982) 1, S. 1–39.
18.
Die IET wurde begründet in Eliot R. Smith, Social Identity and Social Emotions: Toward New Conceptualizations of Prejudice, in: D.M. Mackie/D.L. Hamilton (Anm. 14), S. 297–315.
19.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die theoretische Konzeption und erste empirische Ergebnisse, in: ders. (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 1, Frankfurt/M. 2002, S. 15–34.
20.
Vgl. Frank Asbrock et al., Das Gefühl macht den Unterschied. Emotionen gegenüber ‚Ausländern‘ in Ost- und Westdeutschland, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsch-deutsche Zustände. 20 Jahre nach dem Mauerfall, Frankfurt/M. 2009, S. 152–167.
21.
Vgl. Cara A. Talaska et al., Legitimating Racial Discrimination: Emotions, Not Beliefs, Best Predict Discrimination in a Meta-Analysis, in: Social Justice Research, 21 (2008), S. 263–296.