Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)
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Erfindungen von Sünde und Geschlecht


16.12.2014
Nicht nur in fundamentalistischen Interpretationen biblischer Texte, sondern bis in die symbolischen Ordnungen der Gegenwart hinein wird eine hierarchische Geschlechterordnung aufrechterhalten: Das kulturelle Gedächtnis auch moderner Gesellschaften arbeitet in großen Teilen immer noch mit Bildern weiblicher Nachrangigkeit und Sündhaftigkeit. Frauen werden häufig als Verführerinnen und Verantwortliche für das Böse in der Welt gekennzeichnet. Auch große christliche Traditionslinien wählten die Erzählung vom "Sündenfall", um daraus die Lehre von der "Erbsünde" zu entwickeln. Es zeigt sich jedoch, dass dieses in den Texten der Bibel so nicht einmal vorkommt, obgleich diese ohnehin schon kontextbedingte, literarisch überformte Aufzeichnungen menschlicher Gottesbekenntnisse sind.

Um diese Verkehrungen aufzeigen zu können, müssen einerseits die frühen Texte aus dem Beginn der Hebräischen Bibel, die für das Verständnis von Geschlecht in der Philosophie, Theologie und der Geistesgeschichte bis heute einflussreich sind, sachlich korrekt interpretiert werden; andererseits gilt es, die unheilvolle Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte einer geradezu "erfundenen" frauenfeindlichen Tradition aufzudecken. Darüber hinaus lohnt es sich, die immer schon vorhandenen widerständigen und emanzipatorischen Gegendiskurse, Traditionen und Bilder der Vergangenheit und Gegenwart herauszuarbeiten.

Zwischen Gottesebenbildlichkeit und Sündenfall



Bekanntlich gibt es in der Hebräischen Bibel zwei unterschiedliche Texte, die von der Schaffung des Menschen erzählen. Das Alte Testament ist ein Gebilde, das aus verschiedenen Textstücken beziehungsweise nur aus einer Auswahl an Schriften zusammengesetzt wurde. Es spiegelt die Vorstellungen der Menschen des ersten Jahrtausends v. Chr. wider, die unter bestimmten geschichtlichen Bedingungen jeweils anders über ihre Erfahrungen sprachen.

Der Text, der heute im ersten Buch Mose am Anfang des ersten Kapitels steht, wirkt wie ein Lied von der Schöpfung, die in sieben Tagewerken alles Geschaffene umfasst. Beginnend mit der Schaffung von Himmel und Erde ist das erste Ziel Gottes der Mensch: "Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau." Der Text entstand im babylonischen Exil, wo sich die jüdischen Priester mit den Gestirnkulten und dem Schöpfungsanspruch der babylonischen Götter auseinandersetzten und gegen diese abgrenzten.[1] Entscheidend ist jedoch, dass nach dieser Erzählung alle Menschen Gott ebenbildlich sind, unabhängig vom Geschlecht.

Die zusammengehörigen Kapitel 2 und 3 erzählen einen anderen Schöpfungsbericht, der 500 Jahre älter ist. Wir befinden uns in Eden, einem üppigen, irdischen Garten. Hier steht der Mensch von Anfang an im Mittelpunkt mit seinen Beziehungen zu Gott und zum Mitmenschen. Die Erzählung verläuft folgendermaßen: "Da machte Gott der Herr die Erdlingsfigur (den Menschen, adam) aus Erde (adamah)." Es ist besonders zu unterstreichen, dass adam also kein Eigenname ist. Der adam (Erdling) wird aus der adamah (Mutter Erde) geschaffen und bezeichnet die Menschheit insgesamt. Es ist ein Kollektivbegriff, von dem es keinen Plural gibt und der geschlechtlich noch unbestimmt bleibt – dies ist der zentrale Aspekt der Interpretation dieser Kapitel. Adam und adamah bilden somit das erste und wichtigste Wortspiel im Buch Mose. Das bedeutet: Alle Erzählungen der Urgeschichte beziehen sich immer auf alle Geschlechter: das Essen vom Baum der Erkenntnis, die Vertreibung aus dem Garten und später das Sterben in der Sintflut.

In einem weiteren Schritt wird erzählt, dass Gott wollte, dass die Erdlingsfigur nicht allein ist: "Es ist nicht gut, dass die Erdlingsfigur allein sei, ich will eine Hilfe schaffen als Gegenüber." Im Urtext ist "Hilfe" kein abwertendes Wort. Und ein passendes Gegenüber kann die zweite Figur nur sein, wenn sie ebenbürtig ist. Es wird kein gänzlich anderer zweiter Mensch aus Erde geschaffen, der zweite ist Teil des ersten. Hier wird der Mensch in der idealen Beziehungshaftigkeit gezeigt. Erst später wurde dem einfachen Wort "Erdling" an einigen Stellen nun "und seine Frau" hinzugefügt, wodurch Ersterer erst zu einem männlichen Wesen wird. Die Zufügung gilt auch für die Szene der Versuchung: "Adam und seine Frau waren nackt." Es sind vor allem diese Einträge, aus denen später eine vermeintliche Nachrangigkeit der Frau interpretiert wurde.[2]

Kapitel 3, dessen Thema der "Sündenfall" ist, schildert den vorfindlichen Zustand der Welt und kann als eine Gleichniserzählung über die Versuchung der menschlichen Abkopplung von Gott verstanden werden. Auch wenn es darin keinesfalls darum geht, wie Sünde und Laster in die Welt kommen, wurde die Szene der nackten Frau mit der Schlange zentral für die Abwertung der Frauen als Schuldige für das Böse in der Welt. Doch sind solche Interpretationen nicht haltbar. Die Darstellung folgte altorientalischer Ikonographie, in der einerseits Baum und Frau und Baum und Göttin miteinander verwoben waren und andererseits die Ernährung die Domäne der Frauen war. Erst später wurde die Geschichte zusätzlich erotisch aufgeladen.


Fußnoten

1.
Für die Babylonier waren in Prozessionen herumgetragene Standbilder "Hoheitszeichen" ihrer Götter. Das Buch Mose dagegen betont, dass Gott keine anderen Hoheitszeichen haben möchte als den Menschen. Die Betonung der beabsichtigten Erschaffung eines männlichen und weiblichen Menschen ist im Vergleich mit den (älteren) altorientalischen Mythen einzigartig. Auch dies ist ein Glaubensbekenntnis in Abgrenzung zur babylonischen Religion, die Frauen nur eine mindere Rolle zuerkannte.
2.
Ein weiteres Wortspiel stammt nicht aus der Vorlage, sondern ist eine Schöpfung des Verfassers, dem es vor allem um Beziehungen ging: is und issah, Mann und Frau. Auch hier wird durch die Konstruktion "adam und seine Frau" ein Zugang für spätere abwertende Auslegungen eröffnet. Vgl. zu dem gesamten Zusammenhang Helen Schüngel-Straumann, Antike Weichenstellungen für eine gender-ungleiche Rezeption des sog. Sündenfalls (Gen 3), in: Helga Kuhlmann/Stefanie Schäfer-Bossert (Hrsg.), Hat das Böse ein Geschlecht? Theologische und religionswissenschaftliche Verhältnisbestimmungen, Stuttgart 2006, S. 162–169.
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Autor: Ulrike Auga für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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