Blick auf die Landschaft im Projektgebiet Magoma bei Korogwe/Tansania.

6.2.2015 | Von:
Andreas Eckert

Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit

Entwicklungszusammenarbeit und Planung: Ein Beispiel

Planung gehörte zu den Instrumenten, die Entwicklung in Afrika ermöglichen sollten. Die Planungseuphorie war Ausdruck jenes für die Periode der Dekolonisation charakteristischen Machbarkeitswahns.[12] Planung war in den frühen 1960er Jahren etwas, das die neuen afrikanischen Führungseliten und Politiker inzwischen als notwendiges Instrument staatlichen Handelns ansahen. Zur Erstellung dieser Pläne wurden häufig internationale Experten eingekauft. Regelmäßig kam es zu Streitigkeiten. Während die Regierungen ihre neue politische Unabhängigkeit mit allen Mitteln durch wirtschaftlichen Fortschritt stützen wollten, sahen sich die Beraterinnen und Berater häufig unter Druck, ihre ökonomischen Projekte den politischen Strategien der Regierungen zu opfern. Dennoch herrschte um 1960 überall in Afrika Planungseuphorie, verbunden mit der Hoffnung, den Menschen in Afrika auf diese Weise eine bessere Zukunft bieten zu können.[13]

Von diesem Optimismus beseelt war auch der an der Universität von Michigan in Ann Arbor lehrende Ökonom Wolfgang Stolper, als er im Sommer 1960 in der unmittelbar vor der Unabhängigkeit stehenden britischen Kolonie Nigeria eintraf. Im Auftrag des dortigen Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und vermittelt durch die Ford Foundation sollte Stolper für das westafrikanische Riesenland einen Fünfjahres-Entwicklungsplan erarbeiten. Stolper verbrachte mit Unterbrechungen insgesamt achtzehn Monate in Nigeria, um seine Mission zu erfüllen. Während dieser Zeit führte er ein Tagebuch, das posthum veröffentlicht wurde.[14]

Diese außergewöhnliche Quelle führt direkt hinein in die Frühphase der Entwicklungsplanung in den jungen Staaten Afrikas, als vieles noch möglich schien und man die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen wollte. "Ich habe die beneidenswerteste Aufgabe, die ein Mann haben kann", notierte Stolper unmittelbar nach seiner Ankunft in der Hauptstadt Lagos, "einen integrierten Plan für die bedeutendste Ökonomie Afrikas mit der größten und hoffnungsvollsten Zukunft aller Nationen Afrikas zu entwickeln." Dieser Optimismus paarte sich mit dem Gefühl der Handlungsmächtigkeit, denn Stolper war überzeugt, dass "kein Weißer jemals eine solche Rolle ausgeführt hat oder ausführen wird, wie ich sie in Nigeria zugetragen bekommen habe." Gelegentlich beschlichen ihn allerdings doch Zweifel, ob die große Planungsaufgabe tatsächlich zu erfüllen sei. Seinem Tagebuch vertraute er nach knapp einjähriger Tätigkeit in Westafrika an: "Man kommt von Zeit zu Zeit nicht umhin zu denken, dass alle Anstrengungen nutzlos sind, dass die wahren Entscheidungen mit unseren Vorstellungen nichts zu tun haben und überdies von Leuten gefällt werden, die wir gar nicht kennen." Am Ende seines Aufenthaltes zeigte sich Stolper wieder höchst zufrieden, denn sein Entwurf fand bei den Verantwortlichen ungeteilte Zustimmung. Freilich sollte der Wirtschaftsplan, typisch für so viele Entwürfe in diesem Bereich, in der Folge weitgehend Makulatur bleiben.

Stolpers Mission stand weitgehend im Einklang mit einer allgemeinen, wenn auch keineswegs universellen "Entwicklungsorthodoxie", die sich in den Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hatte. Diese besagte, dass finanzielle Hilfen und Investitionen, der Transfer von Wissen im Bereich der Produktionstechniken, Maßnahmen im Gesundheits- und (Aus-)Bildungswesen sowie sorgfältige wirtschaftliche Planung die armen Länder des Südens in die Lage versetzen würden, zu "normalen" Marktökonomien zu werden. Im Gegensatz zum damals dominanten Ansatz wollte Stolper jedoch den Staat aus dem Entwicklungsprojekt so weit wie möglich heraushalten. Staatliche Unternehmen seien Gift für das Wachstum, der Staat solle seine schmalen Ressourcen zur Errichtung einer funktionierenden Infrastruktur und zur Schaffung von Humankapital einsetzen und bestenfalls noch als Mittler zwischen ausländischen Kreditgebern und privaten Gesellschaften fungieren.[15]

Mehr als zwei Dekaden später drückte die Weltbank mit ihren sogenannten Strukturanpassungsprogrammen die Forderung nach weniger Staat in Afrika mit Macht durch. Dahinter stand die Überzeugung, dass jede Art staatlicher Intervention die optimierenden Wirkungen von Marktmechanismen verzerre. Die bereits ältere Programmatik der "Hilfe zur Selbsthilfe" erfuhr in diesem Zusammenhang eine neue Dynamik und problematische Revitalisierung.[16] Für die Mehrzahl der Menschen in den betroffenen Ländern zeitigte diese Überzeugung, wie viele Beobachterinnen und Beobachter meinen, fatale Folgen.

"Wir" und "sie"

Der Ruf nach weniger Staat in der Entwicklungszusammenarbeit markierte eine Zäsur: Denn die diversen spätkolonialen Entwicklungsinitiativen hatten eine Vorstellung begründet, die sich zunächst als sehr prägend erwies: Staatliche Projekte sollten Ressourcen in andere Kanäle lenken, als der Markt es tut. Eine solche Konzeption impliziert jedoch Machtbeziehungen – "sie erfordert und honoriert das Wissen von Experten und setzt Ungleichheit und Hierarchien voraus, auch wenn sie die Kluft zwischen verschiedenen Lebensstandards zu verringern beansprucht."[17] Koloniale Regierungen versuchten Entwicklungszusammenarbeit als Instrument für die Sicherung ihrer Herrschaft zu nutzen und sahen sich mit den nicht-intendierten Folgen dieses Versuchs konfrontiert, nämlich dass Teile der Bevölkerung nun Ansprüche an Lebensstandards stellten und entsprechende Maßnahmen einforderten.

In den 1960er und 1970er Jahren hatten die meisten afrikanischen Staaten ein durchaus signifikantes, wenngleich insgesamt bescheidenes Wachstum ihrer Volkswirtschaften erlebt. Wichtiger noch, die Lebenserwartung stieg, die Kindersterblichkeit ging zurück, vor allem aber verbesserte sich der Zugang zu Bildung. Staatliches Handeln hatte einen erheblichen Anteil an dieser Transformation gehabt.[18] Mit der Ölkrise und der folgenden weltweiten Rezession trat jedoch eine markante Veränderung ein. Die Strukturanpassungsprogramme der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds untergruben in den 1980er Jahren nicht zuletzt jene staatlichen sozialpolitischen Maßnahmen, die vielen Menschen in Afrika Hoffnung gegeben und neue Spielräume verschafft hatten. Die Wunderwirkungen des Marktes blieben hingegen aus.[19] Die Politik der Entwicklung wurde zur Politik der Abschreibungen. Die Schuld dafür wurde nicht bei globalen Strukturen gesucht, sondern schlechten afrikanischen Regierungen und korrupten Eliten zugeschrieben.

Fiel die Bilanz der Entwicklungszusammenarbeit bis in die 1970er Jahre noch gemischt aus, so zeitigten die marktorientierten Strategien in den beiden darauffolgenden Dekaden vornehmlich negative Resultate. Die Kürzung der Entwicklungshilfegelder sowie der Abbau staatlicher Regulierung und Bürokratie sollten zwar die lokale Bevölkerung zu mehr Eigeninitiative motivieren; diese bestand jedoch häufig lediglich darin, dass Warlords Armeen rekrutierten und unterbezahlte Staatsangestellte illegalen Geschäften nachgingen.[20]

Die Resultate von Entwicklungszusammenarbeit konnten desaströs sein, vermochten in zahlreichen Fällen aber durchaus auch Leiden konkret zu mildern. Vor allem aber ist die Geschichte von Entwicklungszusammenarbeit nicht zuletzt die Geschichte von sich beständig wandelnden, oft enttäuschten Erwartungen. In diesem Zusammenhang können die Konsequenzen eines bestimmten Handelns weder von Befürworterinnen noch von Kritikern der Entwicklungszusammenarbeit durch Verallgemeinerungen über "Entwicklung" beurteilt werden. Vielmehr gilt es, genau zu analysieren, wann Programme der Entwicklungszusammenarbeit halfen und wem sie schadeten, für wen sie unerwartete Möglichkeiten oder Einschränkungen bedeuteten.

Die vielleicht wichtigste Konsequenz von "Entwicklung" seit Mitte des 20. Jahrhunderts liegt vermutlich darin, dass die damit verbundenen Aspekte überall auf der Welt konkret diskutiert werden können. Die Tatsache, dass das Leiden von Kindern in afrikanischen Flüchtlingslagern in den Räumen internationaler Organisationen in Genf oder New York Anlass zu kontroversen Debatten liefert, mag zu stereotypen Bildern über die "Anderen" als die "Armen" und "Elenden" beitragen. Sie unterstreicht jedoch auch "unsere" Verwobenheit mit der Vergangenheit und Zukunft aller Menschen.

Fußnoten

12.
Vgl. Andreas Eckert, "We Are All Planners Now". Planung und Dekolonisation in Afrika, in: Geschichte und Gesellschaft, 34 (2008) 3, S. 375–397.
13.
Vgl. Toyin Falola, Development Planning and Decolonization in Nigeria, Gainesville 1996. Zu den wichtigsten Planungsexperten in Afrika in den eineinhalb Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg zählte der Mitbegründer der "Entwicklungsökonomie" und spätere Nobelpreisträger W. Arthur Lewis. Vgl. Robert L. Tignor, W. Arthur Lewis and the Birth of Development Economics, Princeton 2006; A. Eckert (Anm. 12).
14.
Vgl. Clive S. Gray (Hrsg.), Inside Independent Nigeria. Diaries of Wolfgang Stolper, 1960–1962, Aldershot 2003. Die folgenden Zitate sind diesem Band entnommen.
15.
Vgl. Wolfgang F. Stolper, Planning Without Facts, Cambridge, MA 1966.
16.
Vgl. H. Büschel (Anm. 9).
17.
F. Cooper (Anm. 8), S. 11.
18.
Vgl. ders., Africa Since 1940. The Past of the Present, New York 2002.
19.
Für eine exzellente Fallstudie zu dieser Transformation vgl. James Ferguson, Expectations of Modernity. Myths and Meanings of Urban Life on the Zambian Copperfield, Berkeley 1999.
20.
Vgl. Jean-François Bayart/Stephen Ellis/Béatrice Hibou, The Criminalization of the State, Oxford 1999.
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