Ukrainische Bürger im Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew

11.11.2014 | Von:
Jutta Scherrer

Russland verstehen? Das postsowjetische Selbstverständnis im Wandel

Russland und Europa

Im Findungsprozess der postsowjetischen Identität spielt Russlands Verhältnis zum Westen eine immer größere Rolle. Seit Peter der Große das "Fenster nach Europa" öffnete, ist Europa das Muster für Russlands Modernisierung. An der Dichotomie "Russland und Europa" oder "Russland und der Westen" spalteten sich schon im 19. Jahrhundert "Slawophile" und "Westler". Für die Slawophilen war Russland eine eigenständige Zivilisation, deren in der Orthodoxie verankerte religiöse und moralische Werte sie dem Rationalismus des Westens gegenüberstellten. Für die an den Reformen Peters des Großen orientierten Westler war Europäisierung synonym mit Modernisierung, mit einem Ausstieg aus der Rückständigkeit. Die Opposition zwischen Russland und dem Westen, dem "Wir" und "Sie", den "Selbst"- und "Fremdbildern", prägt nach 1991 nicht nur die russische Philosophie, sondern auch den politischen Diskurs. Die Spaltung in Westler und Nicht-Westler (oder Neo-Slawophile) wurde wieder aktuell.

Gorbatschow hatte für ein "europäisches Haus" plädiert. Die Jelzin-Führung sprach sich für ein "Groß-Europa" (bol’saja Evropa) aus – das erweiterte EU-Europa und Russland – und für eine proatlantische Orientierung. Doch mit der Zunahme der Zweifel an dem westlich-liberalen Wirtschaftsmodell wuchsen selbst in demokratischen russischen Kreisen die Zweifel an den Werten und Errungenschaften der westlichen Kultur. Gegenüber einer sich global verstehenden Welt wächst in Russland das Bedürfnis, die nationale Eigenart zu stärken. In seinen ersten Regierungsjahren gab sich Putin als Europäer, besonders auf seinen Reisen ins westliche Ausland. Erinnert sei an seine Rede vor dem Bundestag im September 2001, in der er Russland als "äußerst dynamischen Teil des europäischen Kontinents" bezeichnete. In Russland selbst fand die "russische Idee" schon seit den 1990er Jahren durch die "eurasische Idee" eine komplementäre Unterstützung.

Russlands Lage zwischen Europa und Asien hatte russische Emigranten in den 1920er Jahren bewogen, mit dem Konzept "Eurasien" Russlands besondere Aufgabe im Zusammenschluss der Völker Europas und Asiens zu einer staatlichen und kulturellen Einheit zu bestimmen. Heute bezieht sich die geopolitische und geostrategische Referenz politischer und militärischer Kreise auf Eurasien und den Raum des sowjetischen Imperiums. Die vermisste staatliche Kontinuität der Sowjetunion und der Russischen Föderation soll durch die Referenz auf Eurasien kompensiert werden.[14]

Aus Sicht Putins ist der Zerfall der Sowjetunion "die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts".[15] Für die Ideologen des Neoeurasismus wie den Putin nahestehenden Geschichtsphilosophen Alexander Dugin könnte der Rückgriff auf ein eurasisches Gebilde die Demütigung ausgleichen, die der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Verkleinerung Russlands auf seine Größe in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bedeuten. Russland ist für sie nicht Teil Europas, sondern eine eigenständige Zivilisation mit eigenen Werten, die sie zum Feindbild des "Westens" – Europa und vor allem die USA – hochspielen. Heute instrumentalisiert auch die politische Propaganda "den Westen" als Feindbild. Auch für Putin gründet die russische Macht in dem russisch-eurasischen Raum und in der Einzigartigkeit seiner Zivilisation und ihren Traditionen, die, obwohl ihr viele Völker muslimischer oder anderer Religionen angehören, auf der russischen Orthodoxie fußen. Zivilisation wird hier also als Zusammengehörigkeit und Daseinsform der Menschen jenseits der staatlichen Grenzen auf der Grundlage der Orthodoxie verstanden.

Unterstützung erfährt Putins geopolitische eurasische Orientierung von der orthodoxen Kirche insofern, als ihre jurisdiktionelle Vorstellung vom untrennbaren "kanonischen Territorium" oder "kanonischen Territorium Eurasiens" (Patriarch Alexej II.) alle Russen einbezieht, da diese als Nachkommen von Orthodoxen "ihre Wurzeln in der Orthodoxie haben".[16] Im Unterschied zum Staat behielt die Kirche die Grenzen der Sowjetunion in ihrem Konzept des "kanonischen Territoriums" bei. Wohl sind die auf dem Territorium des "historischen Russlands" entstandenen unabhängigen Staaten zu respektieren, so Patriarch Kirill, doch die geistigen Bindungen unter den in diesen Staaten lebenden Menschen müssten gefestigt werden, um das Wertesystem der orthodoxen Zivilisation des "heiligen Russlands" zu erhalten.[17]

Die "heilige Rus" ist für den Patriarchen "kein ethnisches, kein politisches, kein linguistisches, sondern ein geistiges Konzept"; der dahinter stehende einheitliche Kulturraum umfasst demnach außer Russland, Belarus und der Ukraine auch diejenigen Teile Kasachstans, in denen die russische, das heißt die slawisch-orthodoxe Bevölkerung vorherrscht, sowie Moldau.[18] Ihr geistiges Zentrum ist Russland als der Mittelpunkt einer großen zivilisatorischen Gemeinschaft (obščnost’) – der "russischen Welt" –, "die weit über die Grenzen des Landes hinausreicht"[19] und die Einheit der ostslawischen orthodoxen Zivilisation verbürgt.

Putins geopolitisches Kernprojekt, das er als wichtigste außen- und wirtschaftspolitische Zielsetzung seiner dritten Amtszeit bezeichnet, ist die "Eurasische Union". Hiermit versucht er, den Zerfall der Sowjetunion "durch eine neue, post-imperiale Form der politischen und wirtschaftlichen Integration jedenfalls ein Stück weit zu korrigieren".[20] Die von Russland dominierte "Eurasische Union" ist ein Gegenentwurf zur Europäischen Union und dient ebenfalls der Profilierung von Russlands Großmachtstellung gegenüber den USA. Am 29. Mai 2014 unterzeichneten Russland, Kasachstan und Belarus in der kasachischen Hauptstadt Astana eine Vereinbarung zur Gründung der "Eurasischen Wirtschaftsunion". Weitere ehemalige Sowjetrepubliken sollen folgen. Die Ukraine, mit ihren 45 Millionen Einwohnern das bevölkerungsmäßig zweitgrößte Land im postsowjetischen Raum, war von Putin als einer der Grundbestandteile dieser Union vorgesehen.

Fußnoten

14.
Vgl. Dmitri Trenin, The End of Eurasia. Russia on the Border Between Geopolitics and Globalization, Washington–Moskau 2002.
15.
Putin vor der Föderalen Versammlung der Russischen Föderation am 25.4.2005.
16.
Vgl. Aleksandr Soldatov, Religion und Staat, in: Osteuropa, (2004) 4, S. 74–81, hier: S. 75.
17.
Ansprache des Patriarchen vom 2.2.2009, zit. nach: Per-Arne Bodin, On the Relationship Between State and Church in Post-Soviet Russia, in: Power and Legitimacy: Challenges from Russia, London 2012, S. 220–234, hier: S. 229.
18.
Ähnlich argumentierten Samuel P. Huntington, The Clash Of Civilizations?, in: Foreign Affairs, (1993) 3, S. 22–49, und Alexander Solschenizyn, Russland im Absturz (Rossija w obwale), Wien 1999.
19.
Eintrag "Russkij mir" in der Wikipedia Russland.
20.
W. v. Scheliha (Anm. 13), S. 5.
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Autor: Jutta Scherrer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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