Kreuzfahrtschiffe vor Honningsvag

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2.12.2014 | Von:
Martha Bayles

Wie Zerrbilder der Demokratie entstehen - Essay

Die zentrale Prämisse dieses Essays ist, dass es eine besorgniserregende Lücke gibt zwischen dem, was die Vereinigten Staaten von Amerika in den Rest der Welt exportieren sollten und dem, was sie tatsächlich exportieren. Was Amerika exportieren sollte, ist sein unverwechselbares Ethos der Hoffnung auf menschliches Gedeihen unter Bedingungen politischer Freiheit, das gleichwohl um die materiellen Grenzen und – noch wichtiger – um die Grenzen menschlichen Bemühens weiß. Und lassen Sie mich hinzufügen, dass das Ethos häufig einen gewissen Sinn für das Komische hat, das heißt die Fähigkeit, die absurde Seite der menschlichen Überheblichkeit, Ambitionen und Gier zu erkennen.

Was Amerika tatsächlich exportiert ist eine gegenwärtige populäre Kultur, die trotz ihres vielfältigen Charmes vulgärer, brutaler und gehässiger ist als je zuvor. Tatsächlich kreiert die heutige populäre Kultur ein Zerrbild, ein misslungenes Selfie, das die Laster und Fehler des Landes ohne – mit Blick auf seine Tugenden – jedes Gefühl für Verhältnismäßigkeit verherrlicht. Dieses Zerrbild mag Amerikanerinnen und Amerikaner amüsieren oder beleidigen, aber wir wissen, wie man das Bild scharf stellt. Und das wissen auch viele andere, die in den USA gelebt haben oder medienkompetent sind.

Leider bleiben dann noch ein paar Milliarden Menschen übrig, die die brutalen Filme, die sexbesessenen Fernsehshows und den kruden, unmäßigen öffentlichen Diskurs für eine akkurate Darstellung des Landes halten. Das ist sogar in Europa der Fall. Natürlich ist das Problem schlimmer in denjenigen Teilen der Welt, in denen die negativen Bilder auf dem Bildschirm von feindseliger Propaganda verstärkt werden – ob von gewalttätigen extremistischen Organisationen wie dem Islamischen Staat (IS) oder uns weniger wohlgesonnenen Regimes wie dem von Wladimir Putin in Russland.

Es gab einmal eine Zeit, da die US-Regierung erhebliche Ressourcen investiert hat, um solche feindselige Propaganda zurückzudrängen. Während des Kalten Krieges waren diese Bemühungen als "Public Diplomacy" bekannt. Der Ausgangspunkt für meine Untersuchungen[1] war die Erkenntnis, dass die amerikanische Führung am Ende des Kalten Krieges entschied, sich aus der Public Diplomacy zurückzuziehen und dadurch der Unterhaltungsbranche erlaubte, de facto als Botschafter der Nation gegenüber einer turbulenten und skeptischen Welt aufzutreten.

Dieser Essay beginnt mit einer Erläuterung der Fehlentwicklungen der westlichen Public Diplomacy, definiert als die Kunst und das Handwerk, die Absichten, Interessen und Ideale einer Nation an die Öffentlichkeit im Ausland zu vermitteln. Dann wird der Unterschied zwischen dem amerikanischen Ethos und den von der heutigen populären Kultur gezeichneten Bildern herausgearbeitet. Schließlich wird dargelegt, warum eine Zensur der Kulturexporte der USA keine Lösung sein kann.

Krise der westlichen Public Diplomacy

Im Laufe des vergangenen Jahres hat die russische Propagandamaschinerie eine zweigleisige Strategie gegenüber ihrem inländischen Publikum verfolgt. Der erste Teil, der für die Rechtfertigung der Machtübernahme auf der Krim eingesetzt wird, greift auf, was Hitler die "Große Lüge" nannte: Ein falsches historisches Narrativ, in dem die demokratischen Kräfte in der Ukraine als von den USA unterstützte Faschisten dargestellt werden, deren Ziel ein Genozid an ethnischen Russinnen und Russen ist. Wenn man eine Geschichte oft genug wiederholt, so die Idee, wird die Mehrheit der Bevölkerung sie schon schlucken.

Den zweiten Teil der Strategie, der nach dem Absturz des Malaysia-Airlines-Flugzeugs eingeschlagen wurde, könnte man als Große Konfusion bezeichnen: Wenn ein Ereignis deine Große Lüge ins Wanken bringt, dann starte eine Desinformationskampagne. Fülle den Äther mit so vielen bizarren Gerüchten, Verschwörungstheorien und paranoiden Fantasien, dass einer zynischen Öffentlichkeit bald egal sein wird, was tatsächlich geschehen ist.

Diese Propaganda reicht weit über Russland hinaus. In den letzten Jahren hat der Kreml Russia Today (RT) lanciert, einen raffinierten, tempogeladenen Satellitenfernsehsender, der nichtrussischen Fernsehjournalisten Topgehälter dafür bezahlt, dieselben Botschaften auf Englisch, Arabisch, Mandarin und in anderen Weltsprachen zu wiederholen. Eine überraschende Zahl von Journalisten nimmt dieses Angebot an, und ein besorgniserregend großes Publikum schaltet ein.

Wie sollten westliche Regierungen reagieren? Sollten sie Feuer mit Feuer bekämpfen und Russland und die Ukraine mit Gegenpropaganda bombardieren? Oder sollten sie das tun, was demokratischen Gesellschaften, in denen die Meinungs- und Pressefreiheit sakrosankt ist, leicht fällt: Die Fakten zusammentragen, die auf dem Spiel stehenden Prinzipien benennen und beide so nachdrücklich wie möglich verbreiten, auch wenn einige Aspekte der Geschichte Europa und die Vereinigten Staaten in keinem guten Licht erscheinen lassen?

Diese zweite Option hat einen Namen: Public Diplomacy. Geprägt wurde der Begriff 1965 als aussagekräftige Alternative zu "Propaganda", dem bereits seit dem Ersten Weltkrieg ein Hautgout anhaftete, als die britische und amerikanische Regierung Berichte über von den "bösen Hunnen" begangene Gräueltaten fabrizierten. In den 1930er-Jahren wurde beiden Regierungen bewusst, wie viel Schaden ihre Hasspropaganda angerichtet hatte. Sie hat nicht nur Hitler inspiriert (wie es auch die sowjetische Propaganda getan hatte), sondern auch gegenüber frühen Berichten über Gräueltaten der Nazis Skepsis genährt, die auf der Annahme beruhte, auch diese Berichte seien fabriziert worden.[2]

Während des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges haben Großbritannien und Amerika bei der Kommunikation mit der Bevölkerung im Ausland relativ gesehen den rechten Weg beschritten, nämlich sich geweigert, unverhohlene Lügen und Desinformation zu verbreiten. Verglichen mit der aggressiven Propaganda des "Dritten Reichs" und der KPdSU war dieser Ansatz ausgesprochen asymmetrisch. Aber er hat funktioniert.

Leider ist die wahrheitsbasierte Public Diplomacy bald nach Ende des Kalten Krieges dem politischen Wandel zum Opfer gefallen. In den Vereinigten Staaten, wo die Siegesstimmung groß war, wurde Public Diplomacy als Relikt der Vergangenheit betrachtet. Also strich der Kongress in den 1990er-Jahren die Finanzierung um ein Drittel zusammen, und 1999 wurde der US Information Service (USIS), der seit 1953 die Public Diplomacy koordiniert hatte, abgeschafft. In Deutschland wurden diese Kürzungen mit der Schließung von Bibliotheken und Kulturzentren, die zu den Amerika-Häusern der Nachkriegszeit gehört hatten, allzu offensichtlich. Dann kamen die Angriffe des 11. September 2001 und neuerliche Rufe nach einer wirksamen, nicht auf Zwang beruhenden Reaktion auf die antidemokratischen Ideologien des 21. Jahrhunderts. Diese Reaktion ist jedoch noch nicht formuliert worden.

Amerika verfügt immer noch über große Diplomaten. Während der US-Besetzung des Irak, als amerikanische Truppen einem erbitterten Aufstand gegenüberstanden, trat ein Diplomat namens Alberto Fernandez ins Kommunikationsvakuum. Mit seinem fließenden Arabisch war Fernandez mehr als 500-mal in Al Jazeera, al-Arabiya und anderen arabischen Fernsehkanälen zu sehen und ließ sich von prominenten Moderatoren ebenso wie von wutentbrannten Anrufern in die Mangel nehmen. Marc Lynch zufolge, einem Experten für arabische Medien, war diese "Einmannshow" wirksam, weil es sich eben nicht um einen "grimmigen, einen vorbereiteten Text ablesenden Diplomaten" handelte, sondern um einen Menschen aus Fleisch und Blut, der "bereit war zu argumentieren, wütend zu werden, Witze zu machen – kurzum, ein tatsächlich menschliches Antlitz zu zeigen".[3]

2006 brachen die US-Medien wegen einer Bemerkung von Fernandez in Al-Jazeera in Wut aus: "Wir haben versucht, unser Bestes zu tun, aber ich denke, es gibt viel Raum für Kritik, denn es gab zweifellos Arroganz, und es gab Dummheit aufseiten der Vereinigten Staaten im Irak." Koryphäen aus von den Republikanern dominierten Bundesstaaten fielen über die Bemerkung her; Fernandez distanzierte sich schnell davon. Aber sie war Teil eines längeren Statements, das gegen al-Qaida eingestellte sunnitische Aufständische erreichen sollte, eine Strategie, die im Endeffekt zur als "Sunni Awakening" bekannt gewordenen Waffenruhe führte.

Selbstverständlich ist Public Diplomacy auf dieser Ebene ein Hochseilakt, der nicht nur wegen der Feinde im Ausland, sondern auch wegen geltungsbedürftigen Politikern daheim voller Risiken steckt. Manchmal jedoch ist ein Hochseil der einzig mögliche Weg über einen Abgrund des Misstrauens.

Jeder Regierung fällt es schwer, dem Prinzip, die Wahrheit zu sagen, zu folgen. Jede Regierung lügt in gewissem Maße. Aber nicht im selben Maße – und auf diesen Unterschied kommt es an. Das Putin-Regime versucht, diesen Unterschied auszuradieren, indem es jede Institution vernichtet, die davon ausgeht, dass objektive Wahrheit existiert. Wenn man mit dieser Herausforderung zu tun hat, genügt es nicht zu behaupten: "Die Fakten sprechen für sich." Fakten können nicht sprechen, nur Menschen können das. Und nach einem Jahrhundert jedermanns Intelligenz beleidigender Propaganda sind Russinnen und Russen konditioniert, die Augen zu rollen, wenn man sie mit Behauptungen von Objektivität konfrontiert.

Wenn Europa und Amerika diese Situation umkehren wollen, müssen wir zwei Dinge tun. Erstens müssen wir uns über Gemeinsamkeiten als Grundlage für die Kommunikation mit der nicht-westlichen Welt verständigen. Mit dieser Aufgabe dürfen wir nicht warten, bis wir unsere internen Differenzen beigelegt haben, denn diese Differenzen werden nie beigelegt werden. Aber das ist genau der Punkt. Die wichtigste Botschaft der liberalen Demokratie an den Rest der Welt lautet: Es ist möglich, politische Institutionen aufzubauen, die die Unumgänglichkeit von Meinungsverschiedenheiten anerkennen und es dadurch Menschen ermöglichen, dennoch zusammenzuleben.

Fußnoten

1.
Vgl. Martha Bayles, Through a Screen Darkly. Popular Culture, Public Diplomacy and America’s Image Abroad, New Haven 2014.
2.
Siehe Philip M. Taylor, Munitions of the Mind, Manchester 2003³, S. 195ff.
3.
Siehe "The Fernandez Problem", http://abuaardvark.type­pad.com«, 22.10.2006 (15.11.2014).
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Autor: Martha Bayles für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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