Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)
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Die Sieben Todsünden: Heute noch relevant? - Essay

16.12.2014

Zivilisierung der Sünde



Was einmal als unmissverständlich sündhaft galt, als böse, unmoralisch, gott- und menschenfeindlich, ist zu großen Teilen dramatisch umgewertet worden. Aus einigen Todsünden wurden nach und nach Tugenden, zumindest aber akzeptierte Verhaltensweisen oder gar Zivilisationsimpulse. An dieser allmählichen Evolution lässt sich der gesellschaftliche Wandel von Werten und Moralvorstellungen nachvollziehen. Auch den Erfindern und frühen Interpreten des Todsündenkataloges war von Anbeginn klar, dass Sünden aus gewöhnlichen Verhaltensweisen heraus entstehen, dass sie sich graduell unterscheiden und ambivalente Dispositionen beschreiben.

Alles, was Sünde sein kann, gründete in menschlichen Verhaltensmöglichkeiten, die entweder auf Überlebenstriebe (wie Lust und Völlerei) zurückgehen oder sich als wichtige soziale Gefühle (wie Neid) oder funktionale Eigenschaften (wie Stolz) in der Evolution entwickelt haben. So gesehen sind sie in der Tat "Erbsünden". Eine Sünde besteht jedoch in der Verletzung von Grenzen in diesen Verhaltensspielräumen. In primitiven Gesellschaften wurde zwischen Sünde und Verbrechen (noch) nicht unterschieden: Sünde avant la lettre ist zunächst alles, was die Interessen des Stammes verletzt und von seinen Konventionen und Gesetzen abweicht. Das Verhalten wurde bestraft, nicht die im Innern verborgene Neigung oder die bloße Absicht.

Die Neubewertung der Laster zu nützlichen Eigenschaften oder gar Tugenden finden wir zuerst in der Renaissance, sie schritt in der Moderne weiter fort und ist bis heute nicht abgeschlossen. Der Staatsphilosoph Niccolò Macchiavelli (1469–1527) schrieb: "Wenn man alles genau betrachtet, wird man finden, dass manches, was als Laster gilt, Sicherheit und Wohlstand bringt." Und der Kulturhistoriker Lewis Mumford (1895–1990) konstatierte im Rückblick auf das 19. und 20. Jahrhundert, dass bis auf Trägheit alle Todsünden spätestens in der industriellen Revolution zu Tugenden umgeformt waren. Mehr noch: Sie seien inzwischen die treibenden Kräfte der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

Die Sünden sind nun keine persönlichen Akte der spirituellen Grenzverletzung mehr, keine verdammenswürdigen Laster, sondern wichtige psychosoziale Kräfte in einer neuen Kultur. Sie schufen Märkte, trieben die Dynamik des Fortschritts an, formten soziale oder wirtschaftlich erwünschte Eigenschaften. Das gilt insbesondere für die Trias Geiz, Habgier und Neid: Geiz mutiert zur Sparsamkeit, zum ich-starken Bedürfnisaufschub; Habgier ist die Triebfeder der Akkumulation von Kapital, das eine Industrialisierung erst finanzieren kann; und der Neid ist ein starkes Motiv zunächst der Arbeitsgesellschaft, später auch des Konsumkapitalismus.

Die Transformation bestand also darin, gefährliche, antisoziale Leidenschaften für nützliche Zwecke einzuspannen, statt vergeblich zu versuchen, sie durch religiöse Gebote oder staatliche Sanktionen zu unterdrücken. Es kam darauf an, sie so in eine Ordnung zu überführen, dass sie Gutes bewirken. Der Rechtsphilosoph Giambattista Vico (1668–1744) hat diesen psychologisch-revolutionären Grundgedanken so formuliert: "Aus Grausamkeit, Habsucht und Ehrgeiz, den drei Lastern, die alle Menschheit in die Irre führen, macht die Gesellschaft nationale Verteidigung, Handel und Politik und begründet damit die Stärke, den Wohlstand und die Weisheit der Republiken." Der Wirtschaftswissenschaftler Albert O. Hirschman (1915–2012), der den Transformationsprozess der Sünden in nützliche Interessen eingehend beschrieben hat, sieht in Vicos Satz den Vorschein ähnlicher, späterer Denkfiguren: Ob Hegels "List der Vernunft" oder Freuds Konzept der Sublimation, immer geht es um den quasi-alchemistischen Prozess, das Gute im Schlechten zu erkennen und herauszufiltern. Oder, wie Goethe seinen Mephisto erklären lässt, diese Inkarnation der wunderbaren Verwandlung von Sünden in Tugenden: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."

Seit Beginn der Neuzeit kommt es also in Staatsphilosophie und praktischer Politik darauf an, die "unvermeidlichen" menschlichen Neigungen zu Gier, Neid, Zorn oder Hochmut so zu organisieren, dass sie nicht nur keinen Schaden anrichten, sondern den Wohlstand und das Glück in einem Gemeinwesen vergrößern. Als eine Methode dieser Transformation schlug der Philosoph Francis Bacon (1561–1626) vor, "Affekt gegen Affekt" einzusetzen, also die Leidenschaften sich gegenseitig neutralisieren zu lassen, Feuer mit Feuer zu bekämpfen: Ehrsucht hält Geiz in Schach, Neid treibt die Trägen an, und so weiter. Die Idee der sich neutralisierenden Todsünden oder Leidenschaften ist auch in Montesquieus (1689–1775) Gedanken der Gewaltenteilung enthalten, dem Kern der modernen Staatsidee. In der Demokratie tritt Ruhmsucht gegen Habsucht an, der Neid erhält die Chance, durch Erfolg sich selbst zu überwinden, alles jedoch nach festen Spielregeln und mit einem System der checks and balances.

Der neue Zentralbegriff dieser Entwicklung aber ist das Interesse: Menschen sind nicht in erster Linie Sünder, sie haben nicht nur Laster und Leidenschaften, sondern vor allem Interessen. Sie suchen als vernunftbegabte Wesen vor allem ihren Vorteil und wollen ihren Nutzen mehren. Aus dieser modernen, man könnte sagen: coolen Mischung aus Egoismus und Rationalität entsteht das materielle Interesse, das letztlich alles überragende Motiv des neuen Individuums. Die zivilisierende Kraft des kühlen Eigeninteresses, ausgelebt in einer Demokratie, erweist sich als vergleichsweise erträglich, betrachtet man die zerstörerischen Leidenschaften, die in den "heroischen Abenteuern" ideologisch oder religiös verblendeter Akteure entfesselt werden. John Maynard Keynes (1883–1946) schrieb: "Dank der Möglichkeit, Geld zu erwerben und privaten Reichtum anzuhäufen, lassen sich die gefährlichen menschlichen Triebe in vergleichsweise harmlose Bahnen lenken (…). Es ist sicher besser, ein Mensch übt tyrannisch Herrschaft über sein Bankkonto aus als über seine Mitbürger; und wenn ersteres auch manchmal als bloßes Mittel zu letzterem geschmäht wird, stellt es doch, jedenfalls manchmal, eine Alternative dar."

Fähigkeit zum Bösen anerkennen, Verantwortung übernehmen



Die alten Todsünden sind heute keine Sünden mehr, die uns in ewige göttliche oder menschliche Ungnade stürzen: Sie gelten – wo sie auch heute noch unangenehm auffallen – nur noch als abweichendes Verhalten, als pathologische oder moralische Verirrungen, als Charakterdefekte. Sie werden nicht mehr theologisch eingedämmt, sondern wissenschaftlich erklärt – und dadurch meist schon halb entschuldigt. "Sündiges" Verhalten ist die Folge frühkindlicher Störungen, oder es ist durch gesellschaftliche Deprivation entstanden. Die Familiengeschichte, das Triebschicksal, zahlreiche Traumatisierungen: Statt von Sünde sprechen wir Aufgeklärten von Entfremdung, von pathologischen Entwicklungsstrukturen und von Sozialkonflikten. Aggressivität und Perversion besitzen als Psychosen und Neurosen Krankheitswert.

Der Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann erinnert uns daran, dass das heutige Christentum vor allem eine Erlösungsreligion ist, im Grunde eine quasi-therapeutische Veranstaltung. Die entscheidenden Fragen sollten demnach nicht die nach Ächtung oder Bestrafung des Sünders sein, sondern: Was steckt hinter der Sünde? Was hat einen Menschen dazu gebracht, sündhaft zu handeln? Und wie kann ich dem Sünder helfen, dieses selbstzerstörerische Muster zu überwinden? Die Psychologisierung und Therapeutisierung menschlichen Verhaltens ist in der Moderne weit fortgeschritten. Was einmal als Laster galt, wurde nach und nach entmystifiziert und verwissenschaftlicht. Damit wurden aber auch Erwartungen geweckt, dass das "abweichende Verhalten", wenn es erst einmal auf seine Ursachen hin untersucht und in seiner Bedingtheit erklärt ist, auch geheilt oder korrigiert werden kann. Und so besuchen Jähzornige Anger-Management-Kurse, um ihren Zorn in den Griff zu bekommen. Die Völlerei, die jetzt Essstörung oder Fettleibigkeit heißt, wird in Diätkliniken behandelt; auch für Sexsüchtige gibt es spezielle Therapien – und für die Trägen Motivationsseminare. Und die Habgierigen, so sie ihren Trieb irgendwann als bedenklich ansehen oder schlicht erschöpft davon sind, betreiben irgendwann Sinnsuche oder gehen stiften.

Moral bleibt eine Frage der Balance zwischen den Extremen der menschlichen Potenziale, sie ist das Produkt gelungener Selbststeuerung. Diese Selbststeuerung wird beeinflusst durch Kräfte im kulturellen und wirtschaftlichen Feld, in dem wir leben – Marktkräfte, Technologien, Ideologien und Mythen. Obwohl es in modernen Gesellschaften kaum noch wirksame religiöse Dogmen und verbindliche moralische Autoritäten gibt, ist die Folge nicht automatisch, wie irrtümlich und moralisierend oft behauptet wird, ein völliges moralisches Vakuum oder ein ethisches Niemandsland. Richtig ist: Moral ist nicht mehr universell, sie ist kein Fixstern mehr, sondern etwas, was immer wieder neu gefunden werden muss. Moral im 21. Jahrhundert ist eine veränderliche Größe, eine Konvention, ein Konstrukt – sie ist eine pragmatische Verhandlungsmoral.

Gerade deshalb stellt sich die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen für seine Handlungen in unverminderter, neuer Schärfe. Das Konzept der Todsünden lädt dazu ein, unsere Fähigkeit zum Bösen anzuerkennen und Verantwortung zu übernehmen. Wir sind auch heute nicht automatisch "entschuldigt", nur weil wir eine wissenschaftliche Erklärung für unser Verhalten haben, wir sind nicht schuldlos, wenn wir unseren Zorn ungezügelt ausleben, unserem Neid oder unserer Trägheit nachgeben, unseren Hochmut pflegen. Wir "sündigen" nicht, weil uns gesellschaftliche Verhältnisse dazu zwingen oder weil wir in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen sind oder weil unser Temperament uns eben so handeln lässt – wir überschreiten häufig Grenzen, die wir sehr wohl erkennen können. Wer Schuld für seine schlechten Taten nicht anerkennen will, kann auch die guten nicht für sich reklamieren. Die Todsünden legen unseren Charakter als Ganzes bloß – man kann sie nicht abspalten, rationalisieren oder trivialisieren. Die Fähigkeit zum Bösen ist ohne Zweifel auch heute in uns – und wir haben die Wahl, ob wir eine Grenze überschreiten oder nicht. Der englische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton (1874–1936) schrieb: "Moral besteht wie Kunst darin, irgendwo eine Linie zu ziehen."


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Autor: Heiko Ernst für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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