OP-Schwester im Operationssaal einer Augenklinik

16.1.2015 | Von:
Jale Tosun

Jugendarbeitslosigkeit und Beschäftigungspolitik in der EU

Jugendarbeitslosigkeit als Gegenstand trans- und interdisziplinärer Forschung

Die Virulenz von Jugendarbeitslosigkeit hat die EU-Kommission zudem dazu bewogen, dem Thema auch bei der Forschungsförderung eine prominente Stellung einzuräumen. Sowohl in der letzten Ausschreibungsrunde des 7. EU-Forschungsrahmenprogramms als auch im neuen EU-Rahmenprogramm "Horizont 2020" wurde zu Forschungsvorhaben aufgerufen, die die wissenschaftliche Grundlage der künftigen Beschäftigungspolitik für junge Menschen bilden sollen. Vor diesem Hintergrund entschied die EU-Kommission, das Verbundforschungsprojekt CUPESSE zu fördern, das bestrebt ist, die Ursachen und Auswirkungen von Jugendarbeitslosigkeit auf trans- und interdisziplinäre Weise zu untersuchen und Empfehlungen für die Politikgestaltung zu geben.[8] Am Forschungsverbund sind neben deutschen Wissenschaftler(inne)n auch Expert(inn)en aus Dänemark, Großbritannien, Italien, Österreich, der Schweiz, Spanien, Tschechien, der Türkei und Ungarn beteiligt. Die Projektlaufzeit beträgt vier Jahre, wovon das erste im Januar 2015 endet, sodass nun erste Zwischenergebnisse berichtet werden können. Im Folgenden soll das Forschungsdesign des Projekts vorgestellt werden.

Zur Untersuchung der Ursachen von Jugendarbeitslosigkeit werden in den Wirtschaftswissenschaften zwei übergeordnete Perspektiven herangezogen: das Angebot an und die Nachfrage nach Arbeitskraft. Bei Forschungsarbeiten zur Angebotsseite steht das Konzept der Beschäftigungsfähigkeit im Mittelpunkt, die durch die Qualifikationen sowie die Motivation und Mobilität von Arbeitskräften determiniert wird. Die erworbenen Fähigkeiten, Neigungen und Verhaltensweisen haben also Einfluss darauf, ob und auf welche Weise junge Menschen in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Ausgehend von diesem Zusammenhang zielten die ersten europäischen Maßnahmen insbesondere darauf ab, die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen zu verbessern.

Eine wichtige Komponente der Beschäftigungsfähigkeit ist der Qualifizierungsgrad, der zum einem abhängt von Institutionen des Schul-, Ausbildungs- und Weiterbildungswesens. Die Ausgestaltung solcher Institutionen geht auf politische Entscheidungen zurück, die das CUPESSE-Projekt aus politikwissenschaftlicher Perspektive untersucht. Zum anderen sind es individuelle Eigenschaften und Entscheidungen, die Einfluss darauf haben, ob und in welcher Form die bereitgestellten Qualifizierungsangebote in Anspruch genommen werden. Die Faktoren, die hier begünstigend oder hemmend wirken können, beziehen sich auf Persönlichkeitsmerkmale, die Familie, das soziale Netzwerk aus Freunden und Bekannten und auf Erfahrungen in der Schule. Um diese Faktoren erfassen und erklären zu können, greift das Verbundforschungsprojekt Ansätze aus der Psychologie, der Soziologie und der Pädagogik auf.

So können beispielsweise Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie sowie der pädagogischen Psychologie verwendet werden, um zu erklären, wann ein erhöhtes Risiko für den Schul- oder Ausbildungsabbruch besteht. Soziologische Studien wiederum sind besonders geeignet um aufzuzeigen, ob die Einbettung in soziale Netzwerke der Mobilität und damit der Chance auf Beschäftigung zu- oder abträglich ist.[9] Die Steigerung von Motivation und Mobilität stellen neben der Verbesserung der Ausbildung einen Schwerpunkt der europäischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit dar. Um den Erfolg der Maßnahmen abschätzen und fundierte Politikempfehlungen abgeben zu können, scheint es daher dringend geboten, Erkenntnisse aus den Erziehungs-, Sozial- und Verhaltenswissenschaften zu berücksichtigen.

Die Nachfrageseite von Arbeitsmarktpolitik bezieht sich auf die Eigenschaften des Beschäftigungssystems, das bestimmte strukturelle Merkmale aufweist, die in der Regel das Ergebnis von wirtschaftlichen Aktivitäten und politischen Entscheidungen sind. Ein offensichtlicher Mechanismus ist hierbei, dass in Zeiten von Wirtschafts- und Schuldenkrisen die Nachfrage nach Arbeitskräften sinkt und es somit zu Unterbeschäftigung oder gar Arbeitslosigkeit kommt, wovon ungelernte und wenig qualifizierte junge Menschen besonders stark betroffen sind. Hier setzt die "Beschäftigungsinitiative für junge Menschen" der EU an, die versucht, durch finanzielle Mittel auch die Angebotsseite zu stimulieren. Die Wirtschaftswissenschaften besitzen das analytische Instrumentarium, um zu erklären, in welchem Maß diese Maßnahmen tatsächlich zur Schaffung neuer Arbeitsplätze beitragen. Politikwissenschaftliche Ansätze hingegen können erklären, weshalb dieses Instrument gewählt wurde und vor allem welche nationalen Maßnahmen im Zuge der Schulden- und Wirtschaftskrise ergriffen wurden, um junge Menschen besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Daher kombiniert das CUPESSE-Projekt beide Perspektiven.

Besonders aufschlussreich für ein besseres Verständnis der Ursachen von Jugendarbeitslosigkeit und somit die Erarbeitung von Lösungsstrategien ist die gemeinsame Betrachtung der Angebots- und der Nachfrageseite von Jugendbeschäftigung. So hat jüngst eine von der Robert Bosch Stiftung in Auftrag gegebene Studie gezeigt, dass insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa auch auf ein qualifikatorisches Ungleichgewicht zurückführen ist: Die Arbeitgeber haben für einen Teil des angebotenen Humankapitals keinen Bedarf, da die Bildungs- und Ausbildungssysteme an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbei agieren.[10] Mittlerweile ist sich die EU-Kommission dieses Missverhältnisses zwischen Qualifikationsangebot und -nachfrage bewusst. CUPESSE geht in diesem Kontext der Frage nach, ob den jungen Menschen bewusst ist, welche Erwartungen Arbeitgeber an sie stellen.

Nicht nur die Ursachen, sondern auch die Folgen von Jugendarbeitslosigkeit lassen sich gewinnbringend aus einer trans- und interdisziplinären Perspektive untersuchen. Wirtschaftswissenschaftliche Ansätze eignen sich, um die volkswirtschaftlichen Kosten zu ermitteln. Die Politikwissenschaft kann verdeutlichen, wie Jugendarbeitslosigkeit Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes und das Vertrauen in demokratische politische Institutionen haben kann. Die Hoffnungslosigkeit junger Menschen, die keine Beschäftigungsperspektive haben, kann etwa dazu führen, dass sie extremistische Parteien wählen. Im Gegenzug kann eine anhaltend hohe Arbeitslosenquote dazu führen, dass nicht betroffene Gesellschaftsgruppen sich im Zeitverlauf weniger solidarisch zeigen, was ebenfalls den Zusammenhalt von Gesellschaften gefährden kann, wie von soziologischen und sozialpsychologischen Untersuchungen gezeigt wurde.[11] Um diesen Punkt aufzugreifen, untersucht das CUPESSE-Projekt, ob Bürger(innen) Petitionen einreichen, die die politischen Entscheidungsträger dazu auffordern, entschlossener gegen die Jugendarbeitslosigkeit vorzugehen.

Neben diesen Auswirkungen gilt es, die zahlreichen individuellen Folgen zu bedenken. Eine psychische Verunsicherung durch das Erleben von Arbeitslosigkeit in der Jugendzeit ist mit einem höheren Risiko der Arbeitslosigkeit im Erwachsenenalter verbunden. Die Wiedereingliederung in das Arbeitsleben erfordert nicht nur die Entwicklung von Strategien für den erstmaligen oder erneuten Erwerb von Qualifizierung, sondern möglicherweise auch die Mobilisierung personaler Ressourcen und Veränderungen in der sozialen Einbettung. Diese Prozesse können nur dann hinreichend gut verstanden werden, wenn Konzepte aus der Psychologie, Soziologie und Sozialpädagogik aufgegriffen werden. Im CUPESSE-Projekt werden die personalen Ressourcen und die soziale Einbettung junger Erwachsener systematisch durch einen eigens hierfür entwickelten Fragebogen erfasst.

Eine disziplinübergreifende Betrachtung kann auch dabei helfen, die Erfolgschancen von zwei vergleichsweise neuen Ansätzen im EU-Maßnahmenpaket einzuschätzen. Der erste Ansatz bezieht sich auf die Anwendung des Flexicurity-Prinzips, um junge Menschen in Arbeit zu bringen. Flexicurity-Maßnahmen können sowohl auf interne als auch auf externe Flexibilität abzielen. Interne Flexibilität beinhaltet die Anpassung des Arbeitskräfteeinsatzes an veränderte Nachfragebedingungen. Dies kann erreicht werden durch die Anpassung der Dauer der Arbeitszeit, des Einkommens, der Arbeitsorganisation und der Qualifikation. Externe Flexibilität bezieht sich vor allem auf eine Anpassung der Beschäftigtenzahl durch Entlassungen und Einstellungen, aber auch durch den Einsatz von Befristung, Leiharbeit und Transfergesellschaften.[12]

Auch wenn bei dieser Strategie durchaus die Sicherheit des Arbeitsplatzes sowie von Fortbildungsmöglichkeiten gewährleistet werden sollen, kann das Gebot der Flexibilisierung – insbesondere im Bereich des Kündigungsschutzes – doch dazu führen, das dieses Instrument von einigen Akteuren wie etwa den Gewerkschaften abgelehnt wird. Hieraus lässt sich die Erwartung ableiten, dass Flexicurity-Maßnahmen von den einzelnen Mitgliedstaaten in unterschiedlicher Form umgesetzt werden, je nach Verlauf der arbeitsmarktpolitischen Entscheidungsprozesse und dem Grad der Einbindung von Gewerkschaften. Daher widmet sich CUPESSE auch der Ausbreitung von Flexicurity-Maßnahmen in den EU-Mitgliedstaaten und deren konkreter inhaltlicher Ausgestaltung.

Flexicurity-Maßnahmen können allerdings auch Einfluss auf die individuellen Einstellungen zur Erwerbstätigkeit haben. Die zentrale Frage ist hierbei, ob die Flexibilisierungskomponente zu einem veränderten Risikobewusstsein führt und welche persönlichen Ressourcen insbesondere junge Menschen brauchen, um mit als unsicher empfundenen Beschäftigungssituationen umgehen zu können. Wirtschafts- und organisationspsychologische Studien haben gezeigt, dass unsichere Arbeitsplätze Menschen unter Druck setzen und sie Angstsymptome und Depressionen entwickeln. Wenn den jungen Menschen die persönlichen Ressourcen fehlen, um mit dieser Situation umzugehen, wird mittelfristig auch ihre Arbeitskraft darunter leiden, was sich dann wiederum negativ auf ihre wirtschaftliche Produktivität auswirkt. Diese möglichen Auswirkungen von Flexicurity-Maßnahmen gilt es im Blick zu behalten, wenn diese beschäftigungspolitische Empfehlung der EU evaluiert und neue Empfehlungen entwickelt werden sollen. Somit greifen auch an dieser Stelle verschiedene Perspektiven aus den Sozial- und Verhaltenswissenschaften ineinander und erlauben ein differenzierteres Verständnis der Konsequenzen von beschäftigungspolitischen Entscheidungen, die auf europäischer Ebene getroffen wurden.

Der zweite Ansatz betrifft die Förderung der Gründung von Unternehmen. Das Potenzial für Existenzgründungen ist bei jungen Menschen höher als in anderen Altersgruppen. 51 Prozent der 15- bis 24-Jährigen erachten laut Flash Eurobarometer-Umfragen zu Einstellungen zum Unternehmertum aus den Jahren 2007 und 2012 Selbständigkeit für erstrebenswert. Um dieses Potenzial zu nutzen, wurde der EU-Aktionsplan "Unternehmertum 2020" ins Leben gerufen, der drei Punkte umfasst: Unternehmerische Bildung, Herstellung eines Umfelds, in dem sich neu gegründete Unternehmen gut entwickeln können und Schaffung von Rollenvorbildern.[13]

In welcher Form unternehmerisches Lernen an Schulen angeboten werden sollte, können am besten erziehungswissenschaftliche Ansätze aus der pädagogischen Psychologie darlegen. Wie groß der Anteil praktischer unternehmerischer Erfahrungen sein sollte, können Ansätze aus der Betriebswirtschaftslehre beziehungsweise der Entrepreneurship-Forschung beantworten. Psychologische Teildisziplinen können Aufschluss darüber geben, ob unternehmerisches Lernen das Risikobewusstsein junger Menschen verändern und ihnen zu gesteigerter Kreativität und Durchsetzungsvermögen verhelfen kann. Dieser Frage geht CUPESSE mit besonderem Nachdruck nach.

Der zweite Punkt bezieht sich auf die institutionellen Rahmenbedingungen für Unternehmertum wie etwa den Zugang zu Finanzierung und den Abbau von bürokratischen Hürden, die der Forscherverbund aus einer primär politik- und verwaltungswissenschaftlichen Perspektive untersucht. Und es wird geprüft, ob die institutionellen Strukturen beziehungsweise deren Veränderungen tatsächlich neue Anreizstrukturen bieten.

Besonders interessant für trans- und interdisziplinäre Forschung ist der dritte Punkt, der vorsieht, dass Rollenvorbilder geschaffen und eine positivere Wahrnehmung sowie eine größere Wertschätzung von Unternehmern erreicht werden sollen. Auch hier verfolgt CUPESSE einen integrativen Ansatz und analysiert, wie Rollenvorbilder entstehen und zu welchem Grad dieser Prozess von außen gesteuert werden kann.

Fußnoten

8.
Die EU-Kommission hat sich wegen der politischen Brisanz des Themas dazu entschieden, nicht nur ein, sondern zwei Verbundforschungsprojekte im 7. Forschungsrahmenprogramm zu fördern. Informationen zu diesem zweiten Projekt finden sich auf http://www.style-research.eu«.
9.
Vgl. Markus Freitag/Antje Kirchner, Social Capital and Unemployment: A Macro-Quantitative Analysis of the European Regions, in: Political Studies, 59 (2011) 2, S. 389–410.
10.
Vgl. Francesco Berlingieri/Holger Bonin/Maresa Sprietsma, Youth Unemployment in Europe Appraisal and Policy Options, 2014, http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/RBS_ZEW-Studie_Jugendarbeitslosigkeit_Online_einzel.pdf« (22.12.2014).
11.
Vgl. Peter Taylor-Gooby, Why Do People Stigmatise the Poor at a Time of Rapidly Increasing Inequality, and What Can Be Done About It?, in: The Political Quarterly 84 (2013) 1, S. 31–42.
12.
Vgl. Berndt Keller/Hartmut Seifert, Flexicurity: Ein europäisches Konzept und seine nationale Umsetzung, Bonn 2008, S. 7.
13.
Vgl. Europäische Kommission, Aktionsplan Unternehmertum 2020, 2013, http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2012:0795:FIN:de:PDF« (22.12.2014).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jale Tosun für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.