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Neue Wege arbeitspolitischer Solidarität in Deutschland und Europa


16.1.2015
Industrie 4.0, Crowdworking, Diversity Management, Share Economy: Wenn es gilt, wesentliche Facetten großer Megatrends wie der Digitalisierung, Diversifizierung und Demokratisierung der Arbeit in Deutschland und Europa auf Begriffe zu bringen, kommt man um solche oftmals englischen Schlagworte nicht herum. So wird unter Industrie 4.0 die Steuerung der Produktion über vernetzte IT-Systeme gefasst, beim Crowdworking buhlt ein globales Netzwerk von Arbeitskräften oft für wenig Geld um noch so kleine Arbeitspakete wie Adressen recherchieren oder Produktbeschreibungen verfassen, das Diversity Management von Unternehmen setzt gezielt auf die heterogene Zusammensetzung von Mitarbeitergruppen, um den wirtschaftlichen Erfolg zu erhöhen, und in der Share Economy wird eine Kultur des Teilens propagiert.

Die Arbeitswelt ist im Umbruch. Alte Berufsbilder verschwinden, neue entstehen. Die Berufsbiografien werden auf allen Qualifikationsebenen dynamischer und vielfältiger. Heute kommt es viel seltener als früher vor, dass man ein und denselben Beruf ein Leben lang am selben Ort und für dieselbe Firma ausübt. Bei einer Forsa-Umfrage gab kürzlich mehr als die Hälfte der Befragten an, in den letzten Jahren mindestens eine einschneidende Veränderung in ihrem beruflichen Werdegang gehabt zu haben. Viele wechselten ihren Arbeitgeber, andere übernahmen neue Aufgabenbereiche innerhalb ihrer Firma oder änderten gleich den Beruf. Erstaunlich war jedoch, dass diese Veränderung bei rund drei Vierteln von ihnen weitgehend selbst gewählt war und überwiegend positiv beurteilt wurde.[1]

Wissenschaftliche Beobachter sprechen von einer "Zeitenwende auf dem Arbeitsmarkt"[2] oder einem "Strukturbruch der Industriemoderne",[3] inmitten dessen wir uns befinden. Der technologische Fortschritt und die digitale Beschleunigung sind Triebkräfte dieser Entwicklung. Sie verläuft im Kontext von Globalisierung, Ressourcenknappheit, demografischem Wandel sowie weltweiter Migration.

Die Sozialwissenschaftlerinnen Jutta Allmendinger und Ellen von den Driesch haben in einer aktuellen Studie auf den immer noch hohen Anteil bildungsarmer Menschen in der Europäischen Union hingewiesen. Im EU-Durchschnitt verlassen acht Prozent der Jugendlichen die Schulen ohne Abschluss, unter den 15-Jährigen gelten 19 Prozent als funktionale Analphabeten, weil ihr kognitives Leseverständnis oder mathematisches Grundwissen nur gering ausgeprägt ist. Hohe Bildungsabschlüsse führen dabei in allen EU-Staaten zu einer bemerkenswerten Bildungsrendite: Der Einkommensunterschied zwischen Hochschulabsolventen und Menschen mit einem Berufsabschluss beträgt im EU-Durchschnitt 44 Prozent. Der Blick auf den Zeitverlauf zeigt, dass in den meisten EU-Staaten in den letzten Jahren eine weitere Polarisierung der Einkommen durch Bildung stattgefunden hat. Während zum Beispiel in Deutschland zwischen 2006 und 2010 Niedrigqualifizierte Einkommensverluste hinnehmen mussten, stiegen die Einkommen von Hochqualifizierten.[4]

Im Folgenden sollen mit Blick auf die zentralen Trends und Herausforderungen des Strukturwandels der Arbeit in Deutschland und Europa Perspektiven und Konzepte für deren aktive beschäftigtenorientierte Gestaltung skizziert und drei Leitfragen erörtert werden:
  1. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung von Wirtschaft und Arbeit auf die Belegschaften und die Arbeitsorganisation in Deutschland und Europa?
  2. Wie kann trotz des Trends zur Höherqualifizierung eine weitere Spaltung auf dem deutschen Arbeitsmarkt zwischen Kern und Rand verhindert werden?
  3. Welcher neuen institutionellen Rahmenbedingungen bedürfen die Reform des Weiterbildungs- und Qualifikationssystems in Deutschland und die Einführung einer Basisarbeitslosenversicherung auf europäischer Ebene?

Leben und Arbeiten in der digitalen und flexiblen Ökonomie



Nach dem ersten mechanischen Webstuhl 1784 und dem ersten Fließband in den Schlachthöfen von Cincinnati 1870 sowie der ersten speicherprogrammierbaren Steuerung 1969 sind es gegenwärtig die sogenannten cyber-physischen Systeme, die Einzug in die Fabriken halten. Sie sind Ausdruck der allgegenwärtigen rechnergestützten Informationsverarbeitung und der drahtlosen Vernetzung leistungsfähiger Kleinstcomputer untereinander und mit dem Internet. Die reale und die virtuelle Welt, der Cyberspace, verschmelzen miteinander. Ressourcen, Informationen, Objekte und Menschen können sich miteinander vernetzen. Das Internet der Dinge, Daten und Dienste entsteht.

Die voranschreitende Digitalisierung der Wirtschaft zu einer Industrie 4.0 verspricht für Deutschland – mit Blick auf den internationalen Wettbewerb – attraktive Produktivitätssteigerungen.[5] Sie wird jedoch auch Tätigkeitsprofile und Berufsbilder in der industriellen Produktion grundlegend verändern, manche standardisierten und einfachen Tätigkeiten verdrängen sowie neue, höher qualifizierte entstehen lassen. In einigen Dienstleistungsberufen ist zudem mit Arbeitsplatzverlusten oder zumindest -verschiebungen zu rechnen.

In ihrer Studie "The Future of Employment" analysierten die britischen Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne unlängst über 700 verschiedene Berufe in den USA auf Verdrängungseffekte durch den technologischen Fortschritt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arbeitsplatz in den nächsten 20 Jahren durch einen Computer ersetzt wird, erreicht dabei in der höchsten Risikogruppe Werte von über 80 Prozent. Hierzu zählen die Autoren beispielsweise Verkäuferinnen und Verkäufer am Telefon, Taxifahrerinnen und Taxifahrer, Bürokaufleute, Restaurantköchinnen und Restaurantköche sowie Immobilienmaklerinnen und Immobilienmakler. Insgesamt werden 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA bis Mitte der 2030er-Jahre als durch Automatisierungseffekte gefährdet betrachtet.[6] Jeremy Bowles hat in Anlehnung an diese Methode unlängst für Europa ähnliche Ergebnisse errechnet. So prognostiziert er für die Europäische Union ein Gefährdungspotenzial von durchschnittlich 54 Prozent aller aktuellen Arbeitsplätze in den nächsten 20 Jahren. Das technologieinduzierte Risiko für Deutschland sieht Bowles bei 51 Prozent. Zukunftsfähige Berufe sehen sowohl Osborne und Frey als auch Bowles in Tätigkeitsfeldern, die kreative und soziale Kompetenzen erfordern.[7]

Stehen wir also unmittelbar vor einem "Sieg der Algorithmen", wie "Der Spiegel" unlängst titelte?[8] Diese Schlussfolgerung wäre sicherlich nicht nur voreilig, sondern auch gestaltungspolitisch wenig ambitioniert. Schon im frühen 19. Jahrhundert war die Mechanisierung der Auslöser für Proteste der sogenannten Maschinenstürmer, die ihrer Sorge um dauerhafte Arbeitslosigkeit Ausdruck verliehen. Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte der vergangenen 200 Jahre gibt jedoch Anlass zu mehr Optimismus: Der technische Fortschritt führte seit der Erfindung der Dampfmaschine nicht nur zum Wandel von Berufen und Tätigkeiten, sondern auch zum Entstehen neuer Arbeitsplätze. Die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft wird also nicht von einem quasi unabwendbaren technologischen Determinismus geleitet. Vielmehr gibt es insbesondere für Politik, Sozialpartner, Betriebsräte und Unternehmensleitungen beeinflussbare Hebel für die Gestaltung der Arbeit.

Die erhöhte Komplexität in der Fertigung sowie der ansteigende Bedarf an Entscheidungs-, Kontroll- und Koordinationskompetenzen in den sogenannten Smart Factories sorgen für neue Qualifikationsbedarfe und erhöhte Handlungsspielräume für die Beschäftigten ebenso wie für die Notwendigkeit neuer Führungs- und Organisationsmodelle. Kontinuierliche Fort- und Weiterbildung sowie die entsprechende lebensbegleitende Beratung werden unverzichtbar. Zudem können beschäftigtenorientierte Prinzipien der Arbeitsgestaltung, wie zum Beispiel Formen der "Schwarm-Organisation", einer Polarisierung der Belegschaften in hochqualifizierte Experten mit weitreichenden Gestaltungsfreiheiten und Angelernte, die auf einfache Tätigkeiten beschränkt sind, entgegenwirken.[9] Im Kern geht es darum, anstelle eines technologiezentrierten Automatisierungskonzeptes, das dem menschlichen Handeln nur noch eine "Lückenbüßerfunktion" zuweist, einen menschenzentrierten Ansatz zu wählen, der auf den Zusammenschluss und die enge Zusammenarbeit qualifizierter Mitarbeiter setzt, die auch für unvorhersehbare Situationen und Störungen adäquate Lösungen finden.[10]


Fußnoten

1.
Vgl. Randstad-Stiftung, Brüche im Erwerbsleben. Umfrage der forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH im Auftrag der Randstad-Stiftung, Eschborn 2012.
2.
Vgl. Holger Hinte/Klaus F. Zimmermann (Hrsg.), Zeitenwende auf dem Arbeitsmarkt. Wie der demografische Wandel die Erwerbsgesellschaft verändert, Bonn 2013.
3.
Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael: Der Epochenbruch in den 1970er-Jahren. Thesen zur Phänomenologie und den Wirkungen des Strukturwandels "nach dem Boom", in: Knud Andresen/Ursula Bitzegeio/Jürgen Mittag (Hrsg.), Nach dem Strukturbruch? Kontinuität und Wandel von Arbeitswelten, Bonn 2011, S. 25–40, hier: S. 30.
4.
Vgl. Jutta Allmendinger/Ellen von den Driesch, Social Inequalities in Europe. Facing the Challenge, WZB Discussion Paper 5/2014.
5.
Vgl. Henning Kagermann/Wolfgang Wahlster/Johannes Helbig (Hrsg.), Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0, Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0, Forschungsunion im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Berlin 2012.
6.
Vgl. Carl Benedikt Frey/Michael A. Osborne, The Future of Employment. How Susceptible are Jobs to Computerisation, Oxford 2013.
7.
Vgl. Jeremy Bowles, The Computerisation of European Jobs. Who Will Win and Who Will Lose from the Impact of New Technology onto Old Areas of Employment?, 17.7.2014, http://www.bruegel.org/nc/blog/detail/article/1394-the-computerisation-of-european-jobs/« (15.12.2014).
8.
Der Sieg der Algorithmen, in: Der Spiegel, Nr. 17 vom 19.4.2014, S. 69ff.
9.
Vgl. Hartmut Hirsch-Kreinsen, Forschungsfragen und Entwicklungsstrategien. Entwicklungsperspektiven von Produktionsarbeit, in: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Zukunft der Arbeit in Industrie 4.0, Berlin 2014, S. 37–42, hier: S. 38ff.
10.
H. Hirsch-Kreinsen (Anm. 9), S. 40f.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Sven Rahner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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