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24.11.2014 | Von:
Judith Niehues

Die Mittelschicht – stabiler als gedacht

Regelmäßig erreichen Meldungen über eine "schrumpfende Mittelschicht" und "Abstiegssorgen der Mitte" das mediale und öffentliche Interesse. Zwar ordnen sich aktuell mehr Menschen der Mittelschicht zu als jemals zuvor seit der Wiedervereinigung – und auch nach anderen Abgrenzungen stellt sie robust die größte Gruppe der Bevölkerung dar. Trotzdem haben Abstiegsängste und Sorgen um die wirtschaftliche Situation in der Mittelschicht im Zeitablauf zugenommen. Der vorliegende Beitrag untersucht anhand von empirischen Daten, inwiefern sich die dokumentierten Sorgen und die Wahrnehmung der Mittelschicht begründen lassen. Insbesondere wird untersucht, wie sich die sozialen Auf- und Abstiege entwickelt haben, wie es um die Einkommens- und Vermögenssituation der Mitte steht, welchen fiskalischen Beitrag die Mittelschicht zu leisten hat und wie sich ihre Erwerbssituation darstellt.

Abgrenzung der Mittelschicht

Auch wenn die Definition der Mittelschicht nicht im Fokus stehen soll, muss zunächst erläutert werden, auf welches Verständnis von Mittelschicht zurückgegriffen wird. Denn eine Standarddefinition für die "Mittelschicht" gibt es nicht. Vielmehr lässt sie sich über unterschiedliche Dimensionen wie beispielsweise soziokulturelle, finanzielle und werteorientierte Merkmale beschreiben.[1]

Eine einkommensbasierte Definition hat dabei nicht nur den Vorteil, dass sich die Entwicklung der Mittelschicht im Zeitablauf eindeutig abgrenzen lässt. Es ist gleichzeitig ein zentrales Statusmerkmal, in dem sich viele soziologische Kriterien widerspiegeln. Die Einkommensschichten werden dabei meist in Relation zum Medianeinkommen definiert. Wo genau aber die Grenze zwischen unterer Einkommensschicht, Mittelschicht und Reichtum verläuft, ist allein aus dem Merkmal Einkommen nicht eindeutig bestimmbar. Mithilfe einer mehrdimensionalen Betrachtung lassen sich jedoch sinnvolle Einkommensgrenzen begründen. Hierzu definiert man zunächst eine soziokulturelle Mitte und untersucht dann, welche Einkommensbereiche Haushalte mit mittelschichtstypischen Bildungsabschlüssen und Berufen vorwiegend besetzen.[2]

Tonangebend sind diese insbesondere in einem Bereich von 80 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens (Median). Aber auch in den Bereichen über und knapp unter diesen Grenzen sind noch viele typische Mittelschichtshaushalte vertreten. Bei der einkommensbezogenen Mittelschichtsdefinition kann man dies berücksichtigen, indem man die Gesellschaft nicht in die Armen, die Mitte und die Reichen, sondern in fünf Gruppen teilt: den armutsgefährdeten Bereich (unter 60 Prozent des Medianeinkommens), die einkommensschwache Mitte (60 bis 80 Prozent des Medianeinkommens), die Mitte im engen Sinne (80 bis 150 Prozent des Medianeinkommens), eine einkommensstarke Mittelschicht (150 bis 250 Prozent des Medianeinkommens) und die Einkommensreichen (mehr als 250 Prozent des Medianeinkommens).

Als Einkommenskonzept wird wie in Verteilungsanalysen üblich ein bedarfsgewichtetes Haushaltsnettoeinkommen betrachtet, um unterschiedliche Haushaltsgrößen und Skaleneffekte innerhalb von Haushalten zu berücksichtigen.[3] Auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 2012 beträgt das bedarfsgewichtete Medianeinkommen 1638 Euro netto pro Monat.[4] Demnach gehörte ein Alleinlebender 2011 zur Mittelschicht im engen Sinn (i.e.S.), wenn er über ein Nettoeinkommen zwischen 1310 und 2457 Euro im Monat verfügte.

Entwicklung der Mittelschicht seit der Wiedervereinigung

Die Mittelschicht wird oftmals als Stabilitätsanker für den sozialen Zusammenhalt und als Wachstumsmotor für die wirtschaftliche Entwicklung angesehen. Meldungen, dass die Mittelschicht immer weiter zulasten der Ränder ausdünnt, werden als besorgniserregend empfunden. Gerade in diesem Punkt überraschen die Mittelschichtsstudien aber mit zum Teil divergierenden Befunden. Einige Studien stellen auf Basis ihrer empirischen Auswertungen eine schrumpfende Mittelschicht fest.[5] Andere wiederum konstatieren eine – auch in der längerfristigen Perspektive – sehr stabile Mittelschicht.[6] Dabei zeigen die Studien viele Gemeinsamkeiten: die Verwendung eines einkommensbasierten Mittelschichtsbegriffs, der gleichen Datenbasis (SOEP) und eines ähnlichen Einkommenskonzeptes. Einzig die Wahl der Einkommensgrenzen und damit die Größe der Mittelschicht unterscheiden sich geringfügig zwischen den Studien. Hierhin liegt aber nicht der Grund für die unterschiedlichen Befunde, sondern vielmehr in der Wahl der Betrachtungszeiträume.

Ein naheliegender Startpunkt ist 1991, da die Wiedervereinigung einen markanten strukturellen Bruch darstellt und ab diesem Zeitpunkt Einkommensdaten für Gesamtdeutschland verfügbar sind. Seither lässt sich die Entwicklung der Mittelschicht in Deutschland in drei Phasen einteilen. Im Zuge des ostdeutschen Aufholprozesses vergrößerte sich der Anteil der Mitte i.e.S. zunächst bis 1997 von 50,7 auf knapp 55,1 Prozent.[7] Bis 2005 ist der Anteil der Mittelschicht dann wieder auf 49,9 Prozent geschrumpft. Parallel zu dieser Entwicklung sind die Anteile der relativ Einkommensarmen sowie der Reichen etwas gestiegen. Dieser schrumpfende Trend hat sich aber nicht kontinuierlich bis an den aktuellen Rand (Ende des Beobachtungszeitraums) fortgesetzt, sondern seit 2005 hat sich das Schichtgefüge praktisch nicht mehr verändert. Zwischen 2010 und 2011 deuten die Daten zwar wieder auf einen leichten Rückgang der Mittelschicht hin (von 50,1 Prozent auf 49,1 Prozent), dies stellt aber keine statistisch signifikante Veränderung dar.

Die drei Entwicklungsphasen geben Aufschlüsse über die unterschiedlichen Bewertungen der Entwicklung der Mittelschicht. Vergleicht man den Wert kurz nach der Wiedervereinigung mit den aktuellen Werten, zeigt sich kaum ein Unterschied. Betrachtet man jedoch die Entwicklung seit dem Höchstpunkt 1997, dann wird ein leichtes Schrumpfen erkennbar. Am aktuellen Rand hat sich die Größe der Einkommensschichten seit nunmehr mindestens sieben Jahren nicht mehr nennenswert verändert. Insgesamt kommt eine Expertise für den Vierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zu dem Schluss: "Aber auch in längerfristiger Perspektive zeigt sich eine im Wesentlichen stabile mittlere Einkommensschicht".[8]

Stabilität versus Mobilität

Tabelle 1: Lesebeispiel: 3,6 Prozent der Personen, die 2007 noch der Mittelschicht i. e. S. angehörten, sind 2011 in den Bereich der relativen Einkommensarmut abgerutscht.Lesebeispiel: 3,6 Prozent der Personen, die 2007 noch der Mittelschicht i. e. S. angehörten, sind 2011 in den Bereich der relativen Einkommensarmut abgerutscht. (© SOEP v29.)
Bedeutend in der Diskussion um Schichteinteilungen ist nicht nur die Größe einer Schicht im Zeitablauf, sondern auch Wanderungen zwischen den Schichten. Insbesondere seit den Hartz-Reformen befürchten Angehörige der Mittelschicht einen unmittelbaren Abstieg ins "Bodenlose". Eine Durchlässigkeit nach oben ist hingegen gewünscht. Tabelle 1 illustriert beispielhaft die Übergangshäufigkeit zwischen den einzelnen Einkommensschichten innerhalb des Fünfjahreszeitraums zwischen 2007 und 2011. Hierbei können natürlich nur die Personen berücksichtigt werden, die über die gesamten fünf Jahre im Rahmen des SOEP befragt wurden.

Knapp drei Viertel der Angehörigen der Mitte i.e.S. von 2007 gehörten auch 2011 der Einkommensmittelschicht an. Verkürzt man den Betrachtungszeitraum auf beispielsweise drei Jahre, dann erhöht sich dieser Anteil auf etwa 80 Prozent. Unabhängig vom Betrachtungszeitraum erweist sich dieser Wert seit der Wiedervereinigung als relativ konstant.[9]

Das Risiko, von der Einkommensmitte i.e.S. direkt in den Bereich der relativen Einkommensarmut abzurutschen, ist vergleichsweise gering: Dies gilt nach fünf Jahren für 3,6 Prozent der ursprünglichen Mittelschichtshaushalte. Weitere Analysen zeigen, dass dieser Wert zudem keinem eindeutigen Trend unterliegt und der größere Teil dieser Haushalte nicht langfristig im unteren Einkommensbereich verharrt.[10]

Etwas mehr Bewegung ist an den Rändern der einkommensschwachen Mitte erkennbar: Aus dieser Gruppe sind 2011 immerhin knapp 16 Prozent nach fünf Jahren in den Bereich der relativen Einkommensarmut abgerutscht. Auf der anderen Seite konnte immerhin die Hälfte der 2007 noch armutsgefährdeten Personen bis 2011 in die mittleren Einkommensbereiche aufsteigen, ein knappes Fünftel davon in die Einkommensmitte i.e.S. Allerdings ist anzumerken, dass die Verharrungstendenz im Bereich der relativen Einkommensarmut um die Jahrtausendwende etwas zugenommen hat. In den 1990er Jahren lag der Anteil derjenigen, die nach fünf Jahren weiterhin der untersten Einkommensschicht angehörten, noch bei knapp unter 40 Prozent. Bezüglich der Mobilität lässt sich also erkennen, dass das Erreichen der Einkommensmitte durchaus mit einer gewissen wirtschaftlichen Sicherheit einhergeht – das Abstiegsrisiko ist gering und hat sich im Zeitablauf auch nicht erhöht. Besorgniserregender ist die erhöhte Persistenz in der untersten Einkommensgruppe.

Fußnoten

1.
Siehe dazu auch den Beitrag von Steffen Mau in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Die im Folgenden verwendete Vorgehensweise und Abgrenzung richtet sich nach der ausführlichen Analyse von Judith Niehues/Thilo Schaefer/Christoph Schröder, Arm und Reich in Deutschland: Wo bleibt die Mitte?, IW-Analysen 89/2013.
3.
Zur Bedarfsgewichtung wird die modifizierte OECD-Äquivalenzskala herangezogen, bei der dem Haushaltsvorstand das Gewicht 1 und den weiteren Erwachsenen das Gewicht 0,5 zugewiesen werden. Kinder unter 14 Jahren erhalten den Skalenwert 0,3.
4.
Im Gegensatz zu den Vermögen und den sozio-kulturellen Merkmalen beziehen sich die Einkommen der SOEP-Welle 2012 auf das Vorjahr 2011.
5.
Vgl. Jan Goebel/Martin Gornig/Hartmut Häußermann, Die Polarisierung der Einkommen: Die Mittelschicht verliert, in: DIW-Wochenbericht, 77 (2010) 24, S. 2–8; Christoph Burkhardt et al., Mittelschicht unter Druck?, hrsg. von der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2013.
6.
Vgl. Christian Arndt, Zwischen Stabilität und Fragilität: Was wissen wir über die Mittelschicht in Deutschland?, hrsg. von der Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin 2012; J. Niehues et al. (Anm. 2).
7.
Es ist auch dann ein Anstieg in diesem Zeitraum erkennbar, wenn man den Sondereffekt des Aufholprozesses außen vor lässt. Vgl. J. Niehues/T. Schaefer/Ch. Schröder (Anm. 2), S. 30f.
8.
Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.), Lebenslagen in Deutschland. Der vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bonn 2013, S. 326.
9.
Vgl. Ch. Burkhardt et al. (Anm. 5), S. 28.
10.
Vgl. J. Niehues/T. Schaefer/Ch. Schröder (Anm. 2), S. 34f.
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Autor: Judith Niehues für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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