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Comics

5.8.2014 | Von:
Dietrich Grünewald

Zur Comicrezeption in Deutschland

Einzug in Feuilletons, Museen und Wissenschaft

Während noch bis in die 1990er Jahre die Presse Comics als Reflexionsthema weitgehend ignorierte, hat sich das Feuilleton überregionaler wie regionaler Zeitungen dank des besonderen Engagements einiger Redakteure dem Thema heute geöffnet. Als Ralf Königs Buch "Elftausend Jungfrauen" 2012 erschien, wurde das Ereignis in zahlreichen Tages- und Wochenzeitungen kommentiert. Schon kurz darauf wurden die Zeichnungen des Buches in einer Ausstellung im Stadtmuseum Köln 2013 präsentiert.[23] Rezensionen zu aktuellen Comics finden sich heute nicht nur in der Comicfachpresse und einschlägigen Internetportalen, sondern auch in zahlreichen Zeitungen. Ein weiterer Hinweis auf ein gewachsenes allgemeines Interesse ist die vermehrte Herausgabe populärwissenschaftlicher Bücher über Comics[24] oder Themenhefte etablierter Zeitschriften, die diese Kunst als diskussionswürdig vorstellen.[25]

Nach dem Anstoß der Berliner Ausstellung 1970, die als Wanderausstellung durch zahlreiche bundesdeutsche Städte zog, wuchs die Zahl der Comicausstellungen in Deutschland. Waren die Exponate anfangs noch oft Kopien aus Heften und Alben, so sind heute vornehmlich Originalzeichnungen oder Erstdrucke zu sehen. Zu Überblicksausstellungen zur Geschichte der Comics,[26] zu Künstlern, Genres oder Serien gesellen sich zahlreiche thematische Ausstellungen, zum Beispiel "Helden, Freaks und Superrabbis. Die jüdische Farbe des Comics" 2010 im Jüdischen Museum Berlin oder "Comics gegen Nazis" 2009 im Wiesbadener Pressehaus.[27] Das Verhältnis von bildender Kunst und Comics zeigt mit einem Augenzwinkern die seit 2003 tourende Wanderausstellung "Duckomenta", die Kunstwerke in Disney-Comics wie klassische Kunstmotive in Duck’scher Personalausstattung präsentiert, oder mit eher sachlich-informativem Blick die Ausstellung "Kaboom! Comic in der Kunst" 2013 im Museum für Moderne Kunst in Bremen. Den Stellenwert der Comics in der deutschen Gesellschaft thematisierte die Ausstellung "Comicleben – Comiclife" 2012 im Museum Europäischer Kulturen in Berlin, die an individuellen Beispielen den Comiczeichner, -verleger, -sammler, -leser und -wissenschaftler vorstellte. Die meisten Ausstellungen werden von einem Katalog begleitet, der in der Regel einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt.

Die Comicforschung in Deutschland ist in hohem Maße auf die Informationen von Sammlern und der Fanszene angewiesen, ist sie doch institutionell nicht verortet. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wie das Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo seit den 1960er Jahren eine Bibliothek primärer und sekundärer Comicliteratur aufgebaut wird, die Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) an der Universität Hamburg oder das Institut für Germanistik der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit seiner "Bonner Online-Bibliographie zur Comicforschung".[28] Wissenschaftler aus den Kunst-, Literatur-, Medien- und Kulturwissenschaften sowie aus der Linguistik, Geschichte und Theologie haben – meist aus persönlichem Interesse – Comics zum Gegenstand ihrer Forschung und Lehre gemacht und in bestehende Studiengänge integriert. Das spiegelt sich in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen,[29] Tagungen an Universitäten und Akademien[30] sowie in Dissertationen, Habilitationsschriften und Forschungsprojekten. Die Vielfalt der Wissenschaftsgebiete findet sich jedoch in der Terminologie sowie in den wissenschaftlichen Methoden und Fragestellungen wieder, wobei in vielen Fällen die Forschungsarbeiten der parallelen Wissenschaften nicht oder nur unzulänglich in die eigenen Überlegungen eingebunden werden, wenngleich der fachübergreifende Zugriff dieses "hybriden" Gegenstands stets betont wird. Um die am Comic interessierten Wissenschaftler kommunikativ zu verbinden und der Comicwissenschaft als pluraler Forschung ein Forum zu bieten, wurde daher 2004 die Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) gegründet.[31] Sie organisiert jährlich eine Wissenschaftstagung zu wechselnden Themen und publiziert deren Ergebnisse in Tagungsbänden.[32]

Fazit

Nach Jahren der Ablehnung, Ignoranz und heimlichen Duldung sind Comics schließlich auch hierzulande auf dem Weg zur kulturellen Akzeptanz. Als "Opium in der Kinderstube" gelten sie schon lange nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Derzeit werden Comics als Gegenstand wie als Medium im Unterricht für ein breites Spektrum an Fächern wie Deutsch, Geschichte, Naturwissenschaften, Fremdsprachen, Religion und Kunst wieder diskutiert, erprobt und untersucht.[33] Forschungsprojekte stützen die These, dass Kinder aktiv und sinnvoll mit Comics umgehen können und diese sogar eine motivierende Lernbasis darstellen.[34]

Trotz der festen Verwurzelung der Bildgeschichte auch in der deutschsprachigen Kultur sind Comics gegenüber den anderen Künsten in Deutschland jedoch immer noch ein Stiefkind. Wie Comickünstler, -forscher und -fans im Berliner "Comic-Manifest" von 2013 forderten,[35] sollten Comicprojekte hierzulande gleichberechtigt behandelt und entsprechend gefördert werden. Comics sollten als eine eigenständige Kunstform angesehen werden, die fern aller sprachartistischen und akademischen Differenzierungen zwischen Comic, Graphic Novel, Manga und anderen auf der narrativen autonomen Bildfolge basiert.[36]

Für eine angemessene kulturelle Akzeptanz braucht es nicht nur ein qualitativ überzeugendes Angebot, sondern auch die Bereitschaft der Leser, sich diesem Angebot zu öffnen sowie eine lebendige öffentliche Resonanz in Medien, Wissenschaft und Bildung. Comiclektüre ist ein reiches, lohnenswertes Angebot für alle, die Freude an narrativen Bildern haben. Bildgeschichten sind nicht nur anschaulich und unmittelbar, sie fordern darüber hinaus eine mitspielend-deutende Rezeption, Offenheit sowie einen kritisch-wertenden Blick. Natürlich ist nicht alles gut, nur weil es Comic ist. Doch die vielen hervorragenden Werke, die es inzwischen auch hierzulande gibt, belegen, dass sich die Anstrengung lohnt.

Fußnoten

23.
Das Museum Caricatura in Frankfurt/M. zeigte 2014 eine umfassende König-Ausstellung.
24.
Vgl. beispielsweise Andreas C. Knigge, Alles über Comics. Eine Entdeckungsreise von den Höhlenbildern bis zum Manga, Hamburg 2004.
25.
Vgl. beispielsweise Schreibheft, Zeitschrift für Literatur, 30 (2007) 68; Text + Kritik, Sonderband V/09; Neue Rundschau, 123 (2012) 3; Kunst + Unterricht (2010) 347–348.
26.
Die erste umfassende und auf Originalen basierende Ausstellung zu deutschsprachigen Comics zeigte das Mittelrheinmuseum Koblenz 2004: "Comic-Kunst. Vom Weberzyklus zum Bewegten Mann. Deutschsprachige Bildgeschichten des 20. Jahrhunderts". Zuletzt bot die Ausstellung "Streich auf Streich. Deutschsprachige Comics von Wilhelm Busch bis heute" des Wilhelm-Busch-Museums Hannover 2014 einen Überblick.
27.
Vgl. den Sammelband zur parallelen Fachtagung: Ralf Palandt (Hrsg.), Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics, Berlin 2011.
28.
Vgl. http://www.comicforschung.uni-bonn.de« (1.7.2014).
29.
Ich verweise als Beispiel auf den Bachmann-Verlag, der unter anderem in seiner Gelben Reihe der Comicforschung ein Forum bietet. http://www.christian-bachmann.de« (1.7.2014).
30.
Zwei Beispiele aus dem Jahr 2014: "Graphisches Erzählen – neue Perspektiven auf Literaturcomics", 5.–7.3.2014, Düsseldorf; "Was ist eigentlich eine Graphic Novel? Zur Kultur des Erzählens mit Bildern", 2.–4.7.2014, Braunschweig.
31.
Siehe die Homepage der Gesellschaft: http://www.comicgesellschaft.de« (1.7.2014)
32.
Vgl. zum Beispiel Dietrich Grünewald (Hrsg.), Der dokumentarische Comic, Essen 2013; Stephan Packard (Hrsg.), Comics und Politik, Berlin 2014.
33.
Vgl. als Beispiel zum Geschichtsunterricht: René Mounajed, Geschichte in Sequenzen, Über den Einsatz von Geschichtscomics im Geschichtsunterricht. Frankfurt/M. 2009.
34.
Vgl. Ellen Thiessen, Comicrezeption und die kognitive Verarbeitung bei Kindern, München 2012.
35.
Vgl. http://www.literaturfestival.com/aktuelles/das-comic-manifest-comic-ist-kunst« (17.6.2014).
36.
Vgl. Dietrich Grünewald, Das Prinzip Bildgeschichte, in: ders. (Hrsg.), Struktur und Geschichte der Comics, Bochum–Essen 2010, S. 11–31.
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