Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)

16.12.2014 | Von:
Friedrich Wilhelm Graf

Sünde, Schuld(en) und Recht - Essay

Moralität und Legalität

Die notorische Vieldeutigkeit des Schuldbegriffs hat nicht selten dazu geführt, dass eine wichtige, vor allem von Kant eingeführte Unterscheidung ignoriert wurde: die elementare Differenz zwischen moralischer Schuld und rechtlicher Verbindlichkeit. Kant unterschied mit faszinierender begrifflicher Prägnanz zwischen Moralität und Legalität. Moralische Normen sind von ganz anderer Art als rechtliche Normen, die in einem rechtlich geordneten Gemeinwesen geltenden Gesetze. Positives, das heißt vom Gesetzgeber gesetztes Recht hat für Kant allein die Funktion, das Zusammenleben der als frei anerkannten (und sich wechselseitig in ihrer Freiheit anerkennenden) Bürgerinnen und Bürger zu ermöglichen. Der Rechtsstaat sorge mit seinen Gesetzen dafür, dass die Freiheit des einen mit der anderer zusammen bestehen könne. Seine Gesetze regeln allein das äußere Zusammenleben der Menschen. Aber er darf um der von ihm anerkannten vorstaatlichen Freiheitsrechte der Bürger willen nicht in das Innere der Bürger, ihre Gesinnungen oder ihr Gewissen, eingreifen. Denn griffe der Rechtsstaat in die Eigenwelten des Moralischen ein, wäre er kein freiheitlicher Staat mehr.

Den freiheitlichen Rechtsstaat haben deshalb auch die Motive oder Erwägungen nicht zu interessieren, warum die Bürger Rechtsgehorsam leisten beziehungsweise die staatlichen Gesetze befolgen. Der eine mag dies aus funktionaler Einsicht tun, dass es nun einmal einer äußeren Ordnung des Zusammenlebens bedarf – gerade in einer pluralistischen Gesellschaft der ganz verschieden Lebenden mit je eigenen Weltanschauungen oder Glaubensüberzeugungen. Die andere mag sich aus purer Angst vor der Polizei oder dem Staatsanwalt an die Gesetze halten. Wieder andere mögen staatliches Recht aus religiösen Gründen anerkennen und respektieren, etwa weil sie in ihm die konkrete Manifestation eines aller menschlichen Rechtssetzung vorausliegenden göttlichen Gesetzes, einer lex divina oder lex aeterna sehen. Doch den Staat gehen solche Gründe, kraft derer die Bürger seiner Rechtssetzung folgen, nichts an. Sie gehören ins forum internum ihres Gewissens oder ihrer freien religiösen Überzeugungen.

Trotz aller hilfreichen begrifflichen Unterscheidungen zwischen harten finanziellen Schulden sowie äußerer und innerer, rechtlicher und moralischer Schuld – die Vieldeutigkeit des Schuldbegriffs lässt erkennen, dass es zwischen den religiösen Gehalten des Begriffs und dem ökonomischen, rechtlichen und ethischen Sprachgebrauch auch Zusammenhänge gibt. In allen drei Dimensionen unseres nun einmal von Schuld bestimmten Lebens muss man seine Schuld sich selbst eingestehen und gegenüber anderen bekennen, will man überhaupt als seriös anerkannt werden.

Die uralte religiöse Sündenrede kann jedenfalls dafür sensibilisieren, dass auch die Welt der Wirtschaft und der Rechtskultur sehr viel voraussetzungsreicher, kulturell pfadabhängiger ist, als sowohl in den ökonomischen Theorien von rational choice und nüchternem Interessenkalkül als auch im bisweilen beobachtbaren Juristenglauben an die Selbstdurchsetzung rechtlicher Normativität angenommen wird. Weder gehen Finanzmärkte in Zahlenspielen auf, noch kann das positive, von Menschen gemachte beziehungsweise vom Gesetzgeber gesetzte Recht seine eigene Durchsetzungskraft erzwingen. Gerade der liberale Rechtsstaat bedarf des Rechtsgehorsams der Bürger, kann diesen aber nicht selbst erzeugen. Er kann nur darauf hoffen, dass sich in den diskursiven Verständigungsprozessen der Zivilgesellschaft die Bürger wechselseitig darin bestärken, das positive Recht als unverzichtbare Ordnung ihres Zusammenlebens anzuerkennen.

Aus krummem Holz geschnitzt

Von Kant stammt ein wunderschönes Bild zur realistischen Selbstbeschreibung des Menschen: Wir seien "aus krummem Holz geschnitzt". Niemand denkt immer nur rational, und oft können wir zwischen dem rational Plausiblen und weniger Vernünftigen schon deshalb nicht unterscheiden, weil wir die Situation gar nicht genau kennen und uns elementare Informationen fehlen. So muss man mit der eigenen Fehlerhaftigkeit rechnen und die Selbsttäuschung vermeiden, über alle Bedingungen des eigenen Denkens, Entscheidens und Handelns verfügen zu können. Wer handelt, muss mit nicht beabsichtigten Nebenfolgen rechnen. Selbst gute Absichten können schlechte, kontraproduktive, böse Folgen haben. Wer die eigene Geschöpflichkeit anerkennt, weiß jedenfalls auch um die eigene Endlichkeit.

Dieses Wissen kann für die ökonomisch relevante Einsicht sensibilisieren, dass sich Schulden nicht ins Nichts auflösen, wer auch immer irgendwann einmal zahlen muss. Am besten zahlt man selbst. Denn der Versuch, die eigenen Schulden auf andere abzuwälzen, führt nur in den Teufelskreis sich fortwährend beschleunigender Neuverschuldung. Irgendwann muss man dann einen Offenbarungseid ablegen und seinen Gläubigern eingestehen, dass man zahlungsunfähig ist – nicht selten aus heilloser Selbstüberschätzung.

Und die uralte Glaubenseinsicht in die eigene Sündhaftigkeit kann auch dafür sensibilisieren, die in diesem Leben nun einmal unüberwindbaren Grenzen des Strafrechts zu sehen und anzuerkennen. Selbst außergewöhnlich gute Juristen sind immer auch fehlbare Geschöpfe, nicht frei von Fahrlässigkeit, Missverständnis, falscher oder perspektivisch verkürzter Wahrnehmung. So können Gerichte irren, und alle Richter müssen anerkennen, dass sie den anderen, vor allem dem Angeklagten, nicht ins Herz zu sehen vermögen. Der Angeklagte mag lügen, oder er mag die Wahrheit sagen – niemand (weder sein Verteidiger noch der Staatsanwalt noch der Richter) vermag dies genau zu entscheiden: mit Ausnahme nur des mutmaßlichen Täters und seines potenziellen Opfers. Allein der Angeklagte und sein mögliches Opfer können wissen, wie "der Fall" tatsächlich lag (wobei sie ihn, dies kommt hinzu, ganz unterschiedlich erinnern und deuten mögen). Deshalb muss man gerade auch in liberalen Rechtsstaaten, die zu Recht die Legitimität positiven Rechts betonen, fortwährend an die Fehlbarkeit der im Rechtssystem Handelnden erinnern.

Eine, wohl die wichtigste Sprache der Sensibilisierung für die Irrtumsfähigkeit des Menschen ist die Symbolsprache der hebräischen Bibel (des Alten Testaments der Christen) und des Neuen Testaments. In dieser Sprache wird die Vorstellung vom "Beobachtergott" (Niklas Luhmann) überliefert, der in unsere Herzen zu blicken vermag, dem wir also vollkommen transparent sind (obwohl wir nicht einmal uns selbst transparent sind). Damit eng verbunden ist die Vorstellung vom göttlichen Richter, vor dem jeder und jede am Ende seines beziehungsweise ihres Lebens oder am Ende der Zeiten sich für sein beziehungsweise ihr Tun und Lassen verantworten muss. Diese Rede vom göttlichen Endgericht bedeutet: Weil der gütige Gott im letzten Gericht sein wahrlich kompetentes – er kennt ja unser Inneres besser als wir selbst – Urteil spricht, sind wir davon entlastet, hier und jetzt, unter endlichen Bedingungen richten zu wollen oder müssen. Der "göttliche Richter" befreit uns vom Zwang des arroganten Moralisierens, über andere definitive Urteile zu fällen.

Wer in gläubiger Demut die eigene Sündhaftigkeit wahrzunehmen vermag, kann Widersprüchlichkeit, Ambivalenz und Ambiguität anerkennen. Dies mag dafür sensibilisieren, der juristischen Deutung von "Schuld" nicht das letzte Wort zu lassen. Wer öffentlich von Schuld redet, sollte der eigenen Schuld gewahr bleiben. In genau dem Maße, in dem solche Reflexivität oder Nachdenklichkeit gelingt, lassen sich dann auch die fundamentalen Differenzen zwischen Moralität und Legalität ernst nehmen.

In der moralischen Welt sind wir alle schuldig. Aber im diskursiven Kosmos des Rechts muss man dann noch einmal unterscheiden: Nicht jeder ist ein Verbrecher. Aber jeder und jede ist verantwortlich für seine beziehungsweise ihre Deutungen, Aussagen und Taten. Es ist der gute Eigensinn der Religion, solches Verantwortungsbewusstsein zu stärken, indem sie durch Demut und Ehrfurcht heilloser Selbstüberschätzung wehrt.

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Autor: Friedrich Wilhelm Graf für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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