OP-Schwester im Operationssaal einer Augenklinik

16.1.2015 | Von:
Jale Tosun

Jugendarbeitslosigkeit und Beschäftigungspolitik in der EU

Das Förderinstrument "Jump Plus"

Auch wenn die EU-Kommission verstärkt Maßnahmen ergriffen hat, um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen – die Handlungskompetenzen in diesem Bereich liegen hauptsächlich bei den EU-Mitgliedstaaten. Daher wird das CUPESSE-Projekt schwerpunktmäßig Erfahrungen mit diversen nationalen Maßnahmen und Modellen dokumentieren und dahingehend bewerten, wie erfolgreich und übertragbar sie sind. Das vom Jobcenter "Junges Mannheim" koordinierte und finanzierte Programm "Jump Plus", dessen Ziel die Integration von jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren in Ausbildung und Arbeit ist, stellt ein solches Modell dar, das im Rahmen des Projektes bereits näher untersucht wurde. Kommunen und Arbeitsagenturen aus ganz Deutschland haben sich nach der Funktionsweise des Programms erkundigt und dessen Transfer erwogen. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Zahl der langzeitarbeitslosen Jugendlichen von 1200 (Stand: Juni 2005) auf 49 (Stand: September 2011) zurückgegangen ist.[14] Das Mannheimer Modell wurde unter anderem durch die sogenannten Produktionsschulen in Dänemark inspiriert.

"Jump Plus" wurde noch vor den von der rot-grünen Bundesregierung unter Führung von Kanzler Gerhard Schröder beschlossenen Arbeitsmarkt- und Sozialreformen in verschiedenen Städten getestet und wegen der positiven Erfahrungen als gefördertes Sonderprogramm des Bundes in Mannheim eingerichtet. Die Strategie von "Jump Plus" entspricht dem Grundgedanken der "Agenda 2010", die im Kern das Prinzip des "Förderns und Forderns" postuliert. Junge Menschen erhalten nur dann Transferleistungen, wenn sie bereit sind, sich in Arbeit, Ausbildung oder ein Praktikum vermitteln zu lassen. Im Gegenzug erfolgt eine sofortige Aktivierung, indem bereits unmittelbar am Tag der Antragstellung eine Erstberatung zur Klärung vorrangiger Ansprüche wie etwa Berufsausbildungsbeihilfe erörtert, bei Vorliegen einer entsprechender Qualifikation die sofortige Vermittlung in Arbeit oder Ausbildung geprüft oder unmittelbare Beschäftigung beziehungsweise Qualifizierung in "Jump Plus" (in der Regel in Form eines Praktikums) angeboten werden. Die Teilnahme an der realen Arbeitswelt im Zusammenspiel mit der Betreuung durch das Jobcenter zeichnet das Mannheimer Modell aus.[15]

Der Grundgedanke des Programms ist die Gewährung einer konsequenten individuellen Förderung, die gegebenenfalls auch durch eine Intensivbetreuung zu gewährleisten ist. Es werden Aufnahme- und Zielgespräche geführt, Maßnahmen zum Abbau von Defiziten in der Allgemeinbildung und zum Nachholen eines Schulabschlusses vereinbart sowie Hilfestellung bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen gewährt. Die Programm-Teilnehmer(innen) sollen zum "Durchhalten" motiviert und beispielsweise daran gehindert werden, ein Praktikum abzubrechen. Ein "Aufsuchender Dienst" bleibt mit den Teilnehmer(inne)n in Kontakt und motiviert sie zur Nutzung der Förderangebote.

Eine der zum Erfolg des Modells beitragenden Bedingungen ist weiterhin, dass die Jobagentur mit einer Reihe von Beschäftigungsträgern kooperiert, die eine Qualifizierung in verschiedenen Berufsfeldern ermöglichen. Auf diese Weise können die jungen Menschen neue Berufsfelder ausprobieren, wenn ihnen ihre derzeitige Arbeit nicht zusagt. Der zentrale Vorteil von "Jump Plus" ist die Betreuung der jungen Arbeitslosen durch Mitarbeiter(innen) mit Fallmanagementkompetenz. Sie arbeiten in enger Abstimmung mit Berufsberatern und Sozialarbeitern, wobei alle Fäden bei den Fallmanagern zusammenlaufen. Für ein so anspruchsvolles Vermittlungskonzept müssen die Fallmanager entsprechend geschult werden, wofür erst einmal die Ressourcen vorhanden sein müssen. Daher stellt die Integration der verschiedenen Beratungsleistungen auch eine Schwierigkeit beim Transfer des Modells dar. Eine weitere Herausforderung ist das Etablieren eines Netzwerks aus Betriebsträgern, die dazu bereit sind, den jungen Menschen Praktikumsplätze anzubieten. Ohne ein System, in dem eine enge Kooperation mit Industrie und Handwerk sowie eine Partnerschaft mit der Stadt beziehungsweise Gemeinde besteht, ist "Jump Plus" kaum in seiner Gänze umzusetzen. Leider interessieren sich die Gemeinden und Jobagenturen, die sich nach dem Förderinstrument erkundigen, oft nur dafür, einzelne Komponenten umzusetzen.

Insgesamt greift das Programm zahlreiche Themen auf, die in der disziplinübergreifenden Forschung im Rahmen des CUPESSE-Projekts als relevant erachtet werden. Durch das Fordern von Teilnahme an Maßnahmen wird die Motivations- und Abbruchproblematik aufgegriffen. Das Einbinden von Sozialarbeitern soll dazu beitragen, dass die familiäre und soziale Einbettung der jungen Menschen ihren beruflichen Chancen nicht im Weg steht. Das Programm zielt darauf ab, eine "betriebsnahe" Aus- und Weiterbildung zu gewährleisten, um Missverhältnisse zwischen Qualifikationsangebot und -nachfrage zu beseitigen. Allerdings ist "Jump Plus" kein Programm, um das Unternehmertum junger Menschen zu stimulieren – hierzu gibt es in anderen EU-Mitgliedstaaten vielversprechendere Ansätze wie etwas das Projekt "Rural Youth Entrepreneurship", in dem junge Menschen in den ländlichen Gebieten Nordirlands Unterstützung bei der Existenzgründung erhalten.[16]

Fazit

Die Jugendarbeitslosigkeit stellt die Politik vor große Herausforderungen, die die EU-Kommission und die nationalen Regierungen zu einer Reihe von Maßnahmen bewogen haben. Die Priorisierung dieses Themas wird auch dadurch deutlich, dass die EU-Kommission großangelegte Forschungsprojekte fördert. Das CUPESSE-Projekt legt den Fokus darauf, die Ursachen und Auswirkungen von Jugendarbeitslosigkeit aus einer trans- und interdisziplinären Perspektive zu untersuchen und Politikempfehlungen zu entwickeln. Daher sichtet und bewertet das Projekt auch Maßnahmen, die bereits im Einsatz sind. Eines von diesen ist das Förderinstrument "Jump Plus" des Jobcenters "Junges Mannheim", das Modellcharakter besitzt und das Design von Maßnahmen in anderen Städten und Gemeinden in Deutschland und Europa beeinflussen könnte. Die bisherigen Projektergebnisse bestätigen, dass die disziplinenübergreifende Vorgehensweise eine sinnvolle Strategie zur Untersuchung gesellschaftlicher Herausforderungen darstellt.


Der Beitrag basiert auf dem ersten Policy-Brief des EU-Verbundforschungsprojektes "Cultural Pathways to Economic Self-Sufficiency and Entrepreneurship" (CUPESSE; Fördernummer: 613257; Laufzeit: Februar 2014 bis Januar 2018), der von Felix Hörisch, Jennifer Shore, Jale Tosun und Claudius Werner verfasst wurde. Das Projekt wird auf www.cupesse.eu vorgestellt. Bettina Schuck und Xenia Rak haben die Rercherchen zu diesem Beitrag zusätzlich unterstützt. Joachim Burg und Manuela Guth vom Jobcenter "Junges Mannheim" gebührt Dank für die gewährten Einblicke in "Jump Plus".

Fußnoten

14.
Vgl. Joachim Burg, Zentrales Förderinstrument: "Jump Plus" – Beitrag zum Ganztagsschulkongress 2011 in Berlin, 2011, http://www.ganztaegig-lernen.de/sites/default/files/gtskongress2011-workshopfr2a4-praesentation-jobcentermannheim.pdf« (22.12.2014).
15.
Vgl. Massimo Bognanni/Johannes Pennekamp, Die Reparaturwerkstatt, in: Brandeins, 4 (2011) 11, S. 81–85.
16.
Vgl. Rural Development Council, Rural Youth Entrepreneurship, 2013, http://www.rdc.org.uk/our-work/Rural-Youth-Entrepreneurship« (22.12.2014).
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