Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)
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Sünde, Schuld(en) und Recht - Essay


16.12.2014
Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern", beten Christen aller Konfessionen in ihrem wahrlich wichtigsten, weil in jedem Gottesdienst und an offenen Gräbern gesprochenen Gebet, dem "Vaterunser", das nach der neutestamentlichen Überlieferung Jesus von Nazareth selbst sie zu beten gelehrt hat. In dieser Bitte des "Herrengebets" wird unterstellt: Wir Menschen sind trotz unserer ebenbildlichen Nähe zu Gott notorisch, mehr noch: konstitutiv schuldig. Wir sind, in anderer und religiös konventionellerer Sprache formuliert, allzumal Sünder, in eitler amor sui, Selbstzentriertheit oder Selbstbezüglichkeit, fixiert auf uns selbst. Sünde meint in den Glaubenssprachen der christlichen Überlieferung radikal narzisstische Selbstbezüglichkeit oder blanke Eigenliebe, jedenfalls einen Zustand des Bewusstseins, in dem ein einzelner Mensch immer nur ins eigene Ich verstrickt ist und zu sich selbst keinerlei innere reflexive Distanz zu gewinnen vermag.

Wie können wir Sünder dann anderen, "unseren Schuldigern", ihre "Schuld" vergeben? Die Suche nach einer Antwort führt in uralte Kontroversen der gelehrten Glaubensexperten, in ebenso harte wie subtile theologische Debatten über Begriffe wie "Versöhnung", "Vergebung", "Sühne", "Satisfaktion", "Genugtuung", "Entschuldung" und später auch "Entschuldigung". Lebt der Mensch in sündhaft radikaler Selbstzentrierung, leidet er unter Entfremdung, der Trennung von seinem wahren Selbst. Dieses wahre Selbst des Menschen ist nach jüdischer wie christlicher Lehre bestimmt durch die fundamentale Einsicht, dass niemand von uns sich selbst verdankt, sondern wir unser je eigenes, individuelles Leben als Geschenk empfangen – aus Gottes Hand. Wahres Leben ist deshalb ein Leben im Bewusstsein der je eigenen Geschöpflichkeit, ein Leben in heilsamer, dankbarer Ehrfurcht vor Gott dem Schöpfer.

In seinem "Kleinen Katechismus" aus dem Jahre 1529 hat Martin Luther diesen christlichen Schöpfungsglauben in der Auslegung des ersten Satzes des Glaubensbekenntnisses – "Ich glaube an Gott, den Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden" – so vergegenwärtigt: "Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält, dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter, mit aller Notdurft und Nahrung dies Leibs und Lebens reichlich und täglich versorget, wider alle Fährlichkeit beschirmet und vor allem Übel behütet und bewahret, und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit ohn all mein Verdienst und Würdigkeit, des alles ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin; das ist gewißlich wahr." Stärker kann man die existenzielle, jeden einzelnen in je eigener Weise betreffende Pointe des Schöpfungscredos nicht betonen.

Schuld und Selbstbestimmung



Viele jüdische wie christliche Theologen hatten das falsche, sündhafte Leben als einen Zustand der Entfremdung gedeutet, in dem der Sünder dank seiner radikalen Selbstzentrierung nicht nur von Gott, sondern auch seinen Mitmenschen getrennt bleibt. Die Überwindung dieser Entfremdung wurde dann häufig mit dem Tod Jesu und der von seinen "Jüngern", seinen ersten Anhängern, sei es erfahrenen, sei es behaupteten Auferstehung verknüpft. Für den Kreuzestod Jesu sind in der bald zweitausendjährigen Geschichte des Christentums ganz unterschiedliche Deutungsmuster und Narrative entwickelt worden. In seiner Passionsbereitschaft oder in seiner Selbsthingabe habe Jesus stellvertretend für die sündige Menschheit ein Opfer erbracht, mit dem der ob der menschlichen Missetaten erzürnte Gott ein für alle Mal besänftigt oder gnädig gestimmt worden sei. Die Theologen nennen diese besonders eindrucksvoll von Anselm von Canterbury vertretene Lehre das Satisfaktionsdogma beziehungsweise das Dogma vom stellvertretenden Opfertod des Gekreuzigten.

Doch fand diese Lehre in der Geschichte der christlichen Theologie immer auch starke Kritiker, die etwa darauf hinwiesen, dass die Vorstellungen vom "Zorne Gottes", dem "strafenden Gott", gar auch dem "Rächergott" der alten biblischen Rede vom gnädigen Vatergott widerstreite. Vor allem radikale Reformer des 16. Jahrhunderts, beispielweise Kritiker der herrschenden Kirchenlehre wie die Sozinianer und Theologen der täuferischen Bewegungen, sowie andere Vertreter der sogenannten radikalen Reformation lehnten die überkommenen Satisfaktionslehren mit großer polemischer Entschiedenheit ab.

Im 17. und 18. Jahrhundert folgten ihnen zunächst dann auch die sogenannten Neologen, kritische protestantische Aufklärer in den Theologischen Fakultäten. So schrieb Wilhelm Traugott Krug, der liberalprotestantische Nachfolger Immanuel Kants auf dem Königsberger Lehrstuhl für Philosophie, in einer kritischen Studie zur Versöhnungslehre 1802:

"Die Versöhnungslehre ist unstreitig Fundamentallehre der christlichen Religion. Sie wird in den Urkunden dieser Religion so oft und so nachdrücklich vorgetragen, der ganze Zweck der Sendung des Stifters des Christenthums wird so oft und so deutlich dahin bestimmt: Jesus solle die Menschen mit Gott versöhnen, ihre Sündenschuld tilgen, für sie sein Leben zum Sühnopfer hingeben usw. – daß es vergebliche Mühe ist, jene Lehre aus den Schriften des neuen Bundes weg kritisiren oder exegesiren zu wollen. Gleichwohl hat die Versöhnungslehre von jeher, und besonders in den neueren Zeiten, gerade von Seiten der besten Köpfe so vielen und so heftigen Widerspruch gefunden, daß es beinahe ein charakteristisches Merkmal einer aufgeklärten Denkart in der Theologie geworden zu sein scheint, an jene Lehre nicht mehr zu glauben, sondern sie bloß für eine Reliquie zu halten, die aus den abergläubigen Vorstellungsarten der Vorwelt in das Christenthum durch seine frühesten, noch nicht hinlänglich unterrichteten, Verkünder übergegangen sei."[1]

Der entscheidende Einwand dieser vielen "besten Köpfe" unter den kritischen Theologen und Philosophen lautete: Es gehöre notwendig zur Freiheit des Menschen, sich seine Schuld selbst zuschreiben zu lassen – kein anderer, auch ein idealer Erlöser nicht, könne dem freien Menschen oder autonomen Ich stellvertretend seine Schuld abnehmen. In der Eigenlogik entschiedener Selbstbestimmung wurde so jede Vorstellung einer externen Kompensation der je eigenen, individuellen Schuld destruiert.


Fußnoten

1.
Wilhelm Traugott Krug, Der Widerstreit der Vernunft mit sich selbst in der Versöhnungslehre dargestellt und aufgelöst. Nebst Entwurf einer philosophischen Theorie des Glaubens, Züllichau–Freiburg/Br. 1802, wieder in: W.T. Krugs gesammelte Schriften. Erste Abtheilung: Theologische Schriften, Erster Bd., Braunschweig 1830, S. 295–352, hier: S. 299.
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Autor: Friedrich Wilhelm Graf für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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