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Ukrainische Bürger im Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew

11.11.2014 | Von:
Verena Bläser

Zum Russlandbild in den deutschen Medien

Erschwerende Faktoren für Berichterstattung

Eine gründliche und "objektive" mediale Berichterstattung wird durch verschiedene Faktoren erschwert. Komplexe Ereignisse werden häufig nach festgelegten Wahrnehmungsmustern eingeordnet, die unter anderem auf historischen Erfahrungen und erprobten Zuschreibungen beruhen. Dies scheint oberflächig betrachtet die Rezeption zu erleichtern, unterstützt tatsächlich jedoch häufig die Stereotypisierung.[14] Zwänge der Nachrichtenproduktion, wie Medienkonkurrenz, Quoten- und Aktualitätsdruck, mangelnde Zeit für Recherche und Kontextualisierung, nicht zuletzt aber auch Unwissen und eigene Vorurteile, verstellen teilweise den unvoreingenommenen Blick.

In vielen Redaktionen mangelt es zudem an Russland-Expertise. Kein anderer Journalismusbereich leidet so sehr unter Sparmaßnahmen wie die Auslands- und Krisenberichterstattung. Da diese vergleichsweise kostspielig ist, wird hier oft als erstes gespart – komplette Büroschließungen in allen Mediengattungen, Ausdünnung von Recherchepersonal, Honorarsenkungen, Budgetkürzungen und ein effizienteres Kostenmanagement bedeuten nicht nur empfindliche Einschnitte in die Haushalte der Redaktionen und damit ihrer Leistungsfähigkeit. Sie wirken sich auch unmittelbar auf die journalistische Qualität aus.[15]

Eine ständige Infragestellung und Reflexion der eigenen Meinung ist sowohl für Journalisten als auch für Leser, Hörer und Zuschauer bei der heutigen Informationsflut kein Leichtes. Auch wenn die Vermutung nahe liegt, dass die Vielfalt an veröffentlichten Informationen und Meinungen zu einer differenzierteren Haltung der Rezipienten führen sollte, gehen Menschen bei einer Fülle an Informationen tatsächlich eher haushälterisch mit der Aufnahme neuer Informationen um.[16]

Dass schlechte Nachrichten meist einen größeren Nachrichtenwert haben als gute, spielt ebenfalls eine Rolle: Zwar sind viele der medial thematisierten Missstände in Russland real (mangelnde Demokratie, soziale Ungleichheit, Machtmissbrauch), aber wenn diese immer wieder auch übertrieben dargestellt werden und für andere, positive Facetten keinerlei Raum in der Berichterstattung ist, fördert dies die Bildung von pauschalisierenden Negativklischees. Darauf, dass es an differenzierter Berichterstattung hapert und alte Vorurteile aus dem Ost-West-Konflikt rasch wieder reaktiviert werden können – übrigens auch in Russland –, verweisen Korrespondenten aus beiden Ländern selbst.[17] Und dass etwa die USA und Russland in den deutschen Medien zum Teil mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen werden,[18] zeigt sich zum Beispiel am Umgang mit der Geheimdienstvergangenheit von Politikern. Während Putin regelmäßig als "lupenreiner Spion" dargestellt wird, wird die Tätigkeit US-amerikanischer Politiker für die CIA (etwa des ehemaligen Präsidenten George Bush senior), wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt.[19]

Fußnoten

14.
Vgl. Christina Ohde, Der Irre von Bagdad. Zur Konstruktion von Feindbildern in überregionalen deutschen Tageszeitungen während der Golfkrise 1990/91, Frankfurt/M. 1994, S. 79.
15.
Vgl. Stephan Weichert, Auslandsberichterstatter – "Die Vorkämpfer", 26.3.2013, http://www.vocer.org/auslandsberichterstatter-die-vorkaempfer« (27.10.2014).
16.
Vgl. Michael Schmolke, Stereotypen, Feindbilder und die Rolle der Medien, in: Communicatio Socialis, 23 (1990) 2, S. 69–78, hier: S. 75; Walter Lippmann, Die öffentliche Meinung, Bochum 1990.
17.
Vgl. Susanne Spahn, Typisch Russisch, typisch Deutsch? 1.6.2011, http://www.dw.de/typisch-russisch-typisch-deutsch/a-6539570« (27.10.2014).
18.
Vgl. Walter van Rossum, Zweierlei Maß? Die Berichterstattung über Russland und die USA, 1.3.2013, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/dossier/1992509/« (27.10.2014).
19.
Vgl. G. Krone-Schmalz (Anm. 3), S. 37f.
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Autor: Verena Bläser für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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