Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)

16.12.2014 | Von:
Friedrich Wilhelm Graf

Sünde, Schuld(en) und Recht - Essay

Innere und äußere Schuld

Sind Debatten um solche Fragen nur Theologengezänk von gestern oder eitler Gelehrtenstreit im Elfenbeinturm weltfremder Philosophen? Nein, die alten Debatten um autonome Selbstzurechnung oder externe Entlastung haben sowohl in wirtschaftlich schwierigen Zeiten der Firewalls, Schuldenbremsen, Bankenstresstests und europaweiten Konsolidierungsbemühungen als auch mit Blick auf die neuen Diskurse über Korruption, Schattenwirtschaft, Internetkriminalität und organisiertes Verbrechen nichts an Aktualität eingebüßt. Wer den gegenwärtigen politischen Streit um Staatsschulden, Euro-Krise und Bankensystem sowie die rechtspolitischen Debatten um die Verschärfung des Strafrechts etwa bei Kindesmissbrauch und präventiver Bekämpfung islamistischen Terrors verstehen will, tut jedenfalls gut daran, sich um prägnante analytische Begriffe zu bemühen.

Dies gilt gerade mit Blick auf den Begriff der "Schuld" und die mit ihm sprachlich eng verknüpften "Schulden". Schon früh hatten christliche Theologen und auch Philosophen darauf hingewiesen, dass Schuld ein notorisch unscharfer, mehrdeutiger Begriff ist. Schuld kann etwa rein juristisch gefasst werden, ist aber auch eine zentrale Vorstellung in moralischen Diskursen und ein Grundbegriff der ethischen Sprache. In einem philosophischen Lexikon aus dem frühen 19. Jahrhundert heißt es: "Schuld hat zwei Bedeutungen, die oft in einander spielen; woraus leicht Zweideutigkeit, Misverstand und Irrthum hervorgeht."[2]

Zu unterscheiden sind zunächst vor allem äußere und innere Schuld. Die äußere Schuld bezieht sich auf all jene Leistungen, die man zugunsten eines anderen aufgrund rechtlicher Verpflichtungen, etwa Verträgen, zu erbringen hat. Im genannten Artikel heißt es: "Wenn jemand viel an Andre zu bezahlen hat, sei es für Waaren oder Arbeit oder Miethe, seien es erborgte Gelder oder rückständige Zinsen von denselben: so sagt man, er habe viele Schulden oder er sei viel schuldig." Der lateinische Begriff für solche Schulden lautet debitum. Deshalb sprechen wir in ökonomischen Kontexten vom Schuldner oder Debitor. Den anderen hingegen, dem der Debitor Geld oder sonstige Leistungen schuldet, nennen wir den Gläubiger oder Kreditor. In dieser Begrifflichkeit steckt natürlich ein bewusster Bezug auf die Sprache von Glaube und Religion. Geld oder sonstige Güter leihe ich einem anderen ja nur dann, wenn ich darauf vertraue, dass er mir das Geliehene eines Tages zurückzahlen kann und wird.

Insofern ist ökonomischer Tausch sehr viel voraussetzungsreicher, als in den konventionellen Modellen rationalen wirtschaftlichen Handelns oft suggeriert wird. Je fiktionaler, künstlicher die Tauschgüter auf den Finanzmärkten eines globalen Kapitalismus sind, desto mehr Evidenz gewinnt nur die uralte religiöse Ahnung, dass Kredit und Credo irgendwie zusammengehören, man jedenfalls dem Tauschpartner einen Vertrauensvorsprung entgegenbringen muss, will man erfolgreich Geschäfte machen. Man muss wissen, mit wem man es zu tun hat, wenn man Risiken eingeht und beispielsweise Geld verleiht. Ohne den Glauben an eine elementare Verlässlichkeit, Seriosität des anderen geht es nicht.

Deshalb haben vermeintlich rein ökonomische Begriffe wie "Schuldschein", "Schuldbrief" oder "Schuldverschreibung" beziehungsweise "Obligation" immer auch einen momentanen religiösen Gehalt. So wie der Gläubige im Sonntagsgottesdienst das Glaubensbekenntnis spricht, muss der Kreditor dem Debitor Grundvertrauen entgegenbringen. Traut er dem Schuldner nicht, sollte er ihm jedenfalls kein Geld leihen. Oder er muss darauf hoffen, dass irgendjemand anders, der Steuerzahler etwa, dessen finanzielle Verbindlichkeiten übernimmt. Denn ökonomische Schulden sind, wie schon Kant betont hat, im Unterschied zu moralischer Schuld übertragbare Verbindlichkeiten. Es kann mir ja gleichgültig sein, wer mir das Herrn X oder Frau Y geliehene Geld zurückzahlt. Hauptsache, ich bekomme es zurück, wenn Herr X oder Frau Y zahlungsunfähig sind.

Die innere Schuld, im Lateinischen culpa genannt, scheint ganz anderer Art. Sie ist insoweit eine sittliche Schuld, als sie aus moralisch relevanten Verstößen gegen das sogenannte Sittengesetz stammt. Sie haftet an der Person, die böse gehandelt hat, und kann, jedenfalls nach den moralischen Lehren kritischer Philosophen, nur vom Schuldner selbst verantwortet werden. Denn Schuldgefühle sind nun einmal etwas Subjektives, und will man nicht die Vorstellung der Freiheit des Individuums preisgeben, muss man entschieden die Verantwortungsfähigkeit und Verantwortlichkeit des Einzelnen für seine Taten betonen. Sittliche Schuld ist insoweit nicht übertragbar. "Man kann sie nur selbst tilgen, indem man sich bessert, mithin zu sündigen aufhört", erklärte Wilhelm Traugott Krug um 1800.[3] Analog konstatierte der junge Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dass nur "Kinder, Verrückte und Blödsinnige ohne Schuld" seien[4] – weil sie der Fähigkeit zur Selbstverantwortung entbehren, die wir der reifen, gebildeten Persönlichkeit zuschreiben.

Fußnoten

2.
Art. Schuld, in: Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften nebst ihrer Literatur und Geschichte. Nach dem heutigen Standpuncte der Wissenschaft bearb. und hrsg. von Wilhelm Traugott Krug, Professor der Philosophie an der Universität Leipzig, Dritter Bd.: N bis Sp., Leipzig 1828, S. 604ff., hier: S. 604.
3.
Ebd.
4.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Rechts-, Pflichten- und Religionslehre für die Unterklasse, in: Nürnberger und Heidelberger Schriften 1808–1817 (Theorie Werkausgabe Bd. 4), S. 204–274, hier: S. 223.
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Autor: Friedrich Wilhelm Graf für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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