Schaufensterpuppen mit Sale-Schildern

23.12.2014 | Von:
Carolin Neugebauer
Gerhard Schewe

Wirtschaftsmacht Modeindustrie – Alles bleibt anders

Verlagerung der Produktionsstätten: Im- und Exportsituation in Deutschland

Grundsätzlich können innerhalb des Strukturwandels drei Arten der Verlagerung der Produktion in das kostengünstigere Ausland unterschieden werden. Die komplette Produktion im Ausland – entweder selbstständig durch einen lokalen Anbieter oder nach detaillierten Angaben durch den Kunden – wird als Vollimport bezeichnet. Dies ist mit höheren Anforderungen an den Lieferanten belegt. So müssen Vorprodukte selber beschafft, die Bekleidung gefärbt, gewaschen und verpackt werden. Bei der Lohnfertigung im Ausland nimmt der Auftraggeber im eigenen Land Fertigungsschritte selbst vor. Hierzu gehört oftmals die passive Lohnveredelung, also die Lieferung der Stoffe an die Produzenten. Zumeist werden die Stoffe im Produktionsland dann zugeschnitten, gelegt und letztendlich vernäht. Als letzte Art der Produktionsverlagerung ist die Eigenfertigung in Auslandsniederlassungen zu nennen. Durch eine steigende Qualität der ausländischen Lieferanten ist diese Art der Verlagerung aber äußerst selten. Ein Grund für die Wahl eines Produktionsstandorts ist oftmals die Anlieferungszeit der fertigen Bekleidungsteile. Da bei der passiven Lohnveredelung die Wege zweimal zurückgelegt werden, greifen europäische Bekleidungshersteller gerne auf europäische Lieferanten zurück. Im Bereich der Vollimporte ist Asien mit seinen gut entwickelten Standards und Wettbewerbsvorteilen ein beliebter Produktionsstandort.[33]

Abbildung 2: Wichtigste Herkunftsländer für Textil- und Bekleidungsimporte
nach Deutschland nach Einfuhrwert 2013 (in Millionen Euro)Abbildung 2: Wichtigste Herkunftsländer für Textil- und Bekleidungsimporte nach Deutschland nach Einfuhrwert 2013 (in Millionen Euro)
China führt das Ranking der Einfuhrwerte wichtiger Importländer nach Deutschland 2013 deutlich an (Abbildung 2). Bekleidung im Wert von 7,87 Milliarden Euro wird von dort aus nach Deutschland verschifft. Es folgen Bangladesch (3,24 Milliarden Euro) und die Türkei (3,1 Milliarden Euro). Da der Durchschnittswert pro Bekleidungsstück insgesamt niedriger ist als die Preise der Einfuhren aus nicht-asiatischen Ländern, kann somit die mengenmäßige Bedeutung asiatischer Produzenten als deutlich höher angesehen werden.[34] Insgesamt können in Deutschland wertmäßige Importe von 26,58 Milliarden Euro verzeichnet werden, eine Veränderung zum Vorjahr von 2,5%. Bis Ende Juni 2014 ist ein erneuter Anstieg der Textilimporte im Vergleich zum ersten Halbjahr 2013 zu verzeichnen.[35]

Führende Händler und Modemarken befürchten nach der Deflation der Einkaufspreise innerhalb der Produktion von Bekleidung zukünftig eine Preissteigerung von mehr als 4%. Gründe liegen in den Lohnkosten, die momentan vor allem in China wachsen, aber auch in steigenden Material- und Rohstoffkosten. Um dies zu umgehen, werden neue Produktionsstandorte gesucht, 72% der Unternehmen wollen ihre Produktion weiterhin von China in andere Länder verlagern. Insbesondere Bangladesch, Vietnam, Indien und Myanmar gehören zu den kommenden wichtigsten Beschaffungsländern. Trotz der Probleme im Bereich der Sozialstandards in Bangladesch scheint eine Alternative noch nicht erkennbar. Einkäufer der führenden Marken ziehen deswegen eine Ausweitung der Beschaffung aus diesem Land in Betracht. Es soll hierbei aber insbesondere in Standards für Audits und Brandschutz investiert werden – und das nicht nur in Bangladesch.[36]

Zu Deutschlands wichtigsten Handelspartnern für Textil- und Bekleidungsexporte gehörten in 2013 insbesondere Länder aus der EU: Österreich, die Niederlande und Frankreich. Insgesamt sind die Exporte gestiegen – von 2012 auf 2013 um etwa 1,4%, im Vergleich der ersten Halbjahre 2013/2014 sogar um 5,5% (Frankreich plus 11,3%; Großbritannien plus 23,7%, Dänemark plus 21,6%).[37]

Umsätze im Überblick

Abbildung 3: Umsatz der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie (Betriebe mit 20 oder mehr Beschäftigten) 2005 bis 2013 (in Milliarden Euro)Abbildung 3: Umsatz der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie (Betriebe mit 20 oder mehr Beschäftigten) 2005 bis 2013 (in Milliarden Euro)
Textil- und Bekleidungsindustrie. 2013 konnte ein Umsatz von 11,3 Milliarden Euro innerhalb der Textilindustrie verzeichnet werden, für die Bekleidungsindustrie war es ein relativ schwieriges Jahr (Abbildung 3). Steigende Rohstoff- und Energiekosten sowie Wirtschaftskrisen in europäischen Ländern führten zu einem Rückgang der Umsätze auf rund 7,5 Milliarden Euro, zu Insolvenzen und zu Entlassungen. 2012 existierten in Deutschland gut 10750 Unternehmen der Mode- und Textilindustrie. Die Anzahl kleinerer Unternehmen mit einem Jahresumsatz von unter einer Millionen Euro lag bei über 80%. Trotzdem erwirtschaften diese Unternehmen nur einen Anteil am Gesamtumsatz der Industrie von unter 5%.[38]

Einzelhandel. Die Geschäftsjahre 2008 und 2009 des Textil- und Bekleidungshandels waren von einer starken Kaufzurückhaltung betroffen. Dieser Trend konnte jedoch seit 2010 in eine positive Entwicklung umgekehrt werden.[39] Die nominale Umsatzentwicklung zum Vorjahreszeitraum in Prozent im stationären Einzelhandel für die Bereiche Bekleidung, Haustextilien sowie Heimtextilien zeigt eine analoge Entwicklung.[40] Hierbei ist zu bemerken, dass 2012 rund 34,2 Prozent der Umsätze auf die zehn größten Bekleidungshändler in Deutschland fallen, darunter mittlerweile einige branchenfremde Anbieter wie Lidl, Tchibo oder Aldi.[41]

Onlinehandel. Der Anteil des Onlinehandels am Branchenumsatz des Versandhandels überstieg 2009 erstmalig mit 53,3% die 50%-Marke, seit Jahren wächst er zweistellig. Der interaktive Handel (Online und Katalog) mit Bekleidung, Wohntextilien und Schuhen erreichte 2013 einen Umsatz von 16,1 Milliarden Euro, ein Plus von 14% im Vergleich zu 2012, wobei der reine Onlinehandel von den sinkenden Zahlen des Kataloghandels profitierte. Gleichzeitig stieg die Anzahl an Unternehmen des interaktiven Handels – 2005 existierten noch 395, 2012 waren es schon 3850 Unternehmen mit 43700 Mitarbeitern. Die Umsätze der 100 größten Onlinehändler in Deutschland (beispielsweise Otto, Klingel, QVC, Amazon, Zalando) sind 2013 auf 19,6 Milliarden Euro angewachsen. Momentan haben 9% der Händler einen Onlineshop gelauncht, 5% greifen auf bestehende Plattformen wie Amazon zurück.[42] Insbesondere die Wettbewerbsintensität durch die Transparenz im Internet, aber auch die steigende Anzahl von Retouren stellen Probleme dar – nicht nur für die Unternehmen, auch für die Umwelt. Die Otto-Group hat begonnen, Lösungen zu suchen, und hat die Größen der Versandkartons und damit die LKW-Ladungen um mehr als 550 pro Jahr verringert.[43] Die Zukunft scheint rosig, die Onlineumsätze steigen weiter.[44] Zumal der grenzüberschreitende E-Commerce durch eine Vereinheitlichung der Gesetze bis 2020 vereinfacht wird.[45]

Fußnoten

33.
Vgl. Martin Hermann, Standortsicherung in der Textil- und Bekleidungsindustrie, Frankfurt/M. 1996.
34.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Genesis-Online Datenbank – 51000-0007.
35.
Vgl. Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels (BTE), Statistik-Report Textileinzelhandel, Köln 2014, S. 126.
36.
Vgl. McKinsey&Company, Bekleidungsindustrie. Kosten, Nachhaltigkeit und Kapazitäten sind bedeutendste Treiber, ohne Datum, http://www.mckinsey.de/bekleidungsindustrie-kosten-nachhaltigkeit-und-kapazitaeten-sind-bedeutendste-treiber« (5.12.2014).
37.
Vgl. BTE (Anm. 35), S. 127.
38.
Vgl. ebd. S. 129ff.
39.
Vgl. ebd.
40.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Monatsstatistik im Handel (Stand: Oktober 2013).
41.
Vgl. Textil-Wirtschaft, Die größten Textileinzelhändler in Deutschland 2012, http://www.textilwirtschaft.de/business/pdfs/628_org.pdf« (31.10.2014).
42.
Vgl. BTE (Anm. 35), S. 55ff.
43.
Vgl. Stefan Weber, Das macht 500 Gramm CO2, 24.2.2013, http://www.sueddeutsche.de/wissen/oeko-bilanz-des-internethandel-das-macht-gramm-co-1.1607616« (31.10.2014).
44.
Vgl. BTE (Anm. 35), S. 55f.
45.
Vgl. KPMG, Trends im Handel 2020, Hamburg 2012.
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Autoren: Carolin Neugebauer, Gerhard Schewe für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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