Ukrainische Bürger im Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew

11.11.2014 | Von:
Jutta Scherrer

Russland verstehen? Das postsowjetische Selbstverständnis im Wandel

Russlands Verhältnis zur Ukraine

Seit einigen Jahren projizieren russische Diskurse das Konzept der antiwestlichen und antieuropäischen "russischen Welt" auf die Ukraine. Dieses Konzept rekurriert auf die geistig-kulturelle "heilige Rus" und die ihr verbundene ethnokulturelle Gemeinschaft der ostslawischen Völker der Russen, Ukrainer und Belorussen, auf die russisch-orthodoxe Kirche und die aus ihr abgeleitete ostslawische Geistigkeit, die russische Sprachkultur und den gemeinsamen Sieg über den Faschismus im "Großen Vaterländischen Krieg". Diese Sicht macht die Ukraine zum "Kernbestandteil der ‚russischen Welt‘", das heißt der "orthodox-ostslawischen", von Russland geführten und der Europäischen Union entgegengestellten Einflusssphäre.[21] Im Zusammenhang mit der Ideologie der "russischen Welt" steht auch der seit den 1990er Jahren reaktivierte Begriff "Neurussland" (Novorossija) für die Gebiete des Ostens und Südens der Ukraine.[22] Im Frühjahr 2014 gebrauchte Putin diese Bezeichnung, um Ansprüche auf ehemals russisch oder sowjetisch beherrschte Gebiete zu erheben. Ende August 2014 forderte er die "legitimen Rechte der ethnischen Russen und der Russischsprachigen" in "Neurussland" ein. Die staatlichen russischen Medien setzen heute die Ostukraine mit "Neurussland" gleich, eine Benennung, derer sich auch die Separatisten in der Ostukraine bedienen.

Zu Putins Vokabular gehört auch der Begriff Rus’ im Sinne des Vorläuferstaates für Russland, die Ukraine und Belarus. In der "Kiewer Rus" des 9. bis 13. Jahrhunderts lebten zwar orthodoxe Slawen (und andere Ethnien), doch für diese Zeit von "Russen" und "Ukrainern" zu sprechen, ist ein Anachronismus – zumal die "Kiewer Rus’" eine Erfindung der Historiografie des 19. Jahrhunderts ist. Allerdings begründete die Annahme des orthodoxen Christentums im Jahr 988 eine wichtige Gemeinsamkeit von späteren Russen und Ukrainern. Aus russischer Sicht macht die von der Taufe der Rus’ abgeleitete Staatsreligion die Ukraine geradezu zwangsläufig zu einem Teil des russischen Staatswesens.

Als sich die Ukraine 1991 zu einem unabhängigen Staat erklärte, konnte sie nur auf kurzfristige Ansätze von Staatsbildung zurückgreifen: auf das Kosaken-Hetmanat des 17. Jahrhunderts (das sich 1654 unter die Hoheit Moskaus begab)[23] und die Ukrainische Volksrepublik zwischen 1918 und 1920. Der größte Teil der Ukraine war während dreier Jahrhunderte ein Teil des Zarenreichs und der Sowjetunion. Die Westukraine, die erst 1939 zur Sowjetunion geschlagen wurde, gehörte bis 1918 zur Habsburgermonarchie und anschließend bis 1939 zu Polen.

Das Fehlen einer ungebrochenen Staatlichkeit der Ukraine und ihr historisches "imperiales" Erbe, das von der subalternen Stellung der Ukrainer unter den Zaren und später in der Sowjetunion bestimmt wurde, hat dem Historiker Andreas Kappeler zufolge eine Asymmetrie der Beziehungen beider Staaten zur Folge. Diese macht es russischen Politikern und der russischen Gesellschaft leicht, die Ukraine nicht als selbstständigen Staat und die Ukrainer nicht als eine gleichwertige, selbstständige Nation anzuerkennen. Obwohl Russland die Ukraine völkerrechtlich als souverän anerkennt, legitimiert es die Annexion der Krim als sein historisches Erbe.[24] So verwies Putin am 18. März 2014 in seiner Rede zur Annexion auf die einheitliche, die Völker Russlands, der Ukraine und Belarus’ vereinende Zivilisation.[25] Im Juli 2014 instruierte Putin russische Diplomaten, dass in der Ukraine-Krise "alles auf dem Spiel" stehe, was sich Russland "seit den Zeiten Zar Peters des Großen Anfang des 18. Jahrhunderts erkämpft" hätte. Im selben Zusammenhang äußerte er sich über die Russen im Ausland: Mit "Russen" seien nicht nur ethnische Russen gemeint, sondern alle Menschen, "die sich selbst als Teil der sogenannten weiten russischen Welt" empfänden. Die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft und die fortschreitende Verwässerung traditioneller sittlicher und geistiger Werte würden beweisen, dass das Modell einer unipolaren Welt gescheitert sei.[26]

Fazit

Russlands Verhalten gegenüber der Ukraine verdeutlicht, dass es sein Verhältnis zur früheren Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten nie geklärt hat. Die Suche nach einem nationalen Selbstverständnis, das auf einem starken Staat und einer Großmachtrolle beruht, ist für das postsowjetische Russland nicht außerhalb des Raumes der früheren Sowjetunion sowie des imperialen Russlands vorstellbar, wobei Putins Geschichtspolitik das autokratisch-imperiale und das sowjetische Imperium immer stärker miteinander verschmelzen lässt.

Russland sucht seine Identität in einer Vergangenheit, die aus unserer westlichen Perspektive mit dem Ende der Sowjetunion abgeschlossen zu sein scheint. Doch vieles deutet darauf hin, dass das Trauma des Verlusts der auf die Großmachtstellung der Sowjetunion bezogenen Identität bis heute nicht verwunden ist. Wäre es jedoch möglich oder denkbar gewesen, dass das postsowjetische Russland eine von der Nachfolge der Sowjetunion und dem hiermit verbundenen hegemonialen Großmachtanspruch unabhängige, neue Identität hätte finden können? Wäre es möglich oder denkbar, das Trauma des Verlusts der Großmachtstellung auf die Sowjetunion zu beziehen und nicht auf das heutige Russland?

Für die Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit (wenn schon nicht ihrer Aufarbeitung) und einer möglichen "Entsowjetisierung" im Hinblick auf Russlands hegemoniales Verhältnis zu den Nachfolgestaaten auf dem einstigen sowjetischen Raum hätte es demokratischer Institutionen und eines entschiedenen politischen Willens seitens der Führungskräfte bedurft – ganz abgesehen von der außerordentlich komplexen Frage der Rechtsnachfolge der Sowjetunion, aus der Russland seine Identität bis heute ableitet. Doch ist dies ein selbst unter Staats- und Völkerrechtlern umstrittenes Thema.[27] Solange der Großteil der russischen Bevölkerung das Auseinanderbrechen der Sowjetunion als Amputation empfindet und die Sehnsucht nach dem Verlorenen andauert oder sogar zunimmt (und vielleicht auch unterstützt wird), wird, so steht zu befürchten, Putins zivilisatorischer Nationalismus und seine geopolitisch orientierte Politik befördert.

Ich hoffe, mit meinen Ausführungen etwas zum Verständnis der ideologischen Faktoren beigetragen zu haben, die dem putinschen Nationalismus und den heutigen russischen Befindlichkeiten zugrunde liegen. Die Herkunft einer Argumentationsweise zu verstehen, bedeutet in keiner Weise sie zu rechtfertigen, was hoffentlich deutlich wurde. Es ging mir lediglich darum, etwas aus der uns alle interessierenden russischen Welt (und diesen Ausdruck gebrauche ich hier nicht ideologisch) zu "bedenken zu geben".

Der Beitrag basiert auf dem Manuskript zur Helmholtz-Vorlesung, die ich am 17. Juli 2014 an der Humboldt-Universität zu Berlin hielt.

Fußnoten

21.
Wilfried Jilge, Die Ukraine aus Sicht der "Russkij Mir", in: Russland-Analysen, Nr. 278 vom 6.6.2014, S. 2–5, hier: S. 2.
22.
"Neurussland" war die Bezeichnung der Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Russland erobert wurden und heute Teile der Ukraine, Moldaus und des südlichen Russlands sind.
23.
Unabhängiger Herrschaftsverband, der die linken Ufer des Dneprs mit Kiew auf dem rechten Ufer umfasste.
24.
Vgl. Andreas Kappeler, Der große Bruder und die kleine Schwester, in: Neue Zürcher Zeitung vom 19.3.2014, S. 7.
25.
Vgl. Rede von Präsident Wladimir Putin zur Eingliederung der Krim in die Russländische Föderation, dokumentiert in: Osteuropa, (2014) 5–6, S. 87–99.
26.
Zit. nach: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2.7.2014, S. 2.
27.
Vgl. Zhenis Kembyaev, Probleme der Rechtsnachfolge von der Sowjetunion auf die Russische Föderation, in: Archiv des Völkerrechts, 46 (2008), S. 106–129, http://www.academia.edu/3418784« (21.10.2014).
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Autor: Jutta Scherrer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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