Steg am Comer See

6.10.2014 | Von:
Sylvia Asmus
Jesko Bender

Konstellationen des Exils – die virtuelle Ausstellung "Künste im Exil"

Wird ein Kunstwerk zu Exilkunst, weil der Künstler im Exil lebt? Wie beeinflussen Exil und Migration den künstlerischen Prozess? Kann die Erfahrung erzwungener Entortung künstlerisches Schaffen anregen? Welche Gemeinsamkeiten und welche Differenzen gibt es zwischen historisch unterschiedlichen Exilsituationen?

Mit Fragen wie diesen befasst sich die virtuelle Ausstellung "Künste im Exil", die seit Herbst 2013 online ist.[1] Sie ist als eine stetig anwachsende konzipiert, seit dem Launch der Seite sind weitere Module hinzugekommen, darunter eine in Kooperation mit dem Max Beckmann Archiv erarbeitete umfangreiche Sonderausstellung anlässlich des 130. Geburtstags Beckmanns. Noch in diesem Jahr wird auf der Seite ein Zeitstrahl freigeschaltet. In gut einem Jahr haben sich rund 70.000 Besucher die virtuelle Ausstellung angesehen. Das Projekt versteht sich ausdrücklich als ein Netzwerkprojekt, das unter Federführung des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek erarbeitet wird. In die virtuelle Ausstellung fließen die Inhalte und Ergebnisse von über 35 Forschungseinrichtungen, Archiven, Ausstellungshäusern und Initiativen im In- und Ausland ein.

"Künste im Exil" widmet sich den Künsten unter den Bedingungen des Exils. Der Beitrag stellt das kuratorische Konzept der virtuellen Ausstellung vor und verortet dieses im Zusammenhang aktueller Debatten um die Ausweitung des Exilbegriffs.

Künste

Der Plural "Künste" ist bewusst gewählt, mit ihm sind zwei zentrale Aussagen verbunden: Erstens können Künstlerinnen und Künstler jeder Kunstsparte in den Fokus von Verfolgungsmaßnahmen und politischer Repression rücken und gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt sein, sodass sie sich ins Exil flüchten. Zweitens wirkt sich das Exil auf jede Kunstform unterschiedlich aus, weil unterschiedliche Kunstformen jeweils auch unterschiedliche Produktionsbedingungen, ästhetische Aussagemöglichkeiten, Rezeptionsformen und ein unterschiedliches Publikum bedeuten. Für einen Fotografen stellt sich die Situation des Exils anders dar als für eine Schriftstellerin, für einen Tänzer anders als für eine Theaterschauspielerin. Zieht man nun auch noch die Bedeutung der verschiedenen Exilländer und -orte in Betracht, dann wird deutlich, dass man nicht von einer Exilkunst sprechen kann, sondern dass der Blick auf Künste unter den Bedingungen des Exils vielfältige Faktoren erfassen muss.

Einem Kunstwerk kann man nicht ansehen, dass es im Exil entstanden ist. Man kann zwar erkennen, ob es sich mit dem Thema Exil befasst – aber die thematische Auseinandersetzung lässt wiederum keinen Rückschluss darauf zu, ob der Künstler oder die Künstlerin im Exil lebte und arbeitete. "Exilkunst" ist keine ästhetische Kategorie – ein Kunstwerk als Exilkunst bezeichnen zu können, erfordert die Beachtung politischer, soziologischer, biografischer und ästhetischer Zusammenhänge.

In der virtuellen Ausstellung wird daher darauf hingewiesen, dass sich Künste nicht getrennt von den gesellschaftlichen Verhältnissen betrachten lassen, in denen sie entstehen. Die Wechselbeziehungen zwischen Kunstwerken und Gesellschaft spielen sich zwischen ästhetischen Traditionen, zeitgenössischem Kulturbetrieb und politischen Machtverhältnissen ab. Auch die ökonomischen Verhältnisse der Künstler, das private Umfeld und die Aufnahme der Werke durch das Publikum spielen eine wichtige Rolle. Die Zwangssituation von Exil und Emigration verändert solche Wechselbeziehungen, wobei das Ausmaß der Veränderung von vielfältigen, oben beschriebenen Faktoren abhängig ist.

Für einige Künstler ist diese Erfahrung ein solcher Schock, dass sie im Exil ihr künstlerisches Schaffen beenden. Für diejenigen, die im Exil weiterarbeiten, werden die veränderten Wechselbeziehungen spürbar. Die Konfrontation mit einem zumeist völlig neuen sprachlichen, politischen, kulturellen, ökonomischen, privaten und intellektuellen Umfeld prägt auf grundlegende Weise die Produktionsbedingungen, unter denen Künstler im Exil arbeiten. Von vielen wird diese Konfrontation sogar direkt in ihren Kunstwerken aufgegriffen. Exil kann somit auch ein produktives Feld öffnen und künstlerisches Schaffen anregen.

Während des nationalsozialistischen Regimes flohen über 10.000 Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland, Theaterschaffende und Filmemacher, Schriftstellerinnen und bildende Künstler, Fotografen, Architekten, Tänzerinnen, Komponisten und Musikerinnen. Ganz unterschiedlich stellten sich die Produktionsbedingungen der exilierten Künstler in den Aufnahmeländern dar. Für bildende Künstler, Komponisten und Fotografen zum Beispiel, deren Kunst wenig an Sprache gebunden ist, war die Weiterarbeit unter den veränderten Bedingungen des Exils leichter möglich, wenn auch hier weitere äußere und individuelle Faktoren zu beachten sind. Für andere begann mit dem Exil eine Notsituation: Die Arbeits- und Lebensbedingungen waren oft sehr schwierig, die Verdienstmöglichkeiten für viele unzureichend. Die Verbindung zu einem neuen Publikum musste im Zufluchtsland erst aufgebaut werden. Diese Bedingungen gelten keineswegs nur für das Exil aus dem nationalsozialistischen Machtbereich. Sie galten davor und sind bis hinein in die Gegenwart gültig.

Exil

Dem kuratorischen Konzept von "Künste im Exil" liegt ein erweiterter Exilbegriff zugrunde. Diese Ausweitung ist in mehrfacher Hinsicht zu verstehen und wird in der Ausstellung folgendermaßen erläutert: Lange wurde zwischen Exil und Emigration unterschieden. Dabei wurde Exil als politische Kategorie verstanden, als ein aufgrund von Unterdrückung, Verfolgung und Lebensgefahr ins Ausland verlagerter Lebensort, ein vorübergehender Zustand. Emigration dagegen galt als unpolitische, überwiegend jüdische Auswanderung, als ein nahezu freiwilliger Akt.

Aber diese Kategorien lassen sich so nicht halten. Weder Exil noch Emigration erfolgen freiwillig, ein lediglich vorübergehender Ortswechsel ist auch das Exil nicht. Diese Unterscheidung zwischen Exil und Emigration wurde daher auch in der Forschung aufgegeben. Eindeutige Abgrenzungen zwischen Exilanten, Emigranten und Flüchtlingen lassen sich nicht ziehen und werden der Vielschichtigkeit der Situation nicht gerecht. Wovon hängt es ab, wie Exil und Migration verlaufen? Zunächst einmal sind die Erlebnisse vor der Flucht entscheidend: Musste Gewalt erlitten werden? War die Rettung der Familie noch möglich? Erfolgte die Flucht aus dem Augenblick heraus oder konnte sie geplant und vorbereitet werden? Auch der Bildungshintergrund, die sprachlichen Fähigkeiten, die persönliche Beschaffenheit und nicht zuletzt der Zufall entscheiden mit darüber, ob im Exil ein zum eigenen Selbstverständnis passendes Leben gelingen kann. Von zentraler Bedeutung sind in diesem Zusammenhang auch die politischen Verhältnisse in den Zufluchtsländern und deren kulturelle Offenheit. Allerdings sind die Zufluchtsländer häufig nicht aktiv gewählt, sondern die letzte Rettung, sodass es nochmals schwerer ist, sich in den neuen Verhältnissen einzuleben. Von existenzieller Bedeutung für Flüchtlinge ist die politische und rechtliche Anerkennung. Eine aktive Teilhabe an kulturellen und gesellschaftlichen Prozessen des Aufnahmelands setzt einen legalen Status voraus. Migration, Flucht und Exil haben vielfältige und komplexe Auswirkungen: auf die Kultur der Aufnahmeländer, auf die Kultur der Ursprungsländer und schließlich auch auf das Selbstverständnis derer, die den Weg ins Exil gehen.

Heute werden die Begriffe Exil und Emigration mit Blick auf die weltweiten Ursachen und Wirkungen von Migration reflektiert. Historische und aktuelle Exile werden in Beziehung zueinander gesetzt, Gemeinsamkeiten und Unterschiede geprüft, und es wird danach gefragt, wie die globale Erfahrung der Migration die Vorstellungen von Nation, nationaler Identität und die jeweils damit verbundenen Erinnerungskulturen verändert.

Im deutschsprachigen Raum ist Exil untrennbar mit der Zeit des Nationalsozialismus verbunden. Die Singularität des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen gibt auch dem Exil während der Zeit des Nationalsozialismus eine besondere Stellung. Der inhaltliche Schwerpunkt von "Künste im Exil" liegt auf der Zeit 1933 bis 1945. Die virtuelle Ausstellung nimmt allerdings zugleich auch eine zeitliche Ausweitung bei der Betrachtung des Phänomens Exil vor – sie befasst sich, bezogen auf den deutschen Kontext, mit der Zeit von 1933 bis in die Gegenwart.

So greift "Künste im Exil" auch das Thema Remigration auf. Nach 1945 sind sowohl in die spätere Bundesrepublik als auch in die spätere DDR Künstler zurückgekehrt, die aus dem nationalsozialistischen Machtbereich geflohen waren. Auch Deutschland als Zufluchtsland ist Gegenstand der Betrachtung. Insbesondere ab den 1960er Jahren suchten Flüchtlinge aus anderen Staaten in der Bundesrepublik und der DDR Schutz vor Verfolgung. Eingang in die Ausstellung finden auch Künstlerinnen und Künstler, die aufgrund politischer und kultureller Repression durch das diktatorische Regime aus der DDR in die Bundesrepublik übersiedelten. Die Vorzeichen vor dem Begriff Exil ändern sich demnach für den deutschen Kontext im Zeitraum 1933 bis heute mehrfach.

In den vergangenen Jahren ist eine Ausweitung des Exilbegriffs auch aus kulturtheoretischer Perspektive angeregt worden. Diese neueren Debatten nehmen Konzepte von Heimat und Nation kritisch in den Blick – sie werden nicht mehr als statische und geschlossene Größen verstanden, sondern als imaginäre Konzepte, die einem permanenten Aushandlungsprozess unterliegen. Und doch muss man feststellen, dass im Exil Vorstellungen von Heimat auf besondere Weise Bedeutung erlangen und der Begriff als Bezugspunkt daher nicht völlig aufgegeben werden kann. Wenn Menschen gewaltsam vertrieben werden, verlieren sie viel: die gewohnte Lebens- und Arbeitsumgebung, mitunter auch das Aufenthaltsrecht und damit die Sicherheit, irgendwo Zuhause zu sein. Nicht immer können Familien gemeinsam fliehen, nicht immer können Besitz und Vermögen mitgenommen werden. Was sich mit diesen Verlusten häufig einstellt, ist das Gefühl, dass etwas verloren gegangen ist, was in der Fremde nicht wiedergefunden werden kann. Diese Verluste sind es mitunter, die im Exil die Vorstellungen von Heimat prägen. Im Exil gewinnt Heimat damit bisweilen einen völlig neuen Stellenwert. Heimatverlust als Folge des Exils wird häufig Gegenstand künstlerischen Schaffens.

Fußnoten

1.
http://www.kuenste-im-exil.de« (24.9.2014).
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Autoren: Sylvia Asmus, Jesko Bender für bpb.de
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