Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.

21.7.2014 | Von:
Iris Pufé

Was ist Nachhaltigkeit? Dimensionen und Chancen

Nachhaltigkeit als Innovationsspritze

Die Krise könnte als Chance genutzt werden: Würde Nachhaltigkeit als Innovationsspritze wahrgenommen, die am Kern eines Problems ansetzt und dieses dauerhaft zu lösen versucht, böten sich viele Geschäftschancen. Auch durch die Anschauung unter Führungskräften, die von ihnen geleiteten Institutionen nur als geliehen anzusehen und sie für kommende Generationen zu bewahren, wäre viel erreicht. Der Wald "Unternehmen" würde dann nicht für den eigenen Profit abgeholzt, sondern für die Nachfolger vorbereitet.

Positiv stimmt, dass eine Vielzahl von Branchen – wie etwa Mobilität, Architektur, Ernährung – von diesen Veränderungsprozessen bereits ergriffen wurden und ihre Vertreter erkennen, dass es zu spät ist, den Wandel einfach nur auszusitzen, mit dem Atomsektor als wohl deutlichstem Beispiel. Im Gegenzug haben Unternehmen, die die Thematik einer gerechten Ressourcenökonomie proaktiv angehen, eine Reihe von Vorteilen. Beispiele hierfür wären substanzielle Produkt- und Serviceneuerungen, strategische Allianzen, krisensichere Qualitätsführerschaft, langfristige Kunden- und Mitarbeiterbindung, Ressourcen- und Effizienzgewinne bei gleichzeitigen Kosteneinsparungen, höhere gesellschaftliche Reputation, mit der gemeinhin eine höhere Nachfrage unter Kund(inn)en aber auch Mitarbeiter(inne)n (Stichwort Arbeitgeberattraktivität) einhergeht.

Erste Erfahrungen sozial verantwortlicher Unternehmen zeigen: Nachhaltigkeit bietet die Option, Erfindungen hervorzubringen, Verbesserungen anzuregen. Sie kann zudem als Differenzierungsmöglichkeit gegenüber dem Wettbewerb gesehen werden. Zum Beispiel kam es zwischen den Sportartikelherstellern Puma, Nike und Adidas zu einem Wettrennen, welcher der drei Konzerne zuerst den Einsatz von gesundheitsschädlichen Chemikalien aus der Produktion verbannen könne. Ausgelöst durch die von Greenpeace initiierte Kampagne "Detox", wollte keiner Gefahr laufen, auf einem imageschädlichen wie ökonomisch desaströsen Giftranking gelistet zu sein.

Auch finanziell kann es sich für jene positiv niederschlagen, ihre Nachhaltigkeitsperformance zu verbessern. Der Dow Jones Sustainability Index zeigt, welchen finanzmarktrelevanten Stellenwert das Thema bereits erreicht hat. Sowohl die Non-Financial-Evaluation als auch das Triple-Bottom-Line-Konzept (die Beurteilung der Kreditwürdigkeit unter Berücksichtigung ethischer, ökologischer und finanzieller Aspekte) zielen auf eine nicht rein finanziell-monetäre Bewertung eines Unternehmens ab.[9] Wie stark sich nicht-nachhaltiges Verhalten auf den Börsenwert auswirkt, zeigt das Beispiel BP (einst British Petroleum, heute euphemistisch umgedeutet zu Beyond Petrol). Infolge der "Deepwater Horizon"-Katastrophe im April 2010, bei der der Untergang einer BP-Ölplattform eine verheerende Ölpest im Golf von Mexiko verursachte, brach die Unternehmensbewertung binnen weniger Tage existenzgefährdend ein.

Ökologisches und soziales Kapital

Der Kapitalbegriff hat sich im Zuge der zunehmenden Popularität des Nachhaltigkeitsgedankens erweitert. Entscheidungen, heute und künftig noch viel mehr, haben nicht nur Auswirkungen auf die finanziellen Mittel, das ökonomische Kapital der Firma, sondern auch auf ihr soziales Kapital (etwa das Vertrauen von Mitarbeitern und Kunden) und ihr ökologisches Kapital (etwa hochwertige Rohstoffe und Ressourcen zur Produktionsabsicherung). Nicht allein ökonomisches Kapital macht den Reichtum eines Landes, einer Gesellschaft oder einer Unternehmung aus, auch das direkte wie indirekte, materielle wie immaterielle Vermögen tragen dazu bei. In einer Gesellschaft, die verstärkt Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle erwägt, die ökologische und sozial dauerhaft tragfähige Alternativen zum Heuschrecken- und Turbokapitalismus bieten – wie etwa die Postwachstumsökonomie oder die Gemeinwohlökonomie – gilt dies umso mehr.[10]

Die Chancen für jene Alternativen stehen gegenwärtig besser denn je. Wie die Studie "Umweltbewusstsein in Deutschland 2012" des Umweltbundesamtes nahelegt, ist das Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit in Deutschland stark ausgeprägt.[11] "Für 35 Prozent ist der Umweltschutz eine der wichtigsten Aufgaben der Politik, gleich hinter der Wirtschafts- und Finanzpolitik", referierte Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamtes, im Januar 2013 bei der Vorstellung des Berichts. 65 Prozent der Befragten erwarteten zudem ein stärkeres Engagement des Staates. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Studie der Bertelsmann Stiftung "Bürger wollen kein Wachstum um jeden Preis" von 2010, der zufolge sich 88 Prozent der Befragten eine "neue Wirtschaftsordnung" wünschten.[12]

Mahnende Worte kommen auch von einem Gremium, das die Bundesregierung selbst berufen hat: Sie ignoriere ihre eigenen Berater, kritisiert der Rat für nachhaltige Entwicklung (RNE), der Beiträge für eine nationale Strategie erarbeitet und Umsetzungsstrategien vorschlägt. "Nachhaltigkeit habe in der aktuellen Legislaturperiode bisher keine Rolle gespielt", sagte jüngst Marlehn Thieme, die Vorsitzende des Rates.[13] Auf der Jahreskonferenz des RNE im Mai 2014 in Berlin forderte Thieme mehr Mut von der Politik. Öffentliche Unternehmen sollten sich etwa nach dem von ihr entwickelten Deutschen Nachhaltigkeitskodex richten, was bedeutet: Wer den Kodex befolgt, der muss künftig offenlegen, wie er nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch und sozial "performt".

Fußnoten

9.
Vgl. John Elkington, Cannibals with Forks, 1999.
10.
Vgl. Nico Paech, Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, München 2012; Christian Felber, Die Gemeinwohl-Ökonomie – Das Wirtschaftsmodell der Zukunft, Wien 2010.
11.
Vgl. Jana Rückert-John/Inka Bormann/Rene John, Umweltbewusstsein in Deutschland 2012, Berlin 2012, http://www.umweltbundesamt.de/publikationen/umweltbewusstsein-in-deutschland-2012« (3.7.2014).
12.
Vgl. Bertelsmann Stiftung, Bürger wollen kein Wachstum um jeden Preis, Gütersloh 2010, http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_32005_32006_2.pdf« (3.7.2014).
13.
Zit. nach: Ruf nach mehr Mut zu nachhaltiger Politik, in: Süddeutsche Zeitung vom 3.6.2014. Vgl. auch http://www.nachhaltigkeitsrat.de« (3.7.2014).
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Autor: Iris Pufé für bpb.de
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