Steg am Comer See

6.10.2014 | Von:
Anne Seibring

Editorial

    "Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten.
    Das heißt doch Auswanderer. Aber wir
    Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluß
    Wählend ein anderes Land. Wanderten wir doch auch nicht
    Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer.
    Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte.
    Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da aufnahm."
Die erste Strophe aus Bertolt Brechts Gedicht "Über die Bezeichnung Emigranten", 1937 in Paris entstanden, eröffnet zwei Perspektiven auf das Thema Exil. Es verweist zum einen auf den historischen Kontext, die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, die Brecht ins Exil zwang. Zum anderen setzt er sich mit Begriffen wie "Emigration", "(Un)Freiwilligkeit", "Heimat", "Verbannung" und "Vertreibung" auseinander, die sich auf raum- und zeitübergreifende Migrationsphänomene anwenden lassen. Die Verbindungslinien zwischen historischem Exil und aktuellen Fluchterfahrungen beschäftigen in zunehmendem Maße auch die Exilforschung.

"Aus Politik und Zeitgeschichte" hat im Frühjahr 2014 zum Thema Exil einen "Call for Papers" gestartet und aus der Fülle der Einsendungen drei Autorinnen und Autoren und zwei Autorenteams ausgewählt, deren Beiträge in diesem Heft versammelt sind. Außerdem umfasst das Heft weitere Beiträge zu Stand und Perspektiven der Exilforschung, zur virtuellen Ausstellung "Künste im Exil" sowie zur exilierten Dichterin Else Lasker-Schüler und zu dem ebenfalls ins Exil getriebenen Lyriker Max Herrmann-Neiße.