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Comics

5.8.2014 | Von:
Dietrich Grünewald

Zur Comicrezeption in Deutschland

Erste Schritte zur kulturellen Akzeptanz

In den 1970er Jahren veränderte sich mit dem Generationenwechsel in der Bundesrepublik auch der Comicmarkt. So etablierte sich mit den Erfolgsserien "Asterix" und "Lucky Luke" das Medium Album, das bislang "Tim und Struppi" von Hergé vorbehalten gewesen war. Es erlaubte eine längere Marktpräsenz als das kurzfristige Heftchenprogramm am Kiosk. Zudem entwickelten sich spezialisierte Comicläden und der Comicversand. Autorencomics – abgeschlossene längere Geschichten oder Kurzserien – und Sammelmagazine wie "Zack" erreichten ein jugendliches und erwachsenes Publikum. "Zack" erschien von 1972 bis 1980 und wurde auch in Frankreich, den Niederlanden und Dänemark vertrieben. In den 1980er Jahren entstanden darüber hinaus Foren für innovative Experimente, wie etwa die von 1989 bis 1994 erscheinende Zeitschrift "Boxer. Moderne Bildgeschichten" oder "Strapazin M", das 1984 in München als "Comic-Art Magazin für Strapazierfähige" ins Leben gerufen wurde.

Ein wichtiger Impuls für die kulturelle Akzeptanz des Comics in Deutschland war das Erscheinen der deutschen Ausgabe von Art Spiegelmans "Maus" 1989 und 1991 bei Rowohlt. Das Werk über den Holocaust demonstrierte der deutschen kulturellen Öffentlichkeit, sekundiert von zahlreichen begleitenden Analysen und Ausstellungen, dass Comics mehr als triviale Unterhaltung sein und auf ihre eigene künstlerische Weise anspruchsvoll ernste Themen aufgreifen können.[12] Schritt für Schritt erleben wir seitdem eine Erweiterung des Comicangebots in Deutschland, insbesondere für die Zielgruppe Erwachsene.

Etwa zur gleichen Zeit erhielt mit der deutschen Wiedervereinigung auch die Szene der Comiczeichnerinnen und -zeichner in Deutschland Auftrieb. Experimentelle Ansätze junger Ostberliner Grafikerinnen und Grafiker, zum Beispiel der Gruppe "Renate", zu deren Gründern Atak (Georg Barber) zählt, oder Anke Feuchtenbergers,[13] wirkten sich bundesweit aus. Risikofreudige Verlage wie Jochen Enterprises aus Berlin boten diesen Künstlern Publikationsmöglichkeiten, beispielsweise für die von Atak zwischen 1998 und 2002 herausgegebene Heftreihe "Wondertüte" oder Feuchtenbergers Geschichte "Die Hure H" von 1996. Beide sind heute Hochschullehrer. Mit einer Reihe weiterer Comiczeichner wie Hendrik Dorgathen in Kassel, Ute Helmbold in Braunschweig, Marcus Herrenberger in Münster oder Henning Wagenbreth in Berlin haben sie an Fachhochschulen und Akademien Comics als Teil des künstlerischen Lehrangebotes etabliert. Seitdem werden immer wieder gelungene Abschlussarbeiten publiziert, wie zum Beispiel 2007 "Liebe schaut weg" von Line Hoven, Diplomarbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Zwar können nach wie vor nur wenige Grafiker allein von ihrer Comicarbeit leben, dennoch ist die Zahl junger Talente deutlich gestiegen. Anleitungsbücher zum Comiczeichnen für Laien wie für Profis spiegeln diesen Trend.[14]

Immer mehr Verlage boten zunehmend auch deutschsprachigen Künstlern Publikationsmöglichkeiten. Denn neben Heft und Album erschloss sich der Comic inzwischen hierzulande auch das Buch als Medium und damit den Buch- und Versandbuchhandel, was wiederum die Gelegenheit war, neben Mainstreamserien für Fans auch spezielle Comicangebote aufzulegen, die über einen längeren Zeitraum Interessierte ansprechen. So erzielte beispielsweise Rowohlt 1987 einen großen Publikumserfolg mit Ralf Königs Comic "Der Bewegte Mann", der 1994 auch verfilmt wurde. Ein weiteres Beispiel ist die 1999 erschienene zweibändige Goethe-Biografie der Zeichner Christoph Kirsch und Thomas von Kummant in der Ehapa Comic Collection in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut.

Einen wichtigen Impuls für Produktion, Markt und Publikum gab das Label "Graphic Novel". Gemeint sind längere, abgeschlossene Bildgeschichten. Das Angebot zeichnet sich durch eine große Themenvielfalt und ästhetische Innovationen aus. Trotz berechtigter Kritik an der Gefahr, durch eine Spaltung in Comics als massenmediale Trivialunterhaltung einerseits und Graphic Novels als grafische Belletristik andererseits neue Vorurteile zu produzieren, ist das Label durchaus erfolgreich, werden doch so nach wie vor latent existente Vorbehalte überspielt. Trotz relativ niedriger Auflagenhöhen sind Graphic Novels internationaler und nationaler Herkunft auf dem Comicmarkt relativ erfolgreich.

Heute nehmen auch traditionelle Verlage vermehrt Bildgeschichten in ihr Programm auf. Darunter viele Adaptionen, die bekannte Stoffe nicht einfach übertragen, sondern mit den spezifischen ästhetischen Möglichkeiten der Bildgeschichte neu erzählen.[15] Auch Sachcomics, naturwissenschaftliche Werke,[16] Biografien,[17] historische Arbeiten – insbesondere zur jüngsten deutschen Vergangenheit[18] – zeigen die Vielfalt der Bildgeschichte als eigenständige Kunstform auf. Doch nach wie vor ist es vor allem das Engagement mutiger Kleinverlage, das das Experimentierfeld anspruchsvoller Bildgeschichten bewegt.[19]

Gleichzeitig ist in jüngster Zeit auch zu beobachten, dass die jetzige Großelterngeneration – vom Schmutz- und Schundkampf gegen Comics zwar stark geprägt – ein großes nostalgisches Erinnerungsinteresse an Comics der 1950er und 1960er Jahre an den Tag legt. Der Markt reagiert: Inzwischen gibt es Nachdrucke von alten Serien, die oft von Ausstellungen und wissenschaftlichen Aufarbeitungen begleitet werden. Die Beispiele reichen von "Lurchi der Salamander", das seit 1937 erscheinende und damit älteste deutsche Comicheft, über "Mecki", seit 1951 in der "Hörzu", bis zu "Sigurd" von Hansrudi Wäscher oder Helmut Nickels "Winnetou".[20] Besonderer nostalgischer Beliebtheit erfreuen sich die Bildgeschichten, die in der DDR erschienen sind.[21] So wird die Kultserie "Mosaik" von Hannes Hegen, die 1955 mit der gleichnamigen Zeitschrift startete, derzeit in Sammelbänden neu aufgelegt. Gleichzeitig ist das "Mosaik", das 1975 nach dem Ausscheiden Hegens mit den Abrafaxen von Chefzeichnerin Lona Ritschel als neuen Helden weitergeführt wurde, bis heute lebendig und gewinnt eine wachsende Interessentengemeinde.[22]

Fußnoten

12.
Vgl. unter anderem Oliver Näpel, Auschwitz im Comic, Münster 1998, sowie die umfangreiche Spiegelman-Ausstellung im Museum Ludwig, Köln 2012. Der Erfolg von Spiegelmans Buch über seinen Comic ist ein Beleg für die Nachhaltigkeit dieser Erkenntnis: Vgl. Art Spiegelman, Meta Maus, Frankfurt/M. 2012.
13.
Einen selbstironischen Rückblick gibt hierzu der Comicstrip "Wie Alles begann" von Anke Feuchtenberger und Atak in der Berliner Zeitung vom 4.2.2002.
14.
Vgl. beispielsweise Frank Plein, Der Comic im Kopf, Kreatives Erzählen in der neunten Kunst, Stuttgart 2012.
15.
Vgl. beispielsweise Jakob Hinrichs, Traumnovelle (nach Arthur Schnitzler), Frankfurt/M. 2012.
16.
Vgl. beispielsweise Gert Höfner/Siegfried Süßbier, Das verrückte Mathe-Comic-Buch, Heidelberg 2012.
17.
Vgl. beispielsweise Reinhard Kleist, Cash. I See the Darkness, Hamburg 2006 (über den Musiker Johnny Cash).
18.
Vgl. unter anderem Barbara Henniger, Unsere deutsche demokratische Republik, Ein Bilderbuch aus dem Jenseits, Berlin 1998; Flix, Da war mal was … Hamburg 2009; Claire Lenkova, Grenzgebiete, Eine Kindheit zwischen Ost und West, Hildesheim 2009; Simon Schwartz, Drüben!, Berlin 2009; Isabel Kreitz, Deutschland. Ein Bilderbuch, Köln 2011; Thomas Henseler/Susanne Buddenberg, Geteilte Stadt Berlin, Berlin 2013.
19.
Wie Edition Moderne aus Zürich, Reprodukt und Avant aus Berlin, Edition 52 aus Wuppertal, Die Biblyothek – Edition Moritate aus Leipzig, Salleck Publications aus Wattenheim.
20.
Bereits von 1977 bis 1980 hatte die Edition Becker & Knigge den Comicstrip "Taro" von Friedrich-Wilhelm Richter-Johnsen und Fritz Raab, der von 1959 bis 1968 im "Stern" erschien, in drei Bänden herausgebracht sowie ab 1979 "Jimmy das Gummipferd" von Roland Kohlsaat, das von 1953 bis 1976 ebenfalls im "Stern" erschien. 2003 stellte das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover die Serie aus und legte einen weiteren Nachdruck vor.
21.
Vgl. beispielsweise die Reihe "Klassiker der DDR-Bildgeschichte" des Dresdner Holzhof-Verlags, die seit 2005 Reprints beliebter Serien herausbringt.
22.
Vgl. beispielsweise Petra Kock, Das Mosaik von Hannes Hegen, Berlin 1999; Thomas Kramer, Micky, Marx und Manitu, Berlin 2002; Mark Lehnstedt, Die geheime Geschichte der Digedags, Leipzig 2010.
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Autor: Dietrich Grünewald für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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