30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Ukrainische Bürger im Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew

11.11.2014 | Von:
Verena Bläser

Zum Russlandbild in den deutschen Medien

Schwarz-weiß im Konflikt

Eine Vielzahl von Indizien weist darauf hin, dass die zuvor dargelegten Mechanismen, die zu stereotyper und verzerrter Berichterstattung führen können, auch in der aktuellen Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt greifen. Die Journalistin und Osteuropa-Expertin Gemma Pörzgen etwa konstatiert, dass sich unter anderem aufgrund von Sparmaßnahmen in vielen deutschen Redaktionen eine provinzielle Sicht auf die Welt etabliert habe. Dem erhöhten Informations- und Analysebedarf zum Thema Ukraine hätten sie sich deshalb nur partiell gewachsen gezeigt.[20] Die Annahme, dass solche Probleme auch zu einer weiteren Negativierung des Russlandbildes führen, liegt nahe.

Bereits im Vorfeld des Ukraine-Konfliktes wurden seitens der Medien massive Fehler gemacht. Zum einen wurde nicht deutlich genug offengelegt, wer welche Interessen hat. Denn offensichtlich hat auch die EU Interesse an der Ukraine als geostrategischem Stützpunkt, durch den Russland sich möglicherweise bedroht und bedrängt fühlt, da die NATO sich stetig weiter Richtung Osten ausgeweitet hat.[21] Dies geht einher mit dem Versäumnis, frühzeitig zu erklären, was das EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine eigentlich genau bedeutet (in welchem Maße etwa dessen Paragraf 7 eine militärische Zusammenarbeit vorsieht). Darüber hinaus wurde ein EU-Beitritt des Landes als Tor in die Freiheit und den Wohlstand sowie als das dargestellt, was "die Ukraine als Ganzes will".[22] Dass es in der Ukraine auch davon abweichende Meinungen gibt und sich viele Ukrainer kulturell und sprachlich eng mit Russland verbunden fühlen, wurde meist verschwiegen und die russische Seite stets mit negativen Vorzeichen versehen.

Während der Majdan-Ereignisse fehlte es dann an kritischen Fragen zur Verfassungs- und Demokratiekonformität der Absetzung Wiktor Janukowytschs, zur Rolle rechtsnationaler Kräfte auf dem Majdan und zum Scheitern der "Vereinbarung zur Beilegung der Krise in der Ukraine" am 21. Februar 2014 unter Einfluss des Majdanrats. So urteilte auch der ARD-Programmbeirat im Juni 2014: "In der Berichterstattung über die Krise in der Ukraine überwog anfangs eine Schwarz-Weiß-Zeichnung zugunsten der Maidan-Bewegung, obwohl hier auch das rechte, extrem nationalistische Lager beteiligt war, und zulasten der russischen und der abgesetzten ukrainischen Regierung, denen nahezu die gesamte Verantwortung zugeschoben wurde." [23]

Die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer kritisiert, dass traditionelle Freund-Feind-Bilder stetig verstärkt worden seien – mit klarer Rollenteilung: auf der einen Seite das negativ konnotierte, "böse" Russland, personifiziert durch den Machtpolitiker Putin, auf der anderen Seite die idealisierte ukrainische Übergangsregierung und die zukunftssichernden Schutzmächte EU und USA.[24] Beispiele dafür bieten Schlagzeilen und Sendungstitel wie "Die Welt darf nicht zuschauen, wie ein Diktator sein Volk abschlachtet",[25] "Wer stoppt Russland?"[26] oder "Warum Putin mit einem brutalen Feldzug ein neues Imperium erschaffen will".[27] Dies spiegelt sich auch in einzelnen Begrifflichkeiten wider: Während es Bezeichnungen wie "pro-russischer-Mob" in die Nachrichtensendungen schafften, kamen "pro-europäische" oder "pro-ukrainische Mobs" nicht vor.[28] Das am stärksten umstrittene Wort war wohl der Begriff "Annexion" im Zusammenhang mit der Krim. Viele Medien übernahmen ihn scheinbar ungeprüft und teilten sehr rasch die Einschätzung, dass es sich um einen völkerrechtswidrigen Anschluss handelte, ehe auch Stimmen Gehör geschenkt wurde, die argumentierten, dass dies erst noch zu klären sei, da Bestimmungen des Völkerrechts wie die territoriale Integrität und das Selbstbestimmungsrecht nicht eindeutig auf die Entwicklungen der Krim anwendbar seien.[29]

Es gibt auch Beispiele für Falschmeldungen, die medial verbreitet wurden: etwa die behauptete "Vernichtung" eines russischen Militärkonvois[30] oder die Meldung, es habe sich bei von prorussischen Separatisten gefangen gehaltenen Militärs ausschließlich um OSZE-Beobachter gehandelt.[31] Diese Beispiele können natürlich nicht die gesamte Bandbreite darstellen, und Vorsatz sollte nicht unterstellt werden. Doch auch die Entstehung von Falschmeldungen wird durch Klischees begünstigt: führen sie doch dazu, dass bestimmte Meldungen in ein Bild passen, die daraufhin möglicherweise weniger gründlich geprüft werden als Meldungen, die das Klischee nicht bedienen. Letztlich führen jedoch auch unbeabsichtigte Falschmeldungen dazu, dass sich das Russlandbild in deutschen Medien weiter negativiert und vereinheitlicht. Gleichzeitig wächst auch Kritik an dieser Art der Berichterstattung.

Fußnoten

20.
Vgl. Gemma Pörzgen, Moskau fest im Blick. Die deutschen Medien und die Ukraine, in: Osteuropa, 64 (2014) 5–6, S. 293–310.
21.
Vgl. Kolja Bartsch (Deutscher Bundestag/Wissenschaftliche Dienste), 60 Jahre NATO – Geschichte, Entwicklung und Struktur, 2009, http://webarchiv.bundestag.de/archive/2009/1223/dokumente/analysen/2009/
60_jahre_nato.pdf
(27.10.2014).
22.
Gabriele Krone-Schmalz: "Das darf nicht sein", Interview im TV-Magazin "Zapp" (NDR), 16.4.2014, http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/zapp7411.html« (27.10.2014).
23.
ARD-Programmbeirat, Resümee zur Ukraine-Berichterstattung aus Protokoll 582, Juni 2014, im Internet als Anlage zu: Malte Daniljuk, Ukraine-Konflikt: ARD-Programmbeirat bestätigt Publikumskritik, 18.9.2014, http://www.heise.de/tp/artikel/42/42784/1.html« (27.10.1014).
24.
Vgl. Sabine Schiffer, Obama vs. Putin, Sprachwissenschaftlerin Sabine Schiffer über Parteinahme in den deutschen Medien, 20.6.2014, http://weltnetz.tv/video/560« (27.10.2014).
25.
Vitali Klitschko, Die Welt darf nicht zuschauen, wie ein Diktator sein Volk abschlachtet, 20.2.2014, http://www.bild.de/-34756166.bild.html« (27.10.2014).
26.
ARD-Brennpunkt, Wer stoppt Putin?, 17.3.2014, http://mediathek.daserste.de/tv/Brennpunkt/Wer-stoppt-Russland/Das-Erste/Video?documentId=20228702&topRessort=tv&bcastId=1082266« (27.10.2014).
27.
Stern, Nr. 37 vom 4.9.2014, Titelseite.
28.
Vgl. G. Krone-Schmalz (Anm. 22).
29.
Vgl. Reinhard Merkel, Die Krim und das Völkerrecht. Kühle Ironie der Geschichte, 7.4.2014, http://www.faz.net/-12884464.html« (27.10.2014).
30.
Vgl. Christian Neef, Ukraine-Konflikt: Wenn Hysterie brandgefährlich wird, 16.8.2014, http://www.spiegel.de/politik/ausland/-a-986481.html« (27.10.2014).
31.
Tatsächlich handelte es sich "um eine bilaterale Mission unter Führung des Zentrums für Verifikationsaufgaben der deutschen Bundeswehr", wie der Vizechef des OSZE-Krisenpräventionszentrums Klaus Neukirch im ORF aufklärte: 26.4.2014, http://www.youtube.com/watch?v=mWeU_4UEAq8« (27.10.2014).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Verena Bläser für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.