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14.10.2014 | Von:
Anja Kruke

Fragen über Fragen: Zur Geschichte der politischen Umfrage

Am Anfang stand eine Wette. Als George Gallup mitten im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 1936 öffentlich ankündigte, mit einer direkten (mündlichen) Befragung von 2000 Personen das Ergebnis der Wahl besser voraussagen zu können als die traditionelle (schriftliche) Leserumfrage der Zeitschrift "Literary Digest", bildete diese medienwirksame Herausforderung einen spektakulären Auftakt zur Erfolgsgeschichte der politischen Umfragen und ihrer Macher. Denn Gallup sollte Recht behalten; das von ihm gegründete Umfrageinstitut gehört noch heute zu den renommiertesten Markt- und Meinungsforschungsinstituten.

Welche Auswirkungen diese Methode zur Feststellung der öffentlichen Meinung auf Politik in ihren verschiedenen Dimensionen der Inhalte, Institutionen und ihrem Machtgefüge sowie auf das generelle Verhältnis zwischen Politik, Wählerschaft und Medien haben sollte, war damals nicht abzusehen. Wie das opinion polling entstand, wie es sich in der Politik in Europa und den USA festsetzte und welche Folgen dies hatte, wird im Folgenden grob umrissen.[1]

Die "amerikanische Wissenschaft": Anfänge in den USA

In den USA entstand die Meinungsforschung im Umfeld der seit den 1920er Jahren etablierten Werbepsychologie und Marktforschung. Die diskursive Gleichsetzung von Markt mit Demokratie beziehungsweise von Konsument mit Wähler, die in der Entwicklung der Methodik und Institutionalisierung erfolgte, half bei der Popularisierung der neuen Disziplin.[2] Schon bald setzte sie sich als öffentliche Methode der Selbstbeobachtung durch. Zeitungen richteten Kolumnen für Meinungsforscher ein – etwa die "New York Times", die Gallup zweimal pro Woche Platz für seine neuesten Erkenntnisse einräumte –, zugleich etablierten sich die Medien insgesamt in den USA als zentrale Auftraggeber politischer Meinungsforschung.

Für die Meinungsforschung als wissenschaftliche Methode kann 1937 als Geburtsjahr angegeben werden: In diesem Jahr erschien erstmals die bis heute wirkmächtige Zeitschrift "Public Opinion Quarterly" als ein Organ der empirischen Sozialwissenschaft, in dem auch Branchenführer zu Wort kommen. Experimentelle Versuche, Meinungsforschung für die Politik nutzbar zu machen, gab es jedoch schon vorher – etwa im Rahmen des Präsidentschaftswahlkampfes 1932; US-Präsident Franklin D. Roosevelt nutzte sie zudem intensiv für seinen New Deal und insbesondere für die Durchsetzung seiner Politik gegenüber Deutschland.[3]

Der Durchbruch gelang mit dem Zweiten Weltkrieg; sowohl auf dem Feld der Wissenschaft als auch auf dem der Politik gewann Meinungsforschung an Bedeutung, da sie half, Soldaten genauso wie die gesamte US-amerikanische Gesellschaft und auch die der Kriegsgegner zu beobachten und daraus Rückschlüsse für das eigene Vorgehen und Argumentieren zu finden.[4] Die Forschung profitierte dabei stark vom brain drain aus Europa: Vertreter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sowie österreichische Sozialwissenschaftler wie Paul F. Lazarsfeld und Marie Jahoda, die Umfragen als Methode der empirischen Sozialforschung erstmals im Kontext ihrer Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" 1933 exemplifiziert hatten, verliehen der US-amerikanischen (und auch britischen) Entwicklung zusätzliche Schubkraft.[5]

Wiederum war es dann Gallup, der 1940 zusammen mit Saul Forbes Rae kurz vor dem Kriegseintritt der USA werbewirksam das Buch "The Pulse of Democracy" herausbrachte, in dem er die Methode als demokratische Wissenschaft per se präsentierte: Mit ihrer Hilfe könnten Bürgerinnen und Bürger in eine Art direkten Dialog mit der Politik treten, die politische Theorie einer echten egalitären Demokratie könne somit in die Praxis überführt werden. Gallup und Rae lieferten damit den Soundtrack zum Gründungsmythos der Meinungsforschung als demokratische Wissenschaft.[6] So konnte die im befreiten Deutschland als "amerikanische Wissenschaft" bezeichnete Meinungsforschung sowohl als demokratische wie auch als demokratisierende Wissenschaft propagiert und verstanden werden.

Europa zieht nach

Doch waren die USA nicht der einzige Ort, an dem sich die Meinungsforschung als Verfahren zur (Selbst-)Beobachtung der Gesellschaft durch repräsentative Befragung entwickelte. Zwischen den 1920er und den 1940er Jahren vollzog sich ein weltweiter Aufstieg, der, nur kurzzeitig gehemmt durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg, in einer weltweiten Verbreitung und Vernetzung nach 1945 mündete.[7] Insbesondere Gallup hatte unmittelbar nach seinem Prognoseerfolg 1936 begonnen, sein Unternehmen mit Instituten in Großbritannien, Kanada, Australien und Schweden international zu erweitern.

Die medial stets sichtbare Meinungsforschung übte zudem große Anziehungskraft auf europäische Wissenschaftler aus, die – wie der französische Soziologe Jean Stoetzel oder die deutsche Studentin der Zeitungswissenschaft Elisabeth Noelle – während ihrer USA-Aufenthalte mit der neuen Methode in Berührung kamen und sich daran machten, sie in ihren Heimatländern nutzbar zu machen. Noelle, später Noelle-Neumann, gründete 1947 in Deutschland das Institut für Demoskopie Allensbach; Stoetzel gründete bereits 1938 das erste Umfrageinstitut Frankreichs, doch unterbrach der Einmarsch der Deutschen die Entwicklung.

Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg sollte es bis Ende der 1960er Jahre dauern, bis Umfragen in Frankreich zu einem alltäglichen Gegenstand in Politik und Gesellschaft wurden. Weder die Politik noch die Journalisten griffen auf Umfragen als Erklärung der öffentlichen Meinung zurück. Das Wahlsystem sah keine direkte Wahl des Präsidenten wie in den USA vor, und die Eliten sahen keinen Anlass, sich an der öffentlichen Meinung (verstanden als zahlenmäßige Größe) zu orientieren, sodass Umfragen öffentlich ein Schattendasein fristeten. Stattdessen griff die Politik auf ein System der Berichterstattung aus den Regionen zurück, das sich in napoleonischen Zeiten begründet hatte und das für zuverlässiger als die Befragung einer kleinen Zahl von Menschen gehalten wurde. Mit der Gründung der Fünften Französischen Republik 1958 wandelte sich das politische System und mit deren Krise die politische Kultur grundlegend – und damit verbunden die Vorstellung von "öffentlicher Meinung". Dies führte dazu, dass sich auch Umfragen schließlich etablierten.[8]

Ähnlich lang brauchten die Umfrageinstitute in Großbritannien. Zwar hatten sich noch vor 1939 Institute gegründet, die im Zweiten Weltkrieg für die Befragung der Bevölkerung herangezogen wurden, doch setzte sich die Umfrageforschung erst zu Beginn der 1960er Jahre auf breiter Front in Parteien und Medien durch; zuvor hatten insbesondere die politischen Akteure aufgrund anderer "Weltsichten" kein Interesse daran gehabt.[9]

Fußnoten

1.
Bislang gibt es nur wenige Studien zur Geschichte der politischen Umfrageforschung; für Deutschland vgl. Anja Kruke, Demoskopie in der Bundesrepublik Deutschland. Meinungsforschung, Parteien und Medien 1949–1990, Düsseldorf 20122. Auf weitere Länderstudien wird im Folgenden hingewiesen.
2.
Vgl. Stefan Schwarzkopf, Consumers, Markets, und Research: The Role of Political Rhetoric and the Social Sciences in the Engineering of British and American Consumer Society, 1920–1960, in: Kerstin Brückweh et al. (Hrsg.), Engineering Society. The Role of the Human and Social Sciences in Modern Societies, 1880–1980, London 2012, S. 252–272.
3.
Vgl. Steven Casey, Cautious Crusade. Franklin D. Roosevelt, American Public Opinion and the War against Nazi Germany, Oxford 2001.
4.
Vgl. A. Kruke (Anm. 1), S. 36f.
5.
Vgl. Thomas Osborne/Nikolas Rose, Do the Social Sciences Create Phenomena? The Example of Public Opinion Research, in: The British Journal of Sociology, 50 (1999), S. 367–396.
6.
Vgl. George Gallup/Saul Forbes Rae, The Pulse of Democracy. The Public-Opinion Poll and How It Works, New York 1940. Daran entzündet sich bis heute die Kritik, Gallup habe die Öffentlichkeit damit in die Irre geführt. Vgl. J. Michael Hogan, George Gallup and the Rhetoric of Scientific Democracy, in: Communication Monographs, 64 (1997), 2, S. 161–179; Sarah E. Igo, "A Gold Mine and a Tool for Democracy": George Gallup, Elmo Roper, and the Business of Scientific Polling, 1935–1955, in: History of the Behavioral Sciences, 42 (2006), 2, S. 109–134.
7.
Vgl. Bernhard Fulda, The Market Place of Political Opinions: Public Opinion Polling and its Publics in Transnational Perspective, 1930–1950, in: Comparativ, 21 (2011) 4, S. 13–28; Robert M. Worcester (Hrsg.), Political Opinion Polling, London 1983.
8.
Vgl. Jon Cowans, Fear and Loathing in Paris. The Reception of Opinion Polling in France, 1938–1977, in: Social Science History, 26 (2002), S. 71–104.
9.
Vgl. Laura Dumond Beers, Whose Opinion? Changing Attitudes Towards Opinion Polling in British Politics, 1937–1964, in: Twentieth Century British History, 17 (2006), S. 177–205.
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Autor: Anja Kruke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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