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Die Mittelschicht – stabiler als gedacht


24.11.2014
Regelmäßig erreichen Meldungen über eine "schrumpfende Mittelschicht" und "Abstiegssorgen der Mitte" das mediale und öffentliche Interesse. Zwar ordnen sich aktuell mehr Menschen der Mittelschicht zu als jemals zuvor seit der Wiedervereinigung – und auch nach anderen Abgrenzungen stellt sie robust die größte Gruppe der Bevölkerung dar. Trotzdem haben Abstiegsängste und Sorgen um die wirtschaftliche Situation in der Mittelschicht im Zeitablauf zugenommen. Der vorliegende Beitrag untersucht anhand von empirischen Daten, inwiefern sich die dokumentierten Sorgen und die Wahrnehmung der Mittelschicht begründen lassen. Insbesondere wird untersucht, wie sich die sozialen Auf- und Abstiege entwickelt haben, wie es um die Einkommens- und Vermögenssituation der Mitte steht, welchen fiskalischen Beitrag die Mittelschicht zu leisten hat und wie sich ihre Erwerbssituation darstellt.

Abgrenzung der Mittelschicht



Auch wenn die Definition der Mittelschicht nicht im Fokus stehen soll, muss zunächst erläutert werden, auf welches Verständnis von Mittelschicht zurückgegriffen wird. Denn eine Standarddefinition für die "Mittelschicht" gibt es nicht. Vielmehr lässt sie sich über unterschiedliche Dimensionen wie beispielsweise soziokulturelle, finanzielle und werteorientierte Merkmale beschreiben.[1]

Eine einkommensbasierte Definition hat dabei nicht nur den Vorteil, dass sich die Entwicklung der Mittelschicht im Zeitablauf eindeutig abgrenzen lässt. Es ist gleichzeitig ein zentrales Statusmerkmal, in dem sich viele soziologische Kriterien widerspiegeln. Die Einkommensschichten werden dabei meist in Relation zum Medianeinkommen definiert. Wo genau aber die Grenze zwischen unterer Einkommensschicht, Mittelschicht und Reichtum verläuft, ist allein aus dem Merkmal Einkommen nicht eindeutig bestimmbar. Mithilfe einer mehrdimensionalen Betrachtung lassen sich jedoch sinnvolle Einkommensgrenzen begründen. Hierzu definiert man zunächst eine soziokulturelle Mitte und untersucht dann, welche Einkommensbereiche Haushalte mit mittelschichtstypischen Bildungsabschlüssen und Berufen vorwiegend besetzen.[2]

Tonangebend sind diese insbesondere in einem Bereich von 80 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens (Median). Aber auch in den Bereichen über und knapp unter diesen Grenzen sind noch viele typische Mittelschichtshaushalte vertreten. Bei der einkommensbezogenen Mittelschichtsdefinition kann man dies berücksichtigen, indem man die Gesellschaft nicht in die Armen, die Mitte und die Reichen, sondern in fünf Gruppen teilt: den armutsgefährdeten Bereich (unter 60 Prozent des Medianeinkommens), die einkommensschwache Mitte (60 bis 80 Prozent des Medianeinkommens), die Mitte im engen Sinne (80 bis 150 Prozent des Medianeinkommens), eine einkommensstarke Mittelschicht (150 bis 250 Prozent des Medianeinkommens) und die Einkommensreichen (mehr als 250 Prozent des Medianeinkommens).

Als Einkommenskonzept wird wie in Verteilungsanalysen üblich ein bedarfsgewichtetes Haushaltsnettoeinkommen betrachtet, um unterschiedliche Haushaltsgrößen und Skaleneffekte innerhalb von Haushalten zu berücksichtigen.[3] Auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 2012 beträgt das bedarfsgewichtete Medianeinkommen 1638 Euro netto pro Monat.[4] Demnach gehörte ein Alleinlebender 2011 zur Mittelschicht im engen Sinn (i.e.S.), wenn er über ein Nettoeinkommen zwischen 1310 und 2457 Euro im Monat verfügte.

Entwicklung der Mittelschicht seit der Wiedervereinigung



Die Mittelschicht wird oftmals als Stabilitätsanker für den sozialen Zusammenhalt und als Wachstumsmotor für die wirtschaftliche Entwicklung angesehen. Meldungen, dass die Mittelschicht immer weiter zulasten der Ränder ausdünnt, werden als besorgniserregend empfunden. Gerade in diesem Punkt überraschen die Mittelschichtsstudien aber mit zum Teil divergierenden Befunden. Einige Studien stellen auf Basis ihrer empirischen Auswertungen eine schrumpfende Mittelschicht fest.[5] Andere wiederum konstatieren eine – auch in der längerfristigen Perspektive – sehr stabile Mittelschicht.[6] Dabei zeigen die Studien viele Gemeinsamkeiten: die Verwendung eines einkommensbasierten Mittelschichtsbegriffs, der gleichen Datenbasis (SOEP) und eines ähnlichen Einkommenskonzeptes. Einzig die Wahl der Einkommensgrenzen und damit die Größe der Mittelschicht unterscheiden sich geringfügig zwischen den Studien. Hierhin liegt aber nicht der Grund für die unterschiedlichen Befunde, sondern vielmehr in der Wahl der Betrachtungszeiträume.

Ein naheliegender Startpunkt ist 1991, da die Wiedervereinigung einen markanten strukturellen Bruch darstellt und ab diesem Zeitpunkt Einkommensdaten für Gesamtdeutschland verfügbar sind. Seither lässt sich die Entwicklung der Mittelschicht in Deutschland in drei Phasen einteilen. Im Zuge des ostdeutschen Aufholprozesses vergrößerte sich der Anteil der Mitte i.e.S. zunächst bis 1997 von 50,7 auf knapp 55,1 Prozent.[7] Bis 2005 ist der Anteil der Mittelschicht dann wieder auf 49,9 Prozent geschrumpft. Parallel zu dieser Entwicklung sind die Anteile der relativ Einkommensarmen sowie der Reichen etwas gestiegen. Dieser schrumpfende Trend hat sich aber nicht kontinuierlich bis an den aktuellen Rand (Ende des Beobachtungszeitraums) fortgesetzt, sondern seit 2005 hat sich das Schichtgefüge praktisch nicht mehr verändert. Zwischen 2010 und 2011 deuten die Daten zwar wieder auf einen leichten Rückgang der Mittelschicht hin (von 50,1 Prozent auf 49,1 Prozent), dies stellt aber keine statistisch signifikante Veränderung dar.

Die drei Entwicklungsphasen geben Aufschlüsse über die unterschiedlichen Bewertungen der Entwicklung der Mittelschicht. Vergleicht man den Wert kurz nach der Wiedervereinigung mit den aktuellen Werten, zeigt sich kaum ein Unterschied. Betrachtet man jedoch die Entwicklung seit dem Höchstpunkt 1997, dann wird ein leichtes Schrumpfen erkennbar. Am aktuellen Rand hat sich die Größe der Einkommensschichten seit nunmehr mindestens sieben Jahren nicht mehr nennenswert verändert. Insgesamt kommt eine Expertise für den Vierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zu dem Schluss: "Aber auch in längerfristiger Perspektive zeigt sich eine im Wesentlichen stabile mittlere Einkommensschicht".[8]

Stabilität versus Mobilität



Tabelle 1: Lesebeispiel: 3,6 Prozent der Personen, die 2007 noch der Mittelschicht i. e. S. angehörten, sind 2011 in den Bereich der relativen Einkommensarmut abgerutscht.Lesebeispiel: 3,6 Prozent der Personen, die 2007 noch der Mittelschicht i. e. S. angehörten, sind 2011 in den Bereich der relativen Einkommensarmut abgerutscht. (© SOEP v29.)
Bedeutend in der Diskussion um Schichteinteilungen ist nicht nur die Größe einer Schicht im Zeitablauf, sondern auch Wanderungen zwischen den Schichten. Insbesondere seit den Hartz-Reformen befürchten Angehörige der Mittelschicht einen unmittelbaren Abstieg ins "Bodenlose". Eine Durchlässigkeit nach oben ist hingegen gewünscht. Tabelle 1 illustriert beispielhaft die Übergangshäufigkeit zwischen den einzelnen Einkommensschichten innerhalb des Fünfjahreszeitraums zwischen 2007 und 2011. Hierbei können natürlich nur die Personen berücksichtigt werden, die über die gesamten fünf Jahre im Rahmen des SOEP befragt wurden.

Knapp drei Viertel der Angehörigen der Mitte i.e.S. von 2007 gehörten auch 2011 der Einkommensmittelschicht an. Verkürzt man den Betrachtungszeitraum auf beispielsweise drei Jahre, dann erhöht sich dieser Anteil auf etwa 80 Prozent. Unabhängig vom Betrachtungszeitraum erweist sich dieser Wert seit der Wiedervereinigung als relativ konstant.[9]

Das Risiko, von der Einkommensmitte i.e.S. direkt in den Bereich der relativen Einkommensarmut abzurutschen, ist vergleichsweise gering: Dies gilt nach fünf Jahren für 3,6 Prozent der ursprünglichen Mittelschichtshaushalte. Weitere Analysen zeigen, dass dieser Wert zudem keinem eindeutigen Trend unterliegt und der größere Teil dieser Haushalte nicht langfristig im unteren Einkommensbereich verharrt.[10]

Etwas mehr Bewegung ist an den Rändern der einkommensschwachen Mitte erkennbar: Aus dieser Gruppe sind 2011 immerhin knapp 16 Prozent nach fünf Jahren in den Bereich der relativen Einkommensarmut abgerutscht. Auf der anderen Seite konnte immerhin die Hälfte der 2007 noch armutsgefährdeten Personen bis 2011 in die mittleren Einkommensbereiche aufsteigen, ein knappes Fünftel davon in die Einkommensmitte i.e.S. Allerdings ist anzumerken, dass die Verharrungstendenz im Bereich der relativen Einkommensarmut um die Jahrtausendwende etwas zugenommen hat. In den 1990er Jahren lag der Anteil derjenigen, die nach fünf Jahren weiterhin der untersten Einkommensschicht angehörten, noch bei knapp unter 40 Prozent. Bezüglich der Mobilität lässt sich also erkennen, dass das Erreichen der Einkommensmitte durchaus mit einer gewissen wirtschaftlichen Sicherheit einhergeht – das Abstiegsrisiko ist gering und hat sich im Zeitablauf auch nicht erhöht. Besorgniserregender ist die erhöhte Persistenz in der untersten Einkommensgruppe.

Einkommens- und Vermögensverhältnisse der Mittelschicht



Neben der Einkommensverteilung rückt immer mehr die Bedeutung und Verteilung der Vermögen in den Fokus der öffentlichen Diskussion. Dabei steht meist eine isolierte Betrachtung der Einkommen und Vermögen im Vordergrund. Um die finanziellen Ressourcen und Möglichkeiten aber vollständig abzubilden, wäre eine Schichteinteilung auf Basis einer integrierten Einkommens- und Vermögensbetrachtung erforderlich. Da allerdings für die Umrechnung des Vermögensbesitzes (sowie möglicher Anwartschaften gegenüber der Rentenversicherung) in ein adäquates Einkommensäquivalent viele kritische Annahmen notwendig sind, wird hier vereinfachend nur die Verteilung der Vermögen und Einkommen auf die einzelnen Einkommensschichten betrachtet.

Abbildung 1: Einkommens- und Vermögensanteile nach Einkommensschichten,
Anteile der jeweiligen Einkommensschicht an der Gesamtbevölkerung, am Gesamteinkommen und am Gesamtvermögen 2012, in ProzentAbbildung 1: Einkommens- und Vermögensanteile nach Einkommensschichten, Anteile der jeweiligen Einkommensschicht an der Gesamtbevölkerung, am Gesamteinkommen und am Gesamtvermögen 2012, in Prozent (© SOEP v29)
Im Zuge der aktuellen Debatten um die ungleiche Vermögensverteilung liegt die Vermutung nahe, dass ausschließlich die oberen Schichten über signifikante Vermögenswerte verfügen. Tatsächlich gehen in der Tendenz höhere Einkommen auch mit höheren Vermögen einher (Abbildung 1): In den unteren Einkommensschichten bis hinein in die Einkommensmitte i.e.S. spielt das Vermögen im Vergleich zum Einkommen eine nur untergeordnete Rolle. Bei der Einkommensmitte i.e.S. liegen der Anteil am Gesamteinkommen nahe dem Bevölkerungsanteil und der Vermögensanteil mit 41,5 Prozent des gesamten Nettovermögens etwas darunter. Dies entspricht einem individuellen Nettovermögen in Höhe von durchschnittlich 71.973 Euro. Allerdings ist die Streuung der Vermögen in der Einkommensmitte groß: Der gruppenspezifische Median beträgt 24.000 Euro Nettovermögen, die vermögensreichsten zehn Prozent der Mitte i.e.S. verfügen hingegen über mindestens 349.000 Euro. Auch in einem (bedarfsgewichteten) Einkommensbereich bis 2.500 Euro finden sich somit auch einige sehr vermögende Haushalte. Ab der einkommensstarken Mitte übersteigt der Vermögensanteil schließlich den Einkommensanteil. Dies deutet darauf hin, dass die Vermögen deutlich ungleicher verteilt sind als die Einkommen.

Die Vermögenswerte wurden im Rahmen des SOEP jeweils 2002, 2007 und 2012 abgefragt. Zwar hat der Vermögensanteil der Mittelschicht – und der unteren Einkommensbereiche – zwischen 2002 und 2007 leicht abgenommen, 2012 hat sich diese Entwicklung aber wieder umgekehrt. Seither liegt das Verhältnis von Vermögen zu Bevölkerungsanteil wieder nahezu auf dem Niveau von 2002. Bei den Einkommensreichen hat die Vermögenskonzentration – maßgeblich im Zeitraum der Wirtschafts- und Finanzkrise – zwischen 2002 und 2012 sogar insgesamt etwas abgenommen.[11] Vergleicht man die Einkommensentwicklung in diesem Zeitraum, dann hat der Einkommensanteil der Mitte i.e.S. etwas abgenommen (im Zuge des Anstiegs der Einkommensungleichheit bis 2005). Am aktuellen Rand konnten die unteren Einkommensgruppen aber stärkere relative Einkommenszuwächse verbuchen als die Reichen.

Mittelschicht und Staat



Tabelle 2: Ein- und Auszahlungen nach Einkommensschichten, durchschnittliche bedarfsgewichtete
Eurobeträge pro Monat (2011)Tabelle 2: Ein- und Auszahlungen nach Einkommensschichten, durchschnittliche bedarfsgewichtete Eurobeträge pro Monat (2011) (© SOEP v29.)
In Diskussionen um mögliche Steuerreformen wie beispielsweise den Abbau der kalten Progression steht regelmäßig die Be- beziehungsweise Entlastung der Mittelschicht im Fokus. Beim Zusammenspiel zwischen Staat und Mittelschicht darf aber nicht vergessen werden, dass den Belastungen durch Steuern und Sozialbeiträge auch Leistungen wie Transfers und Renten gegenüber stehen. Tabelle 2 zeigt die wichtigsten direkten Zahlungsströme zwischen Staat und Bürger für die einzelnen Einkommensschichten. Beim "Saldo" dieser Ein- und Auszahlungen ist zu berücksichtigen, dass es sich hierbei nicht um eine vollständige Abbildung des Staatskontos handelt. Beispielsweise fehlt die aufkommensmäßig bedeutende Umsatzsteuer, auf der anderen Seite werden nur monetäre Transferleistungen abgebildet.

Erwartungsgemäß ergibt sich für die unteren Einkommensschichten ein positiver Transfersaldo, da sie stärker von staatlichen Transfers profitieren, als dass sie zu deren Finanzierung beitragen. Allerdings wird beim Blick auf die Transfers deutlich, dass diese nicht rein bedarfsabhängig ausgezahlt werden. Fasst man soziale Transferleistungen und Renten zusammen, verteilen sich die durchschnittlichen Beträge nahezu konstant über die einzelnen Einkommensbereiche. Dies liegt vor allem an den einkommensabhängig ausgezahlten Rentenversicherungsleistungen. Aber auch der aufkommensmäßig bedeutendste Transfer, das Kindergeld, wird bedarfsunabhängig ausgezahlt. Anders sieht es bei der eindeutig progressiv ausgestalten Einkommensteuer aus: Beinahe zwei Drittel des Aufkommens werden von der einkommensstarken Mitte und den Einkommensreichen finanziert. Durch die Beitragsbemessungsgrenze bei den Sozialversicherungsbeiträgen nimmt der Finanzierungsanteil hier nicht so deutlich mit steigendem Einkommen zu.

Die Mitte i.e.S. weist einen leicht negativen Transfersaldo auf, das heißt insgesamt liegt ihr Finanzierungsanteil etwas über den empfangenen Sozialstaatsleistungen. Ab der einkommensstarken Mittelschicht wird dieser Saldo deutlich negativ. Insgesamt trägt sie das Doppelte ihres Bevölkerungsanteils zu dem Gesamtaufkommen aus den Abgaben bei, bei den Einkommensreichen ist es mehr als das Vierfache (dem Bevölkerungsanteil von 3,8 Prozent steht ein Aufkommensanteil bei den Sozialbeiträgen und Einkommensteuern in Höhe von 16,8 Prozent gegenüber). Die Einkommensmitte i.e.S. finanziert insgesamt 43,6 Prozent der hier betrachteten Abgaben (53,8 Prozent der Sozialbeiträge und 34,8 Prozent der Einkommensteuern).

Beim Vergleich der durchschnittlichen Belastungen der Einkommensschichten ist demnach für die Mitte keine übermäßige Beanspruchung festzustellen, obwohl sie allein aufgrund ihrer zahlenmäßigen Bedeutung zentral für die Finanzierung öffentlicher Aufgaben ist. Relativ tragen die Einkommensstarken und Reichen am meisten zur Finanzierung der Staatsausgaben bei. Bei der für die Arbeitsanreize relevanten Grenzbelastung – also dem Steuer- und Abgabenanteil, der bei einem zusätzlich verdienten Euro zu leisten ist – führt die Kombination aus Einkommensteuer und Sozialabgaben allerdings zu Spitzenwerten im Bereich der mittleren Einkommen.

Erwerbssituation der Mittelschicht



Ein zentrales Kriterium für die Zugehörigkeit zur Mittelschicht und deren Stabilität ist der Erwerbsstatus. Das zeigt auch ein Blick auf die Erwerbssituation in den einzelnen Einkommensschichten. So steigt beispielsweise der Anteil der Vollzeitarbeitsverhältnisse kontinuierlich mit der Einkommensschicht. In der untersten Einkommensschicht – dem Bereich der Armutsgefährdung – gehen am aktuellen Rand nur 7,5 Prozent der Einkommensgruppe einer Beschäftigung in Vollzeit nach. In der Einkommensmitte i.e.S. sind es 34,5 Prozent, bei den Einkommensreichen sogar 53,2 Prozent. Der Anteil von Teilzeittätigkeiten ist gleichmäßiger über die Einkommensgruppen verteilt: 23,5 Prozent der untersten Gruppe sind teilzeitbeschäftigt, gegenüber 15,7 Prozent bei den Einkommensreichen. Dies zeigt zum einen, dass das Armutsrisiko Erwerbstätiger in Vollzeit gering ist, zum anderen, dass die Erwerbstätigkeit eine wesentliche Voraussetzung für die Zugehörigkeit zur Mitte i.e.S. und den Einkommensschichten darüber ist.

Abbildung 2: Entwicklung der atypischen Beschäftigung in der Einkommensmitte, Anteile
der Erwerbsformen am Umfang der Mitte i. e. S. in ProzentAbbildung 2: Entwicklung der atypischen Beschäftigung in der Einkommensmitte, Anteile der Erwerbsformen am Umfang der Mitte i. e. S. in Prozent (© SOEP v29)
In der öffentlichen Wahrnehmung wird oftmals die Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse als Preis für die gute Beschäftigungssituation in Deutschland angesehen. Abbildung 2 zeigt beispielhaft die Entwicklung des Anteils bestimmter atypischer Beschäftigungsformen in der Einkommensmitte i.e.S. Zwischen 1995 und 2012 stieg der Anteil der befristet Beschäftigten in der Mitte von 5,1 Prozent auf 6,8 Prozent.[12] Der Anstieg befristeter Arbeitsverhältnisse ist aber kein Spezifikum der Mittelschicht, sondern zeigt sich in allen Schichten – prozentual sogar am stärksten bei den Einkommensreichen. Ähnliches gilt für die Bedeutung von Teilzeitjobs.[13] Waren 1995 noch 15,6 Prozent der klassischen Mittelschicht in Teilzeit beschäftigt, war es 2012 beinahe jeder Fünfte.

Abbildung 3: Entwicklung der Normalarbeitsverhältnisse in der Einkommensmitte, Anteile der Erwerbsformen am Umfang der Mitte i. e. S. in ProzentAbbildung 3: Entwicklung der Normalarbeitsverhältnisse in der Einkommensmitte, Anteile der Erwerbsformen am Umfang der Mitte i. e. S. in Prozent (© SOEP v29.)
Wichtig ist mit Blick auf die Erwerbsentwicklung aber insbesondere, wie sich im gleichen Zeitraum die sogenannten Normalarbeitsverhältnisse entwickelt haben (Abbildung 3). Im Zuge des deutlichen Anstiegs der Arbeitslosigkeit in Deutschland bis 2004 hat sich auch der Anteil der Vollzeitbeschäftigten in der Mitte i.e.S. deutlich verringert. Lag dieser 1995 noch bei 35,4 Prozent, betrug er zehn Jahre später nur noch 31,5 Prozent. Dieser Rückgang zeigt sich in allen Einkommensschichten. Nach 2004 – und damit in etwa zeitgleich mit der Umsetzung der großen Arbeitsmarktreformen – hat sich dieser Anteil aber nahezu kontinuierlich auf mittlerweile wieder 34,5 Prozent erhöht. Diese Entwicklungen haben sich ähnlich in der einkommensstarken Mittelschicht vollzogen und etwas weniger stark ausgeprägt in der einkommensschwachen Mitte. Im Bereich der Armutsgefährdeten hat sich allerdings der Anteil Vollzeitbeschäftigter verringert, von 10,4 Prozent 1995 auf die genannten 7,5 Prozent 2012. Ein noch größerer Anstieg seit 2004 zeigt sich bei dem Anteil der unbefristet Beschäftigten in der Einkommensmitte. Dieser ist von 34,6 Prozent auf 40,1 Prozent gestiegen, dem höchsten Wert im Beobachtungszeitraum insgesamt.

Der Anteil atypischer Beschäftigung hat somit im Zuge der positiven Beschäftigungsentwicklung zwar in allen Schichten zugenommen, allerdings nicht auf Kosten der Normalarbeitsverhältnisse.[14] Die Gründe für die Erwerbs- (und Wirtschafts-)entwicklung liegen aber nicht nur in den Arbeitsmarktreformen im Rahmen der Agenda 2010. Die positive Arbeitsmarktentwicklung wurde auch durch Zurückhaltung bei den Reallohnsteigerungen begünstigt, die sich durch alle Schichten gezogen hat.[15] Am aktuellen Rand der Analyse verbuchen aber alle Einkommensgruppen Zuwächse bei den realen Lohneinkommen.

Bewertung der Ergebnisse



Sind die Sorgen und Ängste der Mittelschicht begründet? Wenn man sich die einzelnen Bereiche anschaut, dann spiegelt sich in der größten Bevölkerungsschicht Deutschlands vor allem eines wieder: die aktuell gute wirtschaftliche Situation. Die Mittelschicht ist nicht nur Fundament der Entwicklung, sie profitiert auch davon. Insbesondere ist kein kontinuierlicher Trend dahingehend zu erkennen, dass sich die Mitte zunehmend von den Rändern abspaltet. Alle einkommensbasierten Strukturierungsmerkmale kennzeichnen sich durch eine bemerkenswerte Stabilität, und das seit mindestens 2005.

Aus ökonomischer Perspektive ist es um die Mittelschicht aktuell somit besser bestellt, als es die dokumentierten Ängste und Sorgen vermuten lassen. Auch der häufig befürchtete Abstieg in die Einkommensarmut ist eher selten zu beobachten. Allerdings gelingt in den vergangenen Jahren weniger Personen der Aufstieg in die Mittelschicht. Geht die Zugehörigkeit zur Mitte also durchaus mit einer beachtlichen wirtschaftlichen Sicherheit einher, besteht bei der Durchlässigkeit "nach oben" noch Verbesserungspotenzial.

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Fußnoten

1.
Siehe dazu auch den Beitrag von Steffen Mau in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Die im Folgenden verwendete Vorgehensweise und Abgrenzung richtet sich nach der ausführlichen Analyse von Judith Niehues/Thilo Schaefer/Christoph Schröder, Arm und Reich in Deutschland: Wo bleibt die Mitte?, IW-Analysen 89/2013.
3.
Zur Bedarfsgewichtung wird die modifizierte OECD-Äquivalenzskala herangezogen, bei der dem Haushaltsvorstand das Gewicht 1 und den weiteren Erwachsenen das Gewicht 0,5 zugewiesen werden. Kinder unter 14 Jahren erhalten den Skalenwert 0,3.
4.
Im Gegensatz zu den Vermögen und den sozio-kulturellen Merkmalen beziehen sich die Einkommen der SOEP-Welle 2012 auf das Vorjahr 2011.
5.
Vgl. Jan Goebel/Martin Gornig/Hartmut Häußermann, Die Polarisierung der Einkommen: Die Mittelschicht verliert, in: DIW-Wochenbericht, 77 (2010) 24, S. 2–8; Christoph Burkhardt et al., Mittelschicht unter Druck?, hrsg. von der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2013.
6.
Vgl. Christian Arndt, Zwischen Stabilität und Fragilität: Was wissen wir über die Mittelschicht in Deutschland?, hrsg. von der Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin 2012; J. Niehues et al. (Anm. 2).
7.
Es ist auch dann ein Anstieg in diesem Zeitraum erkennbar, wenn man den Sondereffekt des Aufholprozesses außen vor lässt. Vgl. J. Niehues/T. Schaefer/Ch. Schröder (Anm. 2), S. 30f.
8.
Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.), Lebenslagen in Deutschland. Der vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bonn 2013, S. 326.
9.
Vgl. Ch. Burkhardt et al. (Anm. 5), S. 28.
10.
Vgl. J. Niehues/T. Schaefer/Ch. Schröder (Anm. 2), S. 34f.
11.
Zur Entwicklung der Vermögensungleichheit siehe auch Markus M. Grabka/Christian Westermeier, Anhaltend hohe Vermögensungleichheit in Deutschland, in: DIW-Wochenbericht, 81 (2014) 9, S. 151–164.
12.
Aufgrund eines Strukturbruchs in der Datenerfassung wird hier ein Zeitraum ab 1995 betrachtet.
13.
Die Definition von Teilzeit liegt hier anders als beim Statistischen Bundesamt bei einer durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit von weniger als 35 Stunden.
14.
Vgl. BMAS (Anm. 8), S. XXIVff.
15.
Vgl. Ch. Arndt (Anm. 6), S. 51ff.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Judith Niehues für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

 

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