Vietnamesische Matrosen auf den Spratly-Inseln, Vietnam

22.9.2014 | Von:
Claudia Derichs

Grundzüge der Geschichte Südostasiens

Die Geschichte Südostasiens auf wenigen Seiten darzulegen, kommt dem Versuch gleich, auf eine heiße Herdplatte zu fassen, ohne sich zu verbrennen. Zumal die Frage im Raum steht: Ist Südostasien eigentlich eine kohärente, eigenständige Region? Immerhin kann sie sich nicht auf geteilte Merkmale wie eine gemeinsame Sprache oder gemeinsame politische Errungenschaften berufen. Vielmehr sind Diversität und Heterogenität in jeder Hinsicht – kulturell, religiös, politisch, wirtschaftlich – die augenfälligsten Charakteristika. Zur Regionenfrage gibt es höchst unterschiedliche Ansichten, die in den Südostasienwissenschaften mit Verve und mitunter äußerst kontrovers ausgetauscht werden.

Bei näherem Hinschauen erweist sich "Südostasien" als recht junge Region, deren Bezeichnung als Entität in erster Linie auf politische Entwicklungen und Entscheidungen zurückgeht. So hätte vor der Dekolonisierung kaum jemand von "Südostasien" gesprochen, wenn sich das Augenmerk auf Kambodscha, Laos oder Vietnam richtete. Diese Teilregion firmierte unter dem Terminus "Indochina". Sie als integralen Bestandteil einer Region zu verstehen, die heute wie selbstverständlich dem akademischen Fach Südostasienwissenschaften zugeordnet wird, ist, historisch betrachtet, eine noch junge Erscheinung. Indochinastudien wären, in heutiger Diktion, politisch inkorrekt. Im Unterschied zu Japanologie und Sinologie sind die meisten aus der Dekolonisierung entstandenen Nationalstaaten des heutigen Südostasiens keine Einheiten, die auf eine lange nationale Tradition zurückblicken können. Zu den bekanntesten Reichen der vorkolonialen Zeit zählen Pagan in Burma (11.–13. Jahrhundert), Angkor in Kambodscha (9.–14. Jahrhundert), die Thai-Reiche (14.–15. Jahrhundert) sowie Srivijaya (7.–13. Jahrhundert) und Majapahit (14.–15./16. Jahrhundert) auf den indonesischen Inseln Sumatra und Ostjava. Sie bildeten zwar eine gewisse Grundlage für die späteren Nationalstaaten in Südostasien, wiesen aber völlig andere Grenzen auf. Ihre Spuren hinterließen sie eher in Form kultureller Traditionen. Die Grenzen der heutigen Staaten Südostasiens wurden in den meisten Fällen aus rein politischem Kalkül gezogen oder folgten der politischen Sachlage nach der Besetzung der Region durch Japan beziehungsweise der "Rückeroberung" durch die vormaligen Kolonialmächte.

Ein prägnantes Beispiel stellt Malaysia dar. 1957 entstand zunächst auf dem Gebiet des heutigen Westmalaysia ein unabhängiger Nationalstaat, die Föderation Malaya (kurz: Malaya). Die Zusammensetzung des damaligen Staatsgebiets steht exemplarisch für das "Geschick" von Kolonialmächten, unter weitgehender Ausblendung indigener Beziehungen und Affinitäten Grenzen zu ziehen und Territorialkonflikte zu regulieren. Malaya umfasste die ehemaligen Handelsniederlassungen Penang und Malakka, die Sultanate der Federated Malay States (Negeri Sembilan, Pahang und Selangor) und die Sultanate der Unfederated Malay States (Johor, Kedah, Kelantan, Perlis und Terengganu). 1963 wurden Malaya, das heutige Singapur und Teile der auf der anderen Seite des Südchinesischen Meeres liegenden Insel Borneo zum Staat Malaysia zusammengefasst. Singapur verließ die Föderation nach zwei Jahren wieder. Die Bundesstaaten Sabah und Sarawak im Norden Borneos, die das heutige Ostmalaysia bilden, trennen vier Flugstunden vom politisch dominanten Westmalaysia.

Die machtpolitische Überlegung hinter dieser Ost-West-Konstruktion war dem demografischen Gefüge geschuldet: Die Bewohner Malayas waren mehrheitlich ethnische Malaien und Muslime; ethnische Inder, vor allem aber ethnische Chinesen bildeten maßgebliche Minderheiten. Durch den Beitritt Singapurs fürchteten die Malaien einen zu hohen Anteil an ethnischen Chinesen. Um eine starke nichtchinesische Bevölkerungsmehrheit zu gewährleisten, wurde der noch von den Briten kontrollierte Teil Borneos – zum Verdruss Indonesiens – Malaysia zugeschlagen. Lediglich Brunei Darussalam blieb ausgespart. Von dort aus wurden in den 1960er Jahren Kampagnen zur Schaffung eines "Greater Malaya" – Indonesien, Philippinen, Singapur, Malaya, Sabah, Sarawak, Brunei – organisiert, die jedoch scheiterten.

Die unmittelbaren postkolonialen Regierungen Südostasiens appellierten an nationalistische Sentimente, um eine Integration der unterschiedlichen ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen zu bewirken.[1] Dennoch sind die transnationalen und lokalen Verbindungen bis heute intakt. Sie führen bisweilen zu militanten Auseinandersetzungen über die Anerkennung der staatlichen Autorität, wie heute noch im Süden Thailands oder im Süden der Philippinen. Um separatistischen Bestrebungen zu begegnen, reagierten die Staaten teilweise mit Repression, teilweise mit Zugeständnissen an eine lokale Autonomie – so beispielsweise in Indonesien: Während die Provinz Papua bis heute unter ständiger Militärpräsenz leidet, sind der Provinz Aceh großzügige Autonomierechte eingeräumt worden.

Staaten wie Indonesien, Vietnam, Myanmar (Burma) oder Kambodscha haben Erblasten der vorkolonialen Zeit, der Kolonisierung wie auch der unmittelbaren Vergangenheit zu tragen. Nicht zuletzt deshalb ist der 1967 gegründete Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) dem Prinzip der Nichteinmischung in nationale Angelegenheiten nach wie vor äußerst gewogen. Seine Mitgliedsländer verdrängen ihre Geschichte nicht, sondern schöpfen immer wieder Argumente aus ihr, um (auch gegeneinander) nationales Handeln zu legitimieren. Einer politischen Integration durch supranationale Institutionen innerhalb der ASEAN stehen daher etliche Hürden entgegen. Dennoch können die zehn ASEAN-Staaten (Brunei, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam) als diejenigen gelten, die das heutige Südostasien nach allgemeinem Verständnis verkörpern und seine wirtschaftliche, politische und kulturelle Dynamik ausmachen.

Florierender Handel und kosmopolitische Metropolen

Die konventionelle Staatenweltperspektive, in deren Spektrum Ordnungen und ihre Veränderungen ohne die Idee eines nationalstaatlichen Gebildes nicht beschrieben werden können, ist modernisierungstheoretisch inspiriert. Im Laufe der Jahre hat sie einen dominanten Einfluss auf die wissenschaftliche Diskussion über die Weltordnung und den Blick darauf erlangt. Bisweilen gerät dadurch in Vergessenheit, wie gut die vormoderne Vorstaatenwelt kosmopolitische Metropolen, transregionalen Handel und darauf abgestimmte Finanzsysteme kannte. Die vorstaatliche Weltordnung zeigte in Südostasien staatsähnliche Formationen, die meist als "indisierte" bezeichnet werden, realiter aber schon vor der Übernahme indischer Vorstellungen existierten. "Gewiß kam es in Südostasien bedeutend später zu Staatsbildungen als auf dem indischen Subkontinent und in Ostasien, doch es besteht kaum ein Zweifel darüber, dass schon in den letzten Jahrhunderten des ersten Jahrtausends v. Chr., noch bevor indische Einflüsse erkennbar werden, in ganz Südostasien (…) Siedlungen existierten, die zumindest einige Attribute von Staaten aufweisen."[2]

Der Historiker Xiaoming Huang unterscheidet vorkoloniale "indisierte" von "sinisierten" Staats- beziehungsweise staatsähnlichen Formen.[3] In der indisch geprägten Variante dominierten lokale und regionale Patronageverhältnisse. Die von der administrativen Ordnung im chinesischen Reich geprägte Formation stützte sich auf bürokratische oder feudale Bindungen zur Regelung der Machtverhältnisse. Mit der Legitimation einer jeweiligen Ordnung gingen theoretisch-philosophische Vorstellungen einher; die "staatliche" Ordnung reflektierte die kosmische Ordnung. Die zugrunde liegende Konzeption von politisch-gesellschaftlichen Systemen war metaphysisch bestimmt, weshalb sie heute auch als "galaktische" Ordnung oder, in der indisierten Variante, als "Mandala-Staat" bezeichnet wird.[4]

Gleichwohl ist das Wissen über die vorkoloniale und vormoderne Zeit eingeschränkt. Auch die heutigen Länder Südostasiens haben in dieser Hinsicht einen enormen Nachholbedarf, weil ihre Geschichte gemeinhin mit den geopolitischen Entwicklungen des 20. Jahrhundert verknüpft und der Blick auf sie davon geprägt ist. Die kritische Aufarbeitung des "kolonialen Wissens" und die Freilegung eigener Wissenstraditionen sind ein work in progress. Überdies ist der angenommene Einfluss Indiens auf Südostasien überschätzt worden. Begriffe wie "Indochina", "Ostindien" oder auch "Indonesien" zeugen von einer Wahrnehmung des insularen und kontinentalen Südostasiens als "Extensionen" Indiens. Eine umfassendere Forschung fördert andere Perspektiven zutage, die zum einen der Bedeutung Ostasiens und der arabisch-islamischen Welt Rechnung tragen, und andererseits auf eine starke Einflussnahme in umgekehrter Richtung – von Südostasien nach Indien – hindeuten.[5]

Flankiert wird dies durch Studien zum inter- und intraregionalen Handel in der vorkolonialen Zeit, in der Südostasien eine wichtige Drehscheibe war. Hafenstädte im heutigen Indonesien lebten vom Handel zwischen Süd- und Ostasien; seit etwa 1400 n. Chr. bildete die Hafenmetropole Malakka (im heutigen Malaysia) das Verbindungszentrum für das Handelsroutensystem zwischen dem Roten und dem Südchinesischen Meer.[6] Indische, arabische und chinesische Händler etablierten ein ausgeklügeltes Handels- und Finanznetz, auf das sich später die europäischen Kolonialmächte stützen konnten. Mehr noch: Ohne die Finanz- und Marketingdienste der mobilen Händlergemeinschaften in Asien hätte es das europäische Kapital nie vermocht, das Landesinnere der Region zu durchdringen.[7]

Der europäische Kolonialismus, der zunächst als Handelskolonialismus begann, durchbrach die ungeschriebenen Regeln der Reziprozität unter den Händlergemeinschaften der Region, die ungeachtet sprachlicher, kultureller und ethnischer Heterogenität unter anderem den Fluss von Kapital, den Abschluss von Kreditverträgen, Partnerschaften und Preisfestlegungen erlaubt hatten. Mit dem Auftritt Portugals und Spaniens im 16. Jahrhundert und dem forcierten Einrücken anderer in den folgenden Jahrhunderten – Holländer im 17., Briten im 18., Franzosen im 19. und US-Amerikaner im 20. Jahrhundert – änderte sich dies. Zunehmende Kontakte mit westlichen Repräsentanten aus Religion und Wissenschaft lösten die traditionellen Ordnungsvorstellungen ab oder sorgten zumindest für eine Diffusion und Vermischung von westlichem mit östlichem Gedankengut. Als die europäischen Kolonialmächte im späten 19. Jahrhundert begannen, auch die staatlichen Strukturen ihrer Kontroll- und Einflussgebiete zu bestimmen, avancierte das Konzept des Nationalstaates zum maßgeblichen Referenzrahmen politischen Handelns und internationaler Beziehungen. Panasiatische Bestrebungen kamen zwar zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf (nach dem Sieg Japans über Russland), gingen aber weniger von Südostasien als vielmehr von Intellektuellen der großen, imperial orientierten Mächte China, Japan und Indien aus. Sie konnten sich gegen die Idee des Nationalstaates nicht durchsetzen. Kulturelle Identität folgte fortan staatlich dominierten Vorstellungen und unterlag dem in aller Regel auf Eliten fokussierten kolonialen Blick auf die Gesellschaften der Länder.

Fußnoten

1.
Vgl. Susanne Feske, Nationalismus, ethnische Konflikte und regionale Kooperation in Südostasien, in: Brunhild Staiger (Hrsg.), Nationalismus und regionale Kooperation in Asien, Hamburg 1995, S. 88–98, hier: S. 89.
2.
John Villiers, Die Geschichte Südostasiens, in: Bernhard Dahm/Roderich Ptak (Hrsg.), Südostasien-Handbuch, München 1999, S. 79–97, hier: S. 87.
3.
Vgl. Xiaoming Huang, Comparative Politics of Asia Pacific, Houndmills u.a. 2009, S. 10–18.
4.
Vgl. Stanley Tambiah, The Galactic Polity: The Structure of Traditional Kingdoms in Southeast Asia, in: Annals of the New York Academy of Sciences, 293 (1977), S. 69–97.
5.
Vgl. Tom Hoogervorst, Travelling Worlds and Their Lessons on the "Indianisation" of Southeast Asia, in: The Newsletter, 66 (2013) 47.
6.
Vgl. Prasenjit Duara, Asia Redux. Conceptualizing a Region for Our Times, in: ders. (Hrsg.), Asia Redux. Conceptualizing a Region for Our Times, Singapur 2013, S. 5–32, hier: S. 7.
7.
Vgl. ebd., S. 8.
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