Schaufensterpuppen mit Sale-Schildern

23.12.2014 | Von:
Carolin Neugebauer
Gerhard Schewe

Wirtschaftsmacht Modeindustrie – Alles bleibt anders

Zwölf Kilogramm Bekleidung kauft im Schnitt jeder Deutsche im Jahr. Neun von zehn dieser Kleidungsstücke kommen aus Ländern, die nur geringe Lohn- und Produktionskosten aufweisen. Mehr als 50% der nach Deutschland importierten Ware stammt aus Asien, insbesondere aus China, der Türkei und Bangladesch. Die Produktionssituation in Deutschland ist eine ganz andere. Schneidereien existieren kaum noch, Unternehmen mit deutscher Produktion bilden die Ausnahme. Hierzu gehören beispielsweise die Unternehmen Trigema, Seidensticker oder auch teilweise Boss. Seit Jahren sinkt die Zahl der Beschäftigten – 2011 arbeiteten rund 12000 weniger Beschäftigte in der Industrie als noch 2008.[1] Doch wie kam es dazu? Im Folgenden zeigen wir auf, was die Textil- und Bekleidungsindustrie ausmacht und wie sich ihre Entwicklung bis heute vollzogen hat.

Modeindustrie als Teil der Textilwirtschaft

Die Modeindustrie, die vielfach auch als Bekleidungsindustrie bezeichnet wird, ist Teil der Textilwirtschaft. Die Textilwirtschaft bezeichnet den Prozess der Verarbeitung und Distribution von textilen Gütern – mehrstufig von der Faser bis zum Verkauf.[2] Die Begriffe Textil- und Bekleidungsindustrie als Prozessstufen der Textilwirtschaft werden heute häufig als Synonyme verwendet. Jedoch muss hier unterschieden werden: Textilien – Faserstoffe sowie Roh-, Halb- oder Fertigfabrikate – sind Gefüge aus Naturfasern (pflanzlich, tierisch, mineralisch) oder Chemiefasern (synthetisch, anorganisch). Die Textilindustrie besteht aus Betrieben, die Textilwaren erzeugen oder bearbeiten. Vier Produktionsbereiche lassen sich dieser Industrie zuordnen: Faseraufbereitung (Vorbereitung der Spinnstoffe), Faserverarbeitung (Herstellung von Garnen), Garnverarbeitung (Wirken, Stricken, Weben) und Konfektion (Verarbeitung zu textilveredelten Flächen: Bekleidung, Heim- und Haustextilien sowie technische Textilien).

Unternehmen der Bekleidungsindustrie erstellen das Design der Bekleidung, stellen die Kleidung her und vertreiben diese. Die Unternehmen können die Kollektionen und Serien selbst fertigen (komplette Eigenproduktion), aber auch von ausländischen Zulieferern fremdbeziehen. Die Bekleidungsindustrie verarbeitet den größten Anteil der Erzeugnisse aus der Textilindustrie weiter zu Damen-, Herren- und Kinderoberbekleidung, Miederwaren und Wäsche, Berufs- und Sportbekleidung sowie sonstigen Bekleidungserzeugnisse.

Die Entwicklung der Kollektion bildet die erste Wertschöpfungsstufe der Bekleidungswirtschaft.[3] Die Marketing-, Verkaufs- und Fertigungsabteilungen sowie Trendscouts müssen feststellen, ob die Modelle marktfähig und produzierbar sind. Darauf aufbauend werden erste Prototypen in Deutschland oder im Ausland erstellt und finalisiert. Es folgt die Orderphase. Einzelhändler können in Showrooms die Modelle begutachten und bestellen. Die Kapazitäten zur Produktion werden oftmals lange im Voraus bei den Lieferanten geblockt.[4]

Geschichte der Textil- und Bekleidungsindustrie

Die erste vorindustrielle Ausprägung einer Textil- und Bekleidungsbranche in Westeuropa ist dem Mittelalter zuzuordnen. Während die Bauern gesponnene Garne zur Weiterverarbeitung anfertigten, nutzten die Hausweber diese dezentrale, ländliche Produktion zur Textil- und Bekleidungsproduktion. Der Vertrieb der Produkte wurde durch sogenannte Verleger (Händler) zentral gesteuert und führte zur Entstehung einer Textil- und Bekleidungsbranche mit Zünften.[5]

Das schnelle Bevölkerungswachstum, neue Absatzmärkte und eine rasche räumliche Ausbreitung führten im 16. und 17. Jahrhundert zu einer Neustrukturierung des Marktes. Neue Verkehrsnetze wurden gebildet, die den Handel von Produkten und Waren enorm erleichterten. Einen wichtigen Grundstein für die heutige Textil- und Bekleidungsindustrie lieferten technologische Entwicklungen – von der einfachen maschinellen Verarbeitung bis hin zu einer industriellen Struktur mithilfe der Mechanisierung der Baumwollherstellung. Aufgrund kolonialer Beziehungen zu Indien und den amerikanischen Südstaaten sowie seiner starken Seemacht erarbeitete sich England in dieser Phase eine einzigartige Import- und Exportstellung.[6] Hinzu kamen zahlreiche Erfindungen, die die weltweite Ausnahmestellung Englands verfestigten.[7] Der Bau von Textilmaschinen wurde professionalisiert, und es entstand ein eigener Wirtschaftszweig.[8]

In Deutschland wurde das englische Produktions- und Verkaufsniveau von 1788 erst 1835 erreicht. Die Hochkonjunktur ab Mitte des 19. Jahrhunderts führte zu einer steigenden Textilnachfrage und einem Ausbau der Infrastruktur.[9] Trotzdem nahm die Relevanz der Textil- und Bekleidungsindustrie in Deutschland erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts deutlich zu. Zwischen 1880 und 1895 stieg die Anzahl der Textilbetriebe um 50% auf 3260, die Anzahl der Beschäftigten in den Betrieben um fast 70% auf über 580.000.[10] Mit dem Anstieg der Produktion chemischer Fasern ab 1933 konnte die Dominanz Englands gebrochen werden.[11] Die kurze Boomphase endete mit Beginn des Zweiten Weltkrieges. Nahezu die Hälfte der Arbeitskräfte wurde für die Kriegsführung benötigt, Fabrikanlagen zu Produktionsanlagen für die Rüstungsindustrie umgebaut. Neue Akteure in der Textilindustrie erschienen auf dem Markt: Asien, Südamerika, Australien und Afrika konnten im Schatten des Krieges eine moderne Textilindustrie aufbauen.[12] In der Nachkriegszeit bestimmte eine erhöhte Nachfrage nach Kleidung und der technische Neuaufbau nach den Zerstörungen durch den Krieg die Branche. In den 1950er Jahren konnte die deutsche Textilindustrie ihre Umsätze, insbesondere durch den verstärkten Einsatz von Chemiefasern, steigern.[13]

Fußnoten

1.
Vgl. Julian Rohrer, Der viel zu hohe Preis der Billig-Klamotten, 20.4.2013, http://www.focus.de/finanzen/news/tid-28299/kleidung-aus-billiglohn-laendern-in-fast-jedem-kleiderschrank-stecken-billig-klamotten_aid_868874.html« (5.12.2014).
2.
Vgl. Tilman Altenburg et al., E-Business und KMU. Entwicklungstrends und Förderansätze, Bonn 2002.
3.
Vgl. Ebbo Tücking, Die deutsche Bekleidungsindustrie im Zeitalter der Globalisierung, Münster 1999.
4.
Vgl. T. Altenburg et al. (Anm. 2).
5.
Vgl. Bettina Strube, Entwicklung der Textil- und Bekleidungsindustrie, Berlin 1999.
6.
Vgl. Karl Ditt, Die Industrialisierung in Baumwoll- und Leinenregionen Europas. Eine Einführung, in: Karl Ditt/Sidney Pollar (Hrsg.), Von der Heimarbeit in die Fabrik, Paderborn 1992, S. 1–42.
7.
Vgl. Hans Rudin, Die Textilindustrie um die Jahrtausendwende, Zürich 1986.
8.
Vgl. K. Ditt (Anm. 6).
9.
Vgl. Michael Breitenacher, Textilindustrie im Wandel, Frankfurt/M. 1989.
10.
Vgl. Friedrich Zahn, Die Entwicklung der deutschen Textilindustrie, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, 3 (1898) 15, S. 781–792.
11.
Vgl. M. Breitenacher (Anm. 9).
12.
Vgl. Jörg Roesler, Ausgangsbedingungen und Entwicklung der Textilindustrie beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus in der DDR (bis 1960), in: Industriezweige in der DDR 1945 bis 1985, Berlin 1989, S. 71–104.
13.
Vgl. B. Strube (Anm. 5).
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Autoren: Carolin Neugebauer, Gerhard Schewe für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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