Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)

16.12.2014 | Von:
Ulrike Auga

Erfindungen von Sünde und Geschlecht

Sünde und Geschlecht in der christlichen Theologiegeschichte

Die theologische Umsetzung nahm in weiten Kreisen eher verengende Wege. Aus den Schöpfungsgeschichten wurde eine angeblich gottgewollte Unterordnung von Frauen unter Männer gefolgert. Die Wirkungsgeschichte der verzerrten Paradieserzählung aus den Kapiteln 2 und 3 des ersten Buch Mose entwickelte sich unter dem Einfluss der griechischen Philosophie in der Theologie weiter. Mit der Aufnahme des griechischen Seele-Leib-Dualismus wurde der Körper abgewertet und die Gottesebenbildlichkeit auf die Seele reduziert. Augustinus von Hippo (354–430) behauptete, die Gott ebenbildliche Seele der Menschen stelle die Herrschaft Gottes über die Natur dar. Da aber nur der Mann die Fähigkeit zur Herrschaftsausübung besitze, die Frau aber "Natur" sei, müsse sie unter dem Mann stehen.

Auch für den einflussreichsten Theologen des Hochmittelalters, Thomas von Aquin (1225–1274), war die Frau ein defizitärer Mensch. Er rezipierte Aristoteles mit dem Ziel, die christliche Heilsbotschaft und kirchliche Dogmen mit der philosophischen Tradition der Antike zu vereinbaren. Einerseits setzte er voraus, dass Frauen und Versklavte nicht von vornherein vom summum bonum (vom "Höchsten Gut") ausgeschlossen sein können. Anderseits fuhr er fort, die intellektuelle Mangelhaftigkeit des weiblichen Geschlechts und seine Unterordnung bis zur Wiedergeburt zu rechtfertigen. Diese theologischen Darstellungen fanden ihren Niederschlag auch in der christlichen Kunst. Die bis heute wirkmächtigen Bilder entsprangen insbesondere den Werken der Renaissance. Menschliche Körper wurden in einer neuen Nacktheit abgebildet, die zunächst gleichermaßen Männern und Frauen galt. In der Folge richtete sich der Fokus auf die Frau, die zum erotisierten "Objekt der Begierde" wurde. Andererseits wurden nun die Frau und der Sündenfall analog betrachtet. Es bildeten sich feste Bildformeln und Darstellungsthemen, die die Kunstschaffenden bis in die Moderne beibehielten – dies gilt übrigens auch für säkulare Vertreterinnen und Vertreter expressionistischer Kunst und frühe Filmwerke. Häufig hat die Schlange, die vom Baum aus die Frau anschaut, ein weibliches Gesicht oder auch einen weiblichen Oberkörper. Die Frau und das Böse wurden so letztlich gleichgesetzt. Diese häufig abwertenden, ja, Frauen Gewalt antuenden Bilder beeinflussen das kollektive Gedächtnis bis heute.

Doch gibt es bereits im Frühchristentum und durch das Mittelalter hindurch bis in die Gegenwart verschiedene Gegenbilder in der christlichen Tradition selbst. Unter dem Einfluss des Platonismus, etwa bei Gregor von Nyssa (335–394), wurde Ungeschlechtlichkeit zum Beispiel als paradiesische Form des Menschseins verstanden. Und Hildegard von Bingen (1098–1179) erhielt Visionen und Auditionen, die sie in Texten und Bildern festhielt, die eine nachhaltige Gegenwirkung sowohl für die Theologie- wie für die Bildgeschichte besitzen. In ihren Visionen weist die göttliche Stimme das negative Bild von Eva zurück und lobt die gerade erschaffene Eva als besonderen Glanz der Schöpfung. Der Mann, aus dem Erdboden stammend, habe das Privileg der physischen Stärke, welche er für die Arbeit des Ackerbaus brauche. Die Frau dagegen sei aus einer feineren Materie, der menschlichen Leiblichkeit erschaffen. Ihr komme der Vorteil von geschickten Händen zu, die sie für die Kinderfürsorge und Anfertigung von Textilien brauche. Hildegard zeichnete die Frau als beim Sündenfall von der Schlange stärker betrogen und daher weniger als sündigend, wodurch das besondere Erbarmen Gottes hervorgerufen wurde.

Der Fall des Menschen nach Hildegard von BingenDer Fall des Menschen nach Hildegard von Bingen (© Abtei St. Hildegard, Eibingen)
In Vision I, 2 und der dazugehörigen Miniatur, die vermutlich vor 1195 entstand (Abbildung), ist es die verführerische Schlange des Sündenfalls, die den Menschen kopfüber aus der lichterfüllten Welt in die Hölle stürzt. Der liegende Adam fällt in die Finsternis. Aus seiner Seite tritt eine Wolke hervor, die die Erschaffung Evas symbolisiert. "So denn wehte er (der Wind, Anm. U.A.) in diesem klaren Gebiet, die blendendweiße Wolke, die von einer schönen Gestalt eines Menschen hervorgegangen war, viele, Sterne in sich bergend, an."[5] Indem Eva als lichtvoll dargestellt wird, bildet sie einen starken Gegensatz zur Dunkelheit der teuflischen Finsternis. Die Sterne im Inneren der Eva-Wolke symbolisieren die Nachkommenschaft der Mutter des Lebens. Hildegards Miniatur entzieht sich durch die abstrahierende Darstellungsweise der Eva und die ungeschlechtliche Figur Adams der Konstruktion eines vergeschlechtlichten Paares und damit "sündigen" weiblichen Körpers.

Moderne Geschlechterkontroversen

Trotz bestehender Gegenbilder hat sich im allgemeinen kulturellen Gedächtnis das Bild von der Frau als Sünderin hartnäckig verankert. Dies zeigt sich zum Beispiel auch an popkulturellen Produkten – wie etwa der US-amerikanischen TV-Serie "Desperate Housewives" (2010/2011). So ist die Verpackung der DVD mit Bildern illustriert, die die Frage nach Sünde und Geschlecht in die Gegenwart überführen – und eindeutig beantworten: Die Frauen werden in der falschen symbolischen Gefolgschaft der Eva als Verantwortliche für die Sünde betrachtet. Während auf der Rückseite ein Gemälde Lucas Cranachs zu sehen ist, das Eva mit dem Apfel vom verbotenen Baum zeigt, werden auf der Vorderseite die Protagonistinnen als in die Domäne des Haushalts gehörend dargestellt, weniger intellektuell, jedoch von Sexualität durchdrungen.[6] Wie kommt es zu der Beschreibung als defizitär und sexualisiert?

Von der Antike bis zur Renaissance bestand ein vertikales, hierarchisches Ein-Geschlechter-Modell. Die Verschiedenheit der Geschlechter wurde nur als eine graduelle "Abweichung" des Frauenkörpers vom Männerkörper verstanden. Seit dem späten 18. Jahrhundert sprechen wir vom neuzeitlich-horizontalen Differenzmodell, denn nun wurde ein bipolarer, wesenhaft verstandener Gegensatz zwischen "männlichem" und "weiblichem" Körper behauptet.[7] Mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft kam es zur Verfestigung der Differenz als hierarchisch strukturiertem Naturverhältnis. Im Kontext der Aufklärung wurden nun Subjekte betont und definiert durch ihren Geschlechtscharakter als Männer und nachgeordnete Frauen. Es kam zur Trennung von Familie und bürgerlicher Gesellschaft. Frauen wurde dabei der Bereich der Familie und des Haushalts zugewiesen – mit der Folge der Festschreibung des weiblichen Geschlechtscharakters als vermeintlich minderwertig. Dem gegenüber steht die nach rechtlichen Prinzipien organisierte bürgerliche Gesellschaft, die beansprucht, Ort des wahrhaft Humanen zu sein und das Prinzip der Gleichheit und Gerechtigkeit zu pflegen, was jedoch allein den Männern vorbehalten blieb.

Darüber hinaus gelangte der Begriff der Sexualität ab Ende des 18. Jahrhunderts gesellschaftlich auf einen Höhepunkt. Der französische Philosoph Michel Foucault (1926–1984) beschrieb, wie die abendländische Gesellschaft vom Christentum beeinflusst einen ganzen Apparat (Institutionen wie Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse) in Gang setzte, um wahre Diskurse über Sex zu produzieren. Die Problematisierung und Kontrolle der Sexualität im 19. Jahrhundert habe sowohl ökonomischen Interessen gedient, aber sich auch in die allgemein die westlichen Gesellschaften prägenden Kontroll-, Wissens- und Machtverhältnisse (das Dispositiv) eingefügt. Foucault unterscheidet dabei vier Vorgänge, durch die das Sexualitätsdispositiv immer mehr Macht-Wissen und Kontrolle über den Körper produziert habe: Erstens sei der weibliche Körper als besonders von der Sexualität durchdrungen begriffen worden; er nennt dies die Hysterisierung des weiblichen Körpers. Zweitens sei angenommen worden, dass kindliche Sexualität, speziell die Selbstbefriedigung, eine gesellschaftlich-moralische Gefahr in sich berge. Drittens hätte man sich gesamtgesellschaftlich stärker um Geburtenkontrolle gesorgt. Und viertens seien bestimmte sexuelle Praktiken als falsch und pervers eingestuft worden, was zu Versuchen geführt habe, diese "Krankheiten" zu korrigieren.[8] In der Folge blieben die Vorstellungen insbesondere vom weiblichen Körper an Sexualität gebunden. Gleichzeitig unterliegt er einer besonderen sozialen Regulierung, um die "reine" Reproduktion des eigenen Kollektivs zu garantieren.

Viele aktivistische Bewegungen, theoretische, philosophische, theologische Ansätze sowie künstlerische Äußerungen und Inszenierungen bemühen sich seit Jahrhunderten darum, symbolische Festschreibungen von Geschlechterhierarchien und daran gebundene Zuschreibungen von Sünd- oder Lasterhaftigkeit zu überwinden und Gegenbilder zu kreieren. Für die Gegenwart ist Judith Butlers Gendertheorie von großer Bedeutung. Sie vertritt die These, dass substanzielle, dem Menschsein vorgeordnete Identitätskategorien von "Frau" oder "Mann" nicht haltbar sind. Die Vorstellung einer verfestigten Geschlechtsidentität als ein "Hierarchieprinzip" sei eine "regulierende Fiktion", denn sie besitze keine Wesenheit, sondern erweise sich als "erzeugt". Menschen würden ihr ganzes Leben lang – sogar bereits im Mutterleib – durch die Anrufung mit bestimmten Attributen als "weiblich" oder "männlich" markiert.[9]

Die Konstruktion von Geschlecht wird innerhalb einer "heterosexuellen Matrix" hervorgebracht, die wiederum die Einheit von Geschlecht, Subjekt und Sexualität normiert. Daher werden Positionen, die nicht den Normen entsprechen, als Fehlentwicklungen, logische Unmöglichkeiten und Krankheiten von der dominanten Mehrheitsgesellschaft abgewehrt. Daraus ergibt sich, dass kritische Geschlechterforschung helfen sollte, die Handlungen oder Subjektpositionen, die bisher aus dem dominanten Diskurs ausgeschlossen waren, zu ermöglichen. Dort, wo Staat und Glaubensgemeinschaften Anerkennung versagen, können andere Formen der Anerkennung gefunden werden. Das gilt für nicht der jeweiligen Norm entsprechende "weiblich" und "männlich" inszenierte Subjektpositionen wie für Liebes-, Sorge- und Verwandtschaftsverhältnisse von Menschen, die lesbisch, schwul, bi-, trans-, intersexuell oder queer (LSBTIQ) leben. Es geht darüber hinaus auch um die Suche nach der Wiedereinsetzung verworfener Subjektpositionen in das Symbolische.[10]

Bei der Durchsicht der Bilderfluten in den Internetarchiven der Gegenwart ist es kaum möglich, nicht abwertende Bilder von Frauen zu finden, wenn es um die symbolische Geschlechterordnung im Kontext ethischer Fragen geht. So ist es nicht verwunderlich, dass geschlechterbasierte Gewalt nicht aufhört, denn rechtliche Verordnungen löschen nicht die Bilder in den Köpfen. Um die Gewalt der symbolischen Ordnungen und der Wissenssysteme langfristig zu überwinden, liegt es in der Verantwortung von Aktivistinnen und Aktivisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Künstlerinnen und Künstlern, von Menschen gleich welcher Beschäftigung, widerständiges Wissen und neue Bedeutungen entstehen zu lassen.

Fußnoten

5.
Hildegard von Bingen, Liber Scivias, in: dies., Wisse die Wege, nach dem Originaltext des Rupertsberger Kodex, übersetzt von Maura Bökeler, Salzburg 1975 (Berlin 1928), Vision I, 2,10 (19).
6.
Für eine Ansicht der DVD-Hülle siehe http://www.covershut.com/covers/Desperate-Housewives-Season-2-Extra-Juicy-Edition-Front-Cover-31779.jpg« (3.12.2014).
7.
Vgl. Thomas W. Laqueur, Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud, München 1996².
8.
Vgl. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt/M. 1983.
9.
Vgl. Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/M. 1991, S. 49.
10.
Vgl. Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt/M. 2009.
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Autor: Ulrike Auga für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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