Blick auf die Landschaft im Projektgebiet Magoma bei Korogwe/Tansania.

6.2.2015 | Von:
Franziska Müller
Aram Ziai

Eurozentrismus in der Entwicklungszusammenarbeit

Same, same but different: Transformation zu anderen EZ-Strukturen?

Theoretische Konzepte, Strukturen und Akteure der EZ haben in den vergangenen zwanzig Jahren umfassende Veränderungen durchlaufen. Im Laufe der 1990er und 2000er Jahre und des Übergangs zu einer polyzentrischen Weltordnung diversifizierte sich das Geberfeld, und viele aufstrebende Mächte aus dem globalen Süden konnten sich erneut (nach den 1960/70er Jahren) als EZ-Akteure positionieren. Neben den etablierten Gebern, die als Mitglieder des Entwicklungsausschusses der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre EZ-Programme untereinander abstimmen, existiert nun eine Vielzahl von Akteuren mit unterschiedlichen Erfahrungshintergründen, Motivationen und Programmatiken. Heute macht das Finanzvolumen neuer Geber etwa 10 bis 15 Prozent der weltweit gezahlten öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit (Official Development Assistance, ODA) aus, bei steigender Tendenz.[14] Ein markanter Unterschied ist hierbei das Verständnis von EZ – entweder als Gabe, deren Erhalt an Konditionen geknüpft wird, oder aber als Form der horizontalen und wechselseitig gedachten Kooperation unter scheinbar gleichen Partnern.

Die etablierten Akteure problematisierten zunächst diese Geberproliferation. Sie befürchteten eine steigende Unübersichtlichkeit in der EZ, ein erhöhtes Risiko für Verschuldungskrisen durch unkontrollierte Kreditaufnahmen der Entwicklungsländer sowie eine Normenerosion. Insbesondere chinesische EZ-Projekte sahen sich Vorwürfen des Neokolonialismus, Neomerkantilismus und landgrabbing ausgesetzt.[15] Mittlerweile herrscht ein entspannterer Umgang zwischen "traditionellen" und "neuen" Gebern, der zusehends auf Formen der Kooperation oder Kooptation setzt – etwa indem der Entwicklungsausschuss der OECD 2011 eine "Globale Partnerschaft für Entwicklung" ausrief, Diversität nun als positiven Faktor betrachtet und als kleinsten normativen Nenner das Ziel einer wirksamen EZ vertritt – Stichwort: development effectiveness.

Jenseits dieser Veränderungen auf der Akteursebene haben in den vergangenen 15 Jahren einige entwicklungstheoretische Innovationen stattgefunden, die Kernthemen und Grundsatzdebatten der Entwicklungsforschung neu ausloten. Neue entwicklungstheoretische Ansätze – postkoloniale Perspektiven, Post-Development-Kritik, feministische und sozialökologische Ansätze – fordern ein traditionelles Verständnis von Expertentum, Geber-Empfänger-Beziehungen oder "Entwicklung" als lineares und universales Projekt heraus. So kritisieren Ansätze des Post-Development und der postkolonialen Studien[16] das Konzept der "Entwicklung" sehr grundsätzlich als eurozentrisch, ideologisch und autoritär. Sie formulieren teils traditionalistische, teils emanzipatorische Alternativen zu "Entwicklung", etwa mit Blick auf die Ablehnung des Wachstums- und Modernisierungsimpetus beziehungsweise auf die Aufwertung subsistenzorientierter Lebensweisen, nicht-kapitalistischer Produktionsweisen und traditionellen Wissens.

Welche Auswirkungen haben diese akteursspezifischen und theoretischen Transformationen auf die Entwicklungspraxis? Drei Aspekte liegen nahe: der Blick auf das Geberverhalten neuer Geber (1) und die Ausprägung von Rollendynamiken entlang neuer Kooperationsformen (2) sowie der Umgang mit kritischen Stimmen aus dem Reich heterodoxer Entwicklungstheorien (3).

(1) Sind neue Geber anders – oder wiederholen sich mit ihnen alte, historisch vermeintlich schon überholte EZ-Probleme? Die neuen Geber zeichnen sich in ihrem Rollenverständnis dadurch aus, horizontale Kooperationen anzustreben, wechselseitigen Austausch zu unterstützen, nur auf Anfrage tätig zu werden und ihr Handeln als solidarische Praxis zu verstehen.[17] Diese Motive werden im Selbstverständnis indischer oder chinesischer EZ sichtbar, so etwa in den indischen Pancasila-Prinzipien oder, als sehr frühes Beispiel, in den vom damaligen chinesischen Premierminister Zhou Enlais 1964 formulierten acht Prinzipien der chinesischen Auslandshilfe. Andere Staaten wie beispielsweise Südafrika nähern sich stärker an westliche Verständnisse von EZ an, was sich etwa in der Absicht widerspiegelt, proaktive Entwicklungspartnerschaften aufzubauen, good governance und Demokratisierung zu fördern.

Das Beispiel der chinesischen EZ illustriert, wie sich Geberverhalten am Energy-development-Nexus ausprägt, also an dem Punkt, an dem entwicklungspolitische und energiepolitische Maßnahmen zusammentreffen:[18] China ist mittlerweile der weltweit größte Energiekonsument. Wirtschaftswachstum und die Konsolidierung einer neuen Mittelschicht hängen davon ab, über welchen Zugang zu Energieträgern China verfügen kann. Innenpolitisch bieten Energiewendepolitiken und energieeffiziente Technologien gewisse Möglichkeiten, die Nachfragelücke zu kompensieren. Die große Bedeutung der Frage der Energiesicherheit für China wird jedoch besonders in seiner aktiven Energiediplomatie sowie expansiven Energieaußenpolitik gegenüber Staaten im südlichen Afrika sichtbar. Am Energy-development-Nexus zeigt sich dies in Form vieler Großprojekte. Beispiele sind Konzessionen für die Öl- und Gasförderung in Angola (rund 8 Milliarden US-Dollar), oder der Bau von Großkraftwerken in Zimbabwe (Kariba Hydro Power Station 368 Millionen US-Dollar; Hwange Thermal Power Station 1,3 Milliarden US-Dollar). Hierbei kommen package deals zum Einsatz, bei denen Investitionsabkommen, Ressourcensicherung sowie Infrastrukturprojekte systematisch miteinander verknüpft sind. Jenseits der traditionellen Großprojekte steigen Engagement und Expansionsstreben im Bereich regenerativer Energien verbunden mit Technologietransfer und Weiterbildungsmöglichkeiten, wie Projekte in Zimbabwe (Gwanda Solar Power Project, 540 Millionen US-Dollar) Südafrika, Kenia und Äthiopien zeigen.[19]

Normative Macht wird im Rahmen solcher Kooperationsbeziehungen nicht anvisiert, insofern kann nicht von einer "sinozentrischen" EZ die Rede sein. Problematisch ist aber auf materieller Ebene das Projektdesign in Form von package deals und liefergebundener EZ – klassische Formen der Ausnutzung der Geberhierarchie. Dadurch werden in erster Linie staatseigene Unternehmen gefördert, nicht aber eigenständiges Unternehmertum. Wissenshierarchien bleiben bestehen oder verfestigen sich, und auch wenn die Entwicklungskooperation nicht direkt der Geber-Empfänger-Logik folgt, resultiert dies doch in finanziellen und technologischen Abhängigkeiten.

(2) Die Herausforderung durch neue Geber mündet verstärkt in Einbindungsstrategien, bei denen traditionelle und neue Geber sowie häufig auch private und zivilgesellschaftliche Akteure gemeinsame Kooperationen mit Entwicklungsländern eingehen. Diese sogenannten Dreieckskooperationen gelten aus Sicht der OECD-Geber als chancenreiches, wenngleich in ihren Organisations- und Kommunikationsprozessen deutlich aufwendigeres Modell, um neue Geber zu integrieren und das ihrer Rolle zugeschriebene Erfahrungswissen sowie lokale Expertise und niedrigere Projektkosten zu nutzen.[20] Dreieckskooperation kann Glaubwürdigkeitslücken in der EZ umgehen und partnerschaftliche Geberbeziehungen aufbauen, die den Süd-Gebern hohe Eigenständigkeit und Kompetenz zuschreiben.

Deren Selbstzuschreibungen bestehen beispielsweise darin, Expertise hinsichtlich ökonomischer Transformationsprozesse (wie im Falle Südkoreas oder Taiwans),[21] für die Ausbildung einer pluralistisch-demokratischen politischen Kultur in Post-Konflikt-Situationen (Südafrika oder Kolumbien) oder im Bereich der Sozialpolitik (Brasilien) einbringen zu können. Unterschiedliche Varianten sind denkbar, sei es, dass zwei Süd-Partner eine Kooperation mit einem OECD-Geber eingehen oder eine bestehende Nord-Süd-Kooperation erweitert wird. Je nachdem können unterschiedliche Rollendynamiken auftreten. So kann die Rolle des traditionellen Gebers proaktiv und in einer Top-down-Beziehung ausgeübt werden, was bestehende Hierarchien stützen würde, sie kann aber auch zurückhaltend und nicht-interventionistisch ausfallen. Dabei besteht die Gefahr, dass Stereotypisierungen entstehen, wie etwa die eines "Juniorpartners" für den Süd-Geber. Auch das Empfängerland kann Objekt unterschiedlicher und widersprüchlicher Rollenzuschreibungen werden oder in ein verstärktes materielles oder durch die deutlich komplexere Administration begründetes Abhängigkeitsverhältnis geraten und dann seine Verhandlungskapazität nicht optimal ausnutzen.

(3) Heterodoxe Entwicklungstheorien fordern zur Reflexion auf und stellen scheinbar fixe Betrachtungsperspektiven auf den Kopf. Die Diversifizierung entwicklungspolitischer Beziehungen, die Notwendigkeit, mit den neuen (oder gar nicht so neuen) Akteuren der EZ zu kooperieren, aber auch die Gestaltung von Entwicklungspolitik unter den Bedingungen der ökonomischen und ökologischen Vielfachkrise seit 2008 haben Räume eröffnet, um entwicklungstheoretische Kritik und Alternativen breiter zu rezipieren. Dabei gilt es zu fragen, welche Rezeptionsmuster sich identifizieren lassen: Bis wohin reicht die Kritik? Was gilt als integrierbar – und was wird als zu radikal oder zu fundamental abgewiesen? Was bedeutet eine partikuläre, selektive Rezeption für kritische Diskurspositionen – werden diese gestärkt, geschwächt oder gespalten? Diese Fragestellungen lassen sich an dieser Stelle nicht abschließend beantworten, sondern nur exemplarisch betrachten.

Hinsichtlich der Post-Development- und postkolonialen Kritik lässt sich feststellen, dass die Rezeption in der Entwicklungspraxis eher selektiv ausfällt. In diversifizierten und stärker kosmopolitisch konzeptualisierten EZ-Strukturen wie etwa Dreieckskooperationen können eurozentrische Wahrnehmungsmuster überwunden werden. Wenn eine Verständigung mit einer Vielzahl von (Dreiecks-)Partnern erforderlich ist und eine Geberkoordination zwischen ganz unterschiedlichen Gebern gelingen soll, sind harte Universalismen nicht angesagt. Allerdings besteht hier die Gefahr, dass die Argumente und Alternativen einer postkolonialen Kritik in eher funktionalistische Lesarten münden, die den Zielsetzungen eines Diversity-Mainstreaming und interkultureller Kompetenzbildung entsprechen. Damit verknüpft ist dann aber keine tiefergehende Auseinandersetzung etwa mit der Kontinuität von Kolonialität, mit institutionellem Rassismus oder dem empowerment subalterner Schichten.

Ein praktisches und mittlerweile tragisch verlaufenes Beispiel für Möglichkeiten und Grenzen von Post-Development-Ansätzen sind die Auseinandersetzungen um den ecuadorianischen Yasuní-Nationalpark. Es beleuchtet sowohl das Potenzial solcher Kritik als auch die Schwierigkeiten, die dann auftreten, wenn materielle Interessen tangiert sind. Die Idee der Yasuní-ITT-Initiative, die in der Yasuní-Region schlummernden Ölressourcen im Boden zu lassen, um CO2-Emissionen zu vermeiden und die Rechte der indigenen Bevölkerung zu respektieren, stieß zunächst auf das Interesse von EZ-Akteuren – auch des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unter der damaligen Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Unter anderem sagten Deutschland, Italien, Australien und Peru finanzielle Kompensationen zu, allerdings betrug die Gesamtsumme nur ein Zehntel der erforderlichen 3,6 Milliarden US-Dollar für einen Ausgleichsfonds. Unter Wieczorek-Zeuls Nachfolger Dirk Niebel wurde die Zusage Deutschlands wieder zurückgezogen, da die Schaffung eines Präzedenzfalles befürchtet wurde. Zudem erschienen der Bundesregierung die marktbasierten Waldschutzprogramme im Rahmen des REDD+-Mechanismus[22] attraktiver. Da damit der größte Geldgeber wegbrach, erleichterte dies dem ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa den Ausstieg aus Yasuní-ITT. Nun verfügt der ecuadorianische Staatskonzern Petroamazonas über Förderlizenzen. Ab 2016 soll er mit der Ölförderung beginnen, deren Erlöse in Infrastrukturausbau, Bildungs- und Gesundheitsprogramme fließen sollen. Die Idee eines buen vivir, die sich als lokale Variante von Post-Development interpretieren lässt, wird somit im Sinne eines extraktivistischen Aufstiegs- und Wohlfahrtsmodells gewendet.[23]

Die neueren entwicklungstheoretischen Ansätze haben hinsichtlich ihrer Konzeption, Zielsetzung und (herrschafts-)kritischen Ansprüche zweifellos das Potenzial, Eurozentrismen (beziehungsweise Ethnozentrismen) abzubauen und hierarchische Strukturen zu überwinden. Dies hängt aber direkt davon ab, welche Rezeptionsstrategien zum Tragen kommen. Eine nur selektive Rezeption verringert die genannten Problematiken, verringert damit aber auch das Konfliktlevel und dient dann eher dazu, mittels "Absorption" Widerstände kleinzuarbeiten, als widerständiges Potenzial produktiv einzubeziehen.

Fußnoten

14.
Dies ist allerdings schwierig zu bilanzieren, da viele der neuen Geber Entwicklungshilfe anders definieren und statistische Daten zum Teil schwer zugänglich sind. Bemerkenswert sind aber insbesondere die Aktivitäten der chinesischen Exim-Bank; für nähere Informationen vgl. das Open-Source-Forschungsprojekt AidData, Open Data for International Development http://aiddata.org« (2.1.2015).
15.
Vgl. Ngaire Woods, Whose Aid? Whose Influence? China, Emerging Donors and the Silent Revolution in Development Assistance, in: International Affairs, 84 (2008) 6, S. 1205–1221; Peter Kragelund, The Return of Non-DAC Donors to Africa: New Prospects for African Development, in: Development Policy Review, 26 (2008) 5, S. 555–584.
16.
Vgl. W. Sachs (Anm. 1); Gustavo Esteva, Fiesta! Jenseits von Entwicklung, Hilfe und Politik. Frankfurt/M. 1995 sowie für einen Überblick Aram Ziai, Entwicklung als Ideologie? Das klassische Entwicklungsparadigma und die Post-Development-Kritik, Hamburg 2004.
17.
Vgl. dazu ausführlich Franziska Müller/Dana de la Fontaine/Elena Sondermann, Das Phänomen "neue Geber": Eine gabentheoretische Reflexion zu den aktuellen Dynamiken in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, in: Franziska Müller et al. (Hrsg), Entwicklungstheorien, PVS Sonderheft 48, S. 249–289; Dana De la Fontaine, Neue Dynamiken in der Süd-Süd-Kooperation: Indien, Brasilien und Südafrika als Emerging Donors, Wiesbaden 2013.
18.
Vgl. dazu ausführlich Franziska Müller/Nadine Piefer/Michèle Knodt, Unpacking Package Deals? China and India as Development Partners at the Energy-Development Nexus, in: Martin Holland/Natalia Chaban/Vlad Vernygora (Hrsg.), Asia-Pacific Studies: New Perspectives, Burlington i.E.
19.
Vgl. United Nations Environment Programme/Frankfurt School of Finance & Management, Global Trends in Renewable Energy Investment 2013, Frankfurt/M. 2013, http://www.unep.org/pdf/GTR-UNEP-FS-BNEF2.pdf« (2.1.2015); Xiaomei Tan et al., China’s Overseas Investments in the Wind and Solar Industries: Trends and Drivers, World Resources Institute Working Paper, April 2013, http://www.wri.org/publication/china-overseas-investments-in-wind-and-solar-trends-and-drivers« (2.1.2015); Aid Data, China, http://china.aiddata.org« (2.1.2015).
20.
Vgl. Talita Yamashiro Forderlone, Triangular Co-operation and Aid Effectiveness, Paper Prepared for the Policy Dialogue on Development Co-operation, 28–29.9.2009, Mexico City; Julia Langendorf et al. (Hrsg.), Triangular Cooperation. A Guideline for Working in Practice, Baden-Baden 2012.
21.
Vgl. Cheryl McEwan/Emma Mawdsley, Trilateral Development Cooperation: Power and Politics in Emerging Aid Relationships, in: Development and Change, 43 (2012) 6, S. 1185–1209.
22.
REDD steht für Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation.
23.
Vgl. Jorge Guardiola/Fernando García-Quero, Nature & Buen Vivir in Ecuador: The Battle Between Conservation and Extraction, 1.12.2014, http://www.alternautas.net/blog/2014/12/1/nature-buen-vivir-in-ecuador-the-battle-between-conservation-and-extraction« (2.1.2015).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Franziska Müller, Aram Ziai für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.