Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)

16.12.2014 | Von:
Dirk Schindelbeck

Vom Überlebensmittel zum Laster: Zur Kulturgeschichte der Zigarette

Erster Weltkrieg: Zigarette als Überlebensgut

Der Beginn des Ersten Weltkriegs stürzte die deutsche Gesellschaft in eine bis dahin nicht gekannte Belastungsprobe – vor allem durch die Trennung der Geschlechter einerseits in die Männer im Feld, andererseits in die in der Heimat verbliebenen Frauen. Natürlich wirkten sich die Kriegsverhältnisse auch auf Produktion, Absatz und Konsum der Zigarette unmittelbar und massiv aus; es begann die Zeit ihrer Bewirtschaftung und Kontingentierung. Um das Millionenheer soldatischer Verbraucher mit Tabakfabrikaten zu versorgen, wurde eine Zentrale eingerichtet, die deren Produktion und Verteilung organisierte. Jeder im Felde stehende Soldat erhielt fortan zu seiner täglichen Lebensmittelration auch ein Quantum an Tabakwaren als sogenannte Feldkost. Die in Deutschland auch während des Krieges noch privatwirtschaftlich arbeitende Zigarren- und Zigarettenindustrie wurde verpflichtet, diese Raucherwaren "für Heer und Flotte" zu fertigen.

Unter den zunehmend schärfer werdenden Mangelbedingungen veränderten sich Funktion, Gebrauchswert und Bedeutung der Zigarette im Lebensalltag ihrer Konsumenten radikal. Schon zuvor als positiv konnotierte Raucherware wahrgenommen, die gemeinschaftsstiftend wirken und die Gestensprache geschlechterübergreifend bereichern konnte, wurde sie in der soldatischen Männergesellschaft an der Front zu einem Überlebensmittel. Kein anderes Konsumgut kam ihnen physisch wie psychisch so nah wie sie, wurde ebenso inständig begehrt und zugleich auch verflucht – vor allem wegen der ständig nachlassenden Qualität im Kriegsverlauf durch Streckungen des Tabaks mithilfe von Ersatzstoffen wie Hopfen oder gedörrtem Buchenlaub.

Auto(bio)grafische Zeugnisse von Soldaten wie Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Kriegsromane, Zeichnungen und Fotografien geben Auskunft darüber, welch überragende Bedeutung die Zigarette im Kriegsalltag für viele von ihnen dennoch besaß. Wo immer sich inmitten von fühlbarem materiellen Mangel und Fremdbestimmung durch militärische Befehlsstrukturen noch kleine bis kleinste Freiräume ergaben, war sie präsent, konnte Entlastung bieten, Bei-sich-Sein zulassen, Träume befördern und selbst noch dort das Gefühl eines selbstbestimmten Handelns vermitteln, wo in der Realität nur die bedrückende Erfahrung des Ausgeliefertseins herrschte. Was die heutigen Defizite der Zigarette zu beschreiben so präzise ermöglicht, machte sie in der Notgemeinschaft des Krieges in jeder Hinsicht also umso wertvoller und unverzichtbarer: physiologisch, sozial und symbolisch.

Physiologischer Mehrwert

Immer wieder räumen Soldaten in Selbstaussagen ein, dass sie den Krieg nur ertragen und überstanden hätten, da sie durch ihn zu Rauchern geworden seien. Schließlich musste ihnen die Zigarette allzu oft sogar Nahrungsersatz werden, etwa wenn die Essensträger aufgrund von Feindbeschuss nicht bis in die vorderen Schützengräben durchkamen, in denen sie tagelang ausharren mussten. Immer wieder war sie ihnen auch das einzig verfügbare Mittel, die Müdigkeit zu vertreiben und die Konzentration während öder Wachdienste oder stundenlangen angestrengten Beobachtens feindlicher Stellungen und Drahtverhaue aufrecht zu erhalten. Sie war ebenso unverzichtbar, die sich endlos hinziehenden Stunden des Leerlaufs im rückwärtigen Unterstand zu ertragen wie umgekehrt in Momenten höchster Anspannung im Gefecht die Nerven zu beruhigen. Davor konnte sie aufputschen, danach Entspannung verschaffen.

Natürlich waren sich die Soldaten über die nicht nur positiven Wirkungen des Rauchens auf ihr Nervensystem und ihren Gesundheitszustand bewusst – allein der psychische Dauerstress und die vielfältigen Entbehrungen an der Front machten den Griff zur Zigarette für sie unausweichlich. Stellvertretend für viele ähnliche Tagebucheinträge fasste der Soldat Franz Kögler im März 1915 seine Erfahrungen an der Front so zusammen: "Der Verlauf eines solchen Schützengrabentages brachte (…) eine Unsumme von Arbeit und Ärger in Fülle. Und solche Tage reihten sich zu Wochen, die Wochen zu Monaten. Es ist merkwürdig, dass man das alles erträgt. Der Mangel an Schlaf ist wohl am empfindlichsten. Ich habe mich freilich durch große Mengen schwarzen Kaffees und starkes Rauchen aufreizen müssen, um immer, wenn es notwendig war, wach zu bleiben. Wenn man nicht ununterbrochen im Freien gewesen wäre, hätte das nicht unbedenkliche gesundheitliche Störungen bringen müssen."[2]

Sozial(psychologisch)er Mehrwert

Abbildung 1: Soldat mit Zigarette vor Mörserkanone, Isonzofront, Slowenien 1917Abbildung 1: Soldat mit Zigarette vor Mörserkanone, Isonzofront, Slowenien 1917 (© ÖNB/Wien, Kriegspressequartier (WK1/ALB071/ 20445))
In den Schützengräben verlor das Geld die Funktion, die es im Zivilleben zuvor besessen hatte, mit einem Schlag. Dafür entwickelte sich eine rege Tauschwirtschaft, da fast jeder Handel unter den Soldaten nur noch über das Wertzeichen "Zigarette" ablief. Dieses System regelte aber nicht nur untereinander den Warenaustausch, sondern diese geldwerte Tabakware bestimmte zunehmend auch den Handel mit der Bevölkerung besetzter Gebiete. Selbstverständlich war sie darüber hinaus das gegebene Mittel für jede Form von Bestechung. Ebenso bildeten sich über ihren Besitz und Nichtbesitz beziehungsweise über gute und schlechtere Qualitäten ("Offizierszigaretten") Rangordnungen und Hierarchien ab, die damit auf subtile Weise sogar den militärischen Apparat stabilisierten.

Auffällig ist, welch große Rolle die Zigarette auch in überlieferten Bilddokumenten spielt, die Soldaten im Feld zeigen. Kein anderes Requisit erschien ja besser geeignet, die Abgebildeten in Heldenpose als besonders männlich oder weltmännisch erscheinen zu lassen. Unwillkürlich erinnern viele solcher Aufnahmen an Idealvorstellungen vom tapferen Krieger, wie sie sich bereits zuvor als stehender Topos in zeitgenössischen Studiofotografien herausgebildet hatten. Ein sinnfälliges Beispiel dafür stellt die Aufnahme dar, die einen Soldaten vor einer großen Kanone zeigt (Abbildung 1). Er präsentiert sich mit geradezu aufreizend lässig gehaltener Zigarette als souveräner Beherrscher dieses gewaltigen Mörsers mit seinem 30-cm-Kaliber, der bezeichnenderweise den Spitznamen "Rosa" trug.

Abbildung 2: Anzeige der Dresdner Firma Yenidze, vor 1916Abbildung 2: Anzeige der Dresdner Firma Yenidze, vor 1916 (© Karin Plessing)
Sicherlich gefiel dieses Bild, das Unerschrockenheit, ja Unbezwingbarkeit vermittelte, auch dem Abgebildeten selbst. Aufnahmen, die solche Botschaften transportierten, machte sich natürlich die Propaganda zunutze und brachte sie gezielt in Umlauf, um dadurch die Heimatfront zu beruhigen, Siegesgewissheit zu verbreiten und den Durchhaltewillen zu stärken. Auch den Zigarettenproduzenten waren solche Motive, die sie für die Bewerbung ihrer Produkte nutzen konnten, höchst willkommen. Als vom Schlachtentoben hinter ihm völlig unbeeindruckt präsentiert sich so der Krieger mit der Pickelhaube als Musterkonsument der Marke Salem Aleikum von 1915 (Abbildung 2).

Die soziale und psychologische Bedeutung der Zigarette im Feld ist also kaum zu unterschätzen; einerseits konnte sie Gleichheit schaffen und Gemeinschaft stiften, ebenso gut aber auch helfen, Distanz zu wahren und (Befehls-)Hierarchien zu betonen oder gar zu untermauern. Ernst Jünger, der als Offizier gewöhnlich nur Pfeife oder gute Zigarren rauchte, nutzte sie sehr geschickt, um einerseits die Nähe zu den ihm untergebenen, "nur" Zigarette rauchenden Mannschaftsdienstgraden zu suchen, andererseits ihnen gerade dadurch seine Überlegenheit an Mut und Coolness eindrucksvoll zu demonstrieren: "Als das Schießen kein Ende nahm, zündete ich mir, allen sichtbar, stehend eine Cigarette an und befahl, bis zur Hecke vorzugehn und dort mit geringem Abstand Deckung zu nehmen (…) Dies war das erste Mal, dass ich einen Zug im Feuer kommandierte und ich merkte den Leuten auch an, dass mein Benehmen ihnen imponiert hatte."[3]

Wo angesichts des mörderischen Kriegsgeschehens schließlich die Worte versagten, konnte eine gemeinsam gerauchte Zigarette als einzig verbliebene Austauschhandlung noch Kontakt zwischen Kameraden schaffen oder halten. Das beschreibt Edlef Koeppen in seinem Roman "Heeresbericht": "Der Feind trommelt. Hunger? Nein. Durst? Nein. Rauchen? Ja. Reisiger langt in die Tasche, in der das Verbandszeug ist, zieht zwei Zigaretten heraus. Eine bekommt Winkelmann (…) Sie reißen den Rauch in die Lungen, sie blasen ihn zwischen ihren Knien hindurch an die Erde. Der Feind trommelt. Reisiger sieht Winkelmann in die Augen, lächelt, zeigt auf die Zigarette, nickt. Winkelmann lächelt auch, nickt wieder. Der Feind trommelt. Es beginnt zu regnen. Der Regen ist dicht wie Nebel. Die beiden nehmen ihre Zigaretten in die Höhlung zwischen die Hände, dass sie nicht feucht werden. Feuer am Rand des Loches. Die beiden rutschen auf den Boden, müssen beim Fall die Zigaretten in die Lehmschmiere stecken. Aus. Der Feind trommelt …"[4]

Fußnoten

2.
Franz Kögler, Meine Kriegserlebnisse. 1. Weltkrieg, Ostfront, Juni 1914 bis September 1915, o.O., ca. 1920, aus: http://www.europeana1914-1918.eu/en/contributions/170« (21.12.2014), S. 42f.
3.
Ernst Jünger, Kriegstagebuch 1914–1918, hrsg. von Wolfgang Kiesel. Historisch-kritische Ausgabe, Stuttgart 2010, S. 42.
4.
Edlef Koeppen, Heeresbericht, Hamburg 2004 (zuerst 1930, 1933 verboten), S. 248.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Dirk Schindelbeck für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.