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16.1.2015 | Von:
Andreas Mayert

Arbeitskräftewanderung zur Stabilisierung des Euroraums?

Grenzüberschreitende Arbeitsmobilität und die europäische Wirtschaftskrise

Vom Ideal einer hohen Arbeitsmobilität ist die Eurozone – wie auch die EU insgesamt – trotz der Krise noch weit entfernt. 2013 waren nur 3,3 Prozent der Arbeitskräfte der EU "mobile EU-Bürger", das heißt in einem anderen als ihrem heimatlichen EU-Staat beschäftigt.[24] Zuletzt haben allerdings verschiedene Untersuchungen Hinweise gefunden, dass die Arbeitskräftemobilität im Vergleich zu den Vorkrisenjahren zugenommen hat.[25] Die verschiedenen Studien nennen jedoch auch den hauptsächlichen Grund für diese Entwicklung: Die EU-Osterweiterungsrunden in den Jahren 2004 und 2007 haben der Eurozone hochmobile Arbeitskräfte aus den osteuropäischen Beitrittsstaaten zugeführt, die Teil des Arbeitnehmerpools der Eurozone geworden sind. Von den insgesamt 10,3 Millionen mobilen EU-Bürgern stammen 4,8 Millionen aus den östlichen Beitrittstaaten der Jahre 2004 und 2007 und weitere 300.000 aus dem 2013 beigetretenen Kroatien.[26] Wie sich gezeigt hat, reagierten diese EU-Migranten hochsensitiv auf die wirtschaftliche Situation der Eurozonen-Staaten. Als es in den 2000er-Jahren in den südeuropäischen Peripheriestaaten, Irland und (dem nicht zur Eurozone gehörenden) Großbritannien zunächst zu einer besonders günstigen ökonomischen Entwicklung kam, wanderte eine große Zahl von EU-2[27] und EU-10[28] Bürgern in diese Staaten – allerdings weniger aufgrund von Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat, sondern vor allem wegen des starken Lohnunterschieds. Bis 2008 lebten bereits 1,6 Millionen EU-2-Bürger in Italien und Spanien, und 1,3 Millionen EU-8 Bürger[29] in Großbritannien, Deutschland und Irland.[30] Überwiegend ausgesprochen gut qualifiziert, nahmen sie dabei häufig Jobs weit unter ihrem Ausbildungsniveau an. Die Überqualifizierungsquote von EU-2-Migranten lag 2008 bei 76 Prozent, 2013 immer noch bei 59 Prozent. Die entsprechenden Werte für EU-10-Migranten lagen mit 58,4 Prozent (2008) bzw. 56,2 Prozent (2013) nur knapp darunter.[31]

Nach Ausbruch der Krise wurden diese Migranten überproportional von den negativen Auswirkungen getroffen, da sie in den am meisten unter der Krise leidenden Wirtschaftssektoren – insbesondere der Baubranche – gearbeitet hatten, häufig nur Zeitverträge besaßen oder in der Schattenwirtschaft tätig waren.[32] Es kam in erheblichem Ausmaß zu Rückwanderung in ihre Heimatstaaten,[33] ein großer Teil der Arbeitsmigranten wurde jedoch auch in weiterhin (relativ) prosperierende Regionen wie Deutschland umgeleitet.[34]

Tatsächlich erwiesen sich Migranten aus den östlichen Beitrittsstaaten als der funktionsfähigste Puffer beim partiellen Abbau von Arbeitsmarktungleichgewichten im Euroraum.[35] Es liegt eine gewisse bittere Ironie darin, dass die aus den EU-10 und EU-2 stammenden Erwerbstätigen der Eurozone, die am ehesten den Vorstellungen der alten Theorie optimaler Währungsräume bezogen auf Arbeitsmarktflexibilität (Verzicht auf qualifikationsgerechte Löhne, hohe berufliche Mobilität, Tätigkeit in gering regulierten Beschäftigungsverhältnissen) und räumliche Arbeitsmarktmobilität entsprechen, häufig die (ersten) Verlierer der Krise waren und mittlerweile von einigen zudem noch unter den Generalverdacht des Wohlfahrtstourismus gestellt werden.

Die Länge und das Ausmaß des Wirtschaftseinbruchs in den südlichen Peripheriestaaten führen jedoch zunehmend dazu, dass auch Staatsbürger der Krisenstaaten ihre Heimat verlassen oder eine Auswanderung in Betracht ziehen. 2012 verließen 57.000 Spanier, 50.000 Italiener, 126.000 Griechen, 49.000 Portugiesen und 45.000 Iren ihre Heimat.[36] Hauptzielländer der südeuropäischen Auswanderer waren dabei Großbritannien (29 Prozent), Deutschland (26 Prozent) und Frankreich (17 Prozent).[37] 35 Prozent der Spanier, 25 Prozent der Italiener, 29 Prozent der Griechen, 22 Prozent der Portugiesen und 32 Prozent der Iren können sich vorstellen, künftig einen Job im Ausland zu suchen.[38] Auch die Zahl der auf der Onlineplattform der European Employment Services (EURES) registrierten Arbeitssuchenden aus den südeuropäischen Krisenstaaten hat sich deutlich erhöht – von zusammengenommen 407.000 im Juni 2012 auf 637.000 im Januar 2014.[39] Auswanderungsgrund ist dabei allerdings keineswegs nur Arbeitslosigkeit. Von den 2012 innerhalb der EU gewanderten Staatsbürgern der südlichen Krisenstaaten gingen 51 Prozent im Vorjahr einer Beschäftigung nach, 15 Prozent waren arbeitslos gemeldet.[40] Als Wanderungsmotiv gaben 42 Prozent an, in der Heimat keinen angemessenen Job zu finden, während 54 Prozent eine besser bezahlte Beschäftigung suchen.[41] Dass nicht nur Arbeitslose nach einer Beschäftigung in einem anderen EU-Staat suchen, geht auch aus ihrem Qualifikationsniveau hervor. 49 Prozent weisen ein hohes, 25 Prozent ein mittleres und 26 ein geringes Qualifikationsniveau auf. Viele Auswanderer sind zudem jung: 51 Prozent sind zwischen 25 und 34 Jahre alt, weitere 15 Prozent zwischen 15 und 24.[42]

Auch wenn die Mobilität von Staatsbürgern der Krisenstaaten zugenommen hat, sollte der dadurch erzielte Entlastungseffekt auf die heimischen Arbeitsmärkte nicht überschätzt werden. So entspricht beispielsweise der zwischen März 2013 und März 2014 in Deutschland zu verzeichnende Beschäftigungszuwachs von Spaniern zahlenmäßig gerade 0,1 Prozent der spanischen Arbeitslosen. Für die anderen Krisenstaaten sind die entsprechenden Verhältnisse mit 0,5 Prozent (Italiener und Portugiesen) und 0,7 Prozent (Griechen) etwas höher.[43]Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass sich bei einem Andauern der Krise und fortgesetzter Wanderung mit der Zeit deutlich stärkere Entlastungswirkungen ergeben.

Damit werden jedoch zwei grundsätzliche Fragen aufgeworfen. 1. Ist eine fortgesetzte Wanderung aus der südlichen Peripherie in die europäischen Kernstaaten – gerade aus Sicht der Herkunftsländer – überhaupt wünschenswert? 2. Ist eine fortgesetzte Wanderung vor dem Hintergrund der Aufnahmefähigkeit der kerneuropäischen Arbeitsmärkte und dem strukturellen Unterschied zwischen nachgefragten und angebotenen Arbeitskräften überhaupt möglich?

Die Wanderung von Staatsbürgern aus der Südperipherie ist bislang in absoluten Zahlen noch so geringfügig, dass Befürchtungen eines eventuellen brain drains und eines Verlustes an Steuer- und Beitragszahlern verfrüht wären. Es dürfte jedoch auch klar sein, dass sich hoch entwickelte Eurostaaten, die über ein ausgedehntes Netz an sozialer Infrastruktur und einen ausgebauten Wohlfahrtsstaat verfügen und zudem hoch verschuldet sind, keinen dauerhaften Exodus gerade der jungen und gut ausgebildeten Bürger leisten können. So sehr einzelne Eurostaaten, beispielsweise Deutschland, vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des beginnenden Fachkräftemangels von einer weiteren Zuwanderung aus den Krisenstaaten profitieren könnten, sollte nicht vergessen werden, dass die Krisenstaaten vor den gleichen demografischen Herausforderungen stehen und Fachkräfte benötigen, um irgendwann wieder aus der Krise herauswachsen zu können.[44]

Die Antwort auf die zweite Frage fällt nach einer Studie des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts aus dem Jahr 2014 recht eindeutig aus:[45] Da die Finanzkrise und die nachfolgende Wirtschaftskrise in den Peripheriestaaten vor allem Jobs mit geringem Qualifikationsprofil getroffen hat, in den Staaten Kerneuropas aber zunehmend gut qualifizierte Arbeitnehmer gesucht werden, sind der räumlichen Mobilität aufgrund des strukturellen Unterschieds zwischen Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot Grenzen gesetzt. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass berufliche Mobilität in Europa vor allem Abwärtsmobilität bedeutete. Das heißt: Migranten mit guter Qualifikation waren bereit, auch Jobs anzunehmen, für die sie überqualifiziert sind. Wollte man die hohe Arbeitslosigkeit in den südlichen Krisenländern über Arbeitsmobilität abbauen, müsste es aber zu einer aufwärts gerichteten beruflichen Mobilität kommen. Dieser sind aber schon deshalb Grenzen gesetzt, weil die entsprechenden Jobs mit bereits gut ausgebildeten Migranten nicht nur aus Südeuropa, sondern vor allem aus den östlichen Beitrittsstaaten besetzt werden können. Die Arbeitsmarktungleichgewichte in der Südperipherie lassen sich daher kaum noch über eine Erhöhung der Arbeitsmobilität abmildern. Was vielmehr benötigt wird, ist wachstumsfördernde Politik, die geeignet ist, die Beschäftigung aller Qualifikationsstufen in den Krisenstaaten zu erhöhen. Es ist nicht Anliegen dieses Beitrags, die dazu nötige Politik zu beschreiben. Ein Vergleich der wirtschaftlichen Entwicklung der Eurozone mit den Vereinigten Staaten und Japan weist jedoch darauf hin, dass die europäische Politik der letzten Jahre offensichtlich nicht geeignet war, die Krisenstaaten aus ihrer Situation herauszuführen. Arbeitsmobilität kann für einen Teil der Bürger der Krisenstaaten ein Weg aus Arbeitslosigkeit oder Niedriglohnbeschäftigung sein. Sie ist allein jedoch nicht geeignet, die wirtschaftlichen Divergenzen im Euroraum zu überwinden.

Fußnoten

24.
Vgl. European Commission, EU Employment and Social Situation, Quarterly Review June 2014, S. 39.
25.
Vgl. OECD, Migration as an Adjustment Mechanism in the Crisis, OECD Social, Employment and Migration Working Paper 155/2014; Michel Beine/Pauline Bourgeon/Jean-Charles Bricongne, Aggregate Fluctuations and International Migration, CESifo Working Paper 4379/2013; R.M.C. Beyer/F. Smets (Anm. 3).
26.
Vgl. European Commission (Anm. 24), S. 37.
27.
Mit EU-2 werden die 2007 der EU beigetretenen Staaten Rumänien und Bulgarien bezeichnet.
28.
EU-10 steht für die 2004 der EU beigetretenen Staaten Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern.
29.
EU-8 steht für die EU-10-Staaten minus Malta und Zypern.
30.
Vgl. Béla Galgóczi/Janine Leschke, Post-Enlargement Intra-EU Labour Mobility under Stress Test, in: Intereconomics, 49 (2014) 3, S. 152–158.
31.
Vgl. European Commission (Anm. 24), S. 57.
32.
Vgl. B. Galgóczi/J. Leschke (Anm. 30).
33.
Vgl. Anzelika Zaiceva/Klaus Zimmermann, Returning Home in Times of Trouble? Return Migration of EU Enlargement Migrants during the Crisis, IZA Discussion Paper 7111/2012.
34.
Vgl. Simone Bertoli/Herbert Brücker/Jesús Fernández-Huertas Moraga, The European Crisis and Migration to Germany: Expectations and the Diversion of Migration Flows, IZA Discussion Paper 7170/2013.
35.
Das gilt vor allem für Spanien. Von den 447.000 Emigranten, die 2012 Spanien verließen, besaßen nur 12,7 Prozent die spanische Staatsbürgerschaft, vgl. European Commission (Anm. 24), S. 49.
36.
Vgl. European Commission (Anm. 24), S. 48 und 49.
37.
Vgl. ebd., S. 55.
38.
Vgl. ebd., S. 42.
39.
Vgl. ebd., S. 44.
40.
Vgl. OECD (Anm. 25), S. 15.
41.
Vgl. European Commission (Anm. 24), S. 43.
42.
Vgl. ebd., S. 56–57.
43.
Vgl. European Commission (Anm. 24), S. 59.
44.
Vgl. zur demografischen Situation in den europäischen Staaten: European Commission, The 2012 Ageing Report. Economic and Budgetary Projections for the 27 EU Member States (2010–2060), European Economy (2012) 2.
45.
Vgl. Hamburg Institute of International Economics, Labour Mobility. Is the Euro Boosting Mobility?, Hamburg 2014, S. 32ff.
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Autor: Andreas Mayert für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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