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14.10.2014 | Von:
Harald Schoen
Robert Greszki

Politische Umfrageforschung in Deutschland – Ein Überblick

Ergebnisse von Umfragen zu politischen Themen sind aus der Medienberichterstattung kaum wegzudenken. Ein prominentes Beispiel ist die regelmäßige Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender über Umfrageergebnisse in Form des "Deutschlandtrends" (ARD) und des "ZDF-Politbarometers" (ZDF). Aber auch viele Tageszeitungen und Online-Medien geben Befragungen in Auftrag und berichten über Ergebnisse politischer Umfragen. Die Berichterstattung dient dazu, über die Haltung der Bürgerinnen und Bürger zu politischen Themen zu informieren. Sie wird aber durchaus auch dazu genutzt, politische Entscheidungen, die nicht der in Umfragen gemessenen Mehrheitsmeinung entsprechen, unter zusätzlichen Rechtfertigungsdruck zu setzen.

Gleichzeitig wird es kritisch beurteilt, wenn der Eindruck entsteht, politische Entscheidungen seien von Umfrageergebnissen beeinflusst worden. In diesem Sinne stellte Anfang der 1990er Jahre der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker warnend fest, wir lebten in einer "Demoskopiedemokratie".[1] Jüngste Berichte darüber, dass die Bundesregierung regelmäßig kommerzielle Erhebungsinstitute mit Bevölkerungsumfragen beauftrage und anschließend politische Entscheidungen an den Ergebnissen dieser Befragungen ausrichte,[2] scheinen die Angemessenheit dieser Warnung zu bestätigen. Ähnlich kritisch werden vermutete Einflüsse von Umfrageergebnissen auf das allgemeine Wahlverhalten beurteilt. So kritisierte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) die erstmalige Veröffentlichung von Umfrageergebnissen bis zum Wahltag im Jahr 2013, weil er darin eine Gefahr der Wahlmanipulation erkennt.[3]

Sieht man davon ab, dass Wirkungen von Umfrageergebnissen auf politische Entscheidungen und auf das Wählerverhalten nicht ohne Weiteres nachgewiesen werden können,[4] so deuten diese öffentlichen Diskussionen auf zweierlei hin. Es wird deutlich, dass die Rolle von Umfrageergebnissen in Abhängigkeit von demokratietheoretischen Positionen höchst unterschiedlich beurteilt werden kann.[5] Unabhängig von der normativen Position gelten die politische Umfrageforschung und ihre Befunde weithin als wichtig, autoritativ und einflussreich. Ein ausgeprägtes Interesse an der Funktionsweise der Umfrageforschung ist jedoch nicht zu beobachten. Dadurch kann die Öffentlichkeit schwerlich ein Verständnis der Möglichkeiten und Grenzen der Umfrageforschung entwickeln und die öffentliche Diskussion darüber kaum sachgerecht beurteilen. Mit diesem Artikel versuchen wir, einen Beitrag dazu zu leisten, diese Lücke zu schließen. Dazu stellen wir zunächst die Akteure auf dem Gebiet der Umfrageforschung zu politischen Themen dar und gehen anschließend schlaglichtartig auf ausgewählte Problemfelder ein.

Akteure

Die gesellschaftliche und politische Bedeutung der Umfrageforschung zu politischen Themen beruht auf der Vorstellung, die auf diesem Wege gewonnenen Ergebnisse lieferten wichtige Informationen über die öffentliche Meinung in einer Gesellschaft.[6] Es wird also allgemein vorausgesetzt, dass bei Datenerhebung und -analyse professionell, also handwerklich sorgfältig und nicht etwa parteilich, vorgegangen wird. Darüber hinaus wird offenbar angenommen, dass Antworten, die zufällig ausgewählte Personen in einem sozialwissenschaftlichen Interview geben, politisch bedeutsam sind.[7]

Auf dieser Grundlage wirken verschiedene Akteure an der Umfrageforschung zu politischen Themen mit. Als Anbieter agieren in der Regel kommerzielle Markt- und Meinungsforschungsinstitute, die Daten erheben und auswerten sowie Ergebnisse vorstellen. Auf der Nachfrageseite findet sich eine Reihe recht verschiedener Auftraggeber, die unterschiedliche Ziele verfolgen. Den Bürgern schließlich fallen zwei Rollen zu. Einerseits sind sie (potenzielle) Befragte, andererseits Rezipienten der Berichte über Umfrageergebnisse. Auch wenn die Bürger eine Doppelrolle einnehmen, sollen in diesem Abschnitt in erster Linie die beiden anderen Akteursgruppen genauer betrachtet werden.

Ein erheblicher Teil der Aufträge, die politische Meinung der Bevölkerung zu erkunden, geht von Massenmedien aus.[8] Zu denken ist an Fernsehsender, Radiostationen, Zeitungen, Zeitschriften und (reine) Online-Medien. Sie können damit eine Aufklärungsfunktion erfüllen und einem Informationsbedürfnis des Publikums nachkommen. Zudem können sie danach streben, mit Umfrageergebnissen zu politischen Themen Aufmerksamkeit zu erregen und so Einschaltquoten, Verkaufs- oder Klickzahlen zu steigern. Legt man diese Zielsetzungen zugrunde, ist davon auszugehen, dass praktisch jede Erhebung dieser Art der Öffentlichkeit bekannt wird. Die öffentlich-rechtlichen Medien ARD und ZDF gehen einen Schritt weiter und ermöglichen es, dass die mit öffentlichen Mitteln erhobenen Rohdaten des "Deutschlandtrends" und des "Politbarometers" der interessierten Öffentlichkeit über das Gesis-Datenarchiv bereitgestellt werden.[9]

Wie bereits angedeutet, sind politische Akteure ein zweiter wichtiger Auftraggeber der Umfrageforschung zu politischen Themen. Politische Parteien, politische Stiftungen und einzelne Politikerinnen und Politiker sind hier ebenso aktiv wie Regierungszentralen sowie Landes- und Bundesministerien. Ihre Ziele und Motive können variieren. Sie können danach streben, die Ergebnisse zu veröffentlichen, um die öffentliche Diskussion zu beeinflussen. Eine Erhebung kann jedoch auch allein für den internen Gebrauch bestimmt sein. Nicht zuletzt aus diesem Grund lässt sich deren Zahl nicht leicht bestimmen. Zumindest in Bezug auf öffentliche Stellen hat sich die Lage mit dem seit 2006 geltenden Informationsfreiheitsgesetz diesbezüglich geändert. Inzwischen ist es möglich, Auskunft über die Umfragen zu erhalten. Allerdings zeigen sich öffentliche Stellen noch immer sehr zurückhaltend darin, es ARD und ZDF gleichzutun und die in ihrem Auftrag mit öffentlichen Mitteln erhobenen Rohdaten der interessierten Öffentlichkeit bereitzustellen.

Der dritte wesentliche Auftraggeber ist die Wissenschaft. Ihre Aufträge unterscheiden sich in der Regel von jenen, die Massenmedien und politische Akteure erteilen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind meist allein an der Erhebung von Rohdaten interessiert und übernehmen, anders als viele andere Auftraggeber, die Auswertung der Daten selbst. Die Konzentration auf die Rohdaten geht häufig einher mit vergleichsweise hohen Ansprüchen an die Qualität der Datenerhebung. Die Imperative des Wissenschaftssystems[10] legen nahe, dass von Wissenschaftlern in Auftrag gegebene Erhebungen öffentlich bekannt gemacht und die – meist mit öffentlichen Mitteln erhobenen – Rohdaten veröffentlicht werden.[11] Im Ergebnis sind für diesen – vergleichsweise kleinen – Teil der Erhebungen zu politischen Themen Forschungsergebnisse im Idealfall en détail nachprüfbar.

Die potenziellen Auftraggeber haben die Wahl zwischen einer beträchtlichen Zahl an kommerziellen Markt- und Sozialforschungsinstituten. Die Anbieter, die ihren Umsatz in der Regel zum kleineren Teil mit politikbezogener Forschung erwirtschaften, unterscheiden sich teilweise erheblich in ihrem Leistungsspektrum. Einige spezialisieren sich auf bestimmte Schritte im Forschungsprozess, etwa die Datenerhebung, andere bieten Datenerhebung und -auswertung sowie Ergebnisaufbereitung an. Einige Institute bieten mehrere Erhebungsformen an, also etwa persönliche, telefonische, schriftliche und online administrierte Befragungen, andere setzen allein auf eine Methode. Die Vielfalt an Instituten ermöglicht es Auftraggebern, den für ihr Vorhaben passenden Anbieter zu identifizieren und bei geeigneter Wahl qualitativ hochwertige Daten und Ergebnisse zu erhalten.

Zu den bekannteren Instituten gehören diejenigen, die mit Massenmedien zusammenarbeiten und dort Ergebnisauswertungen präsentieren. Dazu zählen etwa Forsa, die Forschungsgruppe Wahlen,[12] Infratest dimap, das Institut für Demoskopie Allensbach und TNS Emnid. Die Aufträge von den großen Fernsehsendern, Zeitungen und Zeitschriften, meist mit Wahlbezug, verhelfen den Instituten zu öffentlicher Aufmerksamkeit und einem Ansehensgewinn. Für die Einwerbung weiterer Aufträge dürfte dies nicht von Nachteil sein. Die Schattenseite der Bekanntheit besteht darin, dass vermeintliche oder tatsächliche Fehlleistungen den Ruf eines Instituts – oder der ganzen Branche – beschädigen können. Für politische Parteien tätige Institute sehen sich gelegentlich dem Vorwurf der Parteilichkeit bei der Analyse und Interpretation von Ergebnissen ausgesetzt.[13] Aber auch Fehler werden den Instituten angekreidet. Beispielsweise müssen sie sich an Wahltagen nicht selten an der Übereinstimmung der Ergebnisse von Vorwahlumfragen und der sogenannten Prognose[14] mit dem tatsächlichen Wahlergebnis messen lassen.[15] Bisweilen werden auch Fälschungen von Interviews bemängelt.[16] Fälle dieser Art lenken die Aufmerksamkeit nicht zuletzt auf die Tatsache, dass die vorgestellten Ergebnisse aus potenziell fehlerbehafteten Arbeitsprozessen hervorgehen. Letztlich aber hat die Branche der Markt- und Sozialforschungsinstitute auch die seltenen Fälle dieser Art ohne größeren Ansehensverlust überstanden.

Das Zusammenspiel der dargestellten Akteure hat die Umfrageforschung zu einem wichtigen Element im politischen Prozess werden lassen. Die große öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung für die Leistungen dieser Forschung sollten allerdings nicht den Blick auf Probleme verstellen. Einige davon sollen im Folgenden skizziert werden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der gesellschaftlichen Vermittlung von Umfrageergebnissen sowie auf den Folgen des gesellschaftlichen Wandels für die Erstellung von umfragebasierten Meinungsbildern.

Fußnoten

1.
Richard von Weizsäcker, Im Gespräch mit Gunter Hofmann und Werner A. Perger, Frankfurt/M. 1992, S. 165.
2.
Vgl. Sven Becker/Christina Elmer, Wie Merkel die Befindlichkeiten der Deutschen ausforscht, 9.9.2014, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/-a-990296.html« (19.9.2014).
3.
Vgl. Lammert kritisiert Last-Minute-Umfragen, 20.9.2013, http://www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/-12582358.html« (19.9.2014).
4.
In Bezug auf politische Entscheidungen vgl. Lawrence R. Jacobs/Robert Y. Shapiro, Politicians Don’t Pander. Political Manipulation and the Loss of Democratic Responsiveness, Chicago 2000; Christine Rothmayr/Sibylle Hardmeier, Government and Polling: Use and Impact of Polls in the Policy-Making Process in Switzerland, in: International Journal of Public Opinion Research, 14 (2002), S. 123–140. Zum Wahlverhalten vgl. Hanna Hoffmann, Wahlumfragen und Wähler. Analysen zum Einflusspotential veröffentlichter Umfrageergebnisse bei den Bundestagswahlen 2009 und 2005, Frankfurt/M. 2013. Siehe auch den Beitrag von Thorsten Faas in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.)
5.
Vgl. Wolfgang Donsbach, Who’s Afraid of Election Polls? Normative and Empirical Arguments for the Freedom of Pre-Election Surveys, Amsterdam 2001; Ernst Benda, Meinungsforschung und repräsentative Demokratie, in: Horst Baier/Hans Mathias Kepplinger/Kurt Reumann (Hrsg.), Öffentliche Meinung und sozialer Wandel, Opladen 1981, S. 96–104.
6.
Vgl. Valdimer Orlando Key, Public Opinion and American Democracy, New York 1961; Jürgen Gerhards, Öffentlichkeit, in: Otfried Jarren/Ulrich Sarcinelli/Ulrich Saxer (Hrsg.), Politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft. Ein Handbuch mit Lexikonteil, Opladen 1998, S. 268–274; Elisabeth Noelle-Neumann, Öffentliche Meinung, in: ebd., S. 81–94; Max Kaase/Barbara Pfetsch, Umfrageforschung und Demokratie. Analysen zu einem schwierigen Verhältnis, in: Hans-Dieter Klingemann/Friedhelm Neidhardt (Hrsg.), Zur Zukunft der Demokratie. Herausforderungen im Zeitalter der Globalisierung, Berlin 2000, S. 153–182.
7.
Vgl. Benjamin Ginsberg, How Polling Transforms Public Opinion, in: Michael Margolis/Gary Mauser (Hrsg.), Manipulating Public Opinion, Pacific Grove 1989, S. 271–293; Susan Herbst, The Meaning of Public Opinion: Citizens’ Constructions of Political Reality, in: Media, Culture and Society, 15 (1993), S. 437–454.
8.
Vgl. Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute (ADM), Umsatz der Mitgliedsinstitute des ADM nach Branchen, https://www.adm-ev.de/zahlen/#c243« (19.9.2014).
9.
Siehe http://www.gesis.org/das-institut/wissenschaftliche-abteilungen/datenarchiv-fuer-sozialwissenschaften« (19.9.2014).
10.
Als "Klassiker" vgl. Robert K. Merton, Science and Democratic Social Structure, in: ders., Social Structure and Social Theory, New York 1968, S. 605–615.
11.
Siehe exemplarisch German Longitudinal Election Study (GLES), http://gles.eu« (19.9.2014).
12.
Im Unterschied zu den anderen genannten Instituten ist die Forschungsgruppe Wahlen ein eingetragener Verein. Die Erhebungen für diesen Verein und andere Auftraggeber übernimmt die Forschungsgruppe Wahlen Telefonfeld GmbH: http://www.forschungsgruppe.de/ueber_die_Forschungsgruppe/FGW_Telefonfeld_GmbH/« (19.9.2014).
13.
Vgl. Sebastian Beck, Meinungen und Gemeinheiten, 17.5.2010, http://www.sueddeutsche.de/politik/-1.474097« (19.9.2014); Zoff um Umfragedaten: AfD kassiert Schlappe im Rechtsstreit mit Forsa, 17.9.2013, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/-a-922554.html« (19.9.2014).
14.
Die an Wahlabenden vorgestellten Prognosen sind keine echten Prognosen, da sie nicht in die Zukunft gerichtet sind. Vielmehr handelt es sich um den Versuch, das Wahlergebnis mit Hilfe einer Nachwahlbefragung auf der Grundlage einer ausgeklügelten Stichprobe möglichst genau wiederzugeben.
15.
Vgl. Richard Hilmer, Vorwahlumfragen 2005 – ein Debakel? Ist der Ausgang von Wahlen noch vorhersagbar?, in: Oscar W. Gabriel/Bernhard Weßels/Jürgen W. Falter (Hrsg.), Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2005, Wiesbaden 2009, S. 103–116.
16.
Vgl. Heiner Dorroch, Meinungsmacher-Report. Wie Umfrageergebnisse entstehen, Göttingen 1994.
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Autoren: Harald Schoen, Robert Greszki für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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