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16.1.2015 | Von:
Andreas Mayert

Arbeitskräftewanderung zur Stabilisierung des Euroraums?

Die europäische Währungsunion – ein unvollkommener Währungsraum

Im Zuge der langjährigen Diskussionen um die Gründung einer europäischen Währungsunion wurden die theoretischen Vorüberlegungen der Theorie optimaler Währungsräume zur Kenntnis genommen, wenn sie auch nicht unbedingt praktische Folgen hatten. Bekannt war, dass die Arbeitsmobilität in Europa trotz Arbeitnehmerfreizügigkeit im Vergleich zu anderen Währungsunionen wie denen von USA, Kanada und Australien ausgesprochen gering war.[13] In zwei von der Europäischen Kommission veröffentlichten Dokumenten, dem 1975 erschienen "Marjolin Report" und dem 1977 publizierten "MacDougall Report" wurde daher gefordert, dass eine europäische Währungsunion ein gewisses Maß an fiskalischer Integration besitzen müsse.[14] Im Marjolin Report wurde – seiner Zeit um vier Jahrzehnte voraus – eine europäische Arbeitslosenversicherung gefordert. Diese Forderungen, die auch eine starke politische Integration notwendig gemacht hätten, wurden jedoch nicht berücksichtigt und spielten im für die institutionelle Ausgestaltung der Eurozone maßgeblichen Delors-Report aus dem Jahr 1989 keine Rolle mehr.[15] Statt auf fiskalische Integration wurde auf die im Stabilitäts- und Wachstumspakt formulierten fiskalischen Regeln gesetzt, die Mitgliedstaaten Spielraum eröffneten, durch antizyklische nationale Politik selbst asymmetrischen Schocks entgegenzuwirken. Zur gleichen Zeit sollten die Regeln einer übermäßigen Verschuldung entgegenwirken.

Der New Yorker Wirtschaftswissenschaftler Dominick Salvatore – als Beispiel für viele andere Ökonomen – fasste zwei Jahre vor dem Startschuss des Euros im Jahr 1999 die Gründe zusammen, warum die Eurozone kein optimaler Währungsraum sei:[16] Zu geringe Arbeitsmobilität und keine fiskalische Integration. Die Währungsunion sei unter diesen Umständen einem größeren asymmetrischen Schock nicht gewachsen, eine Argumentation, die 2000 von Martin Feldstein noch einmal mit besonderer Schärfe formuliert wurde.[17]

Aber nicht alle Ökonomen vertraten diese pessimistische Auffassung und Mitte der 1990er-Jahre entwickelte sich eine "neue" Theorie optimaler Währungsräume, die viele der Kritikpunkte der alten Theorie an der Konstruktion der Eurozone zu widerlegen oder wenigstens abzuschwächen versuchte. Ihr Hauptansatzpunkt war, dass die alte Theorie in dem Sinne statisch und allein "rückblickend" sei, als sie die Eigenschaften einer Währungsunion und ihrer potenziellen Mitglieder vor Einführung der gemeinsamen Währung betrachte. Da jedoch angenommen werden kann, dass ein gemeinsamer Währungsraum eine Vielzahl von Prozessen in Gang setzt, die zu einer schrittweisen Veränderung der einzelnen Mitgliedstaaten, ihrer Beziehungen zueinander und der Regeln und Institutionen der Währungsunion führen, könnte sich im Laufe der Zeit ein stärkeres Zusammenwachsen der Eurozone ergeben. Paul De Grauwe und Francesco Mongelli zählen vier solcher Veränderungen auf:[18]
  1. Eine zunehmende ökonomische Integration der Mitgliedstaaten, die zu einer Ausweitung des Handels führt.
  2. Eine Verstärkung der Finanzmarktintegration der Mitgliedstaaten, die, wie von Robert Mundell 1973 vermutet, eine Versicherung der Mitgliedstaaten untereinander gegen die Folgen asymmetrischer Schocks zum Ergebnis hat.
  3. Eine durch den vermehrten Handel und die Finanzmarktintegration ausgelöste Angleichung der Produktionsstrukturen der Mitgliedstaaten, wodurch ihre Konjunkturzyklen synchroner verlaufen, asymmetrische Schocks seltener auftreten und mobilen Arbeitskräfte mehr Wanderungsziele zur Verfügung stehen. Durch letzteren Effekt würde auch die Arbeitsmobilität zunehmen.
  4. Eine durch verstärken Wettbewerb untereinander verursachte Zunahme der Produkt- und Arbeitsmarktflexibilität, wodurch die Auswirkungen asymmetrischer Schocks – insbesondere über Lohnanpassungen – abgefedert werden können.
Die endogenen Entwicklungen könnten im Ergebnis dazu führen, dass eine Währungsunion und ihre Mitgliedstaaten, die bei Einführung der gemeinsamen Währung nicht die Kriterien einer optimalen Währungsunion im Sinne der alten Theorie optimaler Währungsräume erfüllt haben, diese ex post erfüllen. Paul De Grauwe und eine Vielzahl anderer Forscher fanden in den 2000er-Jahren Hinweise, die ihre These zum Teil stützten[19] und der in diesen Jahren zu beobachtende Erfolg des Euros schien ihnen recht zu geben. Die Arbeitsmobilität blieb in der Europäischen Union allerdings weiterhin gering.[20]

Wie sich nach Ausbruch der Finanzmarktkrise zeigen sollte, erwiesen sich die Ansätze der neuen Theorie optimaler Währungsräume jedoch nicht nur als zu optimistisch, sie teilten zudem ein gemeinsames Schicksal mit den älteren Ansätzen: Sie hatten wichtige Aspekte, die einen gemeinsamen Währungsraum funktionsfähig machen, übersehen – und damit auch wichtige Ursachen asymmetrischer Schocks.

So wurde zwar viel über denkbare positive Auswirkungen verstärkter Finanzmarktintegration diskutiert, jedoch weit weniger über die Voraussetzungen eines stabilen Finanzsystems. Nur einige wenige Autoren dachten darüber nach, dass es in der aufstrebenden europäischen Peripherie zu spekulativen Kapitalzuflüssen kommen könnte, die dort zum Entstehen von Spekulationsblasen und zu überproportional steigenden Löhnen und Preisen führen und einen schleichenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit zur Folge haben könnten – eine Entwicklung, die bereits für sich ein asymmetrischer Schock ist.[21] Völlig übersehen wurde auch, dass Europa eine weitaus größere Zahl systemrelevanter Banken als die USA besitzt, die zudem einzelstaatlich beaufsichtigt werden und im Notfall von den Einzelstaaten gerettet werden müssen. Übersehen wurde darüber hinaus, dass die mittlerweile zu zweifelhaftem Ruhm gelangte No-Bailout-Klausel zwar die Rettung von in Not geratenen Einzelstaaten verbot, diese aber mit der Abgabe der geldpolitischen Verantwortung an die Europäsche Zentralbank auch ein wichtiges Instrument verloren hatten, spekulative Angriffe auf ihre Staatsschuldentitel zu verhindern. Ein souveräner Staat mit eigener Notenbank ist vor einer Staatspleite weitgehend geschützt, weil die Zentralbank im Notfall Staatsanleihen aufkaufen kann. Das Fehlen einer solchen Instanz macht die Eurostaaten dann aber besonders anfällig für jene Art von spekulativen Staatsschuldenkrisen, die eigentlich nur in Fremdwährung verschuldete Schwellenländer treffen können.[22]

Die Finanzkrise legte schrittweise all diese Schwachpunkte offen und führte dazu, dass die Eurozone von einer ganzen Reihe asymmetrischer Schocks getroffen wurde. Staaten wie Irland und Spanien sahen sich gezwungen, ihre übergroßen Banken zu retten, was eine massive Erhöhung der Staatsschuldenquoten zur Folge hatte. Nachdem sich in Griechenland gezeigt hatte, dass Staatsinsolvenzen im Euroraum nicht ausgeschlossen werden können, waren auch die Peripheriestaaten spekulativen Angriffen ausgesetzt, die eine geordnete Refinanzierung ihrer Haushalte am Markt zeitweise unmöglich machten. Zu diesen Problemen gesellte sich ihre verlorene Wettbewerbsfähigkeit, die ein Herauswachsen aus der Krise erschwerte. Rettungspakete wurden aufgelegt, die zur Sanierung der Staatshaushalte mit drastischen Sparauflagen verbunden wurden, und die einen weiteren asymmetrischen Nachfrageschock in der Eurozone auslösten. Die Arbeitslosenquoten drifteten auseinander. Betrug der Unterschied zwischen der niedrigsten und höchsten Arbeitslosenquote im Euroraum 2007 noch 5,1 Prozentpunkte, wuchs er bis 2013 auf 22,4 Prozentpunkte an.[23]

Die Eurozone befindet sich infolgedessen in genau jener Situation, vor der die Urväter der Theorie optimaler Währungsräume gewarnt hatten. Sie wurde von einem massiven asymmetrischen Schock getroffen. Ihr fehlen aber weitgehend alle Mechanismen, diesen abzumildern. Die Anpassungslast trifft daher weitgehend die Arbeitnehmer. Viele sind arbeitslos geworden und in den Krisenstaaten mussten zum Teil erhebliche Lohnsenkungen hingenommen werden. Als Ausweg aus dieser Situation bleibt, Robert Mundell folgend, die Möglichkeit, aus Staaten mit hoher Arbeitslosigkeit in Gebiete mit einer besseren wirtschaftlichen Situation zu emigrieren.

Fußnoten

13.
Vgl. für eine Untersuchung der europäischen Arbeitsmobilität im Zeitraum von 1975 bis 1987 Jörg Decressin/Antonio Fatás, Regional Labor Market Dynamics in Europe, in: European Economic Review, 39 (1995) 9, S. 1627–1655.
14.
Vgl. European Commission, Report of the Study Group "Economic and Monetary Union 1980" and Annex I (Marjolin Report), Brüssel 1975; European Commission, Report of the Study Group on the Role of Public Finance in European Integration (MacDougall Report), Brüssel 1977.
15.
Vgl. European Commission, Report on Economic and Monetary Union in the European Community (Delors Plan), Committee for the Study of the EMU, Brüssel 1989.
16.
Vgl. Dominick Salvatore, The Common Unresolved Problem with the EMS and EMU, in: American Economic Review, 87 (1997) 2, S. 224–226.
17.
Vgl. Martin Feldstein, Europe Can’t Handle the Euro, in: Wall Street Journal, 8.2.2000, http://www.nber.org/feldstein/wj020800.html« (15.12.2014).
18.
Vgl. Paul De Grauwe/Francesco Mongelli, Endogeneities Of Optimum Currency Areas. What Brings Countries Sharing A Single Currency Closer Together?, ECB Working Paper Series 468/2005.
19.
Vgl. die Übersicht in Francesco Mongelli, European Economic and Monetary Integration and the Optimum Currency Area Theory, European Commission Economic Papers 302/2008.
20.
Vgl. beispielsweise Zuzana Gakova/Lewis Dijkstra, Labour Mobility Between the Regions of the EU-27 and a Comparison with the USA, European Union Regional Policy Note 2/2008.
21.
Die Gefahr wurde allerdings von einigen Autoren realistisch eingeschätzt, vgl. Alan Walters, Sterling in Danger, London 1990, und Jürgen Kröger/Dennis Redonnet, Exchange Rate Regimes and Economic Integration: The Case of the Accession Countries, in: CESifo-Forum, 2 (2001) 2, S. 6–13.
22.
Paul De Grauwe erkannte diesen Zusammenhang als einer der ersten, doch leider zu spät. Vgl. Paul De Grauwe, The Governance of a Fragile Eurozone, CEPS Working Document 346/2011.
23.
Vgl. Bertelsmann Stiftung, Harnessing European Labour Mobility, Gütersloh 2014, S. 27.
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