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Comics

5.8.2014 | Von:
Dietrich Grünewald

Zur Comicrezeption in Deutschland

Entstehen einer Subkultur

Dennoch erwuchsen aus der Kindergeneration, die in den 1950er und 1960er Jahren trotz aller Verbote mit intensiver Comiclektüre groß geworden waren – verstärkte doch die Pejorisierung nur die Leselust –, mehr und mehr Menschen, die trotz aller Vorbehalte ihr Interesse bewahrten und eine engagierte Subkultur aufbauten. Was einst Verlage aus marktstrategischen Gründen mit Fanclubs wie dem Micky-Maus-Club oder dem Sigurd-Club angestoßen hatten, wird bis heute gepflegt, inzwischen vor allem über das Internet. 1970 wurde in West-Berlin die bis heute existierende Interessengemeinschaft Comic Strip (INCOS) zum Austausch zwischen Fans, Sammlerinnen und Sammlern, Händlerinnen und Händlern sowie der Wissenschaft gegründet. Eine weitere, wenn auch kuriose Initiative war die Gründung der Deutschen Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus (Donald) durch Hans von Storch in Hamburg 1977. Sie widmet sich bis heute ironisch-intellektuell der Welt Entenhausens, den Comics von Carl Barks und seiner kongenialen deutschen Übersetzerin Erika Fuchs. Die "Donaldisten" sind mittlerweile in zahlreichen deutschen Städten vertreten und durch Publikationen sowie im Internet präsent.[6] Von Beginn an überregional Bedeutung hatte für alle Comicinteressierten der 1981 gegründete Interessenverband Comic, Cartoon, Illustration und Trickfilm (ICOM). Er versteht sich vorwiegend als Interessenvertretung der Comickünstlerinnen und -künstler, zählt aber auch Sammler, Wissenschaftler und allgemein Comicinteressierte zu seinen Mitgliedern.

Gleichzeitig bildete sich innerhalb der Fanszene mit verschiedenen Fanzines nach und nach eine überregionale deutschsprachige Comicfachpresse heraus, die mittlerweile durch die Publikationsmöglichkeiten des Internets eine ungleich größere Dimension angenommen hat.[7] René Lehnerer, Thilo Rex und Andreas C. Knigge gründeten 1974 das Magazin "Comixene", das sich schon bald mit Informationen über die aktuelle nationale und internationale Comicszene, Sachbeiträgen, Künstlerporträts und Rezensionen zu einem geschätzten Fachblatt entwickelte. 2012 wurde es aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Das Engagement der Redakteurinnen und Redakteure sowie der Autorinnen und Autoren ist die Basis dieser Zeitschriften, wodurch allerdings nur zu leicht ökonomische oder persönliche Gründe zu ihrer Einstellung führen können. So erschienen beispielsweise auch das Wiener "Comicforum" von 1979 bis 1998, "Rrraah!" aus Hildesheim zwischen 1978 und 2001 oder die "Sprechblase" aus Schönau von 1978 bis 2008. Seit 1984 präsentiert "Reddition. Zeitschrift für Graphische Literatur" aus Barmstedt Schwerpunktthemen zu europäischen und amerikanischen Comics. Das gleiche Team gibt seit 2012 auch die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift "Alfonz. Der Comicreporter" heraus. Solche Fanzines bieten dem Forschungs- und Sammlereifer der Fans Raum und liefern einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Comics. Jahrbücher,[8] Internetportale[9] sowie Lexika[10] komplettieren heute das Informationsangebot.

Seither lebt die Comicszene in Deutschland, wie heute die wachsende Zahl an Festivals, Tauschbörsen und Messen in deutschen Städten, aber auch an Förderpreisen und Wettbewerben für junge Nachwuchskünstler zeigt.[11] Als bedeutendstes deutsches Treffen hat sich der 1984 ins Leben gerufene, im Zweijahresrhythmus stattfindende Internationale Comic-Salon in Erlangen etabliert, auf dem mit dem "Max und Moritz-Preis" auch die wichtigste Auszeichnung für grafische Literatur im deutschsprachigen Raum vergeben wird.

Fußnoten

6.
Siehe die Homepage der Organisation: http://www.donald.org« (19.6.2014).
7.
Vgl. beispielsweise den Mecki-Fanclub, http://archive.bilderundworte.de/de/catalog/mecki-fanclub/publisher/216« (19.6.2014) oder das Mosaik Online-Fanzine http://www.tangentus.de« (19.6.2014).
8.
Vgl. beispielsweise Eddition Alfonz (Hrsg.), Comicreport 2014, Barmstedt 2014. Eine wissenschaftliche Comicinternetzeitung wird von der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) vorbereitet.
9.
Vgl. beispielsweise http://www.comic.de«, http://www.comicguide.de« oder http://www.comic-report.de«.
10.
Vgl. beispielsweise Andreas C. Knigge, Comic Lexikon, Frankfurt/M. 1988; Reinhard Pfeiffer, Von Hannes Hegen bis Erich Schmitt, Lexikon der Karikaturisten, Presse- und Comiczeichner der DDR, Berlin 1998; Marcus Czerwionka (Hrsg.), Comic-Lexikon, Meitingen 1992.
11.
So schreibt beispielsweise der Egmont Verlag seit 2012 ein Comicstipendium für Nachwuchskünstler, Studierende, Szenaristen und Zeichner unter 35 Jahren aus. Die Ausschreibung gibt ein Thema vor (2014: "Grenzenlos"), der Preis besteht aus einem Preisgeld und der Veröffentlichung der Arbeit.
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Autor: Dietrich Grünewald für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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