Steg am Comer See

6.10.2014 | Von:
Marina Aschkenasi

Jüdische Remigration nach 1945

Ein neues Deutschland aufbauen?

Idealismus war tatsächlich einer der Gründe, warum Emigranten zurückkehrten. Viele Emigranten waren motiviert, am Aufbau eines neuen Deutschlands mitzuarbeiten.[31] Des Weiteren sehnten sich Emigranten, die in ihrem Gastland beruflich nur schwer Fuß fassen konnten und unter finanziellen Sorgen litten, nach ihrem ehemaligen Leben in Deutschland.[32]

Als er gefragt wurde, warum er zurückkehrte, nannte der Philosoph Theodor W. Adorno drei Motiv-Komplexe, die bei vielen Rückkehrenden zu beobachten waren: erstens, der Wunsch, ein "anderes Deutschland" aufzubauen, zweitens, die Heimat wiederzufinden, und drittens, in den Sprach- und Kulturkreis zurückzukehren, aus dem man stammt.[33] Die fremde Sprache hinderte insbesondere deutsche Schriftsteller, Schauspieler und Regisseure daran, im Gastland eine Heimat zu finden. Für sie bedeutete die Rückkehr nach Deutschland, zu ihrem Publikum zurückzukehren und die Möglichkeit zu bekommen, an ihre Karriere vor der NS-Zeit anzuknüpfen. Viele warteten sehnsüchtig auf einen persönlichen Ruf, den jedoch nur wenige bekamen.[34] Vereinzelt blieben Stimmen, die sich ausdrücklich für eine akademische Remigration einsetzten, um einen Neuanfang an den Universitäten zu ermöglichen, wie etwa die Zeitschrift "Der Ruf" im Januar 1947, oder die diejenigen zu einer Rückkehr in die Heimat aufrief, die durch den Nationalsozialismus vertrieben wurden, wie etwa die Ministerpräsidenten aus den vier Besatzungszonen im Mai 1947.[35]

Die meisten der Emigranten, die sich zu einer Rückkehr entschlossen, konnten oft zunächst nur im Rahmen einer Hilfestellung für die Besatzungsmacht zurückkehren. Sie kamen als Soldaten, Dolmetscher, Zensoren und später als Mitarbeiter bei den Nürnberger Prozessen.[36] Trotz des Enthusiasmus über die Rückkehr in die Heimat mussten die Remigranten sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die Mehrheit des deutschen Volkes das NS-Regime nicht nur geduldet, sondern unterstützt hatte. Am besten konnten diejenigen Remigranten wieder Fuß fassen, die diesbezüglich keine Schuldeingeständnisse von Deutschen erwarteten und – wie die meisten Rückkehrer – eine von den Besatzungsmächten vertretene Kollektivschuldthese ablehnten.[37]

Obgleich prominente Rückkehrer die Ausnahme blieben, befanden sich unter den Remigranten auch Schriftsteller, Wissenschaftler, Theaterschaffende und Politiker, die in den nachfolgenden Jahren in Deutschland an öffentlichem Einfluss gewannen.[38] Nach Meinung des Philosophen Jürgen Habermas "verdankt die politische Kultur der alten Bundesrepublik ihre zögerlichen Fortschritte in der Zivilisierung ihrer Einstellungsmuster" zu einem ausschlaggebenden Teil jüdischen Remigranten: "Sie verdankt diesen glücklichen Verlauf vor allem jenen, die großmütig genug waren, in das Land zurückzukehren, aus dem sie vertrieben worden waren."[39]

Reaktionen der Dagebliebenen auf Remigranten

Bei ihrer Rückkehr wünschten sich viele Emigranten, dort wieder anzuknüpfen, wo sie aufgehört hatten. Jedoch hatten Krieg, Zerstörung und zwölf Jahre nationalsozialistische Herrschaft Spuren hinterlassen. Schließlich mussten sie erkennen, dass sie in Deutschland vergessen, oder, noch schlimmer, nicht willkommen waren. Wie bereits ausgeführt, kehrten viele Emigranten zunächst als Helfer der Besatzungsmächte zurück. So kam es, dass die ersten aus den USA nach Westdeutschland heimkehrenden Emigranten die Uniform der Sieger und der Besatzungsmacht trugen. Folglich wurden sie nicht gerade freundlich empfangen, vielmehr wurde ihnen unterstellt, die Entnazifizierung und Reeducation in ihrem Sinne zu beeinflussen, um sich zu rächen und zu bereichern.[40] Die Remigranten bekamen Misstrauen und Ressentiments der in Deutschland Verbliebenen zu spüren und sahen sich oft dem Vorwurf gegenüber, sie hätten Deutschland in seiner schwersten Zeit verlassen, den bequemeren Weg gewählt – während die Dagebliebenen selbst das Opfer des Bleibens auf sich genommen hätten.[41] Wer sich "Hitlers Hölle von weit draußen angesehen" hatte,[42] dem fehlte es nach Meinung vieler Dagebliebener an Erfahrung, um über die Kriegsjahre in Deutschland mitreden zu können.

Überhaupt war der Begriff "Emigrant" von vornherein in der deutschen Öffentlichkeit negativ besetzt.[43] Die NS-Propaganda, die den Begriff mit Landesverrat und Pflichtvergessenheit verknüpft hatte, wirkte auch hier fort. 1944 verband in einer Umfrage der britischen Armee unter deutschen Kriegsgefangenen die Mehrheit der Befragten mit Emigranten die Attribute Desertion und Feigheit und sprachen politischen Emigranten grundsätzlich die Kompetenz ab, in deutschen Angelegenheiten mitreden zu können.[44] Diese Einstellung konnte auch zehn Jahre später noch beobachtet werden: In einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach wurde 1954 gefragt, ob Emigranten, die in Opposition zu Hitler standen, ein hohes Amt in der Regierung innehaben sollten. 39 Prozent der Befragten verneinten dies, nur 13 Prozent befürworteten Emigranten in hohen Regierungspositionen.[45]

Der Schriftsteller Heinrich Böll sprach für die Zeit nach 1945 von fast "unbewältigbare(n) Verständigungsschwierigkeiten" zwischen den Dagebliebenen und Rückkehrern: "Wir hatten eben eine entschieden andere Sprache."[46] Böll hob hervor, dass es unter den Dagebliebenen eine starke Identifikation mit den eigenen Landsleuten gab, die in den Bombennächten oder Kriegsgefangenenlagern mitgelitten hatten und all jene ausschloss, die nicht dabei gewesen waren. Die Jahre der Abwesenheit hatten das Zusammengehörigkeitsgefühl von Emigranten und Dagebliebenen zerstört.[47] Sogar Parteifreunde hielten früheren Emigranten teilweise noch nach Jahrzehnten vor, sie hätten sich – günstigenfalls – im Ausland ausgeruht.[48]

Den Streit mit den Remigranten zettelte oftmals die sogenannte innere Emigration an, in die sich Menschen begeben hatten, die zwar eine oppositionelle Haltung zum NS-Regime, Deutschland jedoch nicht verlassen hatten. So entstand in den ersten Nachkriegsjahren eine Auseinandersetzung um die innere und äußere Emigration, in der sich beide Seiten bezichtigten, weniger Entbehrungen erduldet und Leid ertragen zu haben.[49] Ein Schauspieler fasste 1947 den Grundton folgend zusammen: "Einfache Menschen verstehen unter Emigranten Personen, die sich vor ihrer Verantwortung als Deutsche dadurch gedrückt haben, daß sie 33 oder später ins Ausland gingen. Im großen und ganzen sehen sie auf diese herab und stehen ihnen mißtrauisch gegenüber."[50]

Schließlich spielte der weiterhin virulente Antisemitismus eine Rolle – die Rückkehr von Emigranten war oftmals auch schlicht unerwünscht, weil viele von ihnen als Juden galten. Tradierte antisemitische Stereotype traten in Ängsten vor einem möglichen Rachefeldzug jüdischer Remigranten zutage.[51]

Schuldbewusst und schuldabwehrend

Die Schuld und deren Verdrängung scheint das zentrale Problem der Integration zurückkehrender Emigranten gewesen zu sein. Die Konfrontation mit Rückkehrern, die "Recht behalten" hatten, aus dem nationalsozialistischen Deutschland zu fliehen, erinnerte die dagebliebenen Deutschen daran, an das Falsche geglaubt, auf die Falschen gesetzt zu haben.[52] Forderungen der Remigranten nach Schuldbekenntnissen der Dagebliebenen lösten Abwehrreflexe aus.[53]

Bei den Reaktionen der Deutschen speziell auf jüdische Remigranten ist zu beachten, dass die zugleich schuldbewusste und schuldabwehrende nichtjüdische Bevölkerung sie einerseits als Juden, andererseits als Remigranten wahrnahm. Oft lässt sich nicht genau trennen, ob die Reaktionen dem Emigrantenstatus oder dem "Judesein" galten.[54] Trotz dieser mangelnden Trennschärfe kann festgehalten werden, dass die zurückgekehrten Jüdinnen und Juden überwiegend die Erfahrung machen mussten, dass sie in ihrer Heimat noch immer nicht willkommen waren und in der deutschen Bevölkerung das Bewusstsein einer moralischen Verpflichtung gegenüber Flüchtlingen des Nationalsozialismus weitgehend fehlte.[55] Stattdessen wurde häufig beklagt, dass die NS-Verfolgten bevorzugt würden und unberechtigte Wiedergutmachungszahlungen erhielten. Falls in der deutschen Bevölkerung doch ein schlechtes Gewissen gegenüber den NS-Verfolgten aufkam, dann kompensierten sie dieses oft mit einer Aufrechnung des eigenen Schicksals während der nationalsozialistischen Herrschaft.[56]

Die Spannungen zwischen Remigranten und Dagebliebenen wurden nicht offen thematisiert.[57] Während bei offiziellen Reden von Politikern die neuen Verhältnisse als harmonisch dargestellt wurden, fiel im Privaten kaum ein anerkennendes Wort über Exil und Remigration. Stattdessen wurden angebliche Kollaborationen, Feigheit, Sonderrechte und Rachsucht angeprangert. Der verbissene Ärger über die Remigranten gärte auch in den nachfolgenden Jahren unterschwellig weiter. Die notwendige öffentliche Debatte zu diesem Thema wurde erst versäumt und dann nie nachgeholt.

Fußnoten

31.
Vgl. P. Mertz (Anm. 5), S. 87.
32.
Vgl. M. Krauss (Anm. 1), S. 127.
33.
Vgl. P. Mertz (Anm. 5), S. 88f.
34.
Vgl. M. Krauss (Anm. 1), S. 73.
35.
Vgl. Sven Papcke, Exil und Remigration als öffentliches Ärgernis. Zur Soziologie eines Tabus, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch (Anm. 8), S. 9–24, hier: S. 18.
36.
Vgl. W. Bergmann (Anm. 22), S. 27.
37.
Vgl. M. Krauss (Anm. 1), S. 12.
38.
Vgl. M. Brenner (Anm. 25), S. 12f.
39.
Jürgen Habermas, Grossherzige Remigranten, 2.7.2011, http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/grossherzige-remigranten-1.11143533« (9.9.2014).
40.
Vgl. W. Bergmann (Anm. 22), S. 27f.
41.
Vgl. ebd., S. 21.
42.
Erik Reger, Vom künftigen Deutschland. Aufsätze zur Zeitgeschichte, Berlin 1947, S. 146.
43.
Vgl. W. Bergmann (Anm. 22), S. 20.
44.
Vgl. Jan Foitzik, Politische Probleme der Remigration, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch (Anm. 8), S. 104–114, hier: S. 105f.
45.
Vgl. Elisabeth Noelle/Erich Peter Neumann (Hrsg.), Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1947–1955, Allensbach 1956, S. 139.
46.
Zit. nach: S. Papcke (Anm. 35), S. 17.
47.
Vgl. Marita Biller, Exilstationen: Eine empirische Untersuchung zur Emigration und Remigration deutschsprachiger Journalisten und Publizisten, Münster 1994, S. 101.
48.
Vgl. J. Foitzik (Anm. 44), S. 106.
49.
Vgl. M. Biller (Anm. 47), S. 88.
50.
Zit. nach: M. Krauss (Anm. 1), S. 50.
51.
Vgl. Werner Bergmann/Rainer Erb, Wie antisemitisch sind die Deutschen? Meinungsumfragen 1945–1994, in: W. Benz (Anm. 11), S. 47–63, hier: S. 51.
52.
Vgl. W. Bergmann (Anm. 22), S. 20, S. 33; M. Krauss (Anm. 1), S. 50.
53.
Vgl. W. Bergmann (Anm. 22), S. 22.
54.
Vgl. ebd., S. 19.
55.
Vgl. ebd., S. 31.
56.
Vgl. A. Herzig (Anm. 13), S. 263f.
57.
Vgl. S. Papcke (Anm. 35), S. 11f.
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