Patronen des Kalibers 5,56 mm, wie sie auch im Sturmgewehr G36 der Bundeswehr verwendet werden, laufen am 20.02.2014 in einer Produktionshalle des Munitionsherstellers Metallwerke Eisenhütte Nassau MEN in Nassau (Rheinland-Pfalz) durch die Endkontrolle
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Automatisierte Kriegsführung – Wie viel Entscheidungsraum bleibt dem Menschen?

18.8.2014

Der Computer als Letztentscheider? Autonomie statt Automatisierung



An dieser Stelle setzt meist die Unterscheidung zwischen automatisierten und autonomen Systemen an, auch wenn die Grenze zwischen automatischem, automatisiertem und autonomem Verhalten – technisch gesehen – fließend verläuft und nur unterschiedliche Grade der Komplexität des Verhaltens und der Anzahl der berücksichtigten Parameter widerspiegelt.[13] Die wahrscheinlich sinnvollste Unterscheidung ist deshalb nicht technisch zu ziehen, sondern anhand der dem System gestellten Aufgabe beziehungsweise dem notwendigen externen Input und dem Grad menschlicher Kontrolle.

Während ein automatisiertes System zumindest formal noch menschlicher Kontrolle unterliegt und zwingend menschliche Unterstützung benötigt, um die (ebenfalls vom Menschen vorgegebenen) Aufgaben zu erfüllen, handelt das autonome System zumindest im Rahmen der Zielerfüllung selbstständig oder ist sogar in der Lage, sich Ziele zu setzen. Entsprechend definiert beispielsweise das Pentagon ein autonomes Waffensystem in seiner Direktive 3000.09 vom November 2012 als ein "weapon system that, once activated, can select and engage targets without further intervention by a human operator. This includes human-supervised autonomous weapon systems that are designed to allow human operators to override operation of the weapon system, but can select and engage targets without further human input after activation."[14] Nach dieser Definition wäre also ein Waffensystem als autonom zu kategorisieren, wenn es nach der Aktivierung gemäß seiner Programmierung selbstständig und ohne weiteres menschliches Zutun in der Lage ist, Ziele auszuwählen und anzugreifen. Eine menschliche Kontrolle kann stattfinden, muss aber nicht. Es ist offensichtlich, dass sich der Grad der Notwendigkeit menschlicher Eingriffe umgekehrt proportional zum Grad der Automatisierung/Autonomie verhält. Anfangs ist der Mensch noch in der "Entscheidungsschleife" – in-the-loop. Überwacht er primär und gibt nur Ziele vor, ist er on-the-loop, um schließlich beim vollautonomen System out-of-the-loop zu sein.

Dass es aus technologischer Sicht schon heute relativ unkompliziert ist, autonome Waffensysteme herzustellen, machen vor allem neuere Selbstverteidigungssysteme gegen anfliegende Raketen, Geschosse oder Mörsergranaten deutlich, die schon jetzt im Einsatz sind. Bereits seit den späten 1970er Jahren setzt die US Navy auf ihren Kampfschiffen das Phalanx-Nahbereichsverteidigungssystem ein. Phalanx ist in der Lage, anfliegende Raketen oder Flugzeuge zu identifizieren und durch das Verschießen von bis zu 4500 Schuss panzerbrechender 20-Millimeter-Munition pro Minute zu bekämpfen. Es ist offensichtlich, dass kein menschlicher Schütze im Stande wäre, eine eingehende Rakete zu erfassen und abzuschießen. Das von der Firma Rheinmetall Defence hergestellte Luftnahbereichsflugabwehrsystem MANTIS, das eigentlich zum Schutz deutscher Feldlager in Afghanistan angeschafft werden sollte, dient "der Abwehr von Angriffen mit Raketen, Artilleriegeschossen und Mörsergranaten, wie auch der Bekämpfung von Flugzielen (so beispielsweise auch unbemannter Flugziele, wie Drohnen oder Cruise Missiles)".[15] Noch im Lauf des Geschützes wird das Projektil programmiert, um im Idealfall in direkter Nähe zum bekämpften Ziel zu explodieren. Es ist möglich, das System in einen Modus zu schalten, bei dem auch die finale Schussfreigabe durch den Bediener entfällt. Auch das auf US Navy-Schiffen zu findende AEGIS-Luftabwehrsystem verfügt über einen autonomen Modus, in dem es ohne menschlichen Eingriff mögliche Gefahren identifiziert und abwehrt. Dabei kann es auch zu Fehlern kommen: 1988 klassifizierte ein AEGIS-System des Kreuzers USS Vincennes den Airbus des Fluges Iran-Air 655 als iranisches Kampfflugzeug vom Typ F-14 und damit als mögliche Bedrohung. Ob die Besatzung nach einigen fehlgeschlagenen Kommunikationsversuchen das System nicht an dem (autonomen) Abschuss hinderte oder den Vorschlag des Systems aktiv bestätigte (automatisiert), ist nicht genau bekannt. Bekannt ist das Ergebnis, das 290 Menschen das Leben kostete.[16]

Militärisch verzichtbare Autonomie?



Spricht man aktuell mit Vertretern der Bundeswehr, aber auch mit Vertretern anderer Streitkräfte, wird man auf ein immer wiederkehrendes Mantra treffen: das Bekenntnis, dass auch in Zukunft immer ein Mensch die Entscheidung über den Einsatz tödlicher Waffengewalt treffen soll und wird. Der Mensch soll – wenn auch mit Unterstützung des Systems – die Befehle geben. Allerdings zeigt das Beispiel zukünftiger bewaffneter Drohnen, dass dieses Paradigma durch das Aufkommen robotischer, das heißt unbemannter Kampfsysteme zu Lande, im Wasser und in der Luft mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht durchgehalten werden kann. Aktuelle Kampfdrohnen, wie beispielsweise die amerikanische MQ-9 Reaper oder die israelische Heron TP, sind im Wesentlichen ferngesteuert und für den – im Militärjargon – "unumkämpften Luftraum" ausgelegt, also auf "asymmetrische Konflikte", in denen das Entsendeland die Lufthoheit im Konfliktgebiet bereits besitzt.[17] Dort unterstützen Drohnen dann Patrouillen durch Luftnahunterstützung oder ermöglichen gezielte Angriffe gegen Aufständische. Modelle der nächsten Generation weisen hingegen schon viele Merkmale auf, die weit über diese Szenarien hinausreichen. Ein Blick auf die aktuellen Entwicklungen verrät:[18] Viele zukünftige größere Modelle der MALE-Klasse (Medium Altitude, Long Endurance, aktuell beispielsweise die Modelle Predator oder Reaper) sind dank Tarnkappentechnik (Stealth) besser gegen Radarentdeckung geschützt. Sie werden von Strahltriebwerken angetrieben und sind in der Lage, mehr und variablere Waffenlast zu transportieren. Da kein Mensch mehr im Cockpit sitzt, auf den man in der Planung oder im Einsatz Rücksicht nehmen muss, sind neue Designs möglich, die wesentlich belastendere Flugmanöver erlauben und bemannten Jets so deutlich überlegen sind.

Alle genannten Vorteile kommen aber nicht in asymmetrischen, sondern vor allem in symmetrischen Konflikten, im "umkämpften Luftraum", zum Tragen – also im klassischen Staatenkrieg, wenn der Gegner über eine Luftabwehr oder bemannte Kampfjets verfügt. Solche Modelle haben inzwischen die Zeichenbretter der Ingenieure verlassen und werden zum Teil schon intensiv getestet. Im Sommer 2013 landete beispielsweise das amerikanische Experimentalmodell X47B ohne menschliches Zutun zweimal hintereinander auf einem Flugzeugträger – auch für menschliche Piloten eine große Herausforderung. Beim dritten Versuch trat eine Anomalie auf und es war die Drohne selbst, die diese entdeckte und sich "entschied", den Vorgang abzubrechen.[19] Solche Systeme, die man guten Gewissens als hochgradig automatisiert oder semi-autonom bezeichnen kann, werden nicht nur durch die USA und Israel entwickelt. Auch die europäische Rüstungsindustrie, die den aktuellen Zug ferngesteuerter Drohnen verpasst hat,[20] versucht, bei der nächsten Generation wieder aufzuspringen. Während der britische Hersteller BAE Systems das ambitionierte Taranis-Programm forciert, arbeitet man in Frankreich an einem nEUROn genannten System, das laut Angaben der Entwicklerfirma Dassault in der Lage sein soll, eine "air-to-ground mission based on the detection, localization, and reconnaissance of ground targets in autonomous modes" zu vollführen.[21]

Solche großen Systeme werden in der Regel über Satellit gesteuert oder überwacht, um nicht durch die gebietsabhängige Funkreichweite eingeschränkt zu sein. Satellitenkommunikation hat aber, je nach Standort der Steueranlage, eine Latenz von mindestens einer Viertel- bis halben Sekunde auf einfacher Strecke.[22] Es vergeht also wertvolle Zeit, ehe eine ferngesteuerte Drohne auf unvorhergesehene Entwicklungen reagieren kann – die menschliche Reaktionszeit nicht mitgerechnet. Um die oben beschriebenen technologischen Fähigkeiten im umkämpften Luftraum voll ausnutzen, sind solche Zeitverzögerungen aus militärischer Sicht inakzeptabel, der Vorteil wird durch das Warten auf den Menschen wieder zunichte gemacht. Ein weiteres Problem ergibt sich, wenn die Kommunikationsverbindung vom Gegner gestört oder unterbrochen wird. Aktuelle Systeme leiten in diesem Fall eine automatische Rückkehr zur Basis ein. Damit ist die Mission abgebrochen und das Ziel nicht erfüllt. Es spricht also einiges dafür, dass volle Autonomie aus militärischer Sicht unverzichtbar ist, wenn die technologischen Möglichkeiten im umkämpften Luftraum ausgespielt werden sollen. Technisch ist es dank immer größerer Rechenleistung zukünftig kein Problem, die Assistenzsysteme in das unbemannte System zu verlagern. Auswertung, Lagebeurteilung und Handlungsanweisung – die Algorithmen wären die gleichen, nur der Mensch wäre nicht mehr als "Abnicker" in der Schleife.

Ein "Lösungsvorschlag", der in der Diskussion genannt wird, greift den oben beschriebenen Gedanken eines bemannten Führungssystems, also das manned-unmanned teaming zwischen bemanntem und unbemanntem System auf.[23] Ein bemannter Helikopter oder ein Kampfflugzeug könnte beispielsweise, so wird argumentiert, eine oder mehrere bewaffnete Drohnen mit direkter Kommunikation ohne Umweg über Satellit führen. Es fällt aber schwer, dieses Szenario zu akzeptieren. Denn, erstens, kommen die oben beschriebenen Überforderungsprobleme des Menschen zum Tragen. Zweitens ist das Führungsflugzeug in Reichweite und Verweildauer gegenüber unbemannten Systemen deutlich eingeschränkt. Es wäre wiederum der limitierende Faktor. Drittens wäre auch diese Kommunikation störanfällig und damit gefährdet. Und, viertens, würde ein relativ nahes bemanntes Führungsflugzeug vermutlich die gegnerische Abwehr auf sich ziehen. Ginge aber das Führungsflugzeug verloren, würden sich die gleichen Probleme wie bei einem Kommunikationsabriss über Satellit ergeben.


Fußnoten

13.
Vgl. United Nations Institute for Disarmament Research (UNIDIR), Framing Discussions on the Weaponization of Increasingly Autonomous Technologies, UNIDIR Resources 1/2014, http://www.unidir.org/files/publications/pdfs/framing-discussions-on-the-weaponization-of-increasingly-autonomous-technologies-en-606.pdf« (23.7.2014), S. 2.; vgl. auch P. Scharre (Anm. 12). Weitgehend einig sind sich Experten aber, dass "Autonomie" nicht im philosophischen Sinn als "eigener Wille" verstanden werden darf. Ob Computer je ein "Bewusstsein" erlangen – der gebräuchliche Begriff ist hier Singularität – ist hoch umstritten, für die Autonomiefrage aber irrelevant.
14.
United States Department of Defense, Directive 3000.09, 21.11.2012, http://www.dtic.mil/whs/directives/corres/pdf/300009p.pdf« (23.7.2014), S. 13f.
15.
Luftwaffe, Das Flugabwehrwaffensystem MANTIS, 24.4.2014, http://www.luftwaffe.de/portal/poc/luftwaffe?uri=ci:bw.lw.waff.flug.mantis« (23.7.2014).
16.
Vgl. George C. Wilson, Navy Missile Downs Iranian Jetliner, 4.7.1988, http://www.washingtonpost.com/wp-srv/inatl/longterm/flight801/stories/july88crash.htm« (23.7.2014).
17.
Vgl. Huw Williams, Watchkeeper Struggles Towards Take Off, in: Jane’s International Defence Review, 47 (2014) 2, S. 62f., hier: S. 63.
18.
Vgl. beispielsweise ders., Under the Radar: a New Crop of Unmanned Aircraft, in: Jane’s International Defence Review, 47 (2014) 2, S. 52–61.
19.
Christopher Cavas, X-47B Successfully Lands on Carrier. US Navy’s Unmanned Jet Makes Historic Carrier Landing Look Easy, 11.7.2013, http://www.defensenews.com/article/20130711/DEFREG02/307100021/X-47B-Successfully-Lands-Carrier« (23.7.2014).
20.
Vgl. H. Williams (Anm. 17), S. 52.
21.
Dassault Aviation, Aim of the Programme, http://www.dassault-aviation.com/en/defense/neuron/aim-of-the-programme/« (23.7.2014).
22.
Vgl. beispielsweise Rob Blackhurst, The Air Force Men Who Fly Drones in Afghanistan by Remote Control, 24.9.2012, online: http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/defence/9552547/The-air-force-men-who-fly-drones-in-Afghanistan-by-remote-control.html« (23.7.2014).
23.
Vgl. beispielsweise David Cenciotti, Pentagon’s Vision of Future of Military Drones Takes "Man" Out of "Unmanned", 30.12.2013, http://theaviationist.com/2013/12/30/unmanned-military-systems-roadmap« (24.7.2014).
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Autor: Niklas Schörnig für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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