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16.1.2015 | Von:
Jane Hardy
Moira Calveley
Steve Shelley

Arbeitsmigration im Gesundheitswesen: Trends und Auswirkungen

Die Zahl der Beschäftigten im Gesundheits- und Pflegebereich ist angestiegen. 2009 arbeiteten in den OECD-Ländern durchschnittlich 10 Prozent aller Beschäftigten in den genannten Bereichen.[1] Der demografische Wandel – eine zunehmend älter werdende Bevölkerung sowie immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter – stellt eine Herausforderung bei der Einstellung und Finanzierung von Mitarbeitern in diesem Bereich dar. Der wachsende Bedarf an Gesundheits- und Pflegepersonal, prognostizierte Personalengpässe sowie unterschiedliche Gehalts- und Arbeitsbedingungen in alten und neuen EU-Mitgliedsländern haben in diesem Bereich zu einer erhöhten grenzüberschreitenden Mobilität der Arbeitskräfte geführt.

Über die Mobilität von Gesundheits- und Pflegepersonal zwischen Entwicklungsländern und entwickelten Ländern existieren zahlreiche Studien.[2] Wenige Untersuchungen hingegen gibt es über die Mobilität dieser Arbeitskräfte innerhalb Europas. Der Gesundheits- und Pflegebereich umfasst ein breites Spektrum von Dienstleistungen und Berufen. Zu letzteren zählen drei große Gruppen: Ärzte (hochqualifizierte Fachkräfte), Krankenschwestern beziehungsweise Krankenpfleger (qualifizierte Fachkräfte) sowie weitere Beschäftigte im Gesundheitswesen (qualifiziert, angelernt und ungelernt). Jede dieser Gruppen wird durch unterschiedliche Faktoren in den verschiedensten Umfeldern definiert: Krankenhäuser, stationäre und häusliche Pflege im öffentlichen Sektor sowie gewinnorientierte und gemeinnützige Sektoren.

Die Mobilität der Beschäftigten im Gesundheitswesen muss im Kontext zunehmend komplexer und dynamischer Rahmenbedingungen gesehen werden. Die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen Eurofound identifiziert drei wichtige Trends im europäischen Gesundheitswesen.[3] Erstens gibt es den Trend der Dezentralisierung finanzieller Verpflichtungen hin zu einzelnen Krankenhäusern oder lokalen Behörden. Zweitens lässt sich eine deutliche Verlagerung zur Liberalisierung und Privatisierung von Gesundheitsdienstleistungen verzeichnen. Drittens gibt es den Trend, Menschen den Zugang zur Gesundheitsversorgung in ihrem eigenen Zuhause zu ermöglichen. Dieser Trend nimmt insbesondere in der Altenpflege zu, gilt aber auch für eine Reihe von Grundleistungen sowie die Versorgung im Bereich geistiger Gesundheit. Seit die Regierungen nach der Finanzkrise von 2007/2008 Sparmaßnahmen umsetzen, nimmt der Druck auf die Gesundheitsbudgets zu. Die genannte Mobilität im Gesundheitswesen bringt Herausforderungen mit sich in Bezug auf Gewinner und Verlierer hinsichtlich der Ziel- und Herkunftsländer, der Behandlung von Wanderarbeitern sowie der sich daraus ergebenden Folgen für Qualität und Kohärenz. In diesem Beitrag untersuchen wir die neuen Migrationsmuster beim Gesundheitspersonal, die Umstände, die diese Mobilität antreiben sowie die Auswirkungen auf Herkunfts- und Zielländer. Abschließend schlagen wir Maßnahmen und Strategien vor, die von der Europäischen Union, nationalen Regierungen sowie Unternehmen und Gewerkschaften in Betracht gezogen werden sollten.

Die Datenbasis

Statistische Daten sind im Allgemeinen und innerhalb Europas nur sehr begrenzt verfügbar.[4] In den meisten Ländern liegen keine verlässlichen Daten über den Bestand an Fachkräften im Gesundheitswesen oder deren Mobilität vor, und Angaben über den privaten Sektor sind in der Regel spärlich. Internationale Vergleiche erweisen sich als schwierig, da die Definitionen von Berufsgruppen nicht einheitlich ausfallen und weil nur in seltenen Fällen Daten für das gleiche Jahr oder den gleichen Zeitraum verfügbar sind. Die meisten Länder erheben nicht systematisch Daten über Migrationsströme; einige sammeln Daten über das Geburtsland, andere über das Ausbildungsland des Gesundheitspersonals – beide können als Näherungswerte herangezogen werden. In Bezug auf Migranten, die als Pflegekräfte im informellen Sektor tätig sind, sind die Schwierigkeiten, Anzahl und Ströme zugewanderter Arbeitskräfte einzuschätzen, sogar noch größer, da ein erheblicher Anteil von ihnen nicht als Arbeitskraft gemeldet ist.

Weiter erschwert wird die Messung der Migrantenströme im Gesundheitswesen dadurch, dass die Fachliteratur nicht deutlich darstellt, ob es sich hier um befristete Migration handelt. In der Vergangenheit wanderten hochqualifizierte Fachkräfte ab, um Erfahrungen zu sammeln und Zugang zu Fortbildungsmaßnahmen zu erhalten, um danach in ihr Herkunftsland zurückzukehren. Weniger qualifizierte Arbeitnehmer wiesen derweil die Tendenz auf, in das Zielland einzuwandern und sich dort auch niederzulassen. Seit kurzem scheinen sich neue Formen befristeter Migration entwickelt zu haben. Dabei behalten manche Arbeitnehmer Familie und Arbeit in verschiedenen Ländern bei, indem sie entweder immer wieder für einen bestimmten Zeitraum migrieren oder für einige wenige Tage im Ausland arbeiten, ohne dabei ihre Stellung im Heimatland aufzugeben. Daher kann sich die Klassifizierung von Ländern als Herkunfts- beziehungsweise Zielland schwierig gestalten – die beobachteten Muster werden durch die aufkommende und zunehmende Tendenz zur zirkulären und unterschiedlich lange andauernden Migration komplex.

Die Daten, auf die sich dieser Beitrag stützt, stammen aus einer Erhebung von Organisationen, die mit dem Europäischen Gewerkschaftsverband für den öffentlichen Dienst (EGÖD) verbunden sind. Dabei wurden Interviews durchgeführt mit Angehörigen von Berufsverbänden und Gewerkschaften in Belgien, Deutschland, Italien, Irland, Niederlande, Polen, Rumänien und Großbritannien. Detailliertere Fallstudien wurden in Deutschland, Italien, Polen, Rumänien, Schweden und Großbritannien durchgeführt. Der Beitrag greift zudem zurück auf Sekundärdaten aus Berichten, wissenschaftlichen Studien und Datenbanken.

Fußnoten

1.
Vg. OECD, ALFS Summary Tables, Population. StatExtracts. Organisation for Economic Co-operation and Development, 2011, http://stats.oecd.org/Index.aspx?queryid=254« (22.12.2014).
2.
Vgl. beispielsweise Nicola Yeates, Globalizing Care Economies and Migrant Workers, Basingstoke 2009.
3.
Vgl. Raita Karnite, Hospitals Protest Against Lack of Funds, 2011, http://www.eurofound.europa.eu/eiro/2011/10/articles/lv1110019i.htm?utm_source=EIRO&utm_medium=RSS&utm_campaign=RSS« (22.12.2014).
4.
Vgl. Gilles Dussault/Ines Santos Estevinho Fronteira/Jorge Cabral, Migration of Health Personnel in the WHO European Region, World Health Organisation Report 2007.
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Autoren: Jane Hardy, Moira Calveley, Steve Shelley für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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