Steg am Comer See

6.10.2014 | Von:
Sandra Narloch
Sonja Dickow

Das Exil in der Gegenwartsliteratur

Was heißt und zu welchem Ende studiert man Exilliteratur?"[1] Auf diese grundlegende Frage sucht die Exilliteraturforschung derzeit neue Antworten zu geben. Traditionell werden im deutschsprachigen Raum unter dem Begriff Exilliteratur solche Texte verstanden, die von den aus Nazideutschland exilierten Schriftstellerinnen und Schriftstellern in den Jahren 1933 bis 1945 verfasst wurden. Ob diese historische Eingrenzung und das damit verbundene Verständnis von Exil als "abgeschlossener Epoche" aus heutiger Perspektive noch überzeugend erscheint, wird von neueren Forschungsansätzen zunehmend bezweifelt. Eine räumliche und zeitliche Ausweitung des Exilbegriffs erscheint dabei in mehrfacher Hinsicht angebracht.[2]

Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat die Auseinandersetzung mit Phänomenen von Vertreibung und Entwurzelung nichts an Aktualität verloren. So legt die Literatur der Gegenwart eindrucksvoll Zeugnis davon ab, wie nachhaltig weltweite Flucht- und Migrationsbewegungen unsere heutige Lebensrealität beeinflussen. Dass die heutigen Diskussionen über Begriffe wie Heimat, Zugehörigkeit und kulturelle Identität von der Literatur des historischen Exils auf bemerkenswert aktuelle Weise vorausgedacht werden, ist dabei lange Zeit kaum beachtet worden. Seit den Anfängen der Exilliteraturforschung in den 1970er Jahren wurde die Auseinandersetzung mit dem Exil der Jahre 1933 bis 1945 vor allem von der Vorstellung bestimmt, bei den von den Nationalsozialisten ins Exil getriebenen Autorinnen und Autoren habe es sich um die Bewahrer und rechtmäßigen Erben der "eigentlichen" deutschen Kultur gehandelt, kurz: um die Repräsentanten eines "anderen Deutschlands".[3]

Zu einem Perspektivwechsel hat seit Ende der 1990er Jahre vor allem die Akkulturationstheorie entscheidend beigetragen. Mit dem Begriff der Akkulturation, der die soziale, kulturelle und literarische Integration in das Aufnahmeland bezeichnet, ergaben sich für die Beschäftigung mit der Exilliteratur neue Fragestellungen. Anstatt die Exilerfahrung weiter vorrangig unter dem Aspekt des Heimatverlusts zu untersuchen, wächst seither das Interesse an der "Erfahrung und literarische(n) Verarbeitung der Fremde" und der "Ausbildung interkultureller Identitäten".[4] Diese Akzentverschiebung eröffnet dabei auch die "Chance der Rückkopplung an gegenwärtige Prozesse der Globalisierung und Migration und hiermit auch an die heutige Migrationsforschung".[5]

Dass sich "die Gegenwart in dem historischen Exil erkennt, in neuerlichen Annäherungen sich auch Aufschluss über die eigene Zeit verspricht",[6] darauf deutet auch die regelrechte Konjunktur hin, die das Thema derzeit in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur erlebt. Ob Michael Lentz’ "Pazifik Exil" (2007), Klaus Modicks "Sunset" (2011) oder auch Volker Weidermanns "Ostende" (2014): In den vergangenen Jahren ist eine beachtliche Anzahl von Romanen erschienen, die sich auf unterschiedliche Weise mit den Persönlichkeiten und Schauplätzen des Exils 1933 bis 1945 befassen. Die Forderung nach einer Erweiterung des Exilbegriffs zielt dabei nicht nur darauf ab, dem literarischen Nachleben des historischen Exils größere Bedeutung beizumessen. Sie regt auch dazu an, solche Texte in Überlegungen einzubeziehen, die verschiedene nationale, religiöse und politische Erfahrungen von Exil und Entortung mit globalen Migrationsbewegungen und Prozessen digitaler Vernetzung zusammenbringen. Fragen kultureller Identität verbinden sich in diesem Zusammenhang häufig, wie etwa in Olga Grjasnowas "Der Russe ist einer, der Birken liebt" (2012) oder auch Irena Brežnás "Die undankbare Fremde" (2012), mit Überlegungen zu Sprachwechsel und Mehrsprachigkeit. Auf vielfältige Weise schreiben die Exilerzählungen der Gegenwart die kritischen Auseinandersetzungen mit nationalen Identitäts- und Gemeinschaftsmodellen fort, die bereits in den Texten des historischen Exils angelegt sind.

Neue Akzente im Hinblick auf eine Aktualisierung des Exilbegriffs werden auch dadurch gesetzt, dass die Bundesrepublik Deutschland seit 1945 selbst zu einem Exilland für zahlreiche verfolgte Autorinnen und Autoren geworden ist. Viele von ihnen, wie etwa der als Kind vor dem Bosnienkrieg geflohene Saša Stanišić oder der aus dem Irak stammende Abbas Khider, wechselten die Sprache und schreiben ihre Texte inzwischen auf Deutsch. Vor allem Khider fordert dabei immer wieder – etwa indem er seinem Roman "Die Orangen des Präsidenten" (2011) ein Gedicht von Hilde Domin als Motto voranstellt – ausdrücklich dazu heraus, seine Geschichten von Flucht und Vertreibung in Bezug zu der Exilerfahrung 1933 bis 1945 zu setzen.

Mit Romanen von Michael Lentz, Klaus Modick, Olga Grjasnowa, Irena Brežná, Saša Stanišić und Abbas Khider sollen im Folgenden die vielfältigen Facetten nachgezeichnet werden, in denen sich das Exil in der Gegenwartsliteratur präsentiert.[7] Aufmerksamkeit gilt dabei insbesondere den Verbindungslinien, über die in unterschiedlichen historischen Exilzusammenhängen entstandene Texte in einen Dialog miteinander gebracht werden können.[8]

Literarische Retrospektiven: Geschichten des Exils 1933 bis 1945

In einer Reihe von Episoden, in denen sich Erfundenes mit historischen Dokumenten und literarischen Zeugnissen vermischt, sucht Michael Lentz in seinem Roman "Pazifik Exil" (2007) aus wechselnder Perspektive den Alltag in der Exilkolonie Pacific Palisades nachzuzeichnen. Dialogszenen und fiktive innere Monologe geben dabei Einblick in die Sorgen und Nöte, die die Exilierten – darunter etwa Thomas und Heinrich Mann, Lion und Marta Feuchtwanger, Bertolt Brecht und Arnold Schönberg – im kalifornischen Exil umtreiben. Die Sehnsucht nach gesellschaftlicher Anerkennung und die Orientierungslosigkeit in der neuen Umgebung spielen dabei ebenso eine Rolle wie Streitereien innerhalb der Exilgemeinschaft.

Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Geschichte von Arnold Schönberg und seinem Sessel ein. Ein Stück "Heimat" repräsentiert das aus Berlin mitgebrachte Möbelstück nicht nur für seinen Besitzer, auch Thomas Mann ist überzeugt: "Mit diesem Sessel bin ich gar nicht weg von Deutschland, kaum sitze ich in diesem Sessel, bin ich wieder zu Hause." Schönberg erklärt sich bereit, sein Lieblingsstück an Mann zu verleihen, doch als er den Sessel zurückerhält, scheint etwas damit nicht mehr zu stimmen. Schönberg glaubt, ein Loch im Polster zu spüren, das es ihm unmöglich macht, weiter in dem "Herrschaftssessel" zu sitzen. Im Motiv des Sessels laufen dabei die zentralen Konflikte zusammen, die bestimmend für den gesamten Roman sind. So beginnt Schönberg im Verlauf eines inneren Streitgesprächs mit Thomas Mann nicht nur über Bewältigungsstrategien des Heimatverlustes nachzudenken, sondern thematisiert auch, wie das Selbstverständnis der Exilierten im Exil in die Krise gerät. "Wo ich bin, ist Deutschland", hatte Thomas Mann bei seiner Ankunft in New York betont und damit seiner Überzeugung Ausdruck verliehen, rechtmäßiger Repräsentant der deutschen Kultur zu sein. Doch genau diese Vorstellung wird von Schönberg, der schmerzhaft erfahren muss, dass sich für seine deutsche Tradition in Amerika kaum jemand interessiert, zunehmend bezweifelt: "Nicht wo ich bin, ist Deutschland. Wo ich bin, ist Exil!" Bertolt Brecht hingegen meint: "Wo ich bin, ist kein Thomas Mann." Indem Lentz seine Figuren das berühmte Zitat mehrfach wiederholen und parodieren lässt, schreibt er gezielt gegen den Mythos vom exilierten Schriftsteller als Repräsentant der deutschen "Kulturnation" an.[9] Aus der Perspektive der Gegenwart verhandelt der Roman nicht nur den gravierenden Einschnitt, den das Exil 1933 bis 1945 für das künstlerische Selbstverständnis der Vertriebenen bedeutete. Indem er den im Exil vollzogenen Bruch mit der "deutschen Hochkultur" zum zentralen Thema erhebt, regt Lentz auch dazu an, darüber nachzudenken, wie sich dieser auf unser heutiges Verständnis von Literatur beziehungsweise Literaturgeschichtsschreibung auswirkt.

Fußnoten

1.
Guy Stern, Was heißt und zu welchem Ende studiert man Exilliteratur?, in: ders., Literarische Kultur im Exil. Gesammelte Beiträge zur Exilforschung. 1989–1997, Dresden–München 1998, S. 12–23.
2.
Richtungsweisende Impulse lieferte hier die von der Hamburger Universität und der Goethe Universität Frankfurt am Main im Oktober 2011 ausgerichtete Tagung zum Thema Literatur und Exil und der daraus hervorgegangene gleichnamige Sammelband (hrsg. von Doerte Bischoff/Susanne Komfort-Hein, Berlin–Boston 2013).
3.
Vgl. Doerte Bischoff/Susanne Komfort-Hein, Vom anderen Deutschland zur Transnationalität. Diskurse des Nationalen in Exilliteratur und Exilforschung, in: Exilforschung, Ein internationales Jahrbuch, Bd. 30: Exilforschungen im historischen Prozess, München 2012, S. 242–273.
4.
Sabine Becker, Transnational, interkulturell und interdisziplinär. Das Akkulturationsparadigma der Exilforschung, in: D. Bischoff/S. Komfort-Hein (Anm. 2), S. 49–69, hier: S. 50.
5.
Ebd.
6.
Doerte Bischoff/Susanne Komfort-Hein, Einleitung: Literatur und Exil, in: dies. (Anm. 2), S. 1–19, hier: S. 7.
7.
Maßgeblich beeinflusst wurden diese Überlegungen von den Forschungsschwerpunkten und Veranstaltungen der Walter A. Berendsohn Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur an der Universität Hamburg. Die Exile der Gegenwart wurden hier erstmals ausführlicher thematisiert in dem Newsletter exilograph 21/2013, http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/34117« (2.9.2014).
8.
Erwähnenswert erscheint in diesem Zusammenhang auch das jüngst erschienene Handbuch der Deutschsprachigen Exilliteratur (hrsg. v. Bettina Bannasch/Gerhild Rochus, Berlin 2013), das in seinen Textanalysen einen weiten Bogen von Heinrich Heine bis Herta Müller spannt.
9.
Vgl. Katharina Gerstenberger, Culture and Nation: Michael Lentz’s Pazifik Exil, Günther Grass’s Das Treffen in Telgte, and Christoph Ransmayr’s Die letzte Welt, in: Gegenwartsliteratur, 9 (2010), S. 243–262, hier: S. 257.
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Autoren: Sandra Narloch, Sonja Dickow für bpb.de
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